Psychopharmaka absetzen: Informationen zum Ausschleichen und zu Entzugssymptomen

Diese Seiten sollen Ressourcen bereitstellen, die für eine fundierte Entscheidung über das Absetzen von Psychopharmaka relevant sind. Sie finden hier diverse Informationen wie internationales Forschungswissen und Absetzstrategien, die durch Fachartikel, Angebote und Broschüren aus Deutschland ergänzt werden.

Zusätzlich zu den allgemeinen Informationen über das Absetzen von Psychopharmaka auf dieser Seite finden Sie hier auch Informationen zu diesen beiden Medikamentenklassen:

  • Antidepressiva – werden zur Behandlung von Depressionen eingesetzt, manchmal auch „off-label” bei Panikstörungen, Zwangsstörungen und posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) verschrieben. Gängige Beispiele sind Paroxetin und Venlafaxin.
  • Antipsychotika (Neuroleptika) – werden zur Behandlung von psychotischen Erfahrungen eingesetzt. Manchmal werden sie auch bei bipolarer Depression oder schweren Angstzuständen verschrieben. Gängige Beispiele sind Aripiprazol und Olanzapin.

Wir wissen, dass diese Liste nicht vollständig ist und ergänzen weitere Klassen zu einem späteren Zeitpunkt.

Was verursacht Entzugssymptome? (Oppositionelle Toleranz)

Der genaue Mechanismus ist unbekannt, aber eine Theorie besagt, dass sich der Körper im Laufe der Zeit an das Vorhandensein des Medikaments anpasst, indem er die Anzahl oder Empfindlichkeit der Neurotransmitter-Rezeptoren verändert. Wenn das Medikament reduziert oder abgesetzt wird, werden diese Anpassungen durch das Medikament nicht mehr kompensiert, was zu Entzugssymptomen führt. Diese Anpassung wird als oppositional tolerance (oppositionelle Toleranz) bezeichnet und als Grund dafür angesehen, dass Entzugssymptome noch lange nach dem Abklingen des Medikaments im Körper anhalten können. Sie können eine detailliertere Beschreibung der Wirkung von Psychopharmaka auf das Gehirn nachlesen.

Unterschied zwischen körperlicher Abhängigkeit und Sucht

Behandler:innen weisen oftmals jede Behauptung zurück, dass Antidepressiva und Neuroleptika (Antipsychotika) süchtig machen. In einem Auszug aus der Broschüre des „National Institute on Drug Abuse (NIDA)“ gibt es folgende Erklärung für den Unterschied zwischen körperlicher Abhängigkeit und Sucht:

„Körperliche Abhängigkeit ist nicht gleichbedeutend mit Abhängigkeit oder Sucht und kann bei regelmäßigem (täglichem oder fast täglichem) Konsum einer Substanz auftreten, egal ob legal oder illegal, selbst wenn diese wie verschrieben eingenommen wird. Sie entsteht, weil sich der Körper auf natürliche Weise an den regelmäßigen Konsum einer Substanz (z. B. Koffein oder ein verschreibungspflichtiges Medikament) anpasst. Wenn diese Substanz weggenommen wird, können Symptome auftreten, während sich der Körper wieder an den Verlust der Substanz gewöhnt. Körperliche Abhängigkeit kann zu einem Verlangen nach der Droge führen, um die Entzugssymptome zu lindern. Drogenabhängigkeit und Sucht beziehen sich auf Substanzgebrauchsstörungen, die körperliche Abhängigkeit beinhalten können, aber auch zusätzliche Kriterien erfüllen müssen.“

Mark Horowitz und David Taylor beschreiben in diesem Artikel, dass Sucht und körperliche Abhängigkeit nicht dasselbe sind. Sie verweisen auf ein Standardwerk der Pharmakologie (Goodman and Gilman’s The Pharmacological Basis of Therapeutics, 12. Auflage), welches körperliche Abhängigkeit wie folgt definiert (S. 649):

