Antidepressiva

Diese Seite befasst sich mit Antidepressiva zur Behandlung von Depressionen. Sie bietet einen Überblick über die wissenschaftliche Evidenz zur kurzfristigen Anwendung und zu möglichen Nebenwirkungen. Der Schwerpunkt liegt auf einer kritischen Darstellung der Forschung zu den langfristigen Auswirkungen von Antidepressiva. Informationen zum Reduzieren und Absetzen von Antidepressiva finden Sie hier.

Verordnungszahlen von Antidepressiva in Deutschland

Viele Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) haben neben der Zulassung als Antidepressivum eine Zulassung zur Behandlung von Panikstörungen, Zwangsstörungen, sozialer Phobie oder posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS). Manche Substanzen wie Mirtazapin werden zusätzlich off-label (Verordnung eines Arzneimittels außerhalb des durch die Arzneimittelbehörden zugelassenen Gebrauchs) für Schlafstörungen oder zur Schmerztherapie eingesetzt. Somit finden die Verschreibungen von Antidepressiva nicht nur in psychiatrischen Praxen statt, sondern auch in hausärztlichen oder anderen fachärztlichen Praxen.

Die Verordnung und Einnahme von Antidepressiva hat in den letzten Jahren und Jahrzehnten in Deutschland massiv zugenommen. Von 1986 bis 2022 kam es zu einer Zunahme der definierten Tagesdosen pro 1000 Einwohner (DDD) von nahezu 1000 % (OECD).

Entwicklung der Antidepressiva-Verordnung von 1986-2022 gemessen an definierten Tagesdosen pro 1000 Einwohner in Deutschland (OECD), eigene Darstellung Redaktion Mad in Deutschland

Moore et al. (2009) verweisen darauf, dass die steigenden Verordnungszahlen nicht auf einen Anstieg der Diagnoseraten oder der Erstverschreibungen für Depressionen zurückzuführen sind, sondern hauptsächlich durch die Langzeitbehandlung entstehen.

Hier finden Sie eine Auswahl deutschsprachiger Beiträge, die sich kritisch mit Antidepressiva auseinandersetzen:

Evidenz für die kurzfristige Anwendung

Es gibt zahlreiche Debatten über die kurzfristige Wirksamkeit von Antidepressiva zur Behandlung von Depressionen. Diese Debatte hat zwei zentrale Kritikpunkte.

Der erste Punkt ist, dass die Wirksamkeitsnachweise aus von der Industrie finanzierten randomisierten klinischen Studien stammen, die in mehrfacher Hinsicht als zugunsten des Medikaments voreingenommen gelten:

  • Voreingenommenheit durch das Studiendesign: In den Kurzzeitstudien werden depressive Patient:innen, die sich freiwillig für die Studie gemeldet haben, abrupt von ihrem bisherigen Antidepressivum entwöhnt und nach einigen Tagen entweder randomisiert dem Antidepressivum oder einem Placebo (Scheinmedikament ohne Wirkung) zugewiesen. Somit besteht die Placebo-Gruppe aus Patient:innen, die möglicherweise Entzugssymptome haben, was sich negativ auf ihre Ergebnisse auswirken könnte.
  • Nicht repräsentative Patient:innen: Die Studien werden an einer kleinen Untergruppe von Patient:innen durchgeführt, von denen erwartet werden kann, dass sie am besten auf das Medikament ansprechen. Suizidgefährdete oder Patient:innen mit Begleiterkrankungen werden von solchen Studien ausgeschlossen.
  • Voreingenommenheit der Industrie: Die Pharmaunternehmen, die die Studien finanzieren, könnten ihre Ergebnisse verdrehen, unerwünschte Ereignisse verschweigen und nur Studien mit positiven Ergebnissen veröffentlichen. Dies führt zu einer Voreingenommenheit in der Literatur zugunsten von Antidepressiva.

