Diese Seite befasst sich mit Neuroleptika als medikamentöse Behandlung der sogenannten Schizophrenie sowie anderen sogenannten psychotischen Störungen. Sie bietet einen Überblick über die wissenschaftliche Evidenz zur kurzfristigen Wirkung, den möglichen Nebenwirkungen und insbesondere den langfristigen Auswirkungen dieser Medikamente. Der Hauptfokus dieser Übersicht ist es, die Langzeitforschung detailliert darzustellen.
Informationen über das Reduzieren und Absetzen von Neuroleptika finden Sie hier.
Fachartikel aus Deutschland
Hier finden Sie Informationen zum Thema Neuroleptika aus Deutschland.
- Lehmann, P. (2012). Probleme beim Absetzen von Neuroleptika als Folge von Rezeptorenveränderungen und Toleranzbildung
- Ressourcen auf den Seiten der DGSP (PDFs):
- DGSP: Infos zu Neuroleptika (Übersichtsseite)
- Aderhold, V. (2014). Neuroleptika minimal – warum und wie.
- Aderhold, V. (2008). Zur Notwendigkeit und Möglichkeit minimaler Anwendung von Neuroleptika.
- Aderhold, V. (2008). Neuroleptika zwischen Nutzen und Schaden
- Aderhold, V. (2007). Mortalität durch Neuroleptika, Soziale Psychiatrie (4/2007)
- DGSP (2018). Memorandum der DGSP zur Anwendung von Neuroleptika
- DGSP (o. J.). Studien zur Behandlung mit Neuroleptika (Teil I)
- DGSP (o. J.). Studien zur Behandlung mit Neuroleptika (Teil II)
Evidenz für die kurzfristige Anwendung
Obwohl allgemein angenommen wird, dass es zahlreiche Belege aus klinischen Studien dafür gibt, dass Antipsychotika kurzfristig wirksam sind, um psychotische Symptome zu unterdrücken, gibt es eine große Lücke in der Evidenzbasis. Wie Forscher 2017 berichteten, „wurden [bislang] keine placebokontrollierten Studien bei Patient:innen mit einer ersten Psychose durchgeführt“. Das bedeutet, dass es keine Evidenz für diese Klasse von Medikamenten bei medikamenten-naiven Patient:innen (d. h., die zuvor noch nie mit Antipsychotika behandelt wurden) gibt.
Die wissenschaftliche Evidenz für die kurzfristige Anwendung von Antipsychotika stammt in erster Linie aus randomisierten kontrollierten Studien, die an hospitalisierten Patient:innen durchgeführt wurden. In diesen Studien wird Patient:innen, die Antipsychotika einnehmen, das Medikament abrupt abgesetzt, und nach einigen Tagen werden diejenigen, die aktiv psychotisch geworden sind, randomisiert entweder einem Placebo oder einer Behandlung mit einem Antipsychotikum zugewiesen. Die Forschenden messen dann die Abnahme der psychotischen Symptome über die nächsten vier bis sechs Wochen.
Im Jahr 2009 veröffentlichte Leucht eine Meta-Analyse von 38 Studien zu Antipsychotika der zweiten Generation und berichtete über eine Ansprechrate von 41 % bei den medikamentös behandelten Patient:innen gegenüber 24 % in der Placebo-Gruppe. Als Ansprechen wurde eine 50-prozentige Abnahme der Symptome definiert. Obwohl dieser Unterschied statistisch signifikant ist, zeigen die Ergebnisse dennoch, dass die Mehrheit der mit einem Antipsychotikum Behandelten keinen zusätzlichen Nutzen gegenüber Placebo hat, aber dennoch den Nebenwirkungen der Medikamente ausgesetzt ist.
Um die Auswirkungen einer medikamentösen Behandlung auf alle Patient:innen zu bewerten, berechnen Forscher:innen die Anzahl der Patient:inne, die behandelt werden müssen (Number Needed to Treat, NNT), um eine zusätzliche positive Reaktion über Placebo hinaus zu erzielen. In dieser Metaanalyse betrug die Ansprechrate bei den mit dem Medikament Behandelten 41 % gegenüber 24 % bei den mit Placebo behandelten Patient:innen. Das bedeutet: Von 100 mit einem Antipsychotikum behandelten Patient:innen sprechen 17 mehr auf die Behandlung an als in der Placebo-Gruppe. Die entsprechende NNT lag in der Studie von Leucht bei sechs.
Das bedeutet, dass sechs von sieben Patient:innen, die mit einem Antipsychotikum behandelt werden, den Nebenwirkungen des Medikaments ausgesetzt sind, ohne einen Nutzen aus der Behandlung zu ziehen. Diese Gruppe ohne Nutzen setzt sich aus denjenigen zusammen, die nicht auf das Medikament ansprechen (59 %), und denjenigen, die auf Placebo ansprechen (24 %). Daraus kann man schließen, dass 83 % aller Patient:innen durch eine kurzfristige Behandlung mit einem Antipsychotikum geschädigt werden, während 17 % davon profitieren.

