Anmerkung der Redaktion: Diese Übersicht wurde initial von unserer Partnerseite Mad in America übernommen und anschließend überarbeitet sowie aktualisiert. Wir sind uns bewusst, dass unsere Auswertung der Literatur zum Thema Entzug unvollständig sein kann. Bitte senden Sie Studien, die zum Thema Entzug bei Antidepressiva relevant sind, an [email protected].
Einleitung
Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRIs) werden seit Ende der 1980er Jahre zur Behandlung von Depressionen in den USA eingesetzt. Das erste SSRI wurde unter dem Handelsnamen Fluctin (heute: Fluoxetin) 1990 in Deutschland zugelassen. Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SNRIs) wurden in den 1990er Jahren eingeführt.
Viele SSRI haben neben der Zulassung zur Behandlung von Depressionen eine Zulassung zur Behandlung von Panikstörungen, Zwangsstörungen, sozialer Phobie oder posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS). Manche Substanzen wie Mirtazapin werden zusätzlich off-label für Schlafstörungen oder zur Schmerztherapie eingesetzt. Somit finden die Verschreibungen von Antidepressiva nicht nur in psychiatrischen Praxen statt, sondern auch in hausärztlichen oder anderen fachärztlichen Praxen. Die Verschreibungszahlen dieser psychiatrischen Substanzklasse haben sich seit den 1980er Jahren in Deutschland verzehnfacht.
Der Wirkmechanismus von SSRI und SNRI wird folgendermaßen angenommen: Bei SSRI kommt es zu einer Erhöhung der Serotoninaktivität im Gehirn, SNRIs führen zu einer Erhöhung sowohl von Serotonin als auch von Noradrenalin. Aus diesem Wirkmechanismus wurde von den Pharmafirmen die neurobiologische Erklärung zur Entstehung von Depressionen abgeleitet: Die Serotonin-Mangel-Hypothese. Weitere Informationen über die kurz- und langfristige Wirkungen von Antidepressiva finden Sie hier.
Wissenschaftliche Literatur zum Wirkmechanismus der Substanzen und die Widerlegung dieser Hypothese finden sich in dieser Übersicht. Weiterhin wird auf die Folgen der Behandlung durch Antidepressiva auf den Krankheitsverlauf eingegangen sowie auf das post-akute Entzugssyndrom. Am Ende folgen Studien mit Hinweisen zum Absetzen der Medikamente.
Wirkmechanismus von Antidepressiva
Moncrieff, J., & Cohen, D. (2006). Do Antidepressants Cure or Create Abnormal Brain States? PLOS Medicine, 3(7), e240. https://doi.org/10.1371/journal.pmed.0030240, PubMed-Link
Die Autoren liefern Belege gegen das „Krankheitsmodell“ der Depression, wonach Depressionen das Ergebnis einer biochemischen Anomalie sind, die durch Antidepressiva korrigiert wird. Sie plädieren für die Übernahme eines „medikamentenzentrierten Modells“, das davon ausgeht, dass Antidepressiva zur Entstehung eines abnormalen Gehirns führt, das sich auf bestimmte Symptome der Depression auswirken kann. Behandlungsentscheidungen sollten nach dieser Auffassung auf den kurzfristigen, bekannten Wirkungen des Medikaments basieren.
Fava, G. A. (2003). Can long-term treatment with antidepressant drugs worsen the course of depression? The Journal of Clinical Psychiatry, 64(2), 123–133. https://doi.org/10.4088/jcp.v64n0204, PubMed-Link
Diese Literaturübersicht fasst Forschungsergebnisse zusammen, die die Hypothese der oppositionellen Toleranz stützen, wonach eine fortgesetzte Behandlung mit Antidepressiva Prozesse aktivieren kann, die den ursprünglichen Wirkungen des Medikaments entgegenwirken und zu einem Verlust der klinischen Wirkung führen. Im schlimmsten Fall können diese Prozesse auch nach Absetzen des Medikaments weiterlaufen und die Anfälligkeit für Rückfälle erhöhen. Der Autor schlägt vor, dass Entzugssymptome, die nach Absetzen eines Antidepressivums auftreten, ein klinischer Beweis für die Hypothese der oppositionellen Toleranz sein könnten.
Andrews, P. W., Kornstein, S. G., Halberstadt, L. J., Gardner, C. O., & Neale, M. C. (2011). Blue Again: Perturbational Effects of Antidepressants Suggest Monoaminergic Homeostasis in Major Depression. Frontiers in Psychology, 2, 159. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2011.00159, PubMed-Link
Diese Metaanalyse überprüft die Hypothese der „oppositionellen Toleranz“ – d. h., dass Patienten, deren Symptome unter einer Antidepressiva-Behandlung abnehmen, nach Beendigung der Behandlung ein höheres Rückfallrisiko haben als Patienten, deren Symptome sich ohne Antidepressivum bessern. Darüber hinaus wird die Hypothese überprüft, dass eine größere oppositionelle Toleranz mit einer stärkeren Störung des Monoamin-Neurotransmittersystems im Gehirn zusammenhängt. Beide Hypothesen wurden bestätigt: Im Laufe der Zeit führt die Einnahme von Antidepressiva zu einem erhöhten Rückfallrisiko, und dieses Risiko ist sogar noch größer, wenn das Medikament einen stärkeren Einfluss auf das Monoaminsystem hat. Die Autoren vergleichen diese Ergebnisse mit dem Wirkmechanismus einer Feder: Je weiter eine Feder von ihrem Gleichgewicht oder ihrer ursprünglichen Position entfernt wird, desto größer ist die Kraft, die diese Feder beim Loslassen erzeugt.
Serotonin-Mangel Hypothese
Moncrieff, J., Cooper, R. E., Stockmann, T., Amendola, S., Hengartner, M. P., & Horowitz, M. A. (2022). The serotonin theory of depression: A systematic umbrella review of the evidence. Molecular Psychiatry, 28(8), 3243–3256. https://doi.org/10.1038/s41380-022-01661-0, PubMed-Link
Die Serotonin-Hypothese, die besagt, dass Depression durch einen Serotoninmangel verursacht wird, wurde in einer systematischen Übersichtsarbeit untersucht. Dabei wurden 17 hochwertige Studien (Meta-Analysen, systematische Reviews, genetische Studien) ausgewertet. Das Ergebnis: Es gibt keine eindeutigen oder konsistenten Belege dafür, dass Depression mit einem niedrigen Serotoninspiegel oder einer reduzierten Serotoninaktivität zusammenhängt. Einige Hinweise deuten sogar darauf hin, dass langfristige Antidepressiva-Einnahme den Serotoninspiegel senken könnte. Die Serotonin-Hypothese wird durch die vorliegenden Daten also nicht gestützt.
Langfristiger Verlauf von Depression unter Antidepressiva
Gründer, G., Mertens, L. J., Spangemacher, M., & Schmitz, C. N. (2025). Können Antidepressiva den langfristigen Verlauf depressiver Erkrankungen negativ verändern? Der Nervenarzt, 96(2), 146–152. https://doi.org/10.1007/s00115-025-01801-1, PubMed-Link
Die Verschreibung von Antidepressiva steigt seit Jahrzehnten, ohne dass sich die psychische Gesundheit der Bevölkerung verbessert. Eine Literaturübersicht deutet darauf hin, dass eine langfristige Einnahme von Antidepressiva den Verlauf depressiver Erkrankungen verschlechtern kann. Nach dem Absetzen treten Rückfälle oft schneller auf, insbesondere bei abruptem Absetzen. Auch während der Einnahme kommt es häufig zu Rückfällen, was auf Toleranzentwicklung oder Therapieresistenz hindeuten könnte. Mögliche Ursache sind adaptive Veränderungen im Gehirn. Daher sollten die potenziellen Langzeitrisiken bei jeder Verordnung mitbedacht werden.