Der zweite Kritikpunkt ist die Frage, ob diese von der Industrie finanzierten Studien den Nachweis erbringen, dass diese Medikamente gegenüber Placebo einen bedeutenden Vorteil bei der kurzfristigen Verringerung depressiver Symptome bieten. Die von der Industrie finanzierten Studien messen die Verringerung der Symptome anhand der Hamilton-Depressionsskala (HAM-D). Das National Institute of Clinical Excellence im Vereinigten Königreich hat erklärt, dass auf dieser Skala mindestens ein Unterschied von 3 Punkten zwischen der Antidepressiva- und der Placebo-Gruppe bestehen muss, damit dies klinisch signifikant ist. Meta-Analysen der von der Industrie finanzierten Studien haben ergeben, dass der Unterschied in der Symptomverringerung zwischen den beiden Gruppen etwas weniger als zwei Punkte beträgt. Dieser Unterschied mag zwar statistisch signifikant sein, erreicht jedoch nicht das Niveau der klinischen Signifikanz. Kirsch und andere haben auf der Grundlage von Symptomwerten eine „Effektstärke” von etwa 0,30 für Antidepressiva berechnet. Wie die nachstehende Grafik zeigt, die das Spektrum der Ergebnisse für zwei Gruppen mit einer Effektstärkendifferenz von 0,30 darstellt, bedeutet dies, dass sich die Verteilung der Ergebnisse für die medikamentös behandelten Patient:innen und die Placebo-Patient:innen zu 88 % überschneiden.

Grafik von Kristoffer Magnusson, http://rpsychologist.com/de/cohend/

Angesichts dieser Effektstärke haben Forscher:innen ermittelt, dass man acht Personen mit einem Antidepressivum behandeln muss, um eine zusätzliche Person zu erreichen, die von der Behandlung profitiert. Dies wird als NNT (Number needed to treat) von 8 bezeichnet. Sieben von acht mit einem Antidepressivum behandelten Personen sind den Nebenwirkungen des Medikaments ausgesetzt, ohne dass sie über die Placebo-Wirkung hinaus zusätzliche Vorteile bei der Verringerung der depressiven Symptome erzielen.

Ergebnisse bei Patient:innen aus der Praxis

Die Ansprechraten auf Antidepressiva sind in Studien mit Patient:innen aus der Praxis viel geringer. In einer Studie mit 118 „echten” ambulanten Patient:innen sprachen nach drei Monaten nur 19 % der Patient:innen auf ein Antidepressivum an, was eine viel geringere Ansprechrate ist als in den von der Industrie finanzierten Studien üblicherweise zu beobachten ist. Das NIMH finanzierte eine groß angelegte Studie, bekannt als STAR*D-Studie, um die Wirksamkeit von Antidepressiva bei Patient:innen aus der Praxis zu bewerten, und obwohl die Patient:innen bis zu vier Behandlungszyklen mit verschiedenen Antidepressiva erhielten, sprachen nur 38 % jemals auf die Behandlung an.

Unerwünschte Arzneimittelwirkung

SSRIs und SNRIs können Übelkeit, Erbrechen, Schlaflosigkeit, Sedierung, Verstopfung, Ohnmacht, Schwitzen, Kopfschmerzen, Herzklopfen, Hautausschläge, Gewichtszunahme, verschwommenes Sehen, Zittern, Schüttelfrost, hohes Fieber, Krampfanfälle, abnormale Blutungen und Schlaganfälle verursachen. Zu den emotionalen und psychiatrischen Nebenwirkungen zählen Depersonalisation, Derealisation, Verwirrung, Manie und Psychosen. Bei Teenagern und Erwachsenen treten häufig sexuelle Funktionsstörungen auf, und ein erheblicher Prozentsatz der Jugendlichen (aber auch der Erwachsenen) kann unter einer schweren inneren Unruhe leiden, die als Akathisie bezeichnet wird und mit einem erhöhten Risiko für Gewalt und Suizid verbunden ist. Die Entzugssymptome können schwerwiegend sein. Eine längerfristige Einnahme kann zu kognitivem Verfall und anhaltenden sexuellen Funktionsstörungen führen, selbst nach Absetzen des Medikaments.

Langfristige Ergebnisse

Ein tieferes Verständnis der langfristigen Auswirkungen von Antidepressiva ergibt sich aus einer historischen Betrachtung der wissenschaftlichen Literatur. Diese zeigt, dass Antidepressiva über längere Zeiträume hinweg das Risiko erhöhen können, dass Depressionen chronisch verlaufen und die Funktionsfähigkeit der Betroffenen dauerhaft beeinträchtigt wird.