Im Jahr 2017 veröffentlichten Leucht und Kollegen eine Metaanalyse aller doppelblinden, randomisierten klinischen Studien zu Antipsychotika, die seit der Einführung des ersten Antipsychotikums, Chlorpromazin, im Jahr 1953 durchgeführt worden waren. Sie kamen zu dem Schluss, dass nur 51 % der Patient:innen in diesen 167 Studien überhaupt eine „minimale Reaktion” auf das Antipsychotikum zeigten, gegenüber 30 % in der Placebo-Gruppe. Dieser Unterschied in der minimalen Reaktion ergibt einen NNT von fünf, was bedeutet, dass 80 % der Behandelten unter den Nebenwirkungen eines Antipsychotikums leiden, ohne einen zusätzlichen Nutzen in Bezug auf die Verringerung ihrer psychotischen Symptome zu erzielen.
Nebenwirkungen
Obwohl die Antipsychotika der zweiten Generation oft als „atypische” Antipsychotika zusammengefasst werden, was darauf hindeutet, dass sie einen gemeinsamen Wirkmechanismus haben, wirken diese Medikamente auf eine Reihe verschiedener Neurotransmitterbahnen und dies mit unterschiedlicher Wirksamkeit. Aus diesem Grund weisen die Medikamente sehr unterschiedliche „Nebenwirkungsprofile” auf.
Die Störung einer Neurotransmitterbahn durch ein Medikament verursacht viele vorhersehbare Nebenwirkungen. Da dopaminerge Bahnen an der Steuerung motorischer Bewegungen beteiligt sind, können Medikamente, die Dopaminrezeptoren blockieren, Parkinson-Symptome, Muskel-Dystonien und Akathisie verursachen. Darüber hinaus sind dopaminerge Bahnen für die normale Funktion des limbischen Systems und der Frontallappen von entscheidender Bedeutung, sodass Dopamin-blockierende Medikamente emotionale Reaktionen auf die Umwelt (eine Funktion des limbischen Systems) und das Selbstbewusstsein (Frontallappen) hemmen können. Die Blockierung von Serotoninrezeptoren kann zu einer Steigerung des Appetits, Gewichtszunahme und Stoffwechselveränderungen führen, die mit einem erhöhten Diabetesrisiko verbunden sind. Die Blockierung von muskarinischen M1-Rezeptoren kann zu Gedächtnis- und Wahrnehmungsstörungen führen – und so weiter. Jeder Neurotransmitter hat sein eigenes Nebenwirkungsprofil.

Wie aus der obigen Grafik ersichtlich, können atypische Antipsychotika eine Vielzahl körperlicher, emotionaler und kognitiver Beeinträchtigungen verursachen. Ein einfacher Weg, sich die potenziellen Risiken eines bestimmten Medikaments vor Augen zu führen, besteht darin, zu betrachten, welche Neurotransmitterbahnen es blockiert – und mit welcher Intensität. Daraus lässt sich ableiten, welche Nebenwirkungen typischerweise mit der Blockade dieser Bahnen verbunden sind.

Kurz gesagt: Antipsychotika können eine Vielzahl von schwerwiegenden Nebenwirkungen verursachen, darunter Stoffwechselstörungen, hormonelle (endokrine) Dysfunktionen, motorische Dysfunktionen/Bewegungsstörungen, sexuelle Funktionsstörungen, Herz- und Atemprobleme sowie Hirnatrophie.
Ein besonders belastendes Symptom ist die Akathisie, ein Zustand extremer innerer Unruhe, der häufig mit einer Zunahme suizidaler Gedanken einhergeht. Bei langfristiger Einnahme können sie eine tardive Dyskinesie verursachen, die durch rhythmische, unwillkürliche motorische Bewegungen gekennzeichnet ist. Bei Erwachsenen bleibt die tardive Dyskinesie in der Regel auch nach Absetzen des Antipsychotikums bestehen – ein Hinweis auf eine dauerhafte Schädigung der Basalganglien. Zusammengenommen tragen all diese Nebenwirkungen zu einer schlechten allgemeinen Gesundheit bei.
Langzeitresultate
Die Literatur zu den Langzeitresultaten von Antipsychotika, die über einen Zeitraum von fast 60 Jahren zusammengestellt wurde, berichtet übereinstimmend, dass diese Medikamente die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass eine mit Schizophrenie diagnostizierte Person chronisch krank wird. Siehe auch „The Case Against Antipsychotics” (Deutsche Übersetzung „Argumente gegen Antipsychotika„) für eine eingehende Besprechung dieser Literatur.
Das Problem der Chronizität wird offensichtlich (1960er-1970er Jahre)
1. Erste Follow-up-Studie des NIMH
a) Ein Jahr nach der Entlassung. Schooler, N. American Journal of Psychiatry 123 (1967):986-995. Diese NIMH-Studie untersuchte die Ergebnisse nach einem Jahr bei 299 Patient:innen, die bei ihrer Einweisung in ein Krankenhaus entweder mit Neuroleptika oder Placebo behandelt worden waren. Diese erste Langzeitstudie des NIMH fand heraus, dass diejenigen, die Placebo erhielten, „weniger wahrscheinlich erneut hospitalisiert wurden als diejenigen, die eines der drei aktiven Phenothiazine erhielten”.
