Morgens um sechs Uhr klingelt der Wecker, alles grau wie immer. Ich stehe auf und ziehe die Klamotten an, die ich schon seit Tagen trage. „Mal wieder duschen wäre nicht schlecht“, denke ich. „Ist doch egal“, sagen meine Stimmen im Kopf. Ich stolpere auf die Station. Alles noch im Tiefschlaf; die Nachtwache schließt mir die Tür auf, denn ich habe seit einer Woche Ausgang und den Arzt um Erlaubnis ersucht, so früh schon die Station verlassen zu dürfen, um am ersten Gottesdienst im Dom teilnehmen zu können. Ich nehme den Fahrstuhl wie immer, denn Treppensteigen ist mir zu anstrengend. Draußen vor der Tür zünde ich mir die erste Kippe des Tages an. An der frischen Luft schmeckt die Zigarette doppelt so gut wie in dem kahlen, schwarz gestrichenen Raucherraum. Der ist extra so unattraktiv, damit wir Raucher uns bloß nicht wohlfühlen. Außerdem meint die Stationsleitung, dass es reicht, wenn der Raucherraum nur alle zwei Stunden genutzt werden darf. Wenn man noch keinen Ausgang hat, ist das echt blöde.
Das war auf der Doppeldiagnosestation1, auf der ich fast 25 Jahre behandelt wurde, echt besser. Dort war der Raucherraum wohnlich, es gab Mobiliar und so viel Kaffee, wie man wollte. In diesem Raucherraum ist viel passiert, es wurde dort miteinander gesprochen. Eines Tages saß ich im Raucherraum, und eine Mitpatientin schmiss die Tatsache in den Raum, dass sie neun Jahre alt war, als ihr Vater zum ersten Mal in ihr Bett gekrochen ist und sie vergewaltigt hat. Die Anderen im Raucherraum waren geschockt, ich nicht. Meine Antwort war: „Ich war zwölf als meine Mutter mir sagte, dass mein Vater die Putzhilfe vergewaltigt hat und wir deswegen ausziehen würden. Das war auch ein Missbrauch, ein Missbrauch meiner Seele. Sei froh, dass du soweit bist, das auszusprechen, denn das heißt, dass du es schon ein Stück weit verarbeitet hast. Du bist nicht allein. Was mir passiert ist, ist etwas anderes, als das was du erlebt hast, aber der Schaden, den es bei mir angerichtet hat, war so zerstörerisch, dass ich dreißig Jahre gebraucht habe, um es zu verarbeiten. Es hat mich von innen zerfressen und erst, als ich angefangen habe, darüber zu sprechen, hat sich etwas geändert. Ich weiß, wie du dich fühlst.“ Ich habe es meiner Mutter nie verziehen, mich nicht vor dieser Wirklichkeit zu schützen. Klar, mein Vater war der Täter. Aber meine Mutter hat mich damals nicht vor dieser kalten Realität geschützt. Sie hat mich allein im Regen stehen lassen, aber genau wie meine Schwester war ich einfach zu jung für diese erdrückende Information, die mir die Luft zum Atmen genommen hat. Sie hat nie begriffen, was sie mir an diesem Tag angetan hat. Sie hat den Hass in mein Leben gebracht, den Hass auf meinen Vater und den Hass auf mich selbst: Weil ich der Sohn eines Vergewaltigers bin, habe ich mich mitschuldig gefühlt; dass ich Opfer und nicht Täter war, musste ich mir erst erarbeiten.
Vieles war auf der Doppeldiagnosestation anders: Es gab einen Psychologen, mit dem man einmal pro Woche eine dreiviertel Stunde reden konnte, da war dann Platz für persönliche Unzulänglichkeiten. Ich habe zum Beispiel erzählt, dass ich eine Freundin habe und es zwischen uns nicht gut läuft. Er hat mir zugehört und mir nicht die Verantwortung für mein Handeln abgenommen, sondern geholfen, eine eigene Meinung zu entwickeln. Das ist möglicherweise Stoff für eine Gruppenstunde, aber ich fand das zu wichtig, als dass ich bereit gewesen wäre, es mit den Leidensgenossen zu teilen. Ja, einiges war besser auf der Doppeldiagnosestation. Eine richtige Therapiestation, aber nachdem ich meinen Suchtmittelkonsum in den Griff bekommen habe, waren sie nicht mehr für mich zuständig. Es ist auch schon sechs Jahre her, seit ich das letzte Mal eine Episode2 hatte.
