Die Psychiatrie kann nicht dazulernen, solange sie Vielfalt und abweichende Meinungen pathologisiert

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Anmerkung der Redaktion: Dieser Artikel erschien ursprünglich auf unserer Partnerseite Mad in Ireland am 08.10.2026.

Eine psychiatrische Diagnose soll Menschen helfen, ihre Leiden einzuordnen und als Leitfaden für eine individuelle Behandlung dienen. Doch die Psychiatrie verfügt über eine außerordentliche Macht: Kritik an ihren eigenen Diagnosekonstrukten und Behandlungsmethoden kann als Beweis dafür umgedeutet werden, dass die Person, die sie kritisiert, krank ist oder „keine Einsicht hat“. Es ist eine Zwickmühle: Akzeptiert man die Interpretation, bleibt die Diagnose bestehen; stellt man sie in Frage, kann die Meinungsverschiedenheit sie sogar noch verstärken.

In unserem neuen Aufsatz, der in PLOS Mental Health unter dem Titel Wenn die Psychiatrie nicht lernt veröffentlicht wurde, bezeichnen meine Co-Autor:innen und ich dies als „institutionelles Nicht-Lernen“. Wir beschreiben dies als einen Kreislauf, in dem die Systeme, die Diagnosen stellen, den Zugang zur Versorgung steuern und Menschen manchmal zwingen oder ihnen schaden, zugleich Grenzen darüber setzen, wessen Warnungen gehört werden, wessen Berichten geglaubt wird und was Rechenschaftspflicht bedeutet.[1] Viel zu oft geht Rechenschaftspflicht kaum über Bekundungen der Besorgnis, defensive Routinen und uneingelöste Verbesserungsversprechen hinaus.[1]

Diagnostische Instrumentalisierung: Wenn ein Etikett zum Schweigen bringt

Die Diagnose selbst kann beeinflussen, wem Glauben geschenkt wird. Wir beschreiben diagnostische Instrumentalisierung als den Einsatz diagnostischer Autorität über das hinaus, was die Beweislage rechtfertigt, um Personen zu diskreditieren, zu bestrafen, auszuschließen oder zu kontrollieren.[1]

Während der Bürgerrechtsbewegung in den Vereinigten Staaten wurden Schizophrenie-Diagnosen unverhältnismäßig häufig bei schwarzen Männern gestellt, wodurch Widerstand und Wut pathologisiert wurden.[2] Rassistisch bedingte Ungleichheiten bestehen fort: Es wurde festgestellt, dass schwarze Menschen seltener mit einer Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung und häufiger mit stark stigmatisierten Verhaltensstörungen diagnostiziert werden als weiße Menschen, wodurch Leid und Unterstützungsbedarf in strengere, strafende Rahmenbedingungen geleitet werden.[1]

Die Psychiatrie hat ebenfalls sexuelle und geschlechtliche Vielfalt pathologisiert. Homosexualität wurde als „soziopathische Persönlichkeitsstörung“ eingestuft, während Geschlechtervielfalt durch Diagnosen wie „Geschlechtsidentitätsstörung“ pathologisiert wurde.[3] Untersuchungen zeigen, dass die ebenso umstrittene Diagnose „Borderline-Persönlichkeitsstörung“ (BPS) lesbischen, schwulen und bisexuellen Patient:innen sowie trans- und geschlechtsvielfältigen Patient:innen häufiger gestellt wurde, selbst nachdem relevante klinische Merkmale berücksichtigt worden waren. [1,3] Einfach ausgedrückt: Die BPS-Diagnose wird hier nicht durch eine zugrunde liegende Psychopathologie begründet, sondern durch die sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität der Person.

Wenn die Behandlung nichts falsch machen kann

Wer eine Diagnose anzweifelt, dem wird schnell ‚fehlende Krankheitseinsicht‘ unterstellt. Heißt es, eine Behandlung helfe nicht oder richte Schaden an, wird dieser Einwand als ‚Widerstand‘, ‚mangelnde Therapietreue‘ oder ‚behandlungsstörendes Verhalten‘ umgedeutet. Wir bezeichnen dies als diagnostische Rekursivität: Die Kritik selbst wird als Beweis für genau die Interpretation gewertet, die kritisiert wird.[1]