Hengartner, M. P., Angst, J., & Rössler, W. (2018). Antidepressant Use Prospectively Relates to a Poorer Long-Term Outcome of Depression: Results from a Prospective Community Cohort Study over 30 Years. Psychotherapy and Psychosomatics, 87(3), 181–183. https://doi.org/10.1159/000488802, PubMed-Link
Trotz steigender Verschreibung von Antidepressiva in den letzten Jahrzehnten nimmt die Belastung durch Depression weiter zu. Kurzzeitstudien, oft von der Industrie finanziert, zeigen begrenzte Wirksamkeit, während Langzeitstudien keinen nachhaltigen Nutzen belegen konnten. In einer 30-jährigen Beobachtungsstudie aus Zürich wurde untersucht, ob Antidepressiva mit einem besseren langfristigen Verlauf von Depression verbunden sind. Das Ergebnis: Personen, die Antidepressiva einnahmen, hatten langfristig eine schlechtere Entwicklung der Depression – unabhängig von der Schwere der Erkrankung zu Beginn. Dieser Zusammenhang war statistisch signifikant und blieb auch nach Kontrolle zahlreicher Einflussfaktoren bestehen. Mögliche Erklärung: Langfristige Einnahme könnte über neurobiologische Prozesse (z. B. Toleranzbildung) die Anfälligkeit für Rückfälle erhöhen.
Wirksamkeit von Antidepressiva
Xu, C., Naudet, F., Kim, T. T., Hengartner, M. P., Horowitz, M. A., Kirsch, I., Moncrieff, J., Pigott, E., & Plöderl, M. (2025). Large responses to antidepressants or methodological artifacts? A secondary analysis of STAR∗D, a single-arm, open-label, nonindustry antidepressant trial. Journal of Clinical Epidemiology, 187, 111943. https://doi.org/10.1016/j.jclinepi.2025.111943, PubMed-Link
Ziel dieser Studie war es, die von Stone et al. (2022) berichtete trimodale Verteilung der Behandlungsergebnisse in Antidepressiva-Studien zu replizieren. Mithilfe von Daten aus der STAR*D-Studie (n = 2184) wurde untersucht, ob sich drei klar unterscheidbare Patientengruppen mit großem, mittlerem und geringem Behandlungseffekt zeigen. Die Studie konnte die von Stone et al. beschriebene trimodale Verteilung der Antidepressiva-Wirkung anhand der STAR*D-Daten nicht bestätigen. Damit gibt es keine Unterstützung für die Annahme, dass es eine Patientengruppe mit besonders großem Behandlungserfolg gibt. Stattdessen legen die Ergebnisse nahe, dass die in industriefinanzierten Studien berichteten Subgruppen möglicherweise methodische Verzerrungen sind.
Moncrieff, J. (2018). Against the stream: Antidepressants are not antidepressants – an alternative approach to drug action and implications for the use of antidepressants. BJPsych Bulletin, 42(1), 42–44. https://doi.org/10.1192/bjb.2017.11, PubMed-Link
Antidepressiva gelten zwar als wirksame und spezifische Behandlungen, zeigen in randomisierten Studien jedoch nur geringe Vorteile gegenüber Placebo, die vermutlich klinisch kaum relevant sind. Das herkömmliche, krankheitszentrierte Modell sieht Antidepressiva als Mittel, die gezielt Hirnprozesse beeinflussen. Ein alternatives „medikamentenzentriertes“ Modell betrachtet sie als psychoaktive Substanzen, die normale mentale Zustände und Verhalten verändern – etwa durch eine emotionale Abflachung. Diese Veränderungen können depressive Gefühle lindern und zugleich den Placeboeffekt in Studien verstärken. Patienten sollten darüber informiert werden, dass es keine Belege gibt, dass Antidepressiva ein chemisches Ungleichgewicht korrigieren, und dass sie keine nachweisbaren Vorteile gegenüber Placebo haben.
Hengartner, M. P. (2020). How effective are antidepressants for depression over the long term? A critical review of relapse prevention trials and the issue of withdrawal confounding. Therapeutic Advances in Psychopharmacology, 10, 2045125320921694. https://doi.org/10.1177/2045125320921694, PubMed-Link
Die Wirksamkeit von Antidepressiva zur Rückfallverhinderung wird hauptsächlich durch Absetzstudien bewertet, in denen Patienten mit remissionierter Depression entweder abrupt das Medikament absetzen (und ein Placebo erhalten) oder die Behandlung fortsetzen. Die geringere Rückfallrate unter aktiver Behandlung wird als Schutzwirkung gedeutet. Allerdings sind diese Studien problematisch, da das plötzliche Absetzen starke Entzugsreaktionen auslösen kann, die als Rückfälle interpretiert werden. Dadurch sind die Ergebnisse dieser Studien durch Entzugswirkungen verfälscht und schwer interpretierbar. Schätzungen legen nahe, dass der Großteil des Unterschieds zwischen Medikament und Placebo auf Entzugsreaktionen zurückzuführen ist. Andere Langzeitstudien und natürliche Beobachtungsstudien zeigen keine klaren prophylaktischen Vorteile von Antidepressiva. Um Nutzen und Risiken besser abzuwägen, sollten Studien auch langfristige Auswirkungen auf soziale Funktionen und Lebensqualität untersuchen, wofür derzeit verlässliche Daten fehlen.
Antidepressiva-Entzugssyndrom, post-akutes Entzugssyndrom (PAWS)
Hengartner, M. P., & Rennwald, A. (2025). Entzugsreaktionen beim Absetzen von Antidepressiva. Psychotherapeutenjournal, 24(2), 118–125. https://doi.org/10.61062/ptj202502.002
Diese Übersichtsarbeit beleuchtet kritisch das kontrovers diskutierte Thema der Entzugsreaktionen beim Absetzen von Antidepressiva. Schon seit den 1960er-Jahren gibt es Hinweise auf solche Symptome, doch ab den 1990er-Jahren wurden sie oft verharmlost oder geleugnet – auch durch die Einführung des Begriffs „Absetzsyndrom“. Der Widerstand, Entzugsreaktionen als solche anzuerkennen, hängt mit der Verwechslung von Abhängigkeit und Sucht zusammen. Die Arbeit beschreibt die vielfältigen klinischen Erscheinungsformen, ihre Verbreitung und wie sie durch langsames Ausschleichen gemildert werden können. Zudem wird betont, wie wichtig es ist, dass Psychotherapeut:innen in diesem Bereich informiert und unterstützend tätig sind.
Rennwald, A., & Hengartner, M. P. (2025). Post-acute withdrawal syndrome (PAWS) after stopping antidepressants: A systematic review with meta-narrative synthesis. Epidemiology and Psychiatric Sciences, 34, e29. https://doi.org/10.1017/S204579602500023X, PubMed-Link
Diese systematische Übersichtsarbeit untersucht erstmals das Auftreten, die Dauer, Schwere, Risikofaktoren und Behandlungsmöglichkeiten des Post-akuten Entzugssyndroms (PAWS) nach dem Absetzen von Antidepressiva. Nur wenige Studien erfüllen die Kriterien; eine kleine Studie fand eine PAWS-Prävalenz von 15 %. Die Dauer der Symptome variierte stark – von 1,5 bis 166 Monaten. Langzeitgebrauch von Paroxetin wurde als möglicher Risikofaktor identifiziert. Es gibt keine verlässlichen Belege dafür, dass gängige Behandlungen (wie Wiedereinnahme, Benzodiazepine oder Verhaltenstherapie) wirksam sind. Insgesamt ist die Datenlage dürftig und unsicher, es besteht großer Forschungsbedarf.