Damals wurde ich noch auf der Doppeldiagnosestation behandelt. Diesmal bin ich wegen einer Medikamentenumstellung in der Klinik gelandet. Mein Blutbild ist schlecht und ich muss auf ein neues Neuroleptikum3 eingestellt werden, das kann mein Psychiater ambulant nicht leisten. Also bin ich jetzt nach sechs Jahren wieder einmal in der Klinik gelandet, nachdem ich die Aufnahmeärztin überzeugen konnte, dass es ohne stationäre Behandlung nicht geht. Sie wollte mich wieder nach Hause schicken. Aber zum Glück hatte ich meine Betreuerin dabei, und wir konnten die Ärztin von der Notwendigkeit einer Behandlung überzeugen. Deshalb muss ich mich mit der Akutstation zufriedengeben, obwohl die Schwester sagte, ich könne auch auf eine Therapiestation verlegt werden – aber ich will nicht. Warum? Vielleicht habe ich gelernt, meine Probleme selbst zu lösen, und bin das Reflektieren4 satt. Also ertrage ich die Akutstation, denn das ist die Klinik und kein Hotel.
Ich bin auf dem Weg zum Hohen Dom zu Paderborn. Das ist im Laufe meiner vielen Klinikaufenthalte zum Ritual geworden. Denn die kühle Ruhe in der Krypta beruhigt meine Nerven und gebietet den Stimmen im Kopf Einhalt. Das ist für einen Schizophrenen wie mich ein kostbares Gut. Das hat sich vor fünfundzwanzig Jahren so ergeben. Ich stand am Amtsgericht vor dem Denkmal der alten Synagoge, die von den Nazis niedergebrannt wurde. Ich kam aus der „Ballerburg“ und war voll neben der Spur, meine Stimmen quälten mich permanent. Als ich vor dem Denkmal stehe erlebe ich einen Film der besonderen Art im Kopf: Ich bin auf einmal ein amerikanischer Soldat, der Ende des Krieges ein Konzentrationslager befreit; ich rieche das verfaulende Fleisch der geschändeten Opfer, die klagenden Stimmen dröhnen mir in den Ohren, ein Gefühl der Hilflosigkeit breitet sich wie ein Geschwür aus. Ich wende meinen zusammengesunkenen Körper nach rechts und erblicke den Dom, der Wunsch nach Frieden breitet sich in mir aus und ich denke: Vielleicht findest du dort Ruhe. Die Stille, nach der ich mich gesehnt habe, fand ich dort an jenem Tag. Auch heute bin ich wieder auf der Suche nach Frieden. Im Dom nehme ich am Gottesdienst teil. Morgens um diese Uhrzeit sind da nicht so viele Menschen; den Menschen empfinde ich bestenfalls als Plage.
Als ich wieder auf die Station komme, es ist inzwischen acht Uhr, gibt es erst einmal Frühstück und ich bete, dass sich keiner an meinen Tisch setzt. Das passiert nur nicht, weil die Station wie immer voll bis obenhin ist. Ich lasse meinen Blick durch die Runde schweifen. Da ist die Frau, die unaufhaltsam mit jemandem spricht, den es gar nicht gibt. Wenigstens schreit sie gerade nicht. Und ich suche die anderen beiden, die genauso sind; ich finde aber nur einen. Einer muss wohl noch im Bett liegen. Mein Blick schweift zur Tür. Da ist mein besonderer Freund, der sich seit Monaten nicht gewaschen hat und deshalb an den Mahlzeiten nicht teilnehmen darf. Das Pflegepersonal geht für ihn ans Büfett und fertigt ihn ab, alles andere wäre nicht möglich. Er ist schon auf dem Weg in sein Zimmer, um zu frühstücken.
Jetzt die nächste Kippe. Der Raucherraum ist offen, ich brauche nicht nach unten zu rennen. Die schwarzen Wände nehme ich gar nicht mehr wahr. Dann ins Zimmer, um die Zeit bis zur Visite, auf dem Bett liegend und aus dem Fenster starrend, damit zu verbringen, die Minuten zu zählen. Ich zähle auch die Warzen und Narben in der Raufasertapete, dann wälze ich mich auf die rechte Seite meines stinkenden Körpers und starre durchs Fenster auf die Busdorfkirche, welche ich heute zum hundert tausendsten Male beglotze. Der Anblick ist so routiniert, dass ich den Würgereiz, den er auslöst, gar nicht mehr wahrnehme; Kirchen sind auch kein Allheilmittel, denke ich nicht zum ersten Mal.

