Dies ist die Geschichte meines Lebens – so, wie ich sie erlebt habe. Ich kann nicht mit Sicherheit beweisen, welche Rolle die Antibiotika, die psychischen Krisen oder andere Belastungen gespielt haben. Ich weiß nur, dass sich mein Leben nach einer Antibiotikabehandlung im Jahr 2002 schlagartig veränderte und dass ich seitdem nach Antworten suche. Viele Zusammenhänge sind wissenschaftlich noch nicht vollständig verstanden. Dieser Bericht erhebt daher keinen Anspruch auf allgemeine Gültigkeit, sondern beschreibt meine persönliche Erfahrung – mit Krankheit, Verzweiflung, Hoffnung und dem langen Weg zurück ins Leben.
Als die Welt noch in Ordnung war
2002 war ich 21 Jahre alt und studierte Medizin in Basel. Ich hatte gerade meine Prüfungen bestanden und erfüllte mir einen Traum: Zwei Monate Sprachaufenthalt in Vancouver, Kanada. Ich war glücklich, voller Energie und Pläne. Sport gehörte zu meinem Leben. Ich machte Kickbox-Workouts, Karate und hatte das Gefühl, die Welt läge mir zu Füßen.
Antibiotika Nebenwirkungen
Dann bekam ich Beschwerden beim Wasserlassen. Die Untersuchungen ergaben einen Harnwegsinfekt mit einem resistenten Keim. Ich erhielt zunächst Nitrofurantoin und anschließend Ciprofloxacin.
Damals dachte ich mir nichts dabei. Antibiotika gehörten schließlich zu den am häufigsten verschriebenen Medikamenten überhaupt. Doch kurz nach der Einnahme des letzten Antibotikums geschah etwas, das mein Leben für immer verändern sollte: Ich war mit Freunden aus der Sprachschule bei einem Rugbyspiel. Wir lachten und unterhielten uns. Plötzlich hatte ich das Gefühl, als würde in meinem Kopf ein Schalter umgelegt. Alles wurde unwirklich. Die Menschen um mich herum wirkten wie Schauspieler in einem Film. Ich hörte die Menschen reden, aber ihre Stimmen erreichten mich nicht mehr richtig. Ich fühlte mich von mir selbst abgeschnitten, als würde ich hinter einer Glasscheibe leben. Ich hatte Angst, verrückt zu werden.
Gleichzeitig funktionierte ich weiter. Ich sprach normal weiter, versuchte mir nichts anmerken zu lassen. Aber innerlich war ich in Panik. Ich versuchte meiner Cousine, die in Vancouver lebte, zu erklären, was mit mir los war. „Es ist, als wäre ich nicht mehr ich selbst.“
Aber mir fehlten die Worte. Ich hatte noch nie von Derealisation oder Depersonalisation gehört. Ich wusste nur: Irgendetwas war furchtbar falsch. Das Gefühl verschwand nicht. Auch nicht, als ich wieder in die Schweiz zurückkehrte. Mein Hausarzt vermutete eine Depression und riet mir, die Antibabypille abzusetzen. Dass Antibiotika die Ursache meiner Beschwerden sein könnten, kam weder ihm noch mir in den Sinn.
Damals wusste kaum jemand, dass Fluorchinolone schwere neurologische und psychiatrische Nebenwirkungen verursachen können. Jahre später würde ich erfahren, dass Ciprofloxacin zur Gruppe der Fluorchinolone gehört und die amerikanische Arzneimittelbehörde FDA inzwischen mehrere Black-Box-Warnungen für diese Medikamentengruppe herausgegeben hatte. Aber damals wusste ich das alles nicht.
Kämpfen trotz Schwierigkeiten
Ich kehrte in den dritten Jahreskurs des Medizinstudiums zurück. Und ich fühlte mich schrecklich. Neben der Derealisation war ich chronisch erschöpft. Sport war kaum noch möglich. Ich, die früher voller Energie gewesen war, musste mich zu allem zwingen.
