Neuroleptika (Antipsychotika) ausschleichen: Übersicht über bestehende Absetzprotokolle

Anmerkung der Redaktion: Dies ist eine Übersicht über bestehende formelle und informelle Leitlinien zu Protokollen für den Entzug von Psychopharmaka. Dieser Artikel sollte nicht als medizinischer Rat oder als Anweisung für eine bestimmte Vorgehensweise beim Absetzen interpretiert werden.

Wichtig: Leitfäden zum Ausschleichen raten davon ab, Psychopharmaka abrupt abzusetzen, es sei denn, die weitere Einnahme würde eine akute schwerwiegende Gesundheitsgefahr bedeuten.

Neuroleptika, auch Antipsychotika genannt, sind Wirkstoffe, die als Dopaminrezeptorblocker – fälschlicherweise gelegentlich auch als Dopaminrezeptoragonisten bezeichnet – wirken. Sie wurden in den 1950er-Jahren erstmals aus Antihistaminika wie Promethazin entwickelt. Der Einsatz dieser Substanzen steht im Zusammenhang mit der damals vorherrschenden, inzwischen als zu einfach angesehenen Dopaminhypothese der Psychose. Laut der Website RxISK waren Neuroleptika die ersten modernen Psychopharmaka, bei denen schwerwiegende Entzugssymptome beschrieben wurden. Dennoch sind sich bis heute nur wenige Ärztinnen und Ärzte der Tatsache bewusst, dass diese Medikamente Abhängigkeitspotenzial besitzen und teils gravierende Entzugsprobleme verursachen können. Bereits im Jahr 1968 wurden erste Berichte über die mit Dopaminrezeptorblockern der ersten Generation verbundenen Schwierigkeiten veröffentlicht.

Allgemeine Probleme

Mangel an formeller Forschung

Wie bei anderen Klassen von Psychopharmaka gibt es nur sehr wenige offizielle Untersuchungen zu Entzugssymptomen oder zum Absetzen, obwohl Neuroleptika bereits seit den 1950er Jahren verschrieben werden. Vermutlich trägt vor allem die weit verbreitete Vorstellung dazu bei, dass ein „Rückfall“ und das Wiederauftreten der Psychose nahezu zwangsläufig auf das Absetzen von Neuroleptika folgen. Das Paradoxe daran ist, dass eine längere Behandlung mit Neuroleptika die Wahrscheinlichkeit einer durch den Entzug ausgelösten Psychose zu erhöhen scheint, während die Vermeidung von Rückfällen als wichtigster Faktor für eine erfolgreiche Absetzung von Neuroleptika identifiziert wurde. In einem Artikel aus dem Jahr 2018 in JAMA Psychiatry stellten Christy L. M. Hui, PhD, Abteilung für Psychiatrie der Universität Hongkong, und ihre Kollegen fest:

„In einer 10-jährigen Follow-up-Studie mit mehr als 100 Patienten mit einer ersten Psychose stellten die Forscher fest, dass das Ausbleiben von Rückfällen der wichtigste Prädiktor für das erfolgreiche langfristige Absetzen von Neuroleptika war.“

Es gibt einige Projekte, die sich speziell mit dem Absetzen von Neuroleptika befassen. Eines dieser Projekte ist die RADAR-Studie unter der Leitung von Professor Joanna Moncrieff in Großbritannien. 

Erfahrungen mit Neuroleptika

In einer im Februar 2020 veröffentlichten Arbeit präsentierten Professor John Read und seine Kollegen die Ergebnisse einer Studie über die Erfahrungen von Menschen mit Neuroleptika. Es handelt sich um die bislang größte Umfrage dieser Art, die in der Fachzeitschrift Schizophrenia Bulletin veröffentlicht wurde. 650 Menschen aus 29 Ländern beantworteten in einer Online-Umfrage die offene Frage: „Insgesamt waren Neuroleptika in meinem Leben …?“

„14 % berichteten von ausschließlich positiven Erfahrungen, 28 % hatten gemischte Erfahrungen und 58 % berichteten nur von negativen Erfahrungen. Die thematische Analyse ergab drei Hauptthemen: „Nebenwirkungen“, „unhilfreiche Interaktionen mit dem verschreibenden Arzt“ und „Entzug/Schwierigkeiten beim Absetzen“. Zu den Nebenwirkungen gehörten: Gewichtszunahme, emotionale Abstumpfung, kognitive Dysfunktion, Sedierung, Akathisie, Auswirkungen auf Beziehungen und Suizidalität. Zu den unhilfreichen Interaktionen mit den verschreibenden Ärzten gehörten mangelnde Informationen, Unterstützung oder Diskussion von Alternativen. Die beiden positiven Themen waren „Symptomreduktion“ und „Schlaf“. Das einzige gemischte Thema war „kurzfristig gut, langfristig schlecht“.

