Anmerkung der Redaktion: Dieser Artikel erschien ursprünglich auf unserer Partnerseite Mad in America am 29.06.2026.
Unter Diagnostischer Überschattung („Diagnostic Overshadowing“, DO) versteht man, wenn Ärztinnen und Ärzte Symptome oder Beschwerden auf eine bereits bestehende Erkrankung zurückführen. Dies kommt besonders häufig bei Menschen mit psychiatrischen Diagnosen vor, deren körperliche Beschwerden oft als psychisch bedingt abgetan werden. Ein neuer Artikel, der im Journal of Public Health veröffentlicht wurde, kommt zu dem Ergebnis, dass DO bei Menschen mit psychiatrischen Diagnosen durch Stereotypen, Stigmatisierung und systemische Probleme wie hohe Arbeitsbelastung der Ärztinnen und Ärzte und Zeitdruck verursacht wird. Diese von Olga Martinez-Navarro von der Universität Valencia in Spanien geleitete Studie stellt zudem fest, dass Patient:innen erhebliche emotionale und körperliche Folgen von DO erleiden – bis hin zum Tod.
Bemerkenswerterweise fehlt in dieser Studie jegliche Berücksichtigung von durch Psychopharmaka verursachten Schäden. Die aktuelle Studie ignoriert die Tatsache, dass ein Teil der von Menschen mit psychiatrischen Diagnosen berichteten körperlichen Symptome auf die Einnahme von Psychopharmaka zurückzuführen ist. Sie stellt diese stattdessen als übersehene körperliche Erkrankung dar. Jeder Vorstoß hin zu einer genaueren Diagnose körperlicher Erkrankungen bei Menschen mit einer psychischen Diagnose muss die durch Medikamente verursachten Schäden in dieser Bevölkerungsgruppe berücksichtigen.

Folgen der Diagnostischen Überschattung
Frühere Untersuchungen haben ergeben, dass Menschen mit einer psychiatrischen Diagnose doppelt so häufig Opfer von medizinischen Fehlern werden. Die Autor:innen dieser Studie glauben, dass dies zumindest teilweise auf die „Diagnostische Überschattung“ (DO) zurückzuführen ist. Die Forschung hat DO mit verpassten und verzögerten Diagnosen körperlicher Erkrankungen, einer schlechteren Qualität der Gesundheitsversorgung für Menschen mit psychiatrischen Diagnosen, einem erhöhten Sterberisiko, einer vermeidbaren Verschlechterung der körperlichen Gesundheit, verzögerten Notfallbehandlungen und fragmentierten Versorgungswegen in Verbindung gebracht.
Eine Expertin aus eigener Erfahrung schrieb darüber, wie sie von einem Psychiater als „sehr psychisch krank“ eingestuft wurde, nachdem sie wegen erheblicher körperlicher Symptome, darunter extreme Müdigkeit und Gewichtsverlust, ins Krankenhaus gekommen war. Nachdem bei ihr fälschlicherweise eine faktitische Störung, eine somatische Symptomstörung und eine Psychose diagnostiziert worden waren, wurde sie gegen ihren Willen in einer psychiatrischen Klinik festgehalten, wo ihre körperlichen Symptome routinemäßig als psychisch abgetan wurden. Sie schreibt:
„Ich wäre wahrscheinlich in der psychiatrischen Klinik gestorben, weil man sich weigerte, mich zur Einlage einer Magensonde in ein medizinisches Krankenhaus zu entlassen. Eine Freundin, die früher Krankenschwester war, musste einen Arzt außerhalb der Klinik dazu bringen, meine Verlegung anzuordnen – entgegen den Anweisungen des Psychiaters.“
Nach ihrer Entlassung aus der psychiatrischen Abteilung wurde bei ihr korrekterweise eine Schimmelpilzvergiftung und ein Mastzellaktivierungssyndrom diagnostiziert. Mit dem Nachweis einer körperlichen Diagnose beantragte sie, dass ihre psychiatrischen Diagnosen aus ihren Krankenakten und Hintergrundüberprüfungen entfernt werden. Dieser Antrag wurde abgelehnt, wodurch sie weiterhin dem Risiko künftiger „DO“ ausgesetzt blieb.