Drei Jahre studierte ich in diesem Zustand weiter. Ein Jahr wiederholte ich sogar, weil meine Konzentration so schlecht geworden war, dass ich die Prüfungen nicht bestand.
Ich versuchte alles: Akupunktur. Yoga. Kinesiologie. Ernährungsumstellungen. Nahrungsergänzungsmittel. Nichts half. Aber ich war stur. Vielleicht auch verzweifelt. Ich wollte mein Leben zurück. Also machte ich weiter. Ich hatte meine erste richtige Beziehung. Ich versuchte, so normal wie möglich zu leben. Doch gleichzeitig zerbrach vieles um mich herum. Die Beziehung ging auseinander. Meine Eltern ließen sich scheiden. Und ich selbst lebte seit Jahren in einem Zustand permanenter Unwirklichkeit.
Von der Medizinstudentin zur Patientin mit Schizophrenie
Nach den bestandenen Prüfungen des vierten Jahreskurses war es zu viel. Ich brach zusammen. Ich entwickelte eine Psychose. Ich wurde für sechs Monate stationär in einer psychiatrischen Klinik aufgenommen. Die Diagnose lautete Schizophrenie. Für mich war das eine Katastrophe. Ich war Medizinstudentin gewesen. Ich wollte Ärztin werden. Und plötzlich war ich Patientin.
Die Ärzte probierten verschiedene Medikamente aus. Viele verursachten starke Nebenwirkungen. Schließlich wurde ich nach sechs Monaten in eine Tagesklinik entlassen. Ich schlief, wenn ich nicht in der Tagesklinik war, zwölf bis dreizehn Stunden pro Tag. Ich fühlte mich wie ein Zombie.
Auf dem Weg der Besserung
Eine neue ambulante Psychiaterin reduzierte die Medikamente und wechselte das Neuroleptikum. Langsam wurde es besser. Ich kämpfte mich zurück.
Über die Invalidenversicherung machte ich einen Arbeitseinsatz. Ich bügelte acht Stunden am Tag. Danach absolvierte ich eine Umschulung zur Sekretärin. Ich lernte meinen Mann kennen. Wir heirateten schnell. Er wurde zu meiner größten Stütze.
Ich setzte alle Medikamente ab. Und tatsächlich führte ich während sechs Jahren ein Leben, das von außen betrachtet normal aussah. Ich arbeitete als Sekretärin. Ich war verheiratet. Ich funktionierte. Aber innerlich war nichts normal. Die Derealisation war immer noch da. Die Erschöpfung war immer noch da. Mein Kopf fühlte sich an, als wäre er ständig in Nebel gehüllt.
Nach drei Jahren als Sekretärin spürte ich eine Sehnsucht, die nie verschwunden war: Mir fehlten nur noch zwei Jahre bis zum Abschluss des Medizinstudiums. Ich wollte es noch einmal versuchen. Die medizinische Fakultät gab mir eine zweite Chance. 2011 schrieb ich mich erneut ein.
Heute weiß ich, dass das wahrscheinlich die falsche Entscheidung war. Ich überschätzte meine Kräfte. Mir ging es schlecht. Ich musste das Wahlstudienjahr unterbrechen.
Meine zweite Psychose
Und 2013 erlitt ich eine zweite Psychose. Wieder Klinik. Wieder Medikamente. Diesmal erhielt ich 10 mg Olanzapin. Ich fühlte mich erneut wie ein Zombie. Ich wusste aber aus meiner ersten Erkrankung, dass ich 5 mg deutlich besser vertrug. Inmitten meiner Psychose begann ich mit den Ärzten zu diskutieren. Ich wollte die Dosis reduzieren. Der behandelnde Arzt warnte mich: „So werden Sie nicht gesund.“ Aber ich blieb hartnäckig.