In Bezug auf das Absetzen gaben 65 % der Befragten an, Entzugssymptome zu haben, und 58 % berichteten von Suizidgedanken.

Wiederauftreten von Psychosen nach Absetzen von Neuroleptika

Das Absetzen oder Beenden der Einnahme von Neuroleptika gilt als Risikofaktor für das Wiederauftreten von Psychosen. In einer Veröffentlichung aus dem Jahr 2006 versuchte Professor Joanna Moncrieff, die Wahrscheinlichkeit zu überprüfen und festzustellen, ob sich eine durch Entzug ausgelöste Psychose von einer durch eine Grunderkrankung verursachten Psychose unterscheiden könnte. Sie stellte fest, dass eine durch Entzug ausgelöste Psychose schnell einsetzt und als „Supersensitivitätspsychose“ bekannt ist.

„Es wurden Hinweise auf eine schnell einsetzende Psychose (Überempfindlichkeitspsychose) nach dem Absetzen von Clozapin gefunden und schwächere Hinweise darauf, dass dies auch bei einigen anderen Neuroleptika auftreten könnte. Einige Fälle wurden bei Menschen ohne psychiatrische Vorgeschichte gemeldet. Es scheint, dass die Psychose zumindest bei einigen Patienten eher ein Merkmal des Medikamentenabsetzens als das Wiederauftreten einer Grunderkrankung ist. Meta-Analysen von Entzugsstudien deuten darauf hin, dass das Absetzen von Neuroleptika das Rückfallrisiko über das Risiko aufgrund der zugrunde liegenden Erkrankung hinaus erhöhen kann, aber nicht alle einzelnen Studien zeigen diesen Effekt. Die Mechanismen könnten mit Anpassungen des Gehirns an den langfristigen Medikamentenkonsum zusammenhängen, aber die Datenlage ist spärlich.“

Es wird angenommen, dass eine Supersensitivitätspsychose auftritt, weil die Einnahme von Neuroleptika die betroffenen Dopaminrezeptoren „hochreguliert“. Eine Hochregulation ist definiert als eine Erhöhung der Anzahl oder Empfindlichkeit der Dopaminrezeptoren. Wenn das Neuroleptikum abgesetzt wird, wird diese Hochregulation nicht durch die Wirkung des Medikaments kompensiert.

Neuroleptikum-Entzug

Faktoren, die die Schwierigkeit des Absetzens beeinflussen

Wie bei anderen Klassen von Psychopharmaka gibt es Faktoren, die beeinflussen können, wie schwierig jemand das Absetzen von Neuroleptika empfindet. Dazu gehören unter anderem:

  • Dauer der Einnahme der Medikamente (bei Personen, die das Medikament länger eingenommen haben, kann der Entzug länger dauern).
  • Die eingenommene Dosis (höhere Dosierungen können bedeuten, dass ein risikominimierendes Absetzen länger dauern kann).
  • Die Halbwertszeit des betreffenden Medikaments (Medikamente, die schnell aus dem Körper ausgeschieden werden, führen tendenziell zu schnelleren oder stärkeren Entzugsymptomen).
  • Das Alter der Person (oft, aber nicht immer, fällt jüngeren Menschen der Entzug leichter als älteren Menschen). Dies gilt möglicherweise insbesondere für Kinder.
  • Der allgemeine Gesundheitszustand der Person, die sich im Entzug befindet (da der Entzug körperlich anstrengend sein kann, scheinen fittere Menschen besser damit zurechtzukommen).
  • Die Einnahme anderer verschreibungspflichtiger Medikamente oder illegaler Drogen (die Einnahme mehrerer Medikamente kann den Entzug erschweren, ebenso wie der Konsum illegaler Drogen).
  • Frühere gescheiterte Absetzversuche (frühere gescheiterte Absetzversuche können die psychologische Hürde erhöhen).

Begründung für die Verwendung langsamer Absetzmethoden

In einer Veröffentlichung aus dem Jahr 2018 beschrieben Miriam Larsen-Barr, Fred Seymour, John Read und Kerry Gibson eine Studie, in der ein schrittweises Absetzen mit einer abrupten Beendigung verglichen wurde. Diese Studie wurde ausführlich auf Mad in America behandelt. 105 Teilnehmer waren beteiligt, und 61,9 % der Gruppe berichteten über unerwünschte Entzugssymptome.