Der natürliche Verlauf einer Depression

Vor dem weit verbreiteten Einsatz von Antidepressiva teilte das amerikanische National Institute of Mental Health (NIMH) der Öffentlichkeit mit, dass Menschen sich in der Regel von einer depressiven Episode erholen und oft nie eine zweite Episode erleben. Wie Jonathan Cole vom NIMH 1964 schrieb: „Depressionen gehören insgesamt zu den psychiatrischen Erkrankungen mit der besten Prognose für eine letztendliche Genesung, mit oder ohne Behandlung.“ Selbst in Studien mit hospitalisierten Patient:innen konnte bei 85 % mit einer Genesung innerhalb eines Jahres (oder sogar schneller) gerechnet werden. Die meisten depressiven Episoden, erklärte Dean Schuyler, Leiter der Abteilung für Depressionen am NIMH, 1974, „verlaufen ihren natürlichen Verlauf und enden ohne spezifische Intervention mit einer nahezu vollständigen Genesung.“

Das Problem der Chronifizierung

Als Psychiater:innen jedoch begannen, ihre depressiven Patient:innen mit Antidepressiva zu behandeln, beobachteten mehrere von ihnen, dass viele ihrer Patient:innen, sobald es ihnen besser ging und sie die Medikamente absetzten, wieder depressiv wurden. Die Medikamente halfen den Menschen zwar kurzfristig, aber es schien, als würde ihre Einnahme zu einer „Chronifizierung“ der Krankheit führen.

Zu dieser Aussage muss angemerkt werden, dass Psychiater:innen bis heute oftmals nicht sicher unterscheiden, ob nach dem Absetzen von Antidepressiva auftretende Symptome Entzugssymptome sind oder sogenannte Rezidive, also ein Wiederauftreten der ursprünglichen Symptomatik. Diese Unterscheidung ist allerdings äußerst relevant, um einerseits zu evaluieren, wie viele Menschen tatsächlich eine Depression haben (Prävalenz) und um andererseits auch zu wissen, welche Behandlung indiziert ist.

Ein Effekt der Chronifizierung der Depressionen wird auch in Deutschland deutlich, betrachtet man die Diagnosedaten der Krankenhäuser zwischen 2000 und 2023: Die Diagnose einer rezidivierenden depressiven Störung hat sich seit 2000 in der stationären Behandlung mehr als vervierfacht, die einzelne depressive Episode ist stattdessen seit 2014 rückläufig (Statistisches Bundesamt, 2025). Diese Veränderung deutet auf einen zunehmend chronisch werdenden Verlauf von Depressionen hin.

Entwicklung der Krankenhausbehandlung bei depressiven Störungen von 2000-2023, (Statistisches Bundesamt, 2025), eigene Darstellung Redaktion Mad in Deutschland

Derzeit ist unklar, wie viele Depressionsdiagnosen fälschlicherweise gestellt werden, wenn eigentlich Entzugssymptome vorliegen und wie viele tatsächlich eine wiederkehrende Depression bezeichnen. Vor diesem Hintergrund ist unklar, ob im Zusammenhang mit der Einnahme und dem Absetzen von Antidepressiva iatrogen (= aus der Behandlung entstandene) ausgelöste Symptome – insbesondere Entzugssymptome – auftreten, die fälschlicherweise als Depression diagnostiziert werden. Aus der Korrelation von steigenden Verordnungszahlen von Antidepressiva und der zunehmenden Anzahl an Depressionsdiagnosen könnte man schließen, dass diese vorwiegend biomedizinische Behandlung von Depressionen die gesundheitliche Situation der Betroffenen nicht verbessert, sondern im Gegenteil möglicherweise verschlechtert.

Weiter unten finden sich Übersichten zu den Raten der Erwerbsminderung und Frühberentung von Menschen mit Depressionsdiganosen, jeweils in Beziehung zu den Einnahmeraten von Antidepressiva im internationalen Vergleich. Auch diese Daten sind ein Hinweis darauf, dass die überwiegend biomedizinische Behandlung mit Antidepressiva langfristig bedenklich sein könnte.

1. Recurrent Vital Depression Van Scheyen, J. Psychiatrie, Neurologie, Neurochirurgie 76 (1973):93-112. Nach Durchsicht der Literatur und Durchführung einer eigenen Studie kam der niederländische Forscher J. D. Van Scheyen zu dem Schluss, dass „eine systematischere Langzeitbehandlung mit Antidepressiva, mit oder ohne EKT, einen paradoxen Effekt auf die Wiederkehrrate lebensbedrohlicher Depressionen hat. Mit anderen Worten: Dieser therapeutische Ansatz war mit einer Zunahme der Rückfallquote und einer Verkürzung der Zyklusdauer verbunden.”