„Das Auftreten von Entzugssymptomen ist das Hauptmerkmal einer „körperlichen“ Abhängigkeit. Nach dieser Definition kann eine Abhängigkeit bei der Einnahme von Opioiden, β-Blockern, Antidepressiva, Benzodiazepinen und Stimulanzien auftreten, selbst wenn diese Mittel wie verschrieben zu therapeutischen Zwecken eingenommen werden. Der Zustand der „körperlichen“ Abhängigkeit ist eine normale Reaktion, die … an sich kein Anzeichen für eine Sucht darstellt.“

Die Definition der Substanzabhängigkeit wurde seit dem Jahr 1987, demselben Jahr als Fluoxetin in den USA unter dem Namen „Prozac“ seine Markteinführung hatte, im US-amerikanischen Diagnosemanual DSM mehrfach geändert. Bis dahin reichte es aus, entweder Toleranz gegenüber einer Substanz zu entwickeln oder Entzugssymptome zu erleben, damit man als abhängig von der Substanz galt. Diese Kriterien erfüllen alle psychiatrischen Substanzklassen.

Ab 1987 und seit der Veröffentlichung des amerikanischen Diagnostic and Statistical Manual (DSM)-III-R nahm die Definition für Abhängigkeit immer mehr den Charakter von Sucht an. Diese Charakteristik erfüllen weder Antidepressiva noch Neuroleptika. Somit ist es richtig, dass Antidepressiva und Neuroleptika nicht süchtig machen. Sie machen aber körperlich abhängig und das Reduzieren der Dosis oder das Weglassen der Substanz kann Entzugssymptome verursachen. Und das auch dann, wenn die Substanzen exakt wie verordnet eingenommen werden. Als Zeitraum dafür, ab wann man von einer körperlichen Abhängigkeit bei Antidepressiva spricht, werden in der Literatur häufig 1 bis 8 Wochen genannt.

Psychopharmaka absetzen – Erfahrungen dokumentieren und melden

Das Absetzen von Psychopharmaka kann mit einer Vielzahl körperlicher und psychischer Symptome einhergehen, die bislang oft unzureichend erforscht oder erkannt werden. Eine systematische Erfassung dieser Erfahrungen ist entscheidend, um mehr Wissen über Entzugsverläufe gewinnen zu können und eine sichere, verantwortungsvolle Verschreibungspraxis zu fördern.

Wir möchten Betroffene ermutigen, auftretende Entzugssymptome sorgfältig zu dokumentieren und – sofern möglich – den zuständigen Behörden zu melden, etwa dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) und/oder der US-amerikanischen Arzneimittelbehörde (FDA). Jede Meldung trägt dazu bei, dass Entzugssymptome ernst genommen und in Forschung, Regulierung und Versorgung besser berücksichtigt werden können. Eine umfassende Liste an möglichen Entzugssymptomen finden Sie hier (Rosenbaum et al., 1998).

Professionelle Unterstützung: Absetzsprechstunden und Kliniken in Deutschland

In einem von Peter Lehmann und Stefan Weinmann organisierten Symposium aus dem Jahr 2024 wird die fehlende Anerkennung der Medikamentenabhängigkeit von Substanzen wie Antidepressiva und Neuroleptika als eine „unterlassene Hilfeleistung“ des Fachgebiets Psychiatrie bezeichnet. In den Leitlinien der deutschen Fachgesellschaften (insbesondere S3-Leitlinie „Unipolare Depression“) wird dieses Thema nach wie vor nur unzureichend abgebildet. Erkenntnisse und Erfahrungen aus der Betroffenencommunity wurden nicht aufgegriffen. Dies führt dazu, dass Betroffene einem erhöhten und vermeidbaren Risiko durch abrupte Absetzversuche ausgesetzt sind.

Die Menschenrechtsverletzungen durch die Verschreibung von Psychopharmaka ohne vollumfängliche Aufklärung und/oder informierte Einwilligung werden auch von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) thematisiert. In ihren 2023 erschienenen Empfehlungen weist die WHO darauf hin, dass Betroffene vor der Verordnung von Psychopharmaka vollständig über Nutzen, Risiken und Alternativen informiert werden müssen und regt an, diese Aufklärung in Form einer Audio- oder Videoaufzeichnung zu dokumentieren (S. 57). In ihrem aus fünf Modulen bestehenden Bericht vom März 2025 fordert die WHO, dass Psychopharmaka nur mit besonderer Vorsicht verschrieben werden und die Länder sichere Methoden zum Absetzen ebendieser anbieten sollen (S. 86).