Moncrieff, J., Hobday, H., Sørensen, A., Read, J., Plöderl, M., Hengartner, M., Kamp, C., Jakobsen, J., Juul, S., Davies, J., & Horowitz, M. (2025). Evidence on antidepressant withdrawal: An appraisal and reanalysis of a recent systematic review. Psychological Medicine, 55. https://doi.org/10.1017/s0033291725100652, PubMed-Link
Es gibt kontroverse Diskussionen über Häufigkeit und Schwere von Antidepressiva-Entzugssymptomen. Eine einflussreiche systematische Übersichtsarbeit von Henssler et al. kam zu dem Schluss, dass Entzugssymptome selten und meist mild sind. Eine erneute Analyse zeigte jedoch, dass viele der verwendeten Daten aus von der Pharmaindustrie finanzierten Studien stammen, in denen Entzug kaum berücksichtigt wurde. Die ursprüngliche Übersichtsarbeit weist methodische Schwächen auf, wie z. B. das Nutzen spontaner Nebenwirkungsmeldungen, Verwechslung von Entzugssymptomen mit Rückfällen, kurze Behandlungs- und Beobachtungszeiten sowie fehlerhafte Einschätzungen der Schwere. In der Neuanalyse wurden nur fünf Studien mit systematischer Erfassung von Entzugssymptomen berücksichtigt, meist mit kurzer Behandlungsdauer. Daraus ergab sich eine Häufigkeit für das Auftreten von Entzugssymptomen von etwa 55 %. Die Ergebnisse zeigen, dass die Datenlage zur Entzugshäufigkeit unzuverlässig ist und qualitativ hochwertige Forschung dringend nötig ist.
Boland, M., Higgins, A., Kwak, S., & Cadogan, C. (2025). ‘I Wish It Were More Often Told to People Before They Are Prescribed These Medications How Hard It Is to Get Off Them’: A Qualitative Descriptive Analysis of Free‐Text Responses to a Survey on Reducing and Stopping Psychiatric Medication. Health Expectations, 28(4), e70384. https://doi.org/10.1111/hex.70384, PubMed-Link
Trotz der steigenden Verschreibung von Psychopharmaka gibt es viele Unsicherheiten beim Reduzieren und Absetzen dieser Medikamente. Im Rahmen einer James Lind Alliance Studie wurde eine Online-Umfrage durchgeführt, bei der Betroffene, Angehörige und Fachkräfte ihre Erfahrungen und Ansichten als Freitextkommentare teilten. Von 705 Kommentaren wurden 483 ausgewertet, dabei wurden sechs Hauptthemen identifiziert: Erfahrungen mit Psychopharmaka, Herausforderungen beim Absetzen, angewandte Strategien, Folgen des Absetzens, emotionale Aspekte und Verbesserungsmöglichkeiten. Die Studie zeigt viele Schwierigkeiten und Unsicherheiten bezüglich der besten Reduktionsmethoden sowie die emotionale Belastung für Betroffene. Wichtig ist vor allem psychosoziale Unterstützung während des Absetzprozesses, um dies zu verbessern.
Moncrieff, J., Read, J., & Horowitz, M. A. (2024). The nature and impact of antidepressant withdrawal symptoms and proposal of the Discriminatory Antidepressant Withdrawal Symptoms Scale (DAWSS). Journal of Affective Disorders Reports, 16, 100765. https://doi.org/10.1016/j.jadr.2024.100765, ResearchGate-Link
Ziel war es, mehr über Art und Folgen des Absetzens von Antidepressiva zu erfahren. Dazu wurde eine Umfrage unter Mitgliedern von 20 Online-Selbsthilfegruppen durchgeführt, mit 31 häufig berichteten Entzugssymptomen. Bei den 1148 Teilnehmenden (meist weiß, weiblich und gebildet) dauerten bei 40 % die Entzugssymptome länger als 2 Jahre an und 80 % waren stark beeinträchtigt. Ein Viertel konnte die Medikamente nicht absetzen. Folgen waren eingeschränkte Arbeitsfähigkeit (56 %), Jobverlust (20 %), Krankschreibungen (27 %) und Beziehungsprobleme (25 %). Emotionale und körperliche Symptome traten nach dem Absetzen verstärkt oder neu auf, unabhängig von der Diagnose. Es wurde eine Skala (DAWSS) mit 15 typischen Entzugssymptomen vorgeschlagen, die noch validiert werden muss. Die Stichprobe stammt aus Selbsthilfegruppen und ist nicht repräsentativ, außerdem erlaubt das Studiendesign keine Kausalitätsaussagen. Die Autoren ziehen das Fazit, dass es ein eigenständiges, teils langanhaltendes und schweres Antidepressiva-Entzugssyndrom mit emotionalen und körperlichen Symptomen gibt. Gesundheitsdienste sollten Betroffene entsprechend besser unterstützen.
Horowitz, M. A., Buckman, J. E. J., Saunders, R., Aguirre, E., Davies, J., & Moncrieff, J. (2025). Antidepressants withdrawal effects and duration of use: A survey of patients enrolled in primary care psychotherapy services. Psychiatry Research, 350, 116497. https://doi.org/10.1016/j.psychres.2025.116497, PubMed-Link
In einer Umfrage unter 310 Patient:innen, die Antidepressiva abgesetzt haben, berichteten 79 % über Entzugssymptome, davon 45 % in schwerer oder mittelschwerer Ausprägung. 43 % erfüllten die Kriterien für ein Entzugssyndrom, und 38 % konnten das Medikament beim Versuch nicht absetzen. Bei 20 % dauerten die Symptome länger als drei Monate an, bei 10 % sogar über ein Jahr. Eine längere Einnahmedauer (über 24 Monate) war mit stärkerem, länger anhaltendem Entzug und geringerer Absetzbarkeit verbunden. Die niedrige Rücklaufquote ist eine Einschränkung der Studie.
Zhang, M.-M., Tan, X., Zheng, Y.-B., Zeng, N., Li, Z., Horowitz, M. A., Feng, X.-Z., Wang, K., Li, Z.-Y., Zhu, W.-L., Zhou, X., Xie, P., Zhang, X., Wang, Y., Shi, J., Bao, Y.-P., Lu, L., & Li, S.-X. (2025). Incidence and risk factors of antidepressant withdrawal symptoms: A meta-analysis and systematic review. Molecular Psychiatry, 30(5), 1758–1769. https://doi.org/10.1038/s41380-024-02782-4, PubMed-Link
Antidepressiva gehören weltweit zu den am häufigsten verschriebenen Psychopharmaka. Entzugssymptome beim Absetzen wurden für fast alle Antidepressiva berichtet, die genaue Häufigkeit des Antidepressiva-Entzugssyndroms (AWS) ist jedoch bisher unklar. In einer Analyse von 35 Studien wurde die durchschnittliche Häufigkeit von AWS mit etwa 43 % angegeben, wobei Studien mit 8-12 Wochen Behandlungsdauer meist Entzugssymptome innerhalb von zwei Wochen zeigten. Die Häufigkeit variierte je nach Wirkstoffklasse, am niedrigsten bei Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmern (ca. 30 %) und am höchsten bei trizyklischen Antidepressiva (ca. 60 %), jedoch ohne signifikante Unterschiede. Längere Behandlungsdauer war mit höherer AWS-Inzidenz verbunden. Ein langsames Ausschleichen verringerte die Symptome tendenziell, aber nicht signifikant. Risikofaktoren für Entzugssymptome sind weibliches Geschlecht, jüngeres Alter, frühe Nebenwirkungen, höhere Dosis, längere Einnahmedauer, abruptes Absetzen sowie genetische Faktoren. Die Ergebnisse zeigen, dass AWS häufig auftreten und bestimmte Faktoren das Risiko erhöhen. Für die Zukunft werden Langzeitstudien mit längerer Nachbeobachtung bei langfristigen Nutzern gefordert.
