Leitbild

Mad in Deutschland setzt sich für eine ganzheitliche, gerechte, menschenrechtsbasierte und recoveryorientierte psychosoziale Versorgung ein. Insbesondere das Recht auf körperliche Unversehrtheit und auf Selbstbestimmung stehen für uns im Fokus. Dazu gehört eine informierte Zustimmung – oder auch Ablehnung – auf Grundlage umfassender Aufklärung über Risiken und unerwünschte Wirkungen von Psychopharmaka und Elektroschockbehandlungen sowie über mögliche Behandlungsalternativen. Ebenso zentral ist der Verzicht auf jegliche Form von formellem oder informellem Zwang. Wir fordern insbesondere die Aufklärung über durch Psychopharmaka ausgelöste Folgeschäden wie Akathisie und PSSD (Post-SSRI/SNRI Sexual Dysfunction).

Wir unterstützen die Idee, dass emotionale Krisen Teil menschlichen Erlebens sind und ganzheitlich verstanden sowie behandelt werden sollten. Das bedeutet, dass wir nicht der Erzählung zustimmen, dass eine Person, die depressiv ist, Angst hat oder Stimmen hört, gestört ist oder ein krankes Gehirn hat. In anderen Worten: Wir stellen das Pathologisieren menschlicher Erfahrung in Frage. 

Gemeinsam mit der Weltgesundheitsorganisation (WHO) kritisieren wir das biomedizinische Modell der Psychiatrie, das sich auf die Verabreichung von Psychopharmaka konzentriert. Wir sind überzeugt, dass dieses Behandlungsmodell gescheitert ist und dass die Zukunft in humanistischen nicht-medizinischen, nicht-psychopharmakologischen und nicht-elektrischen Alternativen liegt, die die ursächliche Rolle von sozialen und zwischenmenschlichen Konflikten, Missbrauch, Widrigkeiten und Ungerechtigkeiten ausdrücklich anerkennen.

Ebenso fordern wir – im Einklang mit der WHO – das Unterlassen invasiver, mit irreversiblen Folgen verbundener Eingriffe wie Elektroschocks und das Ernstnehmen schwerwiegender, langwieriger und extrem lebensbeeinflussender Psychopharmaka-Entzugssyndrome. Alle Substanzklassen von Psychopharmaka (Antidepressiva, Benzodiazepine, Neuroleptika, Stimulantien) können ab einer mehrwöchigen Einnahmezeit körperlich abhängig machen.

Wir setzen uns für eine Veränderung des fachlichen und öffentlichen Diskurses über psychisches Leid sowie ungewöhnliche Erfahrungen ein und für eine Sozialpolitik, die die Ursachen der Not an der Wurzel packt. Wir sprechen uns für humanistisch orientierte Hilfen zur Unterstützung bei psychischen Krisen aus und fördern wissenschaftlich fundierte Alternativen sowie die Erprobung neuer, betroffenenorientierter Unterstützungsformen.

Mad in Deutschland setzt sich auf verschiedene Weise dafür ein:

  • Wir schaffen eine alternative Medienplattform zu den Medien, die das biomedizinische Krankheitsmodell und Behandlungssystem propagieren.
  • Wir stellen die Erfahrungen der Nutzer:innen von psychiatrischen Diensten in ihrer ganzen Komplexität und Vielfalt in den Mittelpunkt. Wir sind überzeugt, dass Menschen ihre eigenen Erfahrungen besser verstehen können als jede:r andere. Sie haben das Potenzial zu erkennen, was ihnen hilft und was ihnen schadet. In diesem Sinne veröffentlichen wir die Erfahrungen von psychiatrisierten Menschen, von Nutzer:innen psychiatrischer Dienste sowie von Menschen, denen im allgemeinmedizinischen Bereich Psychopharmaka verabreicht wurden. Dadurch bieten wir der globalen Bewegung von Menschen, die durch psychische Gesundheitssysteme und ärztliches Handeln geschädigt wurden, auch bekannt als “psychiatric survivors”, eine Plattform.
  • Wir machen internationales Forschungs- und Erfahrungswissen zur Psychiatrie, sozialer Gerechtigkeit, Psychopharmaka und Elektroschocks zugänglich. Zu diesem Zweck übersetzen wir Artikel aus dem Netzwerk Mad in the World. Indem globales Wissen auffindbar wird, möchte Mad in Deutschland einen Beitrag dazu leisten, den Blick auf die Psychiatrie zu erweitern und nachhaltig zu verändern. Gleichzeitig möchten wir die deutsche Perspektive, deutsche Entwicklungen und deutsche Missstände aufzeigen.
  • Wir veröffentlichen Beiträge von deutschsprachigen Expert:innen aus Beruf und Erfahrung, die das überkommene biomedizinische Modell in Frage stellen. Mad in Deutschland steht allen offen, die sich für diese Ziele einsetzen, also direkt Betroffenen, psychosozial Tätigen, Allgemeinmediziner:innen, Jurist:innen, Historiker:innen, Soziolog:innen, Philosoph:innen, Angehörigen usw.
  • Zusätzlich zu den Beiträgen auf unserer Plattform stellen wir Medien und Links bereit zu einer Reihe von Websites, Podcasts, Blogs und Büchern mit Informationen, Projekten und Ressourcen jenseits des herrschenden biologischen Krankheitsmodells.