2. Die ersten beiden Rückfallstudien des NIMH
a) Rückfälle bei chronisch schizophrenen Patienten nach abruptem Absetzen von Beruhigungsmitteln. Prien, R. British Journal of Psychiatry 115 (1968):679-86. Das entscheidende Ergebnis dieser NIMH-Studie war, dass die Rückfallraten in direktem Zusammenhang mit der Dosierung standen – je höher die Dosierung, die die Patient:innen vor dem Absetzen des Antipsychotikums erhielten, desto höher war die Rückfallrate. Zu Beginn der Studie erhielten 18 Patient:innen ein Placebo, und nur bei einem verschlechterte sich der Zustand in den folgenden sechs Monaten (6 %). Fünfundsechzig Patient:innen erhielten zu Beginn der Studie 300 mg Chlorpromazin, 54 % dieser Patient:innen verschlechterten sich nach Absetzen des Medikaments. 113 Patient:innen erhielten zu Beginn der Studie mehr als 300 mg Chlorpromazin und 66 % dieser Patient:innen verschlechterten sich nach Absetzen des Medikaments (siehe Tabelle 3 auf Seite 684 des Artikels).
b) Abbruch der Chemotherapie bei chronischen Schizophrenen. Prien, R. Hospital and Community Psychiatry 22 (1971):20-23. In dieser NIMH-Studie wurde die frühere Erkenntnis bestätigt, dass die Rückfallraten in Korrelation mit der Neuroleptika-Dosierung anstiegen. Nur zwei von 30 Patient:innen, die zu Beginn der Studie Placebo erhielten, erlitten in den folgenden 24 Wochen einen Rückfall (7 %). 23 % der 99 Patient:innen, die zu Beginn der Studie weniger als 300 mg Chlorpromazin erhielten, erlitten nach Absetzen des Medikaments einen Rückfall. 50 % der 91 Patient:innen, die zu Beginn der Studie 300 bis 500 mg Chlorpromazin erhielten, erlitten nach Absetzen des Medikaments einen Rückfall und 65 % der 81 Patient:innen, die zu Beginn der Studie mehr als 500 mg Chlorpromazin erhielten, erlitten nach Absetzen des Medikaments einen Rückfall. Die Forschenden kamen zu folgendem Schluss: „Es wurde festgestellt, dass Rückfälle in einem signifikanten Zusammenhang mit der Dosis des Beruhigungsmittels standen, das derjenige vor der Verabreichung des Placebos erhalten hatte – je höher die Dosis, desto größer die Wahrscheinlichkeit eines Rückfalls“ (siehe Seiten 22–23 des Artikels).
3. Eine Studie zum Vergleich der Fünfjahresergebnisse in der Zeit vor und nach der Einführung von Thorazine
a) Vergleich zweier Fünfjahres-Follow-up-Studien. Bockoven, J. American Journal of Psychiatry 132 (1975):796-801. In dieser Studie verglichen die Bostoner Psychiater Sanbourne Bockoven und Harry Solomon die Rückfallquoten in der Zeit vor der Einführung von Medikamenten mit denen in der Zeit nach der Einführung und stellten fest, dass es den Patient:innen in der Zeit vor der Einführung von Medikamenten besser ging. 45 % der 1947 im Boston Psychopathic Hospital Behandelten hatten in den fünf Jahren nach ihrer Entlassung keinen Rückfall erlitten und 76 % lebten am Ende des Nachbeobachtungszeitraums erfolgreich in der Gemeinschaft. Im Gegensatz dazu blieben nur 31 % der Patient:innen, die 1967 in einem Gesundheitszentrum in Boston mit Medikamenten behandelt wurden, in den folgenden fünf Jahren rückfallfrei, und als Gruppe waren sie viel „sozial abhängiger” (z. B. erhielten sie staatliche Unterstützung) als diejenigen aus der Kohorte von 1947.
Andere Forscher, die die Rückfallquoten für New Yorker psychiatrische Kliniken in den 1940er- und frühen 1950er Jahren untersuchten, berichteten über ähnliche Ergebnisse: Etwa 50 % der entlassenen Schizophreniepatient:innen blieben während langer Nachbeobachtungszeiträume kontinuierlich gesund, was deutlich besser war als die Ergebnisse mit Neuroleptika (siehe Nathaniel Lehrman, „A state hospital population five years after admission: a yardstick for evaluative comparison of follow-up studies”, Psychiatric Quarterly 34 (1960):658-681; und H.L. Rachlin, „Follow-up study of 317 patients discharged from Hillside Hospital in 1950“, Journal of Hillside Hospital 5 (1956):17-40).