Forscher:innen berichten, dass Rückfälle nach der Einnahme von Antidepressiva häufig sind

Wie bereits oben erläutert, wird in der aktuellen Diagnostik nicht zwischen Entzugssymptomen nach dem Absetzen eines Antidepressivums und einer echten depressiven Episode unterschieden. Somit bleibt unklar, ob die Symptome, die nach der Beendigung einer Antidepressiva-Einnahme auftreten, als Rückfälle einzustufen sind. Unabhängig davon zeigen die bisherigen Studien, dass die Behandlung von Depressionen mit Antidepressiva langfristig keine stabile Verbesserung des Gesundheitszustands bewirkt – im Gegenteil: Sie kann mit einer Verschlechterung einhergehen.

In den 1970er- und 1980er-Jahren berichteten das NIMH und andere Forschungsgruppen, dass Patient:innen nach dem Absetzen ihrer Antidepressiva häufiger „Rückfälle“ erlitten als in der Zeit vor der breiten Einführung dieser Medikamente. Neuere Untersuchungen bestätigen, dass diese Rückfallraten deutlich höher liegen als bei Personen, die lediglich ein Placebo erhielten.

2. An evaluation of continuation therapy with tricyclic antidepressants in depressive illness.Mindham, R. Psychological Medicine 3 (1973):5-17. Britische Forscher:innen fanden heraus, dass 50 % der Patient:innen, bei denen das Medikament abgesetzt wurde, innerhalb von sechs Monaten einen Rückfall erlitten.

3. Maintenance therapy with amitriptyline. Stein, M. American Journal of Psychiatry 137 (1980):370-1. Forscher:innen der University of Pennsylvania berichteten, dass 69 % der Patient:innen, die ein Antidepressivum abgesetzt hatten, innerhalb von sechs Monaten einen Rückfall erlitten. Bei den meisten Patient:innen kam es zu einer „raschen klinischen Verschlechterung”.

4. Drug therapy in the prevention of recurrences in unipolar and bipolar affective disorders.Prien, R. Archives of General Psychiatry 41 (1984):1096-1104. Robert Prien vom NIMH berichtete, dass 71 % der depressiven Patient:innen innerhalb von 18 Monaten nach Absetzen des Medikaments einen Rückfall erlitten.

5. Course of depressive symptoms over followup. Shea, M. Archives of General Psychiatry 49 (1992):782-87. In einer 18-monatigen NIMH-Studie, in der vier Behandlungsarten (zwei Formen der Psychotherapie, ein Antidepressivum und Placebo) verglichen wurden, wies die Gruppe, die ursprünglich mit dem Antidepressivum behandelt worden war, am Ende der Studie die niedrigste Remissionsrate auf.

6. Discontinuing antidepressant treatment in major depression.  Viguera, A. Harvard Review of Psychiatry 5 (1998):293-305. In einer Metaanalyse der Literatur zu Rückfällen kamen Harvard-Forscher:innen zu dem Schluss, dass mindestens 50 % der Patient:innen, die ihre Medikamente abgesetzt hatten, innerhalb von 14 Monaten einen Rückfall erlitten.

Medikamentös behandelte Depressionen verlaufen chronisch und langfristig, nicht medikamentös behandelte Depressionen hingegen nicht

In der Zeit vor der Einführung von Antidepressiva ergaben epidemiologische Studien, dass Patient:innen sich regelmäßig von einer depressiven Episode erholten und oft jahrelang gesund blieben (oder nur eine einzige depressive Episode erlitten). Langzeitstudien, die in den 1990er- und frühen 2000er-Jahren durchgeführt wurden, ergaben, dass medikamentös behandelte Depressionen einen viel chronischeren Verlauf nehmen und nur ein kleiner Prozentsatz der Menschen eine anhaltende Remission erlebt. Im Gegensatz dazu berichtete eine einjährige Studie über nicht medikamentös behandelte Depressionen aus den 1990er Jahren von einer einjährigen Genesungsrate von 85 %, ähnlich der Genesungsrate in der Zeit vor der Einführung von Antidepressiva.