Details zur Studie
Das Ziel der aktuellen Studie war es, zu untersuchen, wie Patient:innen und Dienstleistungsnutzer „DO“ erleben. Diese Untersuchung befasste sich zudem mit der Wahrnehmung von DO durch medizinisches Fachpersonal sowie mit Praktiken, die zu DO führen können. Die Autor:innen führten eine systematische Übersicht über bisherige Forschungsarbeiten zu diesem Thema durch. Um in die aktuelle Untersuchung einbezogen zu werden, mussten die Studien entweder DO bei Erwachsenen untersuchen, die Patient:innen oder Nutzer im Bereich der psychischen Gesundheit waren, oder die Wahrnehmung von DO durch medizinisches Fachpersonal beleuchten. Die einbezogenen Studien mussten zudem in englischer oder spanischer Sprache veröffentlicht sein. Leitartikel, Kommentare, Konferenzzusammenfassungen und Fallberichte wurden ausgeschlossen.
In die vorliegende Untersuchung wurden qualitative, quantitative und gemischte Methodenstudien einbezogen. Zehn Studien stammten aus Europa, fünf aus Australien und Neuseeland und drei aus Nordamerika. Insgesamt untersuchten die Forschenden Daten aus 17 Studien mit insgesamt 1.736 Teilnehmern.
Die Autor:innen identifizierten sieben wichtige wiederkehrende Themen in den untersuchten Studien:
- Stereotypen, die speziell die Glaubwürdigkeit körperlicher Symptome untergraben
- Klinische Praktiken einer verfrühten Zuordnung von körperlichen zu psychischen Ursachen
- Körperliche Folgen von DO
- Emotionale Folgen mangelhafter Versorgung
- Berufliche Herausforderungen bei der Bereitstellung angemessener Versorgung
- Umweltfaktoren, die eine Fehlzuordnung von DO begünstigen
- Faktoren, die die Erkennung oder Prävention fördern
Sechs der 17 Artikel befassten sich mit Stereotypen, die die Glaubwürdigkeit von Menschen mit psychiatrischen Diagnosen untergruben. Nutzer psychiatrischer Dienste und Patient:innen wurden von Fachkräften im Gesundheitswesen häufig als unglaubwürdig angesehen, als dazu neigend, über ihren Zustand zu lügen, und als unfähig, ihre eigene Gesundheit zu managen. Zu diesem Thema gehörte auch die Tendenz von Gesundheitseinrichtungen, die Identität von Menschen mit psychischen Diagnosen auf einen „psychiatrischen Fall“ zu reduzieren.
Acht der einbezogenen Studien untersuchten verfrühte Zuschreibungen von körperlichen auf psychische Ursachen bei den Symptomen von Patient:innen mit psychischen Erkrankungen. Dies führte dazu, dass sie keine angemessene medizinische Abklärung erhielten und Ärztinnen und Ärzte sie vorzeitig an Psychiater:innen überwiesen. Ärztinnen und Ärzte zeigten zudem paternalistische Haltungen, die eine gemeinsame Entscheidungsfindung verhinderten.
Zu den körperlichen (in 7 Studien behandelt) und emotionalen (5) Folgen von DO gehörten Fehler und Verzögerungen bei der Diagnose, Behinderungen und Todesfälle infolge verpasster oder verspäteter Diagnosen, Gefühle der Hoffnungslosigkeit, Misstrauen gegenüber dem Gesundheitssystem, Scham, Angst sowie das Verheimlichen von Informationen vor Ärztinnen und Ärzte bei nachfolgenden Besuchen.
Neun Studien befassten sich mit umgebungsbedingten und institutionellen Problemen, die zu DO führen. In Einrichtungen des Gesundheitswesens können Ablenkungen wie Lärm und Menschenmengen auftreten, die zu DO beitragen können. Das Fehlen von Krankenhausprotokollen, Arbeitsüberlastung und begrenzte Zeit, die für Patient:innen zur Verfügung steht, könnten ebenfalls zu DO beitragen. Die Autor:innen erörterten spezifische Patientenmerkmale, darunter ethnische Zugehörigkeit und Diagnosen wie Schizophrenie, Substanzmissbrauch, bipolare Störung und Borderline-Persönlichkeitsstörung, als Umweltfaktoren, die zu DO beitragen. Eine weitere Möglichkeit, den Einfluss von Patientenmerkmalen auf DO zu beschreiben, sind rassistische und behindertenfeindliche Vorurteile seitens der Gesundheitsdienstleister, die in institutionellen Praktiken verankert sind.
Eine Studie untersuchte berufliche Herausforderungen im Zusammenhang mit DO. Dazu gehörten Patient:innen, die Informationen vorenthalten und sich weigern, neue Behandlungen zu beginnen, komplexe Erscheinungsbilder körperlicher und psychischer Probleme sowie Kommunikationsschwierigkeiten.