4. Zwei NIMH-Studien aus den 1970er Jahren, die die längerfristigen Ergebnisse bei nicht medikamentös behandelten Patient:innen untersuchten
a) Die Behandlung von akuter Schizophrenie ohne Medikamente. Carpenter, W. American Journal of Psychiatry 134 (1977):14-20. In dieser NIMH-Studie aus dem Jahr 1977 wurden 49 Schizophreniepatient:innen, die an einem experimentellen Krankenhausprogramm teilnahmen, das ihnen psychosoziale Unterstützung bot, in medikamentöse und nicht-medikamentöse Kohorten eingeteilt. Nur 35 % der nicht medikamentös Behandelten erlitten innerhalb eines Jahres nach ihrer Entlassung einen Rückfall, verglichen mit 45 % der medikamentös Behandelten. Die medikamentös behandelten Patient:innen litten außerdem stärker unter Depressionen, emotionaler Abstumpfung und verlangsamten Bewegungen.
b. Gibt es Schizophrene, für die Medikamente unnötig oder kontraindiziert sein können? Rappaport, M. International Pharmacopsychiatry 13 (1978):100-111. In dieser Studie aus dem Jahr 1978 teilten Maurice Rappaport und seine Kollegen von der University of California in San Francisco 80 junge an Schizophrenie erkrankte Männer, die in das Agnews State Hospital aufgenommen worden waren, nach dem Zufallsprinzip in eine medikamentöse und eine nicht medikamentöse Gruppe ein. Nur 27 % der nicht medikamentös behandelten Patienten erlitten in den drei Jahren nach ihrer Entlassung einen Rückfall, verglichen mit 62 % der medikamentös behandelten Gruppe. Bemerkenswert ist, dass nur zwei von 24 Patienten (8 %), die im Krankenhaus nicht medikamentös behandelt wurden und auch nach ihrer Entlassung auf eine solche Behandlung verzichteten, später einen Rückfall erlitten. Am Ende der Studie funktionierte diese Gruppe von 24 nicht medikamentös behandelten Patienten auf einem deutlich höheren Niveau als die medikamentös behandelten Patienten.
5. Das Soteria-Projekt
a) Eine nicht-neuroleptische Behandlung von Schizophrenie. Mathews, S. Schizophrenia Bulletin 5 (1979):322-332.
b) Gemeindenahe stationäre Behandlung von Schizophrenie. Mosher, L. Hospital and Community Psychiatry 29 (1978):715-723
c) Die Behandlung akuter Psychosen ohne Neuroleptika. Mosher, L. International Journal of Social Psychiatry 41 (1995):157-173.
d) Behandlung akuter Psychosen ohne Neuroleptika. Bola, J. The Journal of Nervous and Mental Disease 191 (2003):219-229.
In den 1970er Jahren führte Loren Mosher, Leiter der Schizophrenieforschung am NIMH, ein Experiment durch, in dem die Behandlung in einer heimischen Umgebung (genannt Soteria), in der nur minimal Antipsychotika eingesetzt wurden, mit der konventionellen Behandlung in einem Krankenhaus verglichen wurde. Nach zwei Jahren wiesen die Soteria-Patient:innen „niedrigere Psychopathologie-Werte, weniger (Krankenhaus-)Wiederaufnahmen und eine bessere allgemeine Anpassung“ auf als diejenigen, die konventionell mit Antipsychotika behandelt wurden. Nur 31 % der Patient:innen, die ohne Medikamente im Soteria-Haus behandelt wurden und nach Beendigung des Programms weiterhin auf Neuroleptika verzichteten, erlitten in den folgenden zwei Jahren einen Rückfall.
6. Ist die Heilung schlimmer als die Krankheit?
a) Maintenance Antipsychotic Therapy. Cole, J. American Journal of Psychiatry 132 (1977):32-6. 1977 kam Jonathan Cole, ehemaliger Leiter des NIMH Psychopharmacology Service Center, zu dem Schluss, dass angesichts der Vielzahl von Problemen, die durch Antipsychotika verursacht werden, „jeder chronisch schizophrene ambulante Patient, der mit Antipsychotika behandelt wird, von einer angemessenen medikamentenfreien Therapie profitieren sollte”. Er betitelte seinen Artikel „Ist die Heilung schlimmer als die Krankheit?”
Eine biologische Erklärung für die durch Medikamente verursachte Chronizität
7. Durch Medikamente verursachte Überempfindlichkeitspsychose
a) Dopaminerge Überempfindlichkeit nach Neuroleptika. Muller, P. Psychopharmacology 60 (1978):1-11.
b) Neuroleptika-induzierte Überempfindlichkeitspsychose: Chouinard, G. American Journal of Psychiatry 135 (1978):1409-1410.
c) Neuroleptika-induzierte Überempfindlichkeitspsychose: Chouinard, G. American Journal of Psychiatry 137 (1980):16-20.
d) Neuroleptika-induzierte Überempfindlichkeitspsychose, der „Hump Course” und tardive Dyskinesie. Chouinard, G. Journal of Clinical Psychopharmacology 2 (1982):143-4.
