Anmerkung der Redaktion: Dieser Artikel erschien ursprünglich auf unserer Partnerseite Mad in Italy am 09.08.2026.
In den letzten zwanzig Jahren hat der Einsatz von Antidepressiva in Europa und weltweit stetig zugenommen. In vielen Ländern hat sich der Verbrauch verdoppelt, in einigen sogar verdreifacht – vor allem bei jungen Erwachsenen und Jugendlichen. Die SSRI- und SNRI-Antidepressiva (selektive Serotonin- bzw. Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer) gehören mittlerweile zur Routineversorgung: Sie werden von Hausärzt:innen, Neurolog:innen und Psychiater:innen verschrieben, manchmal auch bei anderen Erkrankungen als Depressionen (Angstzustände, Essstörungen, chronische Schmerzen, prämenstruelle Beschwerden) (1).
Doch während ihr Einsatz zunimmt, erhalten viele Menschen keine umfassende Patientenaufklärung (Informed Consent), d. h. keine klare und aktuelle Aufklärung über die potenziellen Vorteile und Risiken der Behandlung. Die Betroffenen werden zwar über die bekanntesten Nebenwirkungen – Übelkeit, Schlaflosigkeit, Gewichtszunahme, Libidoverlust während der Behandlung – informiert, erhalten jedoch fast nie eine klare Erklärung zu einem komplexeren, beeinträchtigenden und weniger bekannten Risiko: der PSSD (Post-SSRI Sexual Dysfunction), der post-SSRI- oder SNRI-bedingten sexuellen Dysfunktion. Dabei handelt es sich um einen Zustand, bei dem die sexuelle Funktionsstörungen auch nach Absetzen des Medikaments bestehen bleiben können (2).
Viele Patient:innen berichten, dass sie im Rahmen der Patient:innenaufklärung nicht darüber informiert wurden, dass sexuelle Beschwerden auch nach dem Absetzen des Medikaments anhalten können.
Wie wirken Antidepressiva?
Eltern und Jugendliche müssen darüber aufgeklärt werden, dass eine Depression nicht durch einen niedrigen Serotoninspiegel verursacht wird und dass sie mit hochwertigen psychotherapeutischen Maßnahmen behandelt werden kann.
Antidepressiva wirken nicht auf die Ursachen der Depression ein, sondern lediglich auf deren Symptome. Sie können die emotionale Intensität abschwächen und die Stimmung vorübergehend verbessern, führen bei manchen Menschen jedoch auch zu einer gewissen emotionalen Abflachung oder Distanziertheit.
Bei längerer Einnahme können Gewöhnungs- und Toleranzeffekte auftreten: Sie vermindern mit der Zeit die Wirksamkeit der Behandlung – sodass eine Dosiserhöhung oder ein Wirkstoffwechsel nötig wird – und erfordern ein schrittweises Absetzen, um Entzugssymptome zu vermeiden. Zudem treten häufig Nebenwirkungen auf, die die Lebensqualität beeinträchtigen (3,4,5).
Ist ihr Einsatz unvermeidbar, sollte er auf die Behandlung akuter Symptome der Depression beschränkt und anschließend unter Aufsicht erfahrener Ärzt:innen langsam und schrittweise reduziert werden, damit eine qualitativ hochwertige Psychotherapie die tieferen Ursachen des Leidens angehen kann.
Angesichts der potenziellen Nebenwirkungen, von denen einige – wie im Fall der PSSD – auf unbestimmte Zeit anhalten können, ist bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen besondere Vorsicht geboten. In dieser Altersgruppe befindet sich die Sexualität in der Entwicklungsphase, und die Einnahme von Antidepressiva könnte die vollständige Entwicklung ihrer Sexualität beeinträchtigen (2,6).
Was ist PSSD?
PSSD, oder post-SSRI-Sexual-Dysfunction, ist eine besorgniserregende, anhaltende Nebenwirkung von SSRI- oder SNRI-Antidepressiva. Sie ist gekennzeichnet durch eine Reihe von sexuellen Funktionsstörungen, die nach Absetzen des Medikaments fortbestehen oder auftreten und die sich nicht durch eine verbleibende Depression, Komorbiditäten oder andere psychologische Faktoren erklären lassen. Sie kann beide Geschlechter betreffen.