Zehn Uhr, es wird Zeit, sich vor den Multifunktionsraum zu setzen. Meine Stimmen diskutieren gerade mit meinen normalen Gedanken darüber, wie lange ich heute auf die Audienz des Oberarztes warten muss. Um halb zwölf ist es so weit; ich komme also noch vor dem Mittagessen dran. Dem Oberarzt berichte ich von meinen Gefühlen: „Ich bin angewidert von den Mitpatienten!“ Der Pfleger, der mit im Raum sitzt, kann sich nicht beherrschen und mosert mich wegen mangelnden Mitgefühls an. „Was willst du denn von mir?“, denke ich. Dass es nur eine Projektion5 war und ich in Wirklichkeit über mich selbst angewidert war, ist mir erst später klar geworden.
Nach dem Mittagessen liege ich auf dem Bett, als die Ergotherapeutin ins Zimmer reinschneit und mich fragt, ob ich mit ihr eine Runde spazieren gehen würde. Das lehne ich ab. Denn mit einer Runde ums Haus bin ich hoffnungslos überfordert in meiner farblosen Wirklichkeit. Ich hoffe, sie so loszuwerden, klappt aber leider nicht. Der Hintergrund ist, dass ich kaum an den Therapien teilnehme und mich nur in mein Schneckenhaus verkrieche, was nicht unbemerkt geblieben ist. Weshalb die Therapeutin aktiviert wurde, um Hilfestellung zu geben. Aber diesmal ist sie hartnäckig und verwickelt mich in ein Gespräch. Dass wir auf meine Lebensgeschichte zu sprechen kommen, liegt wohl an meinem Bedürfnis mich mitzuteilen, und ich fange an zu erzählen. Eine Stunde lang erzähle ich von meinem verkorksten Leben und meinem Trauma, das ich einer Situation verdanke, mit der wir überfordert waren. Komisch daran ist, dass dieses Gespräch gerade mal drei Minuten gedauert hat, aber diese drei Minuten haben mein Leben zu einem Gang durch einen dunklen, kalten, stinkenden Tunnel gemacht. Erst das Reden darüber hat mich zum Ausgang begleitet.
Im Laufe der Jahre ist die Tatsache, dass mein Vater die Putzhilfe vergewaltigt hat, zu einer Nebensache mutiert. Das war nicht immer so, es war mein großes Geheimnis. Als ich 1997 in Fredeburg zu meiner ersten Therapie aufgeschlagen bin, habe ich dieses Schreckgespenst meinem Therapeuten mit sich windendem Herzen und vielen Tränen gebeichtet und ich kann mich noch gut an die gefühllose Leere in meinem geschrumpften Gehirn erinnern. Ich habe die Geschichte wohl tausend weitere Male erzählt; manche wollten sie gar nicht hören, aber ich musste sie erzählen, um die schlechten Gefühle loswerden zu können. Heute löst das Berichten von der Schandtat meines Vaters nicht mehr die geringsten Gefühle aus. Das ist der Lohn der hartnäckigen Arbeit an mir selbst.
Ich erzähle von meiner neuen, größeren Wohnung im bürgerlichen Milieu und wie gut mir der Abschied aus dem verdreckten sozialen Brennpunkt tut. Die Tatsache, dass ich es nicht schaffe, meine Wohnung in einen Zustand zu bringen, der meiner Mutter gefallen würde, verschweige ich nicht. Seltsam, dass mir die Anerkennung meiner Mutter immer noch wichtig ist. Aber trotz allem, was gewesen ist, ist sie immer noch meine Mutter, und ich kann mich nie entscheiden, ob ich sie hassen oder lieben soll. Ich berichte auch von dem Frust, den ich hatte, nachdem ich vier Wochen nicht in meiner Wohnung war und dann den verdreckten Zustand ertragen musste. Die Einsicht, dass dieses Erlebnis die Ursache für meinen Ekel ist, hält mein Unterbewusstsein6 noch unter Verschluss. Das Thema Mutter, Vater, Trauma, kommt wie von selbst auf den Tisch. Sie hört sich das geduldig an und sagt mir, dass es stimmt, dass meine Mutter einen Fehler gemacht hat. Aber sie war genauso überfordert wie ich. Und ob es nicht langsam Zeit wird, zu vergeben. Ich war erst einmal empört, das auszusprechen hatte sich noch keiner getraut oder nicht so weit gedacht. Jetzt stand ich wieder mal an dem Punkt, die Geschichte neu zu bewerten. Heute bin ich froh für diese Chance, denn ich habe meinen Frieden mit meiner Mutter gemacht. Das ist cool! Nachdem sie das Zimmer verlassen hat, wird mir klar, dass etwas passiert ist. Ich habe auf einmal Energie und frage mich, wo sie herkommt. Ich gehe vor die Tür: Die Sonne scheint und der Himmel ist blau. Ich komme auf die Station und gehe unter die Dusche. Ich schnappe mir mein Handy und schicke Thomas, meinem ehemaligen Betreuer, eine WhatsApp, dass ich nun doch für den Workshop zum Thema Schizophrenie zur Verfügung stehe; er glaubt ja, dass ich etwas zum Thema Schizophrenie zu berichten habe – vielleicht hat er recht.