Ende der 1970er Jahre identifizierten zwei Ärzte der McGill University, Guy Chouinard und Barry Jones, die durch Antipsychotika im Gehirn induzierten biologischen Veränderungen, die zu den hohen Rückfallraten bei medikamentös behandelten Patient:innen führten. Da die Medikamente die Dopaminaktivität dämpfen, versucht das Gehirn, dies durch eine „Überempfindlichkeit” gegenüber Dopamin auszugleichen. Insbesondere lösen die Medikamente eine Erhöhung der Dichte der Dopaminrezeptoren aus. Diese Störung der Dopaminfunktion macht die Patient:innen langfristig biologisch anfälliger für Psychosen und schwerere Rückfälle nach Absetzen des Medikaments. Chouinard und Jones kamen zu dem Schluss: „Neuroleptika können eine Dopamin-Überempfindlichkeit hervorrufen, die sowohl zu dyskinetischen als auch zu psychotischen Symptomen führt. Eine Folge davon ist, dass die Neigung zu psychotischen Rückfällen bei einem Patienten, der eine solche Überempfindlichkeit entwickelt hat, nicht nur durch den normalen Verlauf der Krankheit bestimmt wird.”
Fünfunddreißig Jahre bestätigende Beweise
Die Psychiatrie hat das Problem der „neuroleptisch induzierten Überempfindlichkeitspsychose“ seit den frühen 1980er Jahren weitgehend ignoriert. Seitdem gibt es jedoch eine Reihe von Langzeitstudien, die bestätigen, dass Antipsychotika die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass eine Person chronisch krank wird.
8. Philip Seemans Tiermodell der Psychose
a) Dopamin-Überempfindlichkeit korreliert mit D2-HIGH-Zuständen, was auf viele Wege zur Psychose hindeutet. Seeman, P. Proceedings of the Nat Acad of Science 102 (2005):3513-18.
b) Durchbruch der Dopamin-Überempfindlichkeit während einer laufenden antipsychotischen Behandlung führt mit der Zeit zum Versagen der Behandlung. Samaha, A. J Neuroscience 27 (2007):2979-86.
In diesen beiden Artikeln berichtete Philip Seeman von der Universität Toronto, dass Wirkstoffe, die bei Tieren psychotisches Verhalten auslösen (z. B. Amphetamine, Angel Dust, Läsionen im Hippocampus, Gen-Knockout-Manipulationen) einen Anstieg der D2-Rezeptoren verursachen, die eine hohe Affinität zu Dopamin haben. Er fand jedoch heraus, dass Haloperidol und Olanzapin die Dichte der D2-HIGH-Rezeptoren verdoppelten und somit genau die biologische Anomalie verursachten, die in Tiermodellen als endgültiger Weg identifiziert worden war. In einer Veröffentlichung aus dem Jahr 2007 kam er zu dem Schluss, dass „diese Ergebnisse erstmals zeigen, dass die ‚Durchbruch‘-Überempfindlichkeit während einer laufenden antipsychotischen Behandlung die Wirksamkeit der Behandlung untergräbt.“
9. Interkulturelle Studien
a) Die internationale Pilotstudie zu Schizophrenie. Leff, J. Psychological Medicine 22 (1992):131-145. Die erste Studie der Weltgesundheitsorganisation, in der die Ergebnisse der Schizophreniebehandlung in „entwickelten” und „Entwicklungsländern” verglichen wurden, trug den Titel „Internationale Pilotstudie zur Schizophrenie”. Sie begann 1968 und umfasste 1.202 Patient:innen in neun Ländern. Sowohl bei der Nachuntersuchung nach zwei Jahren als auch nach fünf Jahren ging es den Patient:innen in den armen Ländern deutlich besser. Die Forschenden kamen zu dem Schluss, dass Schizophreniepatient:innen in den armen Ländern „einen deutlich besseren Verlauf und ein besseres Ergebnis hatten als (Patient:innen) in den entwickelten Ländern. Dies galt unabhängig davon, ob klinische Ergebnisse, soziale Ergebnisse oder eine Kombination aus beidem berücksichtigt wurden.” Zwei Drittel der Patient:innen in Indien und Nigeria waren nach fünf Jahren symptomfrei. Die WHO-Forscher konnten jedoch keine Variable identifizieren, die diesen bemerkenswerten Unterschied in den Ergebnissen erklärte (siehe Seiten 132, 142 und 143 des Artikels).
b) Schizophrenie: Manifestationen, Inzidenz und Verlauf in verschiedenen Kulturen. Jablensky, A. Psychological Medicine 20 (1992):1-95. Die zweite WHO-Studie dieser Art trug den Titel „Determinanten des Verlaufs schwerer psychischer Störungen”. Sie umfasste 1.379 Patient:innen aus 10 Ländern und war als Folgestudie zur Internationalen Pilotstudie zu Schizophrenie konzipiert. Bei den Patient:innen dieser Studie handelte es sich um Erstpatient:innen, von denen 86 % seit weniger als 12 Monaten erkrankt waren. Diese Studie bestätigte die Ergebnisse der ersten Studie: Die Ergebnisse nach zwei Jahren waren für die Patient:innen in den armen Ländern deutlich besser. Grob gesagt hatten 37 % der Patient:innen in den Ländern Indien, Nigeria und Kolumbien eine einzige psychotische Episode und erholten sich dann vollständig; weitere 26,7 % der Patient:innen in diesen Ländern hatten zwei oder mehr psychotische Episoden, befanden sich aber am Ende der zwei Jahre dennoch in „vollständiger Remission”. Mit anderen Worten: 63,7 % der Patient:innen in den armen Ländern ging es nach zwei Jahren recht gut. Im Gegensatz dazu ging es nur 36,9 % der Patient:innen in den USA und sechs anderen Industrienationen nach zwei Jahren recht gut. Die Forscher kamen zu dem Schluss, dass „die Zugehörigkeit zu einem Industrieland ein starker Prädiktor dafür war, keine vollständige Remission zu erreichen”. Obwohl die WHO-Forschenden keine Variable identifizieren konnten, die diesen Unterschied in den Ergebnissen erklären würde, stellten sie fest, dass in den Entwicklungsländern nur 15,9 % der Patienten kontinuierlich mit Neuroleptika behandelt wurden, verglichen mit 61 % der Patienten in den USA und anderen Industrieländern.