PSSD betrifft jedoch nicht nur den sexuellen Bereich, sondern kann sich als ein Zustand manifestieren, der durch ein Fehlen oder eine Abschwächung des Lustempfindens gekennzeichnet ist und sich auf das gesamte Gefühlsleben erstreckt. Die Folge sind eine verminderte emotionale Reaktionsfähigkeit, ein geringeres Belohnungserleben sowie eine eingeschränkte Fähigkeit, Freude zu empfinden – auch in nicht-sexuellen Kontexten (2,7,8).
Wie verbreitet ist PSSD? Die Frage der Prävalenz
Die tatsächliche Prävalenz der PSSD ist noch nicht bekannt, was jedoch nicht bedeutet, dass das Problem selten ist: Es bedeutet, dass wir noch keine zuverlässigen epidemiologischen Daten haben. Die verfügbaren Erkenntnisse zeigen, dass das Fortbestehen sexueller Funktionsstörumgen nach Absetzen von SSRI/SNRI dokumentiert ist, manchmal mit hohen Prozentsätzen, jedoch stets in ausgewählten Kohorten, die nicht repräsentativ für die Allgemeinbevölkerung sind.
Warum kennen wir die tatsächliche Prävalenz nicht?
Die Gründe für dafür sind sind vielfältig:
- Mangel an geeigneten epidemiologischen Studien: Wissenschaftliche Leitartikel betonen, dass keine prospektiven Studien oder Bevölkerungsstudien vorliegen.
- Schwierigkeiten bei der Unterscheidung zwischen PSSD und depressiven Beschwerden: Die Diagnose erfordert spezifische Kriterien (z. B. genitale Hypästhesie), die in klinischen Studien oft nicht untersucht werden.
- Geringe Melderate seitens der Patient:innen: Schamgefühl, fehlendes Bewusstsein für den Zusammenhang mit dem Medikament.
- Geringes Bewusstsein bei Behandler:innen: Viele Ärzt:innen kennen PSSD nicht oder führen die Beschwerden auf psychologische Faktoren zurück.
- Verzögerte behördliche Anerkennung: Europäische Zulassungsbehörden wie die EMA (European Medicines Agency) erkannten die Möglichkeit, dass SSRI-/SNRI-Antidepressiva auch nach dem Absetzen anhaltende sexuelle Funktionsstörungen verursachen können, lange Zeit nicht offiziell an. Erst 2019 aktualisierte die EMA die Produktinformationen (Beipackzettel) und nahm Hinweise auf sexuelle Funktionsstörungen während der Behandlung sowie insbesondere auf die Möglichkeit auf, dass diese Beschwerden auch nach dem Absetzen anhalten können (9).
Was sind die Ursachen der PSSD? Vermutete pathophysiologische Mechanismen
Die Pathophysiologie der PSSD ist noch nicht geklärt. Die am häufigsten untersuchten Hypothesen betreffen anhaltende Veränderungen der Systeme, die Empfindlichkeit, Lust und Libido regulieren: weniger reaktive Serotoninrezeptoren, Veränderungen bei den Neurosteroiden, epigenetische Veränderungen, die die Lustkreisläufe beeinflussen, sowie eine unausgeglichene serotonerge Übertragung.
Im Einzelnen:
- Desensibilisierung der 5‑HT1A-Rezeptoren (spezielle Serotonin-Rezeptoren): Beteiligt an der Modulation der genitalen Empfindlichkeit und der sexuellen Reaktion.
- Veränderungen der Neurosteroide (z. B. Allopregnanolon, ein Hormon): SSRI modulieren die 5α‑Reduktase (ein Enzym), was mögliche Auswirkungen auf die Wahrnehmung von Lust haben kann.
- Epigenetische Veränderungen: Mögliche anhaltende Herunterregulierung der mesolimbischen dopaminergen Schaltkreise.
- Veränderungen der serotonergen Übertragung: Beteiligung der 5-HT2A/2C-Rezeptoren an der Unterdrückung der Libido.
Diese Mechanismen schließen sich nicht gegenseitig aus, könnten jedoch synergistisch dazu beitragen (10,11,12).
Wie wird PSSD diagnostiziert?
Die Diagnose von PSSD ist komplex: Für die Erkrankung gibt es keine Biomarker, sie hat keine offizielle diagnostische Kodierung und wird oft mit verbleibenden depressiven Symptomen oder mit nicht damit zusammenhängenden psychologischen Faktoren verwechselt. Viele verschreibende Ärzt:innen, die das Syndrom nicht kennen oder noch nie damit konfrontiert wurden, neigen dazu, die Symptome als Ausprägungen einer Depression, von Angstzuständen oder Beziehungsproblemen zu interpretieren, was zur Unterschätzung des Phänomens beiträgt.