Sechs Studien befassten sich mit Faktoren, die DO verhindern könnten. Faktoren wie interdisziplinäre Zusammenarbeit, eine verbesserte Ausbildung der Ärztinnen und Ärzte und klinische Erfahrung könnten zu weniger verpassten und verzögerten Diagnosen führen. Eine der einbezogenen Studien ergab, dass der Einsatz von psychiatrischen Pflegekräften in Notaufnahmen DO reduzieren könnte. Diese Studie berichtete zudem, dass die Anwesenheit von psychiatrischen Pflegekräften die Patientenerfahrungen verbesserte. Die einbezogenen Studien deuteten außerdem darauf hin, dass Ärztinnen das Versäumnis von Diagnosen möglicherweise abmildern, da sie ein höheres Maß an Empathie zeigen und umfassendere Untersuchungen durchführen.
Limitationen
Diese Untersuchung wies mehrere Einschränkungen auf. Es standen nur wenige Studien zur Verfügung, die die Einschlusskriterien erfüllten. Die Autor:innen verwendeten eng gefasste Suchbegriffe, um Studien für eine mögliche Einbeziehung zu identifizieren, was dazu geführt haben könnte, dass relevante Forschungsarbeiten übersehen wurden. Die einbezogenen Studien wiesen kleine Stichprobengrößen auf und stammten überwiegend aus Ländern mit hohem Einkommen, was die Verallgemeinerbarkeit einschränkte. Die einbezogenen Studien verwendeten unterschiedliche Messgrößen, Methoden und Endpunkte, was Vergleiche und systemweite Empfehlungen erschwerte. Diese Untersuchung befasste sich zudem mit körperlichen Symptomen bei Menschen mit psychiatrischen Diagnosen, ohne die durch Psychopharmaka verursachten Schäden zu berücksichtigen.
Die Realität medikamentenbedingter Schäden bei Menschen mit psychiatrischen Diagnosen
Die aktuelle Studie beginnt mit der Feststellung, dass „Menschen mit psychischen Störungen eine höhere Morbidität und Mortalität aufweisen als die Allgemeinbevölkerung, was in erster Linie auf gleichzeitig auftretende körperliche Erkrankungen zurückzuführen ist.“ Die Autor:innen scheinen jedoch die wachsende Zahl von Forschungsergebnissen zu ignorieren, die darauf hindeuten, dass psychotrope Medikamente wie Antidepressiva, Neuroleptika und Benzodiazepine sowohl für die vorzeitigen Todesfälle als auch für die körperlichen Erkrankungen von Menschen mit psychiatrischen Diagnosen verantwortlich sind. Expert:innen haben erklärt, dass Psychopharmaka „mehr Konsumenten töten als Heroin [und] Kokain.“ Peter Gøtzsche schätzt, dass Psychopharmaka in den USA die dritt häufigste Todesursache sind, nach Herzerkrankungen und Krebs.
Forschungsergebnisse haben gezeigt, dass Antidepressiva, Neuroleptika und psychiatrische Stimulanzien, die vor allem zur Behandlung von ADHS eingesetzt werden, mit einer schlechten Herzgesundheit in Verbindung stehen. Diese Medikamente wurden mit erhöhten Raten von Adipositas und den damit einhergehenden gesundheitlichen Komplikationen assoziiert. Frühere Studien zeigen für Antidepressiva und Neuroleptika ein erhöhtes Risiko für Diabetes und hohem Blutdruck. Psychopharmaka werden mit schlechter Schlafqualität assoziiert, was eine Reihe negativer Auswirkungen auf die körperliche Gesundheit hat. Diese Medikamente können zudem extreme körperliche Symptome auslösen, wenn Menschen versuchen, sie abzusetzen; diese können manchmal jahrelang anhalten.
Die Autor:innen der aktuellen Studie stellen den vorzeitigen Tod bei Menschen mit psychischen Diagnosen vor allem als Folge körperlicher Erkrankungen dar, ohne zu berücksichtigen, inwiefern Psychopharmaka sowohl zu diesen Todesfällen als auch zu den körperlichen Erkrankungen beitragen. Diese Darstellung birgt die Gefahr, Todesfälle und körperliche Erkrankungen in dieser Bevölkerungsgruppe auf Pech und Patientenmerkmale zurückzuführen und damit den Fokus von den tatsächlichen, durch Psychopharmaka verursachten Schäden abzulenken.
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Martinez-Navarro, O., & Martinez-Martinez, C. (2026). Diagnostic overshadowing in Mental Health: A mixed-methods systematic review of its impact on health inequities and system-level responses. Journal of Public Health. (Link)