„Die Hälfte der Teilnehmer berichtete von einem schrittweisen Absetzen, während die andere Hälfte ihre Medikamente abrupt (innerhalb eines Monats oder weniger) reduzierte. Diejenigen, die sich schrittweise entwöhnten, berichteten nicht von Rückfällen, beschrieben eine erfolgreiche Entwöhnung und nahmen derzeit keine Neuroleptika ein. Ein schrittweises Absetzen über einen Monat hinweg war positiv mit einem erfolgreichen Entzug und keiner aktuellen Einnahme verbunden. Es gab auch einen signifikanten positiven Zusammenhang zwischen der Anwendung einer allmählichen Entwöhnungsmethode und der Konsultation eines Arztes. Allerdings setzten 47 % derjenigen, die einen Arzt konsultierten, das Medikament abrupt ab, während 52 % es allmählich absetzten. Es überrascht nicht, dass ein Rückfall negativ mit dem Absetzen und der derzeitigen Nichtanwendung in Verbindung stand.

Entzugssymptome: Zwei Drittel berichteten über unerwünschte Entzugssymptome, 18 % berichteten über keine Entzugssymptome und 13 % berichteten über positive Effekte. Zu den unerwünschten emotionalen Entzugssymptomen gehörten: Angst und Furcht, Niedergeschlagenheit, Traurigkeit und Depressionen, Reizbarkeit und Unruhe, Suizidalität und Stimmungsschwankungen. Zu den körperlichen Entzugssymptomen gehörten: Übelkeit, Durchfall, Erbrechen, Kopfschmerzen, unangenehme Körperempfindungen, Appetitlosigkeit und schneller Gewichtsverlust, Schlaflosigkeit oder Schlafstörungen, Zittern, Schwitzen und eine Person berichtete von Krampfanfällen.

Rückfall: 27 % der Stichprobe berichteten von einem Rückfall der Psychose oder Manie während des Entzugs. Dreizehn Prozent derjenigen, die das Medikament schrittweise absetzten, berichteten von einem Rückfall, während 34 % derjenigen, die das Medikament abrupt absetzten, von einem Rückfall berichteten.„

Methoden zum Absetzen von Neuroleptika

Die derzeit wohl ausführlichsten Leitlinien zum Absetzen von Neuroleptika sind in den Deutschen Leitlinien zur Behandlung von Schizophrenie enthalten. Im März 2019 veröffentlichte die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik (DGPPN) die S3 Leitlinie Schizophrenie. In ihren detaillierten Empfehlungen raten die Autor:innen zu einem gemeinsamen Entscheidungsprozess zwischen dem verschreibenden Arzt und der Person, die das Medikament absetzen möchte. Die Person soll durch angemessene psychosoziale Unterstützung und regelmäßige Nachuntersuchungen der Symptome begleitet werden. Außerdem muss sichergestellt werden, dass keine Gefahr für die Person, die das Medikament absetzt, oder für andere besteht. In allen Fällen, so die DGPPN, sollte die Person, die das Medikament absetzt, über das erhöhte Risiko eines Rückfalls durch das Absetzen informiert werden.

Hinsichtlich der zu reduzierenden Menge rät die deutsche Leitlinie, dass die Reduktionsschritte in der frühen Phase des Absetzens größer und in der späteren Phase kleiner sein können. Sie gibt einen Prozentsatz zwischen 5 % und 20 % der aktuellen Dosierung an, wobei dies nach Möglichkeit durch die Verwendung flüssiger Formen des Medikaments erreicht werden soll. In Bezug auf die Abstände zwischen den Reduktionen empfehlen sie, zwischen den Dosierungsreduktionen 6 bis 12 Wochen zu warten und die nächste Dosierungsreduktion auf der Grundlage der Erfahrungen mit der vorherigen zu wählen. Sie weisen darauf hin, dass vor der nächsten Reduktionsstufe eine mehrwöchige Phase der Symptomstabilität eintreten sollte. Nach dem vollständigen Absetzen der Neuroleptika empfehlen sie im Rahmen des Gesamtbehandlungsplans eine kontinuierliche Überwachung der klinischen Anzeichen und Symptome eines Rückfalls für mindestens zwei Jahre.

Auszüge aus der deutschen S3 Leitlinie Schizophrenie

Im Oktober 2025 wurde die S3 Leitlinie Schizophrenie der DGPPN in einer neuen Version veröffentlicht. Im Folgenden wird daraus zitiert.