Die Unterscheidung zwischen PSSD und einer mit Depressionen verbundenen sexuellen Dysfunktion erfordert eine strukturierte klinische Beurteilung, die auf spezifischen Kriterien basiert. Die im Jahr 2022 vorgeschlagenen diagnostischen Kriterien umfassen:
- Genitale Hypästhesie (verminderte Empfindlichkeit) oder taktile Anästhesie
- Deutliche Abnahme der Libido
- Abgeschwächter oder anhedonischer Orgasmus, verbunden mit der Unfähigkeit, Befriedigung oder Lust zu empfinden
- Erektionsstörungen oder Schwierigkeiten bei der Erregung
- Veränderungen der emotionalen Reaktion auf Lust
Die diagnostische Beurteilung muss darüber hinaus Folgendes berücksichtigen:
- Zeitlicher Verlauf der Symptome, wobei zu überprüfen ist, ob sie während oder nach der Einnahme des Antidepressivums auftraten und ob sie nach dem Absetzen fortbestehen
- Vorliegen spezifischer somatischer Anzeichen, insbesondere einer genitalen Hypästhesie
- Ausschluss eines depressiven Rückfalls mittels validierter Instrumente
- Detaillierte medikamentöse Anamnese, einschließlich Behandlungsdauer, Dosierungen und Begleittherapien
Da Antidepressiva während der Behandlung häufig sexuelle Funktionsstörungen verursachen können – Symptome, die sich in der Regel nach Absetzen des Medikaments wieder zurückbilden –, stellt das Anhalten der sexuellen Funktionsstörung über 4–6 Wochen nach Behandlungsende ein wichtiges Kriterium für die Diagnose einer PSSD dar, sofern keine anderen organischen oder psychologischen Ursachen vorliegen, die die Symptome erklären könnten.
Wie bereits betont, bleibt die Diagnose mangels Biomarkern eine klinische Diagnose (7,8,13).
Gibt es Behandlungsmöglichkeiten für PSSD?
Derzeit gibt es keine offiziell anerkannte Behandlung für PSSD. Die Medizin hat noch keine Therapie gefunden, die eindeutig und zuverlässig bei allen Patient:innen wirkt. Die Forschung steckt noch in den Anfängen, und da die Erkrankung erst spät erkannt wurde, liegen nur wenige Studien vor.
Derzeit laufen Studien zu Medikamenten, die die Dopaminausschüttung anregen, da dieses System mit Lust und Motivation in Verbindung steht. Andere Forschungsarbeiten untersuchen die Rolle von Neurosteroiden oder den Einsatz von Laserbehandlungen im Genitalbereich. Allerdings hat keiner dieser Ansätze bisher eine nachgewiesene Wirksamkeit gezeigt (8,12).
Das heißt jedoch nicht, dass es keine Hoffnung gibt: Es bedeutet, dass wir uns in einer Phase befinden, in der versucht wird, besser zu verstehen, was im Körper vor sich geht und welche Therapien helfen könnten.
Was können Menschen mit PSSD tun, um die Symptome zu lindern und ihre Lebensqualität zu verbessern?
PSSD ist eine komplexe Erkrankung, doch vielen Menschen gelingt es dennoch, ihre Lebensqualität zu verbessern, indem sie an mehreren Fronten ansetzen. Es gibt keine endgültige Heilung, aber es gibt Strategien, die im Laufe der Zeit das Leiden lindern und den Alltag besser bewältigbar machen können.
Der erste Bereich betrifft den Lebensstil: Einen regelmäßigen Schlafrhythmus zu etablieren, sich regelmäßig körperlich zu betätigen und den Konsum von Alkohol und Cannabis zu reduzieren, trägt dazu bei, die Energie, die Stimmung und den Hormonhaushalt zu unterstützen. Auch eine medizinische Grunduntersuchung kann hilfreich sein – nicht, um die PSSD zu „heilen“, sondern um mögliche Faktoren zu beheben, die sie verschlimmern. Manche Menschen profitieren zudem von Beckenbodentraining, das die Körperwahrnehmung und die Durchblutung verbessert.