Zusammenfassung der WHO-Daten

c) Länderübergreifende klinische und funktionelle Remissionsraten. Haro, J. Brit J of Psychiatry 199 (2011):194-201. In dieser von dem Pharmaunternehmen Eli Lilly finanzierten Studie wurden 11.078 Schizophreniepatient:innen in 37 Ländern alle mit Antipsychotika behandelt. Die Patient:innen in den Entwicklungsländern (Nordafrika und Naher Osten) hatten ebenso schlechte funktionelle Ergebnisse wie die Patient:innen in Europa. In dieser Studie, in der alle Patient:innen medikamentös behandelt wurden, waren die funktionellen Ergebnisse der Patient:innen in den armen Ländern also viel schlechter als in den früheren WHO-Studien und nun nicht besser als die funktionellen Ergebnisse in den reicheren Ländern.
10. Die Vermont-Längsschnittstudie
a) Die Vermont-Längsschnittstudie zu Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen, II. Harding, C. American Journal of Psychiatry 144 (1987):727-734.
b) Empirische Korrektur von sieben Mythen über Schizophrenie mit Implikationen für die Behandlung. Harding, C. ActaPsychiatrica Scandinavica 90 (1990):140-146.
In einer Langzeitstudie zu Schizophreniepatient:innen, die Ende der 1950er- und Anfang der 1960er Jahre aus den Hinterzimmern des Vermont State Hospital entlassen wurden, berichtete Courtenay Harding, dass 20 Jahre später 25 % bis 50 % ihre Medikamente vollständig abgesetzt hatten, keine weiteren Anzeichen und Symptome einer Schizophrenie aufwiesen und gut funktionierten. Sie kam zu dem Schluss, dass es ein „Mythos” sei, dass Schizophreniepatient:innen ihr Leben lang Medikamente einnehmen müssen, und dass in Wirklichkeit „nur ein kleiner Prozentsatz auf unbestimmte Zeit Medikamente benötigt”.
11. Eine Metaanalyse der Literatur zu den Ergebnissen
a) One Hundred Years of Schizophrenia. Hegerty, J. American Journal of Psychiatry 151 (1994):1409-1416. 1994 berichteten Forscher der Harvard Medical School, dass sich die Ergebnisse für Schizophreniepatient:innen in den USA seit den 1970er Jahren so weit verschlechtert hatten, dass sie nicht besser waren als im Jahr 1900. Obwohl die Forscher die schlechten Ergebnisse nicht auf Antipsychotika zurückführten, ist es bemerkenswert, dass dieser Rückgang in einer Zeit stattfand, in der amerikanische Psychiater:innen begannen, der Öffentlichkeit zu vermitteln, dass Menschen, bei denen Schizophrenie diagnostiziert wurde, ihr Leben lang Medikamente einnehmen müssten. Mit anderen Worten: Der Rückgang fiel mit der Einführung eines Behandlungsparadigmas zusammen, das den Schwerpunkt auf eine lebenslange medikamentöse Therapie legte.
12. MRT-Studien (1990er Jahre)
a) Zunahme des Volumens des Nucleus caudatus bei Patienten mit erstmalig auftretender Schizophrenie, die Antipsychotika einnehmen. Chakos, M. American Journal of Psychiatry 151 (1994):1430-1436.
b) Neuroleptika bei progressiven strukturellen Hirnanomalien bei psychiatrischen Erkrankungen. Madsen, A. The Lancet 32 (1998):784-785.
c) Subkortikales Volumen bei neuroleptika-naiven und behandelten Patienten mit Schizophrenie. Gur, R. American Journal of Psychiatry 155 (1998):1711-1717.
d) Eine Follow-up-Studie zur Magnetresonanztomographie bei Schizophrenie. Gur, R. Archives of General Psychiatry55 (1998):145-152.
In den 1990er Jahren entdeckten Forschende mithilfe der MRT-Technologie, dass Antipsychotika die Frontallappen schrumpfen lassen und eine Vergrößerung der Basalganglien verursachen. In der Studie „Follow-up Magnetic Resonance Imaging” berichteten die Forscher:innen, dass die Vergrößerung der Basalganglien mit einer Verschlechterung sowohl der positiven als auch der negativen Symptome der Schizophrenie verbunden war. Dies war ein eindrucksvoller Beweis dafür, wie die Medikamente im Laufe der Zeit chronische Erkrankungen verursachen.