Tabelle 15. Mögliche Reduktions- bzw. Absetzphänomene (S. 50)

  • Absetzsymptome können in der Regel innerhalb von Tagen bis Wochen nach deutlicher Dosisreduktion oder nach schnellem Absetzen der Neuroleptika auftreten
  • Kognitive Störungen von Konzentration, Aufmerksamkeit und Gedächtnis
  • Vegetative Störungen: Magen-Darm-Störungen (wie Übelkeit, Erbrechen und Durchfall), Schwitzen, Schwindel, Tachykardie, Hochdruck, Zittern, Kollaps, grippeähnliche Symptome, übermäßige Schmerzempfindlichkeit, Kopfschmerz, Delir (z.B. bei schnellem Absetzen von Clozapin)
  • Emotionale Instabilität, Angst, Unruhe, Depression, Reizbarkeit, Aggressivität und maniforme Symptome. Auch diese Symptome entstehen meist innerhalb von Tagen oder Wochen nach dem Reduzieren oder Absetzen des Medikaments
  • Abnorme unwillkürliche Bewegung des Gesichts, von Lippen, Kiefer, Zunge, Armen, Handgelenken, Händen, Fingern, Beinen, Knien, Gelenken, Zehen, Nacken, Schultern, Hüften (Absetzdyskinesien). Diese Symptome treten häufig in den ersten Wochen nach Absetzen auf und können Monate persistieren
  • Psychotische und andere Verhaltenssymptome, die jedoch nicht immer von der ursprünglichen psychotischen Störung unterschieden werden können. Sie entstehen meist innerhalb von Tagen bis ungefähr sechs Wochen nach der Reduktion und bessern sich oftmals erst nach Wochen. Insbesondere Clozapin sollte nur langsam reduziert und abgesetzt werden, da hier ein erhöhtes Risiko für einen Rebound angenommen wird

Empfehlung 25 (S. 57)

Die Reduktion und ggf. das Absetzen der Neuroleptika in allen Stadien der Erkrankung können im Sinne einer partizipativen Entscheidungsfindung zwischen Patient und behandelndem Arzt angeboten werden, sofern eine ausreichende Stabilität, ausreichend psychosoziale Unterstützung und regelmäßige Verlaufskontrollen der Symptomatik gewährleistet sind und keine Hinweise auf eine Eigen-oder Fremdgefährdung bestehen. In jedem Fall soll über das erhöhte Rezidivrisiko des Absetzens aufgeklärt werden. Vorschläge für die Dosisreduktion und das Absetzen finden sich im Hintergrundtext. 100% (starker) Konsens.

Kontrollierte Dosisreduktion (S. 49)

Eine kontrollierte Dosisreduktion ist im Verlauf der Rezidivprophylaxe meist aus einem oder mehreren der folgenden Gründe klinisch zu begründen:

  • Reduktion von in der Akutbehandlung gegebenen und zur längerfristigen Rezidivprophylaxe nicht notwendigen hohen Dosierungen
  • Auffinden der individuellen niedrigstmöglichen Dosierung in der Rezidivprophylaxe mit einer möglichst günstigen Wirkung-Nebenwirkungs-Relation
  • Minimieren der häufig dosisabhängigen unerwünschten Arzneimittelwirkungen der Neuroleptika
  • Patientenwunsch nach einer möglichst niedrigen Dosierung
  • Korrektur und Reduktion bestehender Polypharmazie durch Absetzen von zusätzlichen Präparaten
  • Dosisreduktion nach einem erfolglosen Eskalationsversuch mit einer höheren Dosis auf eine vorherige geringere Dosis

Tabelle 16 Voraussetzungen für eine Dosisreduktion (S. 51)

  • Gute Vorbereitung vor dem Reduktionsprozess und den einzelnen Reduktionsschritten sowie engmaschig psychiatrisch-psychotherapeutische Begleitung
  • Prüfen, ob es in früheren Phasen (nicht bei Ersterkrankung) bereits erfolgreiche oder erfolglose begleitete Dosisreduktionsversuche gegeben hat
  • Definition klarer Ziele (z. B. Reduktion unerwünschter Arzneimittelwirkungen, Zukunftsziele, Verträglichkeit, unabhängigere Lebensführung) der Dosisreduktion jenseits des Reduktionswunschs der Medikation an sich
  • Erstellung eines Krisenplans mit Frühwarnzeichen und therapeutischen Strategien oder Ergreifung anderer Maßnahmen der Vorsorgeplanung
  • Behandlung in einem multiprofessionellen Team und, falls gewünscht, Unterstützung durch Peers und Teilnahme an Selbsthilfegruppen
  • Nach Einverständnis des Betroffenen Einbeziehung möglichst aller wichtigen professionellen und privaten Bezugspersonen sowie Aufklärung über Absetzphänome und Frühwarnzeichen
  • Sicherung einer guten sozialen Unterstützung mit stabilem sozialen Umfeld
  • Berücksichtigung der Krankheitsschwere und der individuellen Symptomlast durch die psychotische Erkrankung