Mahmood, R., Wallace, V., Wiles, N., Kessler, D., Button, K. S., & Fairchild, G. (2024). The lived experience of withdrawal from Selective Serotonin Reuptake Inhibitor (SSRI) antidepressants: A qualitative interview study. Health Expectations, 27(1), e13966. https://doi.org/10.1111/hex.13966, PubMed-Link
Studie zu Antidepressiva-Entzug bei 20 Personen, die SSRIs abgesetzt haben. Ergebnisse zeigen, dass der Entzug nicht nur körperliche Symptome, sondern auch emotionale, kognitive und soziale Probleme verursacht. Viele berichteten über Schwierigkeiten mit Gefühlsverflachung, Belastungen in Beziehungen und sozialem Umfeld. Sport wurde oft als hilfreiche Bewältigung genannt. Wichtig sind eine langsame, flexible Reduktion der Medikamente und Unterstützung durch Ärzte und Familie. Insgesamt beeinflusst der Entzug die Lebensqualität stark und braucht bessere Begleitung.
Horowitz, M. A., Framer, A., Hengartner, M. P., Sørensen, A., & Taylor, D. (2023). Estimating Risk of Antidepressant Withdrawal from a Review of Published Data. CNS Drugs, 37(2), 143–157. https://doi.org/10.1007/s40263-022-00960-y, PubMed-Link
Die Anpassung des Gehirns an Antidepressiva kann bei Absetzen Entzugssymptome verursachen, besonders bei langer Einnahme, hohen Dosen und bestimmten Wirkstoffen wie Paroxetin. Frühere Entzugserfahrungen erhöhen das Risiko. Es gibt erste Ansätze, das individuelle Entzugsrisiko abzuschätzen, doch die Datenlage ist begrenzt. Weitere Forschung ist nötig, vor allem bei Langzeitanwendern, um die Vorhersage von Entzugssymptomen zu verbessern und sicherere Ausschleichpläne zu entwickeln.
Read, J., Moncrieff, J., & Horowitz, M. A. (2023). Designing withdrawal support services for antidepressant users: Patients’ views on existing services and what they really need. Journal of Psychiatric Research, 161, 298–306. https://doi.org/10.1016/j.jpsychires.2023.03.013, PubMed-Link
Eine Umfrage unter 1276 Mitgliedern von Online-Selbsthilfegruppen zum Absetzen von Antidepressiva zeigt, dass 71 % die Beratung durch ihre Ärzte als wenig hilfreich empfanden. Häufig wurden zu schnelle Reduktionspläne empfohlen oder Entzugssymptome nicht ernst genommen. Viele suchten deshalb keine ärztliche Unterstützung. Gewünscht werden vor allem individuell angepasste Reduktionspläne und Zugang zu niedrigeren Dosierungen für ein langsames Ausschleichen. Die Studie weist auf den Bedarf hin, Ärzt:innen besser im sicheren Absetzen von Antidepressiva zu schulen und spezialisierte Unterstützungsangebote für Patient:innen zu schaffen.
Hengartner, M. P., Schulthess, L., Sorensen, A., & Framer, A. (2020). Protracted withdrawal syndrome after stopping antidepressants: A descriptive quantitative analysis of consumer narratives from a large internet forum. Therapeutic Advances in Psychopharmacology, 10, 2045125320980573. https://doi.org/10.1177/2045125320980573, PubMed-Link
Das prolongierte Entzugssyndrom (PWS) nach dem Absetzen von Antidepressiva, auch post-akutes Entzugssyndrom (PAWS) genannt, wurde bisher nur vereinzelt beschrieben und kaum quantitativ analysiert. In einer Analyse von 69 Berichten aus einem Online-Selbsthilfe-Forum zeigte sich, dass PWS im Durchschnitt über drei Jahre andauert. Betroffene hatten die Antidepressiva im Durchschnitt etwa 8 Jahre eingenommen. Hauptsymptome waren Angst, Depression, Suizidalität und Unruhe (81 %), sowie körperliche Beschwerden wie Kopfschmerzen, Müdigkeit, Schwindel, „Brain Zaps“, Muskel- und Magen-Darm-Beschwerden (75 %). Schlafstörungen (44 %) und kognitive Probleme (32 %) traten seltener auf. Die Symptome waren meist unabhängig voneinander. PWS kann schwerwiegend und langanhaltend sein, mit vielfältigen körperlichen und psychischen Auswirkungen. Für eine korrekte Diagnose sind eine umfassende Anamnese und genaue Erfassung der verschiedenen Symptome notwendig.
Massabki, I., & Abi-Jaoude, E. (2021). Selective serotonin reuptake inhibitor ‘discontinuation syndrome’ or withdrawal. The British Journal of Psychiatry, 218(3), 168–171. https://doi.org/10.1192/bjp.2019.269, PubMed-Link
Massabki und Abi‑Jaoude (2021) argumentieren, dass der Begriff „Discontinuation Syndrome“ für das Absetzen von SSRIs nicht durch Evidenz gestützt wird. Die Symptome beim Absetzen oder Reduzieren von SSRIs lassen sich besser als Entzug verstehen, der eine physiologische Abhängigkeit widerspiegelt. Der Begriff „Discontinuation Syndrome“ entstand in den 1990er Jahren und wurde teilweise durch die pharmazeutische Industrie geprägt. Die Anerkennung der Entzugsmöglichkeiten ermöglicht es Patient:innen, informierte Entscheidungen zu treffen, und hilft Ärzt:innen, sichere Ausschleichstrategien zu planen. Leitlinien und Patienteninformationen sollten berücksichtigen, dass manche Betroffene längere oder stärkere Symptome erleben können, statt immer von milden und kurzen Beschwerden auszugehen.
Davies, J., & Read, J. (2019). A systematic review into the incidence, severity and duration of antidepressant withdrawal effects: Are guidelines evidence-based? Addictive Behaviors, 97, 111–121. https://doi.org/10.1016/j.addbeh.2018.08.027, PubMed-Link
Eine systematische Literaturübersicht untersuchte 24 Studien zur Häufigkeit, Schwere und Dauer von Entzugsreaktionen nach Absetzen von Antidepressiva. Die Häufigkeit der Entzugssymptome lag dabei zwischen 27 % und 86 % mit einem gewichteten Durchschnitt von 56 %. In großen Studien gaben etwa 46 % der Betroffenen an, sehr starke Entzugssymptome zu erleben. Entgegen den aktuellen Leitlinien aus Großbritannien und den USA, die Entzugsreaktionen als „selbstlimitierend“ und meist auf 1–2 Wochen begrenzt beschreiben, zeigen sieben von zehn Studien, dass viele Patienten deutlich länger unter Entzugssymptomen leiden – oft mehrere Wochen bis Monate. Die mittlere Dauer der Entzugssymptome variierte stark, von wenigen Tagen bis zu fast anderthalb Jahren. Die Autoren empfehlen daher eine dringende Überarbeitung der Leitlinien, da die derzeitige Unterschätzung der Entzugssymptome zu Fehldiagnosen, unnötiger langfristiger Einnahme und vermehrter Verschreibung von Antidepressiva führen kann. Zudem sollte die Aufklärung der Patienten über mögliche Entzugseffekte verbessert werden.