Mich hat dieses magische Gespräch aus meiner Lethargie gerissen und ich bin dieser Frau unendlich dankbar für ihre Hartnäckigkeit. Seine Geschichte zu erzählen und diese jedes Mal neu zu bewerten, das ist es, was in der Klinik passiert, das ist es, was hilft, das ist die Arbeit, bei der das Personal hilft, aber diese Arbeit muss man selbst machen.
Das ist jetzt mehr als ein Jahr her, und ich habe es geschafft, etwas an meinem Verhalten zu ändern. Ich schaffe es inzwischen, zu Hause Ordnung zu halten und zu putzen; dadurch geht es mir auf einmal deutlich besser. Ein Therapeut hat mir mal gesagt: „Bei uns Menschen geht es zu 95 % um Wertschätzung.“ Er hat vermutlich recht. Auf einmal bringe ich mir selbst gegenüber eine angemessene Wertschätzung zustande. Dass ich es schaffe, nicht mehr von meinen Stimmen belästigt zu werden, hätte ich nicht für möglich gehalten. Dies war nicht der erste Wendepunkt in meinem Leben, aber ein wichtiger. Heute bin ich dem Klinikpersonal für seine Hilfe dankbar. Es waren viele, die mir geholfen haben und nicht selten auch die Mitpatienten. Meine fünfundzwanzigjährige psychologische Arbeit hat sich am Ende ausgezahlt. Glück auf!
1 Doppeldiagnosestation heißt, dass Patienten mit einer Suchtproblematik und gleichzeitiger psychischer Erkrankung, meist Schizophrenie, auf einer separaten Station behandelt werden.
2 Akute Episode ist die akute Phase bei einer Schizophrenen Erkrankung, meist begleitet von einem übersteigerten Hochgefühl sowie Wahnvorstellungen, das hören von Stimmen und sonstigen nicht realen Wahrnehmungen, z. B. Farben oder Geschmackssinn.
Post-akute Phase ist die Zeit nach einer Episode, wo es oft, wie bei mir, genau ins Gegenteil umschlägt und man depressiv und antriebslos ist.
3 Neuroleptika sind Medikamente, die bei Schizophrenie eingesetzt werden. Sie besetzen die Andockstellen im Rezeptorspalt und verhindern eine übermäßige Reizung der Nervenzellen im Gehirn. Den größten Teil des Weges legt die Information elektrisch in Form einer Welle zurück. Das geht schneller. Im Rezeptorspalt wird die Information biochemisch übermittelt. Die eine Seite sendet Botenstoffe (Dopamin und viele andere) aus, die beim Andocken das Signal „Ja“ senden. Es gibt viele Psychiater, die Schizophrenie darauf reduzieren, dass es zu einer Überreizung und Fehlinformation dieser Botenstoffe kommt; wenn das so wäre, bräuchte man ja nur die Medikamente nehmen und die Welt wäre in Ordnung. Ich glaube, und da bin ich nicht alleine, dass eine schwierige soziale Situation immer eine Rolle spielt und nur therapeutisch behandelt werden kann und muss.
4 Reflexion ist die Auseinandersetzung mit den negativen Erlebnissen im Leben eines Menschen. Ziel ist es, die Bewertung der Ereignisse zu verändern, um ihnen den Schrecken zu nehmen.
5 Projektion bezeichnet einen unbewussten Abwehrmechanismus, bei dem eine Person eigene, unangenehme oder inakzeptable Gefühle, Wünsche, Impulse oder Eigenschaften auf andere Menschen oder die Außenwelt überträgt.
6Unterbewusstsein bezeichnet alle seelischen Abläufe, Erinnerungen, Automatismen und Reize, die aktuell nicht im Fokus unserer bewussten Aufmerksamkeit liegen, aber dennoch unser Denken, Fühlen und Handeln maßgeblich beeinflussen.