Empfehlung 24 (S. 55)

Nach der Entscheidung für eine Dosisreduktion der Neuroleptika sollte diese kontrolliert unter Berücksichtigung der empfohlenen Behandlungsdauer (Empfehlungen 35a und 35b) in minimalen Dosisschritten in 6-bis 12-wöchigen Zeitabständen entsprechend der Präferenz des Patienten unter Einbezug von Vertrauenspersonen, einem Gesamtbehandlungsplan, dem bisherigen Behandlungsverlauf und der Verträglichkeit der bestehenden antipsychotischen Medikation angeboten werden.

Tabelle 17. Grundideen der Reduktionsschritte einer kontrollierten Dosisreduktion (S.51)

  • Patienten sowie deren Umfeld sollten über Absetzphänomene, aber auch über die hohen Rezidivraten (siehe Statement 2 und 3) aufgeklärt werden
  • Bei jedem Reduktionsschritt sollten Absetzphänomene in den ersten Wochen beobachtet und entsprechend eingeordnet werden. Es sollte ein Zeitraum von einigen Wochen mit adäquater Stabilität vor dem nächsten Reduktionsschritt bestehen
  • Reduktionsschritte sollten am Anfang in größeren und am Ende in kleineren Schritten erfolgen. Sie sollten etwa zwischen 5 bis 20 % der aktuellen Dosis betragen, wobei hier pragmatisch auch ein individuelles Vorgehen bei fehlender Verfügbarkeit entsprechender Dosierungen zur Anwendung kommen kann (z. B. Tropfenform, Pendelschemata, Individualdosierungen)
  • Reduktionsabstände sollten zwischen 6 bis 12 Wochen betragen, wobei für die Auswahl des nächsten Reduktionszeitpunkts die Erfahrungen des letzten Reduktionsschritts und die Gesamtbehandlungsdauer mit Neuroleptika seit der letzten psychotischen Episode einbezogen werden sollten
  • Auf eine ausreichende Schlafdauer und -qualität sollte geachtet werden. Reduktionsbedingte Schlafstörungen können kurzfristig mittels Sedativa gemäß den Vorgaben der Schlafmedizin behandelt werden
  • Bei einem aufkommenden Rezidiv sollte auf die zuvor genutzte Dosis zurückgegriffen werden, ggf. auch 10 % oder mehr über der vorherigen Dosis, sowie weitere Maßnahmen zur Krisenbewältigung genutzt werden
  • Vor dem endgültigen Absetzen sind unter Berücksichtigung der Umsetzbarkeit sehr kleine Reduktionsschritte zu wählen

Empfehlung 26 (S. 58)

Nach Absetzen der Neuroleptika soll im Rahmen des Gesamtbehandlungsplans ein kontinuierliches Monitoring klinischer Zeichen und Symptome für ein Rezidiv für mindestens zwei Jahre angeboten werden. 100% (starker) Konsens

Besondere Überlegungen

Akathisie ist sowohl während des Absetzens als auch für einige Zeit danach wichtig zu beobachten. Akathisie wird beschrieben als ein starker Bewegungsdrang, der innerlich empfunden werden kann, ohne dass ein Beobachter eine Bewegung wahrnimmt, oder äußerlich, wobei ein Beobachter eine Bewegung oder Unruhe wahrnimmt. Akathisie tritt häufig im Zusammenhang mit dem Absetzen von Neuroleptika auf. Es gibt Hinweise darauf, dass ein schneller Entzug eher zu Akathisie führt, aber bei manchen Menschen kann sie auch nach einer sorgfältig gesteuerten schrittweisen Reduzierung auftreten.