Teilnehmer:innen einer Studie zu den negativen Auswirkungen der Dialektisch-Behavioralen Therapie (DBT) beschrieben das Gefühl, ‚ich bin das Problem‘, während ‚DBT unfehlbar ist‘; Weinen konnte als Therapiestörung gewertet werden und Bedenken bezüglich der Behandlung als Anzeichen einer Psychopathologie.[4] Teilnehmer:innen an Forschung zu stationärer Versorgung bei Anorexia nervosa beschrieben in ähnlicher Weise, dass die Behandlung ihr Leiden vertiefte – wobei das Hinterfragen der Pflege oder das Äußern von Frustration das Risiko barg, als ‚manipulativ‘ oder ‚schwierig‘ abgetan zu werden.[5]

Im schlimmsten Fall kann die Förderung einer Behandlung weniger nach Wissenschaft als vielmehr nach dogmatischer oder sektenähnlicher Gefolgschaft aussehen. „Goldstandards“ werden als feststehend behandelt, und wenn sich der Zustand der Betroffenen nicht verbessert oder sie über Schäden berichten, kann die Abwälzung der Verantwortung wieder auf die Patient:innen zurückfallen, einschließlich der Behauptung, sie sabotierten sich selbst und es mangelte ihnen an der Motivation zur Genesung. Kein Behandlungsansatz sollte vor Kritik, abweichender Evidenz oder Berichten über erlittenes Unrecht geschützt werden.

Ein Verteidigungsargument lautet oft, der Schaden sei „unbeabsichtigt“ gewesen. Doch das Fehlen von Vorsatz entbindet weder von der Verantwortung noch hebt es die Pflicht zur Rechenschaft auf.[1] Nachdem die Schilderungen wiederkehrender Schäden durch Psychiatrie-Überlebende und „Mad“-Communities jahrzehntelang ignoriert wurden, klingt „unbeabsichtigt“ zunehmend hohl. Das ist die Auswirkung einer „Kultur der Ignoranz“: Warnungen werden heruntergespielt, abgetan oder umgedeutet, anstatt die Praxis zu verändern oder zu echten Reformen zu führen.[1] Ab welchem Punkt wird das wiederholte Versäumnis, zuzuhören und zu handeln, zur Entscheidung, etwas nicht wissen zu wollen?

Nutzen ist nicht gleich Sicherheit

Denken Sie an Ibuprofen. Man nimmt es gegen Kopfschmerzen ein und die Kopfschmerzen verschwinden. Gemessen daran hat die Behandlung gewirkt. Wenn dasselbe Medikament jedoch auch ein schweres, potenziell tödliches blutendes Magengeschwür verursacht, würde niemand auf das Verschwinden der Kopfschmerzen verweisen und daraus schließen, dass das Medikament deshalb sicher sei.[7] Beide Dinge können gleichzeitig wahr sein: Die Behandlung hat geholfen, und die Behandlung hat Ihnen geschadet.

Psychotherapie sollte denselben Maßstäben genügen. Eine Auswertung von 132 Studien ergab jedoch, dass in 79 % der Fälle keine Hinweise darauf vorlagen, dass Schäden überwacht wurden, während nur 3 % sowohl unerwünschte Ereignisse als auch deren Erfassungsweise beschrieben.[1] Jemand kann sich auf einer Symptomskala verbessern und gleichzeitig die Therapie traumatisiert verlassen oder Angst haben, erneut Hilfe zu suchen. Werden diese Ergebnisse nicht gemessen, erfasst die Forschung den Nutzen und übersieht den Schaden. [4]

Es gibt noch ein weiteres Problem: die Verallgemeinerung von Behauptungen, die sich auf „evidenzbasierte“ Erkenntnisse stützen. Erkenntnisse aus überwiegend weißen, cisgeschlechtlichen und neurotypischen Stichproben lassen sich nicht einfach auf Menschen übertragen, die in der Forschung kaum vertreten sind. Kultur, Identität, Traumageschichte und Kommunikationsbedürfnisse können die Behandlungserfahrungen prägen. Für autistische, trans- und geschlechtsdiverse Menschen sowie insbesondere für indigene Gemeinschaften stellt sich die Frage: Evidenzbasiert für wen?[1,8]

Von der Konsultation zur Verantwortung

Abwehrhaltung und Verleugnung blockieren ebenfalls den Lernprozess. Mein Co-Autor James Downs beschreibt „einen tiefgreifenden Widerstand“ dagegen, anzuerkennen, dass die Behandlung ihm selbst geschadet haben könnte.[9] Menschen, die über langfristige Nebenwirkungen nach einer Elektrokrampftherapie berichten, haben ebenfalls Gedächtnisverlust, unzureichende Nachsorge und Abweisung beschrieben.[10] Diese Berichte sollten Untersuchungen auslösen, nicht eine Verharmlosung.