Und tatsächlich war ich nach vier Wochen wieder aus dem stationären Bereich entlassen. Nach meiner ersten Psychose hatte ich sechs Monate gebraucht. Diesmal nur einen Monat.
Es folgte erneut ein Jahr Tagesklinik. Meine Invalidenrente wurde auf 100 Prozent erhöht. Ich begann in einem geschützten Arbeitsplatz im Backoffice zu arbeiten. Neben dem Olanzapin erhielt ich ein Antidepressivum. Und wieder lebte ich jahrelang mit diesem Gefühl: Nebel im Kopf. Derealisation. Erschöpfung. Neun Jahre lang.
Die lebensverändernde Entdeckung
Doch ich gab nie auf. Ich hatte immer das Gefühl, dass meinem Gehirn etwas fehlte. Dass es nicht genügend Energie hatte. Also begann ich zu recherchieren. Eines Tages tippte ich „Brain Energy“ in die Suchmaschine ein. Und stieß auf Videos und das Buch des Harvard-Psychiaters Christopher Palmer. Er behandelte Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen mit einer ketogenen Ernährung. Einige konnten ihre Medikamente reduzieren oder sogar absetzen. Ich war fasziniert. Und ich begann selbst, mich ketogen zu ernähren. Langsam veränderte sich etwas. Mein Denken wurde klarer. Mein Kopf fühlte sich weniger neblig an. Ich hatte mehr Energie.
Masterstudium und wissenschaftliche Tätigkeit
Und plötzlich tauchte auf Social Media eine Werbung auf: „Master of Psychology and Neuroscience of Mental Health – King’s College London.“ Online.
Ich meldete mich an. Mit nebligem Kopf. Mit Zweifeln. Aber auch mit Hoffnung. Und tatsächlich wurde das Studium mit der Zeit leichter. Je besser es mir ging, desto mehr traute ich mir wieder zu.

Eine Psychiaterin erzählte mir eines Tages von einem Arzt in meiner Nähe, der sich mit ketogener Ernährung auskannte. Zu meiner Überraschung war es ein ehemaliger Studienkollege. Er erzählte mir, dass die Universitätspsychiatrie Basel eine Studie zur ketogenen Ernährung bei Depression plante. Ich schrieb eine E-Mail und fragte, ob ich neben meinem Studium dort mitarbeiten dürfe. Sie sagten Ja. Ich verließ meinen geschützten Arbeitsplatz. Und begann als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität zu arbeiten. Für mich war das ein Wunder. Ich durfte publizieren. Ich trat in einer Gesundheitssendung im Fernsehen auf. Meine Geschichte erschien in der Zeitung.
Nicht alles ist verschwunden. Die Derealisation begleitet mich bis heute. Aber sie ist schwächer geworden. Sie tritt vor allem in neuen oder stressigen Situationen auf. In vertrauter Umgebung geht es mir gut.
Die Gründung meines Startups und ein Leben voller Hoffnung
Heute, im Jahr 2026, geht es mir besser als jemals in den letzten zwanzig Jahren. 2025 habe ich mein Masterstudium in „Psychology and Neuroscience of Mental Health“ am King’s College London erfolgreich abgeschlossen. Ich habe ein Startup gegründet und coache Menschen mit gesundheitlichen Problemen im Bereich ketogene Ernährung.
Meine Medikamente schleiche ich sehr langsam aus – mit sogenannten Tapering Strips aus einer Apotheke in den Niederlanden. Der Prozess wird Jahre dauern. Aber ich bin zuversichtlich.
Wenn ich heute auf mein Leben zurückblicke, frage ich mich manchmal: Was wäre gewesen, wenn ich 2002 nie Ciprofloxacin bekommen hätte?
Ich werde es nie wissen. Aber ich weiß etwas anderes: Selbst nach den dunkelsten Jahren kann Hoffnung zurückkehren. Und manchmal beginnt Heilung genau dort, wo man längst aufgehört hatte, an sie zu glauben.