Hengartner, M. P., Davies, J., & Read, J. (2020). Antidepressant withdrawal – the tide is finally turning. Epidemiology and Psychiatric Sciences, 29, e52. https://doi.org/10.1017/S2045796019000465, PubMed-Link
Entzugssymptome beim Absetzen von Antidepressiva wurden lange Zeit vernachlässigt oder heruntergespielt. Es dauerte fast zwei Jahrzehnte, nachdem SSRIs auf den Markt kamen, bis die erste systematische Übersicht veröffentlicht wurde. Es folgten weitere Übersichten, die zeigten, dass die vorherrschende und seit langem vertretene Ansicht, dass Entzugssymptome meist mild sind, nur eine kleine Minderheit betreffen und innerhalb von 1–2 Wochen spontan abklingen, im Widerspruch zu den spärlichen, aber wachsenden Erkenntnissen stand. Was die wissenschaftliche Literatur offenbart, stimmt weitgehend mit den Tausenden von Erfahrungsberichten von Betroffenen überein, die online in großen Foren verfügbar sind. Sie deuten darauf hin, dass Entzugssymptome recht häufig sind, dass sie einige Wochen bis mehrere Monate oder sogar länger andauern können und dass sie oft schwerwiegend sind.
Fava, M. (2006). Prospective studies of adverse events related to antidepressant discontinuation. The Journal of Clinical Psychiatry, 67 Suppl 4, 14–21. PubMed-Link
Obwohl sie in ihrer Häufigkeit und Intensität variieren, werden fast alle Klassen von Antidepressiva mit Absetzreaktionen und den damit verbundenen psychischen, physischen und somatischen Beschwerden in Verbindung gebracht. Spontane Berichte wurden in der Regel verwendet, um die Risiken von Absetzreaktionen einzuschätzen. Ausgehend von einer Reihe prospektiver Studien ist davon auszugehen, dass spontane Berichte das Auftreten von Absetzreaktionen sehr wahrscheinlich unterschätzen. Der Autor gibt einen Überblick über Studien, die sich mit unerwünschten Ereignissen im Zusammenhang mit dem Absetzen befassen.
Shelton, R. C. (2006). The nature of the discontinuation syndrome associated with antidepressant drugs. The Journal of Clinical Psychiatry, 67 Suppl 4, 3–7. PubMed-Link
Ein häufiges Phänomen, das mit der Behandlung mit fast allen wichtigen Klassen von Antidepressiva einhergeht, ist das Auftreten des Absetzsyndroms. In der Vergangenheit wurde der Begriff „Entzug” verwendet, jedoch gibt es klare Unterschiede zwischen Absetzbeschwerden und Medikamentenentzug. Darüber hinaus kann das Bewusstsein für die einzigartige Natur der Absetzerscheinungen und das Verständnis für den typischen Zeitrahmen ihres Auftretens dabei helfen, zwischen Absetzsyndrom und Rückfall zu unterscheiden. Daher ist es von entscheidender Bedeutung, dass sowohl Patienten als auch ihre Angehörigen angemessen aufgeklärt werden und eine realistische und objektive Einschätzung der zu erwartenden Ergebnisse zu Beginn einer Behandlung mit Antidepressiva erhalten, zu denen auch das Auftreten von unerwünschten Ereignissen nach Absetzen des Medikaments gehören kann.
Smith, P. F., & Darlington, C. L. (2010). A possible explanation for dizziness following SSRI discontinuation. Acta Oto-Laryngologica, 130(9), 981–983. https://doi.org/10.3109/00016481003602082, PubMed-Link
Die Autoren liefern eine Erklärung für das häufig auftretende Symptom des Schwindels nach Absetzen von SSRI. Sie bringen dies mit einer Verringerung in einer Region des Gehirns in Verbindung, in der es eine Fülle von Serotoninrezeptoren gibt. Die Auswirkungen dieser Erkenntnis werden diskutiert.
Renoir, T. (2013). Selective serotonin reuptake inhibitor antidepressant treatment discontinuation syndrome: A review of the clinical evidence and the possible mechanisms involved. Frontiers in Pharmacology, 4, 45. https://doi.org/10.3389/fphar.2013.00045, PubMed-Link
In dieser Übersicht untersucht der Autor die Evidenz für das Phänomen eines Absetzsyndroms und stellt fest, dass es zwar eindeutig existiert, die vorhandenen Studien jedoch mehrere Einschränkungen aufweisen. Dazu gehören das Fehlen von Studien, in denen Medikamente mit ähnlicher Halbwertszeit, aber unterschiedlichen Auswirkungen beim Absetzen verglichen werden, die kurze Dauer der Behandlungsunterbrechungen und das Fehlen von Studien, die die Pharmakokinetik des Medikaments und die Rolle seines Metaboliten berücksichtigen. Er fasst auch die präklinischen Tierstudien zusammen, in denen die Auswirkungen einer Behandlungsunterbrechung untersucht wurden, sowie die Einschränkungen dieser Literatur. Beispielsweise waren sie darauf ausgelegt, den Wirkmechanismus von SSRIs zu untersuchen und nicht die Auswirkungen einer Unterbrechung, und es wurden „normale” Tiere anstelle von Tiermodellen für Depressionen verwendet. Es werden mögliche Richtungen für zukünftige Studien diskutiert, die Licht in unser derzeit begrenztes Verständnis des Mechanismus des Absetzsyndroms bringen können.
Judge, R., Parry, M. G., Quail, D., & Jacobson, J. G. (2002). Discontinuation symptoms: Comparison of brief interruption in fluoxetine and paroxetine treatment. International Clinical Psychopharmacology, 17(5), 217–225. https://doi.org/10.1097/00004850-200209000-00002, PubMed-Link
Diese Studie wurde durchgeführt, um die Auswirkungen einer kürzeren Unterbrechung der Behandlung mit SSRIs (Fluoxetin und Paroxetin) von 3–5 Tagen zu untersuchen, was Auswirkungen darauf hat, wenn Patient:innen die Einnahme ihrer Medikamente versäumen. Die Ergebnisse zeigen, dass es zu einem signifikanten Anstieg der unerwünschten Ereignisse (gemessen anhand der DESS-Skala (Discontinuation Emergent Signs and Symptoms)) kam, die von der Paroxetin-Gruppe, nicht jedoch von der Fluoxetin-Gruppe berichtet wurden. Das Absetzen von Antidepressiva hatte auch negative klinische Auswirkungen (Rückkehr der Depression) und Auswirkungen auf die Lebensqualität in der Paroxetin-Gruppe, jedoch nicht in der Fluoxetin-Gruppe. Die Depressionswerte stiegen infolge einer Zunahme somatischer Symptome nach Unterbrechung der Antidepressiva-Behandlung an.