Der zweite Bereich ist psychologischer Natur. PSSD ist real, doch Ängste, Grübeln und die ständige Beobachtung der Symptome können die Auswirkungen verstärken. Zu lernen, die obsessive Konzentration auf das Problem zu verringern, am Umgang mit Ängsten zu arbeiten und kompetente psychologische Unterstützung in Anspruch zu nehmen, hilft dabei, emotionale Stabilität wiederzufinden und sich nicht von der Erkrankung erdrückt zu fühlen.
Der dritte Bereich betrifft das Beziehungs- und Sexualleben. Viele Menschen stellen fest, dass es trotz anhaltender Symptome möglich ist, eine andere, aber dennoch befriedigende Sexualität zu leben. Den Fokus vom rein genitalen Aspekt auf das körperliche Vergnügen in seiner Gesamtheit zu verlagern, offen mit dem/der Partner:in zu kommunizieren und Formen der Intimität zu erleben, die weniger leistungsorientiert sind, ermöglicht es, Verbundenheit und Gelassenheit wiederzufinden.
Schließlich hilft es, sich ausgewogen zu informieren und sich mit anderen Menschen auszutauschen – auch in sozialen Netzwerken –, um sich nicht allein zu fühlen. Die Forschungsergebnisse zu verfolgen, ohne sie zu einer Obsession werden zu lassen, vermittelt Orientierung, ohne die Angst zu verstärken (2,12,14,15).
Schlussfolgerungen
PSSD ist ein seltenes, aber reales Leiden, das noch viel zu wenig anerkannt wird und oft in der Einverständniserklärung nicht erwähnt wird. Die Tatsache, dass es bereits nach einer sehr kurzen Einnahme von Antidepressiva auftreten kann – und dass in einigen Fällen die Symptome Monate, Jahre oder eine unbestimmte Zeit andauern können – erfordert eine deutlich größere Vorsicht bei der Verschreibung, insbesondere bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen, deren Sexualität sich noch in voller Entwicklung befindet.
Deshalb ist eine transparente Kommunikation unerlässlich: Wer ein Antidepressivum einnimmt, muss nicht nur wissen, welche Vorteile er erwarten kann, sondern auch, welche Risiken den sexuellen Bereich und die sich entwickelnde Identität betreffen. Der Schutz der Patient:innen beginnt hier: besser informieren, mit größerer Vorsicht verschreiben, sorgfältig überwachen und eine Forschung unterstützen, die den entstandenen Rückstand endlich aufholt.
Menschen zu schützen bedeutet, ihnen Bewusstsein und Autonomie zurückzugeben. Eine Behandlung, die die Würde des Patient:innen nicht achtet, kann nicht als Behandlung angesehen werden.
Literaturverzeichnis
- Bindel, L.J., Seifert, R. (2026). Antidepressant use in Europe: past trends, prescribing habits, and predictions up to 2030. Detaillierte Analyse der Antidepressiva-Nutzung mit Anstiegen von bis zu +157 % in einigen europäischen Ländern.
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- National Institute for Health and Care Excellence (NICE) Depression in children and young people: identification and management.
- Ben-Sheetrit J., Aizenberg D., Hermesh H., Weizman A. Post-SSRI sexual dysfunction: clinical characterization and preliminary assessment of contributory factors. Journal of Clinical Psychopharmacology, 2015.
- Healy D., Mangin D. Post-SSRI Sexual Dysfunction (PSSD): Diagnostic Criteria and Clinical Considerations. International Journal of Risk & Safety in Medicine, 2022.
- European Medicines Agency (EMA) Direct Healthcare Professional Communication (DHPC) – Sexual dysfunction with SSRIs and SNRIs may persist after discontinuation. EMA, 2019.
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- Waldinger M.D. Post-SSRI sexual dysfunction: clinical, neurobiological and epidemiological aspects.
- Csoka A.B., Shipko S. Persistent sexual side effects after SSRI discontinuation. Journal of Sexual Medicine, 2006. Er hebt hervor, dass die Symptome nach dem Absetzen weiterhin bestehen und sich nicht durch eine Depression oder psychologische Faktoren erklären lassen
- Meyer T., et al. Exercise and mental health: evidence for prevention and treatment of depression. Current Opinion in Psychiatry, 2020.
- Volkow N.D., et al. Effects of cannabis use on human behavior, cognition, motivation and brain function. New England Journal of Medicine, 2014.