7. Does incomplete recovery from first lifetime major depressive episode herald a chronic course of illness? Judd, L. American Journal of Psychiatry 157 (2000):1501-4. Zwei Drittel aller Patient:innen mit unipolarer Depression sprechen entweder gar nicht oder nur teilweise auf die Erstbehandlung mit einem Antidepressivum an, und diese Patient:innen haben langfristig schlechte Prognosen. Von der NIMH finanzierte Forscher:innen berichteten in dieser Studie, dass „die Auflösung einer schweren depressiven Episode mit verbleibenden subklinischen depressiven Symptomen, selbst wenn es sich um die erste Episode im Leben handelt, der erste Schritt zu einem schwereren, rezidivierenden und chronischen Krankheitsverlauf zu sein scheint”.

8. One-year clinical outcomes of depressed public sector outpatients. Rush, J. Biological Psychiatry 56 (2004):46-53. Psychiater:innen am Texas Southwestern Medical Center in Dallas stellten fest, dass die meisten klinischen Studien Patient:innen „herauspicken“, die am ehesten gut auf ein Antidepressivum ansprechen. In dieser Langzeitstudie mit „echten“ Patient:innen blieben nur etwa 13 % der Patient:innen über einen längeren Zeitraum hinweg stabil. Diese „Ergebnisse zeigen bemerkenswert niedrige Ansprech- und Remissionsraten“, schlussfolgerten die Forscher:innen.

9. Efficacy and Effectiveness of Antidepressants. Pigott, H. Psychotherapy and Psychosomatics 79 (2010):267-279. In einer großen NIMH-Studie mit 4.041 „echten” ambulanten Patient:innen, bekannt als STAR*D-Studie, erreichten nur 108 Patient:innen eine Remission und blieben während der einjährigen Nachbeobachtungszeit gesund und in der Studie. Dies entspricht einer Gesundheitserhaltungsrate von 3 %.

10. The naturalistic course of major depression in the absence of somatic therapy. Posternak, M. Journal of Nervous and Mental Disease 194 (2006):324-9. In einer NIMH-Studie zu „unbehandelter Depression” erholten sich 23 % der nicht medikamentös behandelten Patient:innen innerhalb eines Monats, 67 % innerhalb von sechs Monaten und 85 % innerhalb eines Jahres. „Wenn sich bis zu 85 % der depressiven Personen, die keine somatische Behandlung erhalten, innerhalb eines Jahres spontan erholen, wäre es äußerst schwierig für jede Intervention, ein besseres Ergebnis als dieses zu erzielen”, schrieben die Forscher:innen.

Forscher:innen liefern eine biologische Erklärung dafür, warum Medikamente die Langzeitprognose verschlechtern können 

In den 1990er- und frühen 2000er-Jahren verfasste der italienische Psychiater Giovanni Fava Artikel darüber, dass Antidepressiva offenbar die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass eine Person, die an einer depressiven Episode leidet, chronisch krank wird. Er und andere stellten die Hypothese auf, dass Antidepressiva eine „oppositionelle Toleranz“ hervorrufen, die zu einem chronischen depressiven Zustand führen kann, der als tardive Dysphorie bezeichnet wird.

11. Do antidepressant and antianxiety drugs increase chronicity in affective disorders?Fava, G. Psychotherapie und Psychosomatik 61 (1994):125-31. „Es ist an der Zeit, darüber zu diskutieren und Untersuchungen darüber anzustoßen, inwieweit Psychopharmaka zumindest in einigen Fällen den Verlauf der Krankheit, die sie eigentlich behandeln sollen, tatsächlich verschlimmern”, schrieb Fava in diesem Artikel.

12. Holding on, depression, sensitization by antidepressant drugs, and the prodigal experts. Fava, G. Psychotherapie und Psychosomatik 64 (1995):57-61. Antidepressiva können bei Depressionen kurzfristig hilfreich sein, verschlimmern jedoch langfristig den Krankheitsverlauf, indem sie die biochemische Anfälligkeit des Patient:innen für Depressionen erhöhen.

13. Risks and implications of interrupting maintenance psychotropic drug therapy. Baldessarini, R. Psychotherapy and Psychosomatics 63 (1995):137-41. Der Harvard-Psychiater Ross Baldessarini schreibt: Favas „Frage und die damit verbundenen Themen … sind nicht angenehm zu betrachten, erfordern aber nun eine offene und ernsthafte klinische und wissenschaftliche Auseinandersetzung.“

14.  Potential sensitising effects of antidepressant drugs on depression.Fava, G. CNS Drugs 12 (1999):247-56. Die Einnahme von Antidepressiva kann die Krankheit in einen bösartigeren und therapieresistenten Verlauf treiben.