Viguera, A. C., Baldessarini, R. J., & Friedberg, J. (1998). Discontinuing antidepressant treatment in major depression. Harvard Review of Psychiatry, 5(6), 293–306. https://doi.org/10.3109/10673229809003578, PubMed-Link
Diese Literaturübersicht fasst die Ergebnisse von 27 Studien zur langfristigen Einnahme von Antidepressiva und den Auswirkungen nach Absetzen des Medikaments zusammen. Die Ergebnisse zeigen, dass das Absetzen der Behandlung zu höheren monatlichen Rückfallraten, einer kürzeren Zeit bis zum Rückfall und einem höheren jährlichen Rückfallrisiko führt. Auch eine langsamere Reduzierung der Dosis führte nicht zu einem geringeren Rückfallrisiko. Schließlich schützte eine längere Einnahme der Erhaltungsdosis nach Stabilisierung mit Antidepressiva die Teilnehmer nicht vor einer höheren Rückfallrate nach Absetzen des Antidepressivums. Dies widerspricht der gängigen Meinung, dass Patient:innen nach Abklingen der akuten Symptome mehrere Monate lang eine Erhaltungsdosis einnehmen müssen.
Verbeek-Heida, P. M., & Mathot, E. F. (2006). Better safe than sorry–why patients prefer to stop using selective serotonin reuptake inhibitor (SSRI) antidepressants but are afraid to do so: Results of a qualitative study. Chronic Illness, 2(2), 133–142. https://doi.org/10.1177/17423953060020020801, PubMed-Link
In dieser qualitativen Studie befragten die Autoren 16 SSRI-Anwender (Anwendungsdauer: 6 Monate bis 10 Jahre), um ihre Entscheidung bezüglich der Fortsetzung oder Beendigung ihrer Medikamenteneinnahme zu verstehen. Eine Untergruppe von 9 Patienten hatte in Absprache mit ihrem Arzt versucht, ihre Medikamente abzusetzen, aber alle waren erfolglos geblieben (die Erfahrungen nach dem Absetzen werden nicht beschrieben) und hatten die Medikamente wieder eingenommen. Ein weiteres relevantes Thema war, dass die Patient:innen widersprüchliche Ratschläge von Ärzten erhielten, was sie dazu veranlasste, die Medikation eher fortzusetzen als abzubrechen.
Bahrick, A. S. (2008). Persistence of Sexual Dysfunction Side Effects after Discontinuation of Antidepressant Medications: Emerging Evidence. The Open Psychology Journal, 1(1), 42–50. https://doi.org/10.2174/1874350100801010042
Die Autorin fasst die Erkenntnisse aus der Literatur zum Auftreten sexueller Nebenwirkungen zusammen, die auch lange nach dem Absetzen von SSRIs noch bestehen bleiben. Sie stellt fest, dass ein Großteil der Erkenntnisse zu diesem Phänomen außerhalb der Fachwelt gewonnen wurde, nämlich aus Verbraucherberichten in Internet-Communities. Die Auswirkungen auf verschreibende und nicht verschreibende Psychologen werden diskutiert.
Valuck, R. J., Orton, H. D., & Libby, A. M. (2009). Antidepressant discontinuation and risk of suicide attempt: A retrospective, nested case-control study. The Journal of Clinical Psychiatry, 70(8), 1069–1077. https://doi.org/10.4088/JCP.08m04943, PubMed-Link
In dieser Studie wurde eine Gruppe von Personen, bei denen eine Depression diagnostiziert worden war, mit einer Gruppe von Personen verglichen, bei denen eine Depression diagnostiziert worden war und die einen Suizidversuch unternommen hatten. In Bezug auf das Absetzen stellten die Autoren fest, dass in den ersten zwei Wochen nach Absetzen eines Antidepressivums ebenfalls ein erhöhtes Suizidrisiko besteht, während die Einnahme von AD als Schutzfaktor identifiziert wurde. Der Beginn einer AD-Therapie war mit der höchsten Rate an Suizidversuchen verbunden, gefolgt von Phasen, in denen die Dosis reduziert oder erhöht wurde. Außerdem neigten Personen, die einen Suizidversuch unternommen hatten, eher dazu, Antidepressiva einzunehmen und mehrfach depressive Episoden zu erleben.
Csoka, A. B., & Shipko, S. (2006). Persistent sexual side effects after SSRI discontinuation. Psychotherapy and Psychosomatics, 75(3), 187–188. https://doi.org/10.1159/000091777, PubMed-Link
In diesem Artikel stellen die Autoren drei Fälle vor, in denen Patienten mehrere Jahre nach Absetzen ihrer Antidepressiva anhaltende sexuelle Funktionsstörungen hatten. Es werden einige mögliche Hypothesen zur Erklärung dieses Phänomens diskutiert.
Csoka AB, Bahrick A, Mehtonen OP. Persistent sexual dysfunction after discontinuation of selective serotonin reuptake inhibitors. J Sex Med. 2008 Jan;5(1):227-33. doi: 10.1111/j.1743-6109.2007.00630.x. Erratum in: J Sex Med. 2008 Dec;5(12):2977.. Csoka, A [corrected to Csoka, AB]. PMID: 18173768., PubMed-Link
In diesem Artikel stellen die Autoren drei Fälle vor, in denen Patienten mehrere Jahre nach Absetzen ihrer Antidepressiva anhaltende sexuelle Funktionsstörungen hatten. Diese drei Fälle wurden aus 1300 Personen ausgewählt, die angaben, nach Absetzen von SSRI sexuelle Probleme zu haben. Die Ergebnisse werden im Lichte der Veränderungen diskutiert, die SSRIs in verschiedenen Systemen hervorrufen, die sich nach Absetzen des Medikaments offenbar nicht wieder normalisieren.
Green, B. (2000). PANES Persistent adverse neurological effects following SSRI discontinuation—Case report. Abgerufen 27. Oktober 2025, von https://www.priory.com/psych/panes.htm#discussion
Dieser kurze Bericht beschreibt vier Patient:innen, die SSRIs einnahmen und alle nach Absetzen ihrer Medikamente monatelang unter anhaltenden neurologischen Symptomen litten. Alle Patient:innen nahmen Medikamente ein, die die Wiederaufnahme von Serotonin beeinflussen, obwohl sie strukturell unterschiedlich sind und unterschiedliche Wirkmechanismen haben. Die Autoren vermuten, dass dies für die anhaltenden neurologischen Symptome verantwortlich sein könnte, die trotz Absetzen der Medikamente beobachtet wurden.
Bolton, J. M., Sareen, J., & Reiss, J. P. (2006). Genital anaesthesia persisting six years after sertraline discontinuation. Journal of Sex & Marital Therapy, 32(4), 327–330. https://doi.org/10.1080/00926230600666410, PubMed-Link
Dieser Artikel beschreibt eine Fallstudie eines 26-jährigen Mannes, der während der aktiven Einnahme und 6 Jahre nach Absetzen des Antidepressivums Sertralin sexuelle Nebenwirkungen hatte, obwohl seine Stimmung stabil blieb. Die Autoren vermuten, dass die Ursache für diese anhaltende Dysfunktion a) mit psychologischen Gründen zusammenhängen könnte oder b) dass Sertralin zu langfristigen funktionellen Veränderungen im Gehirn geführt hat, die nicht rückgängig gemacht werden konnten. Der Patient glaubte, dass seine Symptome eine Wirkung des Sertralins waren.