13. Nancy Andreasens Forschung zum Gehirnvolumen
a) Progressive strukturelle Anomalien des Gehirns und ihr Zusammenhang mit dem klinischen Ergebnis. Ho, B. Arch Gen Psych 60 (2003):585-94.
b) Langfristige Behandlung mit Antipsychotika und Gehirnvolumen. Ho, B. Arch Gen Psych 68 (2011):128-37.
Ab 2003 begann Nancy Andreasen, die ehemalige Herausgeberin des American Journal of Psychiatry, über ihre groß angelegte MRT-Studie an Schizophreniepatient:innen zu berichten, die mit Antipsychotika behandelt wurden. Sie stellte fest, dass die Patient:innen zunehmend an „volumetrischer weißer Substanz im Frontalbereich” verloren und dass diese Schrumpfung des Gehirns mit einer Verschlechterung der negativen Symptome, einer Zunahme der funktionellen Beeinträchtigungen und nach fünf Jahren mit einem kognitiven Rückgang einherging. In einem Artikel aus dem Jahr 2011 berichtete sie, dass diese Schrumpfung medikamentenbedingt sei. Die Verwendung der alten Neuroleptika, der atypischen Antipsychotika und von Clozapin war „mit einem geringeren Volumen des Hirngewebes verbunden”, wobei sowohl die weiße als auch die graue Substanz abnahmen. Die Schwere der Erkrankung oder ein Drogenmissbrauch hatten „minimale oder keine Auswirkungen” auf das Gehirnvolumen.
14. Spätdyskinesie und globaler Rückgang
a) Tardive Dyskinesie bei Patienten, die mit starken Neuroleptika behandelt wurden. Crane, G. American Journal of Psychiatry 124 (1968):40-47.
b) Klinische Psychopharmakologie im 20. Jahr. Crane, G. Science 181 (1973):124-128.
c) Funktionsbeeinträchtigung bei tardiver Dyskinesie. Yassa, R. Acta Psychiatrica Scandinavica 80 (1989):64-67.
d) Zentrale Determinanten von Aufmerksamkeits- und Stimmungsstörungen bei tardiver Dyskinesie. Myslobodsky, M. Brain and Cognition23 (1993):88-101.
e) Kognitive Dysfunktion bei Schizophrenie. Waddington, J. Brain and Cognition 23 (1993):56-70.
f) Die Wirkung atypischer gegenüber typischen Antipsychotika auf tardive Dyskinesie. De Leon, J. Eur. Arch. Psychiatry Clinical Neurosciences 257 (2007):169-172.
g) Die neuropathologischen Auswirkungen von Antipsychotika. Harrison, P. Schizophrenia Research 40 (1999):87-99.
Langfristig können Antipsychotika zu einer dauerhaften Funktionsstörung der dopaminergen Bahnen im Gehirn führen. Sie können Bewegungsstörungen (späte Dyskinesie), schwere psychotische Symptome (späte Psychose) und einen allgemeinen kognitiven Verfall (späte Demenz) verursachen.
15. Langzeitstudie von Harrow/Jobe
a) Faktoren, die den Verlauf und die Genesung von Schizophreniepatienten ohne Antipsychotika beeinflussen. Harrow, M. Journal of Nervous and Mental Disease 195 (2007):407-414.
b) Benötigen alle Schizophreniepatienten ihr Leben lang eine kontinuierliche Behandlung mit Antipsychotika? Eine 20-jährige Längsschnittstudie. Harrow, M. Psychol Med 42 (2012):2145-55.
c) Beseitigt oder reduziert die Behandlung von Schizophrenie mit Antipsychotika Psychosen?” Harrow, M. Psychol Med 44 (2014):3007-16.
d) Erleichtert die Langzeitbehandlung von Schizophrenie mit Antipsychotika die Genesung? Harrow, M. Schizophr Bull39 (2013) :962-5.
Vom NIMH finanzierte Forschende verfolgten die Langzeitergebnisse von Schizophreniepatient:innen, die in den 1980er Jahren in zwei Krankenhäusern im Raum Chicago diagnostiziert worden waren, und stellten fest, dass nach 15 Jahren 40 % der Schizophreniepatient:innen, die die Einnahme von Antipsychotika eingestellt hatten, genesen waren, gegenüber 5 %, die die Medikamente weiterhin einnahmen. Sie stellten außerdem fest, dass es denjenigen, die keine Medikamente mehr einnahmen, in allen gemessenen Bereichen langfristig besser ging: Vorhandensein psychotischer Symptome, Rückfallquoten, Angstzustände, kognitive Funktionen und Beschäftigungsquoten.


Am auffälligsten war, dass Patient:innen mit einer milderen psychotischen Diagnose zu Beginn der Studie, die ihre Antipsychotika weiter einnahmen, langfristig schlechter abschnitten als diejenigen mit einer Schizophrenie-Diagnose – einer schwereren Diagnose –, die keine Antipsychotika mehr einnahmen.