15. Can long-term antidepressant use be depressogenic? El-Mallakh, R. Journal of Clinical Psychiatry 60 (1999):263. „Die langfristige Einnahme von Antidepressiva kann depressogen sein . . . es ist möglich, dass Antidepressiva die Verdrahtung der neuronalen Synapsen verändern, was nicht nur Antidepressiva unwirksam macht, sondern auch einen anhaltenden, refraktären depressiven Zustand hervorruft.“

16. Can long-term treatment with antidepressant drugs worsen the course of depression? Fava, G. Journal of Clinical Psychiatry 64 (2003):123-33. Um mit der Störung der Neurotransmitteraktivität durch Antidepressiva fertig zu werden, nimmt das Gehirn kompensatorische Anpassungen vor, und „wenn die medikamentöse Behandlung beendet wird, können diese (kompensatorischen) Prozesse ungehindert ablaufen, was zum Auftreten von Entzugssymptomen und einer erhöhten Anfälligkeit für Rückfälle führt“, so Fava.

17. Tardive Dysphoria: The Role of Long-term Antidepressant Use in Inducing Chronic Depression. El-Mallakh, R. Medical Hypotheses 76 (2011):769-773. Antidepressiva „können Prozesse auslösen, die das Gegenteil dessen sind, was das Medikament ursprünglich bewirkt hat“, und dies kann „zu einer Verschlimmerung der Erkrankung führen, nach Absetzen des Medikaments noch eine Zeit lang anhalten und möglicherweise nicht reversibel sein“. Der Forscher schreibt: „Es wird vermutet, dass ein chronischer und behandlungsresistenter depressiver Zustand bei Personen auftritt, die über einen längeren Zeitraum starken Antagonisten der Serotonin-Wiederaufnahmepumpen ausgesetzt sind. Aufgrund des verzögerten Einsetzens dieses chronischen depressiven Zustands wird er als tardive Dysphorie bezeichnet.“

Unbehandelte Depression vs. medikamentös behandelte Depression heute 

In den letzten 25 Jahren haben Forscher:innen in Europa, Kanada und den Vereinigten Staaten eine Reihe von „naturalistischen“ Studien durchgeführt, die regelmäßig gezeigt haben, dass medikamentös behandelte Patient:innen langfristig häufiger depressiv und funktionell beeinträchtigt sind.

18. Characteristics and significance of untreated major depressive disorder. Coryell, W. American Journal of Psychiatry152 (1995):1124-9. Von NIMH finanzierte Forscher:innen verfolgten über einen Zeitraum von sechs Jahren die Ergebnisse von medikamentös und nicht medikamentös behandelten depressiven Menschen; diejenigen, die wegen ihrer Erkrankung „behandelt” wurden, litten dreimal häufiger als die unbehandelte Gruppe unter einem „Verlust” ihrer „wichtigsten sozialen Rolle” und fast siebenmal häufiger unter einer „Arbeitsunfähigkeit”. Die NIMH-Forscher:innen schrieben: „Die hier beschriebenen unbehandelten Personen hatten eine mildere und kürzer andauernde Erkrankung (als die behandelten) und zeigten trotz fehlender Behandlung langfristig keine signifikanten Veränderungen ihres sozioökonomischen Status.” 

19. Outcome of anxiety and depressive disorders in primary care. Ronalds, C. British Journal of Psychiatry 171 (1997):427-3. In einer britischen Studie mit 148 depressiven Patient:innen verringerte sich die Symptomatik der nie medikamentös behandelten Gruppe innerhalb von sechs Monaten um 62 %, während die medikamentös behandelten Patient:innen nur eine Verringerung der Symptome um 33 % verzeichneten.

20. The effects of detection and treatment on the outcome of major depression in primary care.  Goldberg, D. British Journal of General Practice 48 (1998):1840-4. In einer WHO-Studie mit depressiven Patient:innen in 15 Städten weltweit, die darauf abzielte, die Vorteile einer Früherkennung der Erkrankung zu bewerten, wurde festgestellt, dass diejenigen, die keine Psychopharmaka erhielten, nach einem Jahr einen deutlich besseren „allgemeinen Gesundheitszustand” aufwiesen, ihre depressiven Symptome viel milder waren und sie seltener weiterhin „psychisch krank” waren.