Kauffman, R., & Murdock, A. (2007). Prolonged Post-Treatment Genital Anesthesia and Sexual Dysfunction Following Discontinuation of Citalopram and the Atypical Antidepressant Nefazodone. The Open Women’ Health Journal, 1.https://doi.org/10.2174/187429120701011021, ResearchGate-Link
Dieser Artikel beschreibt den Fall einer 32-jährigen Frau, bei der während einer vierwöchigen Behandlung mit dem SSRI Citalopram sexuelle Nebenwirkungen auftraten, die zu einem Wechsel zu Nefazodon führten. Obwohl ihre Depressionssymptome weiterhin in Remission waren, hielten die sexuellen Nebenwirkungen auch ein Jahr nach Absetzen aller Medikamente an. Mögliche Gründe für dieses Phänomen werden diskutiert.
Sabljić, V., Ružić, K., & Rakun, R. (2011). Venlafaxine withdrawal syndrome. Psychiatria Danubina, 23(1), 117–119., PubMed-Link
Ein plötzliches Absetzen von Venlafaxin birgt ein hohes Risiko für ein Entzugssyndrom. Der Mechanismus seiner Entstehung ähnelt dem von selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern (SSRIs), ist jedoch intensiver. Zu den Venlafaxin-Entzugssymptomen können mehrere somatische Symptome sowie mehrere psychiatrische Symptome gehören. In einigen Fällen können die Symptome wie ein Schlaganfall aussehen. Eine Behandlungsoption ist die erneute Einnahme von Venlafaxin oder einem SSRI-Antidepressivum.
Wang, J., & Greenberg, H. (2013). Status cataplecticus precipitated by abrupt withdrawal of venlafaxine. Journal of Clinical Sleep Medicine: JCSM: Official Publication of the American Academy of Sleep Medicine, 9(7), 715–716. https://doi.org/10.5664/jcsm.2848, PubMed-Link
Eine Fallstudie eines narkoleptischen Patienten, der nach abruptem Absetzen von Venlafaxin einen Status cataplecticus (seltene, schwere Form der Narkolepsie/“Schlafkrankheit“), entwickelte.
Pinzani, V., Giniès, E., Robert, L., Peyrière, H., Abbar, M., & Blayac, J. P. (2000). [Venlafaxine withdrawal syndrome: Report of six cases and review of the literature]. La Revue De Medecine Interne, 21(3), 282–284. https://doi.org/10.1016/s0248-8663(00)80048-x, PubMed-Link
Eine Fallstudie von sechs Patient:innen, die nach Absetzen von Venlafaxin Entzugssyndrome entwickelten.
Rosenbaum, J. F., & Zajecka, J. (1997). Clinical management of antidepressant discontinuation. The Journal of Clinical Psychiatry, 58 Suppl 7, 37–40., PubMed-Link
Um die Symptome des Absetzens von Antidepressiva zu minimieren, ist eine schrittweise Reduzierung der Dosis bei allen Serotonin-Wiederaufnahmehemmern (SRIs) erforderlich, mit Ausnahme von Fluoxetin, das eine verlängerte Halbwertszeit hat. Absetzsymptome, die häufig nach abruptem Absetzen oder zeitweiliger Nichtbefolgung der Einnahmevorschriften und seltener während der Dosisreduktion auftreten, sind in der Regel mild, kurzlebig und selbstlimitierend, können jedoch belastend sein und zu Arbeitsausfällen und verminderter Produktivität führen. Die Symptome können somatischer Natur sein (z. B. Schwindel und Benommenheit, Übelkeit und Erbrechen, Müdigkeit, Lethargie, Myalgie, Schüttelfrost und andere grippeähnliche Symptome, sensorische Störungen und Schlafstörungen) oder psychologischer Natur (Angstzustände und/oder Unruhe, Weinanfälle, Reizbarkeit).
El-Mallakh, R. S., Gao, Y., & Jeannie Roberts, R. (2011). Tardive dysphoria: The role of long term antidepressant use in-inducing chronic depression. Medical Hypotheses, 76(6), 769–773. https://doi.org/10.1016/j.mehy.2011.01.020, PubMed-Link
Die Autoren schlagen ein Modell der tardiven Dysphorie vor, bei der es sich um einen potenziell chronischen depressiven Zustand handelt, der bei einigen Personen auftritt, die über einen längeren Zeitraum Antidepressiva eingenommen haben. Das Absetzen von Antidepressiva kann bei manchen Menschen zu einer allmählichen Besserung der Symptome führen, bei anderen kann der chronische Depressionszustand jedoch dauerhaft und irreversibel sein. Für dieses Phänomen wird eine genetische Erklärung im Zusammenhang mit einem Serotonintransporter-Gen gegeben. Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass randomisierte kontrollierte Studien erforderlich sind, um das Vorliegen einer tardiven Dysphorie zu überprüfen. Sie stellen fest, dass ein Absetzen eher für diejenigen von Vorteil sein dürfte, die Antidepressiva über einen kürzeren Zeitraum eingenommen haben, eine größere Neuroplastizität des Gehirns aufweisen und die eine lange Form des Serotonintransporter-Gens haben.
Ei-Mallakh, R. S., & Karippot, A. (2005). Antidepressant-associated chronic irritable dysphoria (acid) in bipolar disorder: A case series. Journal of Affective Disorders, 84(2–3), 267–272. https://doi.org/10.1016/j.jad.2004.08.004, PubMed-Link
Eine Fallstudie mit sechs bipolaren Patient:innen, die nach dreijähriger Einnahme von Antidepressiva eine chronische dysphorische Stimmung, Reizbarkeit und mittlere Schlaflosigkeit entwickelten, was mit beruflichen und sozialen Funktionsstörungen einherging. Das Absetzen der Antidepressiva war mit einer langsamen und allmählichen Besserung dieser Symptome im Laufe des folgenden Jahres verbunden.
Fava, G. A., Gatti, A., Belaise, C., Guidi, J., & Offidani, E. (2015). Withdrawal Symptoms after Selective Serotonin Reuptake Inhibitor Discontinuation: A Systematic Review. Psychotherapy and Psychosomatics, 84(2), 72–81. https://doi.org/10.1159/000370338, PubMed-Link
Eine systematische Überprüfung der Forschungsliteratur zu Studien, die über SSRI-Entzugssymptome berichteten. Diese Studien zeigten, dass Entzugssymptome in der Regel innerhalb weniger Tage nach Absetzen auftreten und einige Wochen andauern. Dies tritt auch bei einer schrittweisen Reduzierung der Dosis auf. Die Erfahrungen der Patient:innen sind jedoch unterschiedlich, und bei einigen können Entzugssymptome verspätet auftreten oder Störungen bestehen bleiben. Solche Entzugssymptome werden oft fälschlicherweise als Anzeichen für einen bevorstehenden Rückfall interpretiert.
Michelson, D., Fava, M., Amsterdam, J., Apter, J., Londborg, P., Tamura, R., & Tepner, R. G. (2000). Interruption of selective serotonin reuptake inhibitor treatment: Double-blind, placebo-controlled trial. The British Journal of Psychiatry, 176(4), 363–368. https://doi.org/10.1192/bjp.176.4.363, PubMed-Link
In dieser kontrollierten Studie wurde die Hälfte der Patient:innen, die SSRI eingenommen hatten, angewiesen, ihre Medikation fortzusetzen, während die andere Hälfte ein Placebo erhielt. Die Autoren stellten fest, dass die Auswirkungen des Absetzens des Medikaments mit dessen Halbwertszeit zusammenhingen – je kürzer die Halbwertszeit, desto schwerwiegender waren die Nebenwirkungen und funktionellen Beeinträchtigungen. Die Auswirkungen waren bei Paroxetin am stärksten, gefolgt von Sertralin, während beim Absetzen von Fluoxetin keine signifikanten Auswirkungen beobachtet wurden. Es wurde die Hypothese aufgestellt, dass die vorherrschenden körperlichen Auswirkungen beim Absetzen eher eine medikamenteninduzierte Reaktion als ein Wiederauftreten der Depression darstellten.