16. Wunderinks randomisierte Studie zur schrittweisen Reduzierung der Medikamentendosis
a) Erholung bei remittierter Erstpsychose nach 7 Jahren Nachbeobachtung einer Strategie zur frühzeitigen Dosisreduktion/Absetzung der Erhaltungsbehandlung. Wunderink, L. JAMA Psychiatry 70 (2013):913–20. Lex Wunderink aus den Niederlanden randomisierte 128 Patient:innen, die sich von einer Erstpsychose erholt hatten, entweder zur „üblichen Behandlung” mit Medikamenten oder zu einem Programm zur schrittweisen Reduzierung der Medikamentendosis. Nach sieben Jahren war die Genesungsrate bei denjenigen, die in die Gruppe mit schrittweiser Reduzierung der Medikamentendosis randomisiert worden waren, doppelt so hoch wie bei den Patient:innen in der Gruppe mit üblicher Behandlung (40 % gegenüber 18 %).
17. Finnische Geburtskohortenstudie
a) Merkmale von Patienten mit Schizophrenie-Spektrum-Störungen mit und ohne Antipsychotika – eine 10-jährige Nachbeobachtung der Geburtskohortenstudie von 1966 in Nordfinnland. Moilanen, J. European Psychiatry 28 (2013):53-58. In dieser Studie identifizierten finnische Forschende 70 Patient:innen, die 1966 geboren wurden und bei denen schizophrene Psychosen diagnostiziert worden waren. Sie bewerteten den Status der Patient:innen im Jahr 2000, als diese 34 Jahre alt waren (mit einer durchschnittlichen Krankheitsdauer von 10,4 Jahren). Zu diesem Zeitpunkt ging es den 24, die keine Medikamente einnahmen, deutlich besser als den 46, die Antipsychotika einnahmen: Sie waren häufiger berufstätig, befanden sich häufiger in Remission und hatten bessere klinische Ergebnisse.

18. Australische Studie zur Medikamenteneinnahme a) Eine randomisierte kontrollierte Studie zur Rückfallpräventionstherapie für Patienten mit einer ersten Psychose. Gleeson, J. Schizophrenia Bulletin 39 (2013): 436-48. In Australien wurden 81 Patient:innen mit einer ersten Episode, deren Zustand durch Medikamente stabilisiert worden war, randomisiert entweder der üblichen Behandlung oder einer „spezialisierten Therapie” zugewiesen, die darauf abzielte, die Medikamenteneinnahme zu verbessern. Obwohl die Therapie die Compliance während der 30-monatigen Studie verbesserte, war die vermehrte Einnahme von Medikamenten mit „einer Verschlechterung der psychosozialen Funktionsfähigkeit und einer Zunahme negativer Symptome” verbunden.
19. Dänemarks OPUS-Studie
a) Antipsychotika und Remission psychotischer Symptome 10 Jahre nach einer ersten Psychose. Wils, R. Schizophrenia Research 182 (2017):42-48.
b) Kognitive Funktionen nach Absetzen von Antipsychotika. Eine naturalistische Subgruppenanalyse aus der OPUS II-Studie. Albert N. Psychological Medicine 49 (2019):1138-1147.
Diese dänische Studie begleitete 496 Patient:innen mit einer ersten Schizophrenie-Episode über einen Zeitraum von 10 Jahren. Am Ende dieses Zeitraums nahmen noch 303 Personen an der Studie teil, von denen 121 als „nicht therapietreu” eingestuft wurden und keine Medikamente mehr einnahmen. Die nicht therapietreuen Patient:innen befanden sich häufiger in Remission (74 % gegenüber 49 %) und gingen mit höherer Wahrscheinlichkeit einer Arbeit nach (37 % gegenüber 16 %). Zu Beginn der Studie gab es keine Unterschiede zwischen den beiden Gruppen. In einer zweiten Analyse ihrer Ergebnisdaten berichteten die OPUS-Forscher:innen, dass diejenigen, die keine Medikamente einnahmen, über bessere kognitive Funktionen verfügten, weniger positive und negative Symptome aufwiesen und mit höherer Wahrscheinlichkeit einen romantischen Partner hatten.
20. Deutsche Untersuchung der längerfristigen Ergebnisse
a) Symptome, Funktionsfähigkeit und Bewältigungsstrategien bei Personen mit Schizophrenie-Spektrum-Störungen, die keine Antipsychotika einnehmen: eine vergleichende Interviewstudie. Jung, E. Psychological medicine 46 (2016):1-10. In einer Studie mit 48 Patient:innen mit Schizophrenie-Spektrum-Störungen fanden deutsche Forschende heraus, dass diejenigen, die keine Medikamente einnahmen (23 von 48), ein signifikant höheres allgemeines Funktionsniveau aufwiesen und dass ihr Funktionsniveau umso höher war, je länger sie keine Medikamente einnahmen.
21. Die Perspektive der Patienten Antipsychotische Behandlung – eine systematische Literaturrecherche und Metaanalyse qualitativer Studien. Bjornestad, J. Journal of Mental Health (2019):1-11. Studien zur Perspektive der Patient:innen auf Antipsychotika ergaben, dass sie die langfristige Einnahme der Medikamente als Hindernis für ihre Genesung empfanden.