Unsere Alternative ist eine „Kultur der Verantwortung“: unabhängige Aufsicht, proaktive Überwachung von Schäden, bezahlte Entscheidungsbefugnis für Betroffene, sinnvolle Abhilfe und Wiedergutmachung, Korrekturen, wo dies gerechtfertigt ist, sowie öffentlich zugängliche Belege für Verbesserungen.[1] Ein lernendes System der psychischen Gesundheit muss eigenes Fehlverhalten anerkennen, um Entschuldigung bitten und Bereitschaft zum Wandel zeigen.

Abkürzungen

BPS: Borderline-Persönlichkeitsstörung

DBT: dialektisch-behaviorale Therapie

Quellen

  1. Cobbaert, L., Elwyn, R., Downs, J., James, S., & Jackman, M. (2026). When psychiatry does not learn: Epistemic humility, ignorance culture, exclusion culture and diagnostic weaponisation. PLOS Mental Health, 3(10), e0000741.https://doi.org/10.1371/journal.pmen.0000741
  2. Jackman, M., Sharma, P., Sugianto, A., Van der Schaar, A. M. P., Hajj-Assaf, S., McIntosh, K., et al. (2026). “Revising the DSM-VI”: Global perspectives on power and classification from lived expertise leadership. PLOS Mental Health, 3(5), e0000626.https://doi.org/10.1371/journal.pmen.0000626
  3. Cobbaert, L., Maloney, E., Harding, K., & James, S. (2026). Dismantling the diagnostic construct of borderline personality disorder: A critical discourse analysis. International Journal of Mental Health Nursing, 35(2), e70241. https://doi.org/10.1111/inm.70241
  4. Lawson, Z., & Farquharson, L. (2025). First do no harm: Client and staff experiences of negative effects from dialectical behaviour therapy. Psychology and Psychotherapy: Theory, Research and Practice, 98(3), 570–589. https://doi.org/10.1111/papt.12578
  5. Sandsten, A., Gabrielsson, S., Strömbäck, M., Looi, G. M. E., & Lindgren, B.-M. (2025). “Being kept alive—but not being supported to live”: Experiences of general psychiatric inpatient care among persons with anorexia nervosa. Journal of Eating Disorders, 13, 282.https://doi.org/10.1186/s40337-025-01483-9
  6. Junqueira, D. R., Phillips, R., Zorzela, L., Golder, S., Loke, Y., Moher, D., et al. (2021). Time to improve the reporting of harms in randomized controlled trials. Journal of Clinical Epidemiology, 136, 216–220. https://doi.org/10.1016/j.jclinepi.2021.04.020
  7. Health Products Regulatory Authority. (2025, March 10). Nurofen 200 mg coated tablets: Summary of product characteristics.https://assets.hpra.ie/products/Human/23657/Licence_PA0979-032-006_10032025160937.pdf
  8. Cobbaert, L. (2026). Cognitive behavioural therapy is not universally evidence-based: Implications for eating disorders. Journal of Eating Disorders, 14, 60.https://doi.org/10.1186/s40337-026-01558-1
  9. Downs, J. (2025). Whose trauma is it anyway? Creating more equitable mental healthcare in a system that harms. BJPsych Bulletin, 49(4), 265–268.https://doi.org/10.1192/bjb.2024.103
  10. Shipwright, E., & Murphy, D. (2025). Long-term adverse effects after electroconvulsive therapy (ECT): A narrative analysis exploring people’s experiences, meaning-making, and coping. Qualitative Health Research, 35(12), 1365–1377.https://doi.org/10.1177/10497323241303391

Mad in Deutschland veröffentlicht Blogbeiträge einer vielfältigen Gruppe von Autor:innen. Diese Beiträge sollen zur Diskussion über Psychiatrie und ihre Behandlungsmethoden in Deutschland anregen. Die geäußerten Meinungen sind die der Autor:innen.

Laurence Cobbaert
Laurence Cobbaert
Dr. Laurence Cobbaert. Dynamische Forscherin mit einer Leidenschaft für soziale Gerechtigkeit. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählen: Essstörungen, sensorische Verarbeitung, Neurodiversität und Psychoneuroimmunologie.

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