21. Treatment of depression related to recurrence.Weel-Baumgarten, E. Journal of Clinical Pharmacy and Therapeutics 25 (2000):61-6. In einer retrospektiven Studie über die Ergebnisse nach 10 Jahren stellten niederländische Forscher:innen fest, dass 76 % derjenigen, die nicht mit einem Antidepressivum behandelt wurden, sich erholten und nie einen Rückfall erlitten, verglichen mit 50 % derjenigen, denen ein Antidepressivum verschrieben wurde.

22. Pattern of antidepressant use and duration of depression-related absence from work. Dewa, S. British Journal of Psychiatry 183 (2003):507-13. Kanadische Forscher:innen identifizierten 1.281 Personen, die zwischen 1996 und 1998 wegen einer Depression zehn aufeinanderfolgende Arbeitstage fehlten und deshalb kurzfristig arbeitsunfähig waren. Diejenigen, die kein Antidepressivum verschrieben bekamen, kehrten im Durchschnitt nach 77 Tagen an ihren Arbeitsplatz zurück, während die medikamentös behandelte Gruppe 105 Tage brauchte, um wieder arbeitsfähig zu sein. Nur 9 % der nicht medikamentös behandelten Gruppe wurden langfristig arbeitsunfähig, verglichen mit 19 % derjenigen, die ein Antidepressivum einnahmen. 

23. The impact of antidepressant treatment on population health. Patten, S. Population Health Metrics 2 (2004):9-16. In einer fünfjährigen Studie mit 9.508 depressiven Patient:innen in Kanada waren medikamentös behandelte Patient:innen durchschnittlich 19 Wochen pro Jahr depressiv, gegenüber 11 Wochen bei denjenigen, die keine Medikamente einnahmen. Die kanadischen Forscher:innen kamen zu dem Schluss, dass ihre Ergebnisse mit der Hypothese von Giovanni Fava übereinstimmen, dass „eine Behandlung mit Antidepressiva zu einer Verschlechterung des langfristigen Verlaufs von Stimmungsstörungen führen kann”.

24. Continuing and maintenance use of antidepressants in recurrent depression.  Bockting, C. Psychotherapie und Psychosomatik 77 (2008):17-26. Forscher:innen in den Niederlanden beobachteten 172 Patient:innen zwei Jahre lang, nachdem ihre Depression zunächst abgeklungen war, und stellten fest, dass während dieser Nachbeobachtungszeit die Rückfallquote bei denjenigen, die kontinuierlich ein Antidepressivum einnahmen, 60 % betrug, bei denjenigen, die es intermittierend einnahmen, 64 % und bei denjenigen, die überhaupt kein Antidepressivum einnahmen, 26 %.

25. Impact of duration of antidepressant treatment on the risk of a new sequence of antidepressant treatment. Verdoux, H. Pharmopsychiatry 44 (2011):96-101. Französische Forscher:innen fanden in einer Studie mit 35.000 Patient:innen mit einer ersten Episode heraus, dass die Rückfallquote umso höher war, je länger die Patient:innen vor dem Absetzen mit einem Antidepressivum behandelt worden waren. Diejenigen, die länger als sechs Monate einem Antidepressivum ausgesetzt waren, hatten ein mehr als doppelt so hohes Rückfallrisiko als diejenigen, die weniger als einen Monat lang behandelt wurden.

26. Blue Again: Perturbational Effects of Antidepressants Suggest Monoaminergic Homeostasis in Major Depression. Andrews, P. Frontiers in Psychology 2 (2011):159. In einer Metaanalyse von 46 Studien fanden Forscher:innen heraus, dass die Rückfallquote bei Placebo-Respondern während einer Nachbeobachtungszeit 25 % betrug, verglichen mit 45 % bei Medikamenten-Respondern, bei denen das Medikament anschließend abgesetzt wurde.

27. Poorer long-term outcomes among persons with major depressive disorder treated with medication. Vittengl, J. Psychotherapie und Psychosomatik 86 (2017): 302-304. Eine Analyse der Ergebnisse von 3.294 Personen, bei denen eine Depression diagnostiziert wurde und die neun Jahre lang beobachtet wurden, ergab, dass diejenigen, die während dieses Zeitraums Antidepressiva einnahmen, am Ende der neun Jahre schwerwiegendere Symptome aufwiesen als diejenigen, die keine solchen Medikamente einnahmen. Der Unterschied in den Ergebnissen konnte nicht durch Unterschiede in der anfänglichen Schwere der Depression erklärt werden.