All dies findet in Deutschland bisher kaum statt. In Deutschland existieren bislang nur sehr wenige spezialisierte ambulante Angebote, die Menschen beim sicheren und begleiteten Absetzen von Psychopharmaka unterstützen (siehe unten). Stationäre Strukturen, die auf mögliche Krisen während eines Entzugsprozesses vorbereitet sind, fehlen bislang vollständig.

Da Entzugssyndrome in der psychiatrischen Praxis in Deutschland bislang nur unzureichend anerkannt und verstanden werden, besteht für Betroffene – insbesondere nach längerer oder kombinierter Einnahme mehrerer Psychopharmaka – das Risiko, dass Entzugssymptome fehldiagnostiziert und mit zusätzlichen Medikamenten behandelt werden. Dies kann zu weiteren Belastungen und einer unnötigen Ausweitung der Medikation führen.

Die ambulanten Absetzsprechstunden sind:

Hinweis: Wie bereits beschrieben, fehlen in Deutschland stationäre Angebote für Menschen, die Psychopharmaka schrittweise und risikominimierend, also nicht innerhalb weniger Tage oder Wochen, absetzen möchten und eine professionelle Krisenbegleitung benötigen. Es kann nicht davon ausgegangen werden, dass eine Klinik, an welche eine ambulante Absetzsprechstunden angebunden ist, im stationären Bereich automatisch sensibel für Entzugssyndrome ist. Stattdessen besteht für Betroffene häufig das Risiko, im Krisenfall erneut mit mehreren Psychopharmaka behandelt zu werden oder neue psychiatrische Diagnosen zu erhalten, die ihren iatrogenen (behandlungsbedingten) Symptomen nicht entsprechen.

Fachartikel zu Absetzen und Entzug aus Deutschland

Leitfäden und Broschüren zu Absetzen und Entzug

Weiterbildungskurse (auf Englisch)

Psychiatric Drug Withdrawal 1: Dieser MIA-Weiterbildungskurs besteht aus sieben Seminaren mit Vorträgen von Jocelyn Pedersen, Dina Tyler, Emily Cutler, Will Hall, Sandra Steingard, Kelly Brogan und Will Hall.

Psychiatric Drug Withdrawal II: Die Perspektive des Psychiaters auf Herausforderungen, Chancen und gemeinsame Entscheidungsfindung. Dieser MIA-Kurs besteht aus acht Seminaren mit Vorträgen von Joanna Moncrieff, Sandy Steingard, David Healy, Johanna Ryan, Sami Timimi, Swapnil Gupta, Pesach Lichtenberg und Roger Mulder.

Wichtig

Alle Leitfäden zum Absetzen von Medikamenten empfehlen, dass psychiatrische Medikamente niemals abrupt abgesetzt werden sollten, es sei denn, es besteht ein sehr hohes Risiko einer akuten schweren Erkrankung bei Fortsetzung der Einnahme.

Haftungsausschluss: Mad in Deutschland gibt mit diesem Ressourcen keine medizinischen Ratschläge und spricht keine Empfehlungen zum Beginn, zur Änderung oder zur Beendigung der Einnahme von Psychopharmaka aus. Mad in Deutschland stellt die Informationen im Hinblick auf eine informierte Einwilligung zur Verfügung.

Ob psychiatrische Medikamente eingenommen, reduziert oder abgesetzt werden, ist eine individuelle Entscheidung. Der Zweck dieser Seite ist es, Ressourcen und Informationen für diejenigen bereitzustellen, die die Möglichkeit, Medikamente abzusetzen, in Betracht ziehen. Der Prozess der Reduzierung oder des Absetzens von Psychopharmaka ist risikobehaftet und kann besonders gefährlich sein, wenn er schneller erfolgt, als der Körper verkraften kann. Es ist daher wichtig, sich im Vorfeld so gut wie möglich zu informieren.