Rosenbaum, J. F., Fava, M., Hoog, S. L., Ascroft, R. C., & Krebs, W. B. (1998). Selective serotonin reuptake inhibitor discontinuation syndrome: A randomized clinical trial. Biological Psychiatry, 44(2), 77–87. https://doi.org/10.1016/S0006-3223(98)00126-7, PubMed-Link
Diese Studie wurde durchgeführt, um die Auswirkungen einer kurzzeitigen Unterbrechung der Antidepressiva-Gabe aufgrund von „Nichtbefolgung der Therapie durch den Patienten“ oder ausgelassenen Dosen zu untersuchen. Nach einer Einnahme von Antidepressiva in Erhaltungsdosis über einen Zeitraum von 4 bis 24 Monaten erhielten 83 % (192) der Patient:innen 5 bis 8 Tage lang ein Placebo anstelle ihres Antidepressivums. Nach dieser Phase wurde das Antidepressivum wieder eingeführt. Die Häufigkeit psychischer und somatischer Symptome nach einer Unterbrechung der Antidepressiva-Einnahme war bei Paroxetin am größten, gefolgt von Sertralin und schließlich Fluoxetin. Bei Patienten, die mit Sertralin und Paroxetin, aber nicht mit Fluoxetin behandelt wurden, traten ebenfalls depressive Symptome wieder auf. Nach der Wiedereinführung des Medikaments kam es zu einer raschen Verringerung der somatischen Symptome und der Depressionswerte. Daher wird angenommen, dass die Ergebnisse eher eine Reaktion auf das Absetzen der SSRI widerspiegeln als einen Rückfall oder ein Wiederauftreten der Depression.
Hinweise zum Absetzen
Gøtzsche, P. C., & Demasi, M. (2024). Interventions to help patients withdraw from depression drugs: A systematic review. International Journal of Risk & Safety in Medicine, 35(2), 103–116. https://doi.org/10.3233/JRS-230011, PubMed-Link
In dieser Überprüfung von 13 Studien variierten die Erfolgsraten für Patienten, die Antidepressiva abgesetzt hatten, stark (9 % bis 80 %). Alle untersuchten Studien verwechselten Entzugssymptome mit Rückfällen, verwendeten keine hyperbolische Dosisminderung, setzten das Antidepressivum zu schnell linear ab und stellten es vollständig ein, obwohl die Rezeptorbelegung noch hoch war. Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass „der tatsächliche Anteil der Patienten, die Antidepressiva einnehmen und diese ohne Rückfall sicher absetzen können, wahrscheinlich erheblich höher ist als die von uns ermittelten 50 %“.
Framer, A. (2021). What I have learnt from helping thousands of people taper off antidepressants and other psychotropic medications. Therapeutic Advances in Psychopharmacology, 11, 2045125321991274. https://doi.org/10.1177/2045125321991274, PubMed-Link
Obwohl Entzugssyndrome bei Psychopharmaka seit den 1950er-Jahren bekannt sind und neuere Studien zeigen, dass rund 40 % der Betroffenen beim Absetzen von Antidepressiva solche Symptome erleben, fehlt es an medizinischen Leitlinien für ein sicheres Absetzen. In den letzten 25 Jahren haben Betroffene daher Online-Communities aufgebaut, um sich gegenseitig beim Absetzen und Umgang mit Entzugssymptomen zu unterstützen. Der Bericht einer solchen Community-Gründerin fasst die Erfahrungen tausender Patient:innen zusammen – zu Reaktionen von Ärzten, Nebenwirkungen, Risikofaktoren, Absetzmethoden, Symptomen, langanhaltendem Entzug und Bewältigungsstrategien – und stellt sie in den Zusammenhang mit der aktuellen Forschung.
Horowitz, M. A., & Taylor, D. (2019). Tapering of SSRI treatment to mitigate withdrawal symptoms. The Lancet Psychiatry, 6(6), 538–546. https://doi.org/10.1016/S2215-0366(19)30032-X, PubMed-Link
Alle Antidepressiva-Klassen sind mit Entzugssyndromen verbunden. Besonders das SSRI-Entzugssyndrom tritt häufig und teilweise schwer auf, was Patient:innen zum Wiedereinstieg in die Medikation bewegen kann. Obwohl sich das Entzugssyndrom von einer Rückkehr der Erkrankung unterscheiden lässt, wird es oft verwechselt, was zu unnötiger Langzeitmedikation führt. Richtlinien empfehlen kurze Ausschleichphasen von 2 bis 4 Wochen, die jedoch kaum Vorteile gegenüber abruptem Absetzen zeigen und von Patient:innen oft schlecht vertragen werden. Längere Ausschleichphasen über Monate, mit Dosen unterhalb der therapeutischen Mindestdosis, sind erfolgreicher bei der Minimierung von Entzugssymptomen. Bei anderen Medikamenten wie Benzodiazepinen werden Dosen durch exponentielles, sehr langsames Ausschleichen reduziert, um Entzug zu vermeiden. Ähnliches sollte auch für SSRIs gelten: Untersuchungen zeigen, dass eine hyperbolische, langsame Dosisreduktion von SSRIs deren Wirkung linear verringert. Daher wird empfohlen, SSRIs langsam und hyperbolisch bis weit unter die therapeutische Mindestdosis auszuschleichen, um Entzugssymptome bestmöglich zu minimieren.
Fava, M., Rosenbaum, J. F., Hoog, S. L., Krebs, W., & Dillon, J. A. (1998). A comparison of symptoms following treatment interruption: Evidence from a randomized, double-blind trial with fluoxetine, sertraline, and paroxetine. European Neuropsychopharmacology, 8, S171–S172. https://doi.org/10.1016/S0924-977X(98)80224-1, PubMed-Link
Diese kontrollierte Studie folgte einem Protokoll, bei dem die Antidepressiva bei einer Gruppe von Patient:innen, die auf eine 4- bis 10-wöchige Behandlung angesprochen hatten, für einen Zeitraum von 4 bis 6 Tagen abgesetzt wurde. Unerwünschte Ereignisse wurden anhand von Checklisten und spontanen Meldungen gemessen. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass eine kurze Unterbrechung der SSRI-Behandlung zu neuen oder schwerwiegenderen unerwünschten Ereignissen führt. Die Häufigkeit unerwünschter Ereignisse war bei Paroxetin am größten, gefolgt von Sertralin und schließlich Fluoxetin.
Fava, G. A., Bernardi, M., Tomba, E., & Rafanelli, C. (2007). Effects of gradual discontinuation of selective serotonin reuptake inhibitors in panic disorder with agoraphobia. International Journal of Neuropsychopharmacology, 10(6), 835–838. https://doi.org/10.1017/S1461145706007462, PubMed-Link
In einer Studie mit 20 remittierten Patient:innen wurden die Antidepressiva so langsam wie möglich und unter angemessener Aufklärung abgesetzt. Neun der 20 Patient:innen (45 %) litten unter einem Entzugssyndrom, das bei allen bis auf drei, die über einen langen Zeitraum Paroxetin eingenommen hatten, innerhalb eines Monats abklang. Entzugssyndrome schienen selbst bei langsamer Reduzierung und während der klinischen Remission recht häufig aufzutreten. In einigen Fällen hielten die Beschwerden noch Monate nach dem Absetzen an.