28. Antidepressant use prospectively relates to a poorer long-term outcome of depression: Results from a prospective community cohort study over 30 years. Hengartner, M. Psychotherapie und Psychosomatik 28 (2018):181-183. Eine prospektive Studie mit 521 depressiven Patient:innen in der Schweiz, die vom 20. bis zum 50. Lebensjahr beobachtet wurden, ergab, dass die Einnahme eines Antidepressivums zu irgendeinem Zeitpunkt während dieses Zeitraums mit schlechteren Ergebnissen am Ende der Studie verbunden war, selbst wenn die anfänglichen Symptome und andere Faktoren kontrolliert wurden.

29. Antidepressant Use During Acute Inpatient Care Is Associated With an Increased Risk of Psychiatric Rehospitalisation Over a 12-Month Follow-Up After Discharge. Hengartner M. Frontiers in Psychiatry 10 (2019):79. In einer Studie mit 90 psychiatrischen Patient:innen entlassen aus zwei Schweizer Kliniken fanden Forschende heraus, dass diejenigen, die während ihres Klinikaufenthalts mit Antidepressiva behandelt worden waren, in den folgenden zwölf Monaten mehr als dreimal so häufig erneut hospitalisiert wurden wie jene, die keine Antidepressiva erhalten hatten.
Um den Einfluss der Medikation möglichst isoliert zu untersuchen, wurden die beiden Gruppen zu Studienbeginn paarweise anhand verschiedener klinischer Merkmale abgeglichen – darunter der Schweregrad der Erkrankung, funktionelle Einschränkungen sowie psychosoziale Belastungen.

30. Prior antidepressant treatment trials may predict a greater risk of depressive relapse during antidepressant maintenance therapy. Amsterdam, J. J of Clinical Psychopharmacology 39 (2019):344-350. Eine Studie mit 148 Personen mit einer bipolaren II-Diagnose, die sich von einer depressiven Episode erholt hatten, ergab, dass der „größte Prädiktor für einen Rückfall” in den folgenden 50 Wochen darin bestand, ob sie vor der Teilnahme an der Studie ein Antidepressivum eingenommen hatten. Bei denjenigen, die ein Antidepressivum eingenommen hatten, war die Wahrscheinlichkeit eines Rückfalls fast dreimal so hoch.

Behinderung im Zeitalter von Prozac 

In den Vereinigten Staaten und anderen Ländern, in denen die Einnahme von Antidepressiva alltäglich geworden ist, ist die Zahl der Erwachsenen, die aufgrund von Stimmungsstörungen arbeitsunfähig sind, parallel zum Anstieg der Einnahme von Antidepressiva gestiegen.

Zusammenfassung der Langzeitbefunde

Die wissenschaftliche Literatur zeichnet ein Bild, das sich über einen Zeitraum von fünfzig Jahren erstreckt. Schon bei der Einführung der Antidepressiva befürchteten einige Psychiater:innen, dass die medikamentöse Behandlung zu einer Chronifizierung der Erkrankung führen könnte. In den folgenden zwei Jahrzehnten stellten Forscher:innen fest, dass mit Antidepressiva behandelte Patient:innen häufiger Rückfälle erlitten als zuvor. Studien aus den 1990er- und frühen 2000er-Jahren kamen zu dem Ergebnis, dass die Mehrheit der depressiven Patient:innen keine nachhaltige Genesung erreichte. Es wurde festgestellt, dass medikamentös behandelte Depressionen einen chronischeren Verlauf nehmen als vor der breiten Einführung dieser Medikamente. Zahlreiche Studien seit 1995 belegen, dass Menschen, die Antidepressiva einnehmen, mit größerer Wahrscheinlichkeit über einen längeren Zeitraum symptomatisch bleiben als Menschen, die keine Medikamente einnehmen. Zudem wurde gezeigt, dass Antidepressiva das Risiko erhöhen können, dass eine depressive Episode in eine dauerhafte Arbeitsunfähigkeit mündet. Diese Entwicklung spiegelt sich auch auf gesellschaftlicher Ebene: In vielen Ländern geht der Anstieg der Antidepressiva-Verschreibungen mit einer Zunahme der Arbeitsunfähigkeit aufgrund von affektiven Störungen einher.

Recherchen zusammengestellt von Robert Whitaker

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