Postakutes Entzugssyndrom (PAWS) ist die Bezeichnung für anhaltende Symptome, die noch lange nach Absetzen des Medikaments bestehen bleiben. Aufgrund mangelnder Forschung und Uneinigkeit über eine geeignete Definition ist PAWS nicht aufgeführt im Diagnostischen und Statistischen Handbuch Psychischer Störungen. Es wird auch von den meisten medizinischen Vereinigungen nicht anerkannt. Das Konzept des PAWS wurde jedoch von Drogen- und Alkoholentzugseinrichtungen übernommen. Es wird angenommen, dass solche lang anhaltenden Symptome, die Monate oder sogar länger andauern können, darauf zurückzuführen sind, dass die Einnahme des Medikaments die Physiologie des Gehirns verändert (z. B. durch Erhöhung oder Verringerung der Dichte der Neurotransmitter-Rezeptoren) und es eine längere Zeit dauern kann, bis sich diese Physiologie des Gehirns wieder normalisiert hat.

Sechswöchige „Entgiftungsprogramme“: Diese Programme können (müssen aber nicht) für den Entzug von Straßen Drogen sinnvoll sein, sind jedoch wahrscheinlich für den Entzug von Psychopharmaka ungeeignet, da jedes Entzugsprogramm individuell angepasst werden muss und die Geschwindigkeit der Entwöhnung an die individuellen Entzugssymptome angepasst werden muss.

Spätdyskinesien (Tardive Dyskenesia) sind unkontrollierbare Bewegungen der Zunge, der Lippen, des Gesichts, des Körpers oder der Arme und Beine, die nach der Behandlung mit Neuroleptika auftreten. Spät bedeutet „verzögertes Auftreten”, da diese Probleme in der Regel nach einer Langzeitbehandlung auftreten. Obwohl sie bei langfristiger Einnahme von Neuroleptika häufiger auftreten, wurden sie auch schon nach einer einzigen Dosis des Medikaments beobachtet. Bei manchen Menschen kann die tardive Dyskinesie auch nach dem Absetzen des Neuroleptikums weiterbestehen. Durch Spätdiskynesien kann es zu steifen, ruckartigen, unregelmäßigen Bewegungen wie Lippenschmatzen oder Kieferbewegungen kommen.

Dystonische Reaktionen sind eine Bewegungsstörung, bei der es zu Muskelkrämpfen oder -verspannungen kommt, die manchmal schmerzhaft sind. Man nimmt an, dass dies auf eine Störung der Muskelsteuerung durch das Gehirn zurückzuführen ist, die durch die Einnahme von Dopaminrezeptorblockern verursacht wird. Wenn Dystonie durch die Nebenwirkungen von Neuroleptika verursacht wird, spricht man von tardiver Dystonie. Laut der Dystonia Society verschwinden dystonische Symptome zwar, aber leider ist dies selten (etwa in 1 von 10 Fällen). Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass eine Remission der Symptome wahrscheinlicher ist, wenn das Medikament, das die tardive Dystonie verursacht, nur für einen kurzen Zeitraum eingenommen wurde, als wenn es über einen längeren Zeitraum eingenommen wurde.

Wichtige Artikel und Referenzen

Moncrieff J. A critique of the dopamine hypothesis of schizophrenia and psychosis. Harv Rev Psychiatry. 2009;17(3):214‐225. doi:10.1080/10673220902979896 Remaining relapse-free key to long-term antipsychotic discontinuation,

Hui CLM, et al. JAMA Psychiatry. 2018;doi:10.100/jamapsychiatry.2018.3120.

Crane GE. Tardive dyskinesia in schizophrenic patients treated with psychotropic drugs. Agressologie. 1968;9(2):209‐218.

Larsen-Barr, M., Seymour, F., Read, J., & Gibson, K. (2018). Attempting to discontinue antipsychotic medication: withdrawal methods, relapse, and success. Psychiatry research. https://doi.org/10.1016/j.psychres.2018.10.001.

Does antipsychotic withdrawal provoke psychosis? Review of the literature on rapid onset psychosis (supersensitivity psychosis) and withdrawal-related relapse. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/16774655 German Association for Psychiatry,

DGPPN e.V. (Hrsg.) für die Leitliniengruppe: S3-Leitlinie Schizophrenie. Langfassung, 2019, Version 1.0, zuletzt geändert am 15. März 2019, verfügbar unter: https://www.dgppn.de/_Resources/Persistent/88074695aeb16cfa00f4ac2d7174cd068d0658be/038-009l_S3_Schizophrenie_2019-03.pdf

DGPPN e.V. (Hrsg.) für die Leitliniengruppe: S3-Leitlinie Schizophrenie. Langfassung, 2025, Version 4.0, verfügbar unter: https://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/038-009.html

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