„Ein auf Medikamenten basierendes System“: Wie psychiatrische Einrichtungen die medikamentenfreie Versorgung untergraben

Eine neue norwegische Studie kommt zu dem Ergebnis, dass die medikamentenfreie psychiatrische Versorgung in psychiatrischen Einrichtungen einen schweren Stand hat, die um Medikation, starre Hierarchien und eine begrenzte Unterstützung für beziehungsorientierte Pflege herum aufgebaut sind. 

Anmerkung der Redaktion: Dieser Artikel erschien ursprünglich auf unserer Partnerseite Mad in America am 18.05.2026.

Im Jahr 2015 erließ der norwegische Gesundheitsminister eine Richtlinie, in der er die regionalen Gesundheitsbehörden anwies, einen Plan für die Bereitstellung medikamentenfreier psychischer Gesundheitsversorgung zu erstellen. Eine neue Studie, die in Frontiers in Psychiatry veröffentlicht wurde, untersucht die Erfahrungen von Fachkräften der psychischen Gesundheit, die in einer norwegischen Einrichtung arbeiten, die medikamentenfreie psychische Gesundheitsdienste anbietet. Diese von Lise S. Beyene von der Universität Stavanger in Norwegen geleitete Studie kommt zu dem Ergebnis, dass eine „medikamentenfreie Versorgung im Widerspruch zum traditionellen medizinischen System steht.“

Die Autor:innen identifizierten in den Interviews mit den Fachkräften für psychische Gesundheit zudem drei weitere Themen: unflexible institutionelle Strukturen, ein Ungleichgewicht zwischen Macht und Verantwortung sowie einen Mangel an Fokus auf beziehungsorientierte Arbeit. Einige Fachkräfte berichteten von einem starken Fokus auf Medikamente und Diagnosen sowie von erheblichen Zweifeln an der medikamentenfreien psychischen Behandlung.

Die Autor:innen kommen zu dem Schluss, dass die medikamentenorientierte institutionelle Kultur psychiatrischer Kliniken die schrittweise Reduzierung von Medikamenten und die medikamentenfreie Versorgung untergräbt. Sie schreiben:

„Eine Diskrepanz zwischen den Prinzipien der medikamentenfreien Versorgung und bestehenden Organisationsstrukturen birgt die Gefahr, dass Behandlungsbemühungen untergraben werden. Damit solche Dienste erfolgreich sein können, sind strukturelle Veränderungen erforderlich, um die interdisziplinäre Zusammenarbeit zu unterstützen, Rollen zu klären und der Beziehungsarbeit Priorität einzuräumen. Eine nachhaltige Umsetzung hängt nicht nur von der Politik ab, sondern auch von den alltäglichen Praktiken, die von den gelebten Realitäten sowohl der Patient:innen als auch der Fachkräfte geprägt sind.“

Patientenwahl

Die Initiative für medikamentenfreie Behandlung in Norwegen entstand aus einer Nutzerbewegung in diesem Land, die eine Wahlmöglichkeit hinsichtlich der Einnahme von Psychopharmaka anstrebte, wozu auch das Recht gehörte, in einer Klinik behandelt zu werden, die eine „medikamentenfreie“ Behandlung anbietet. Die Nutzergruppen argumentierten, als sie sich beim norwegischen Gesundheitsministerium für dieses Recht einsetzten, dass die Wirksamkeit der Medikamente fragwürdig sei, da nur ein kleiner Prozentsatz der Patient:innen gut auf Antipsychotika und andere Psychopharmaka anspreche und diese mit zahlreichen Schäden verbunden seien.

Studien-Details

Das Ziel der aktuellen Studie war es, die Erfahrungen von Fachkräften für psychische Gesundheit bei der Arbeit in einer Einrichtung für psychische Gesundheit zu untersuchen, die “medikamentenfreie” psychische Gesundheitsversorgung anbietet. Die Autor:innen untersuchten eine einzelne Einrichtung für psychische Gesundheit in Ostnorwegen. Diese Abteilung zur Behandlung von Psychosen bietet staatlich vorgeschriebene “medikamentenfreie” psychiatrische Versorgung für freiwillig aufgenommene Patient:innen an. Diese Einrichtung setzt auch medikamentöse Behandlungen für unfreiwillige Patient:innen und solche ein, die sich nicht für den ”medikamentenfreien” Ansatz entscheiden. Diejenigen, die Medikamente erhalten, und diejenigen, die eine “medikamentenfreie” Behandlung erhalten, bekommen identische Interventionen. Der einzige Unterschied besteht darin, dass bei denjenigen, die sich für eine “medikamentenfreie” Behandlung entscheiden, die derzeit eingenommenen Medikamente schrittweise abgesetzt werden, was bis zu drei Monate dauert.

Die Autor:innen beschlossen, Fachkräfte der psychischen Gesundheitsversorgung (Pflegekräfte) zu befragen, da diese am stärksten in die tägliche Umsetzung des “medikamentenfreien” Programms zur psychischen Gesundheitsversorgung eingebunden waren. Ein Abteilungsleiter rekrutierte 10 Fachkräfte mit Erfahrung in der “medikamentenfreien” Station für die Teilnahme an der aktuellen Studie. Zwei Autor:innen führten Fokusgruppeninterviews mit den Teilnehmenden durch. Jede Fokusgruppe dauerte etwa 60 Minuten und umfasste fünf Teilnehmende. Die Autor:innen leiteten anschließend übergreifende Themen aus den Interviewdaten ab.

Das Forscherteam identifizierte ein übergeordnetes Thema innerhalb der Fokusgruppendaten: „Medikamentenfreie Dienste stehen im Widerspruch zum traditionellen medizinischen System.“ Ein Teilnehmer sagte: „Ich habe das Gefühl, dass ein Teil des Problems darin besteht, dass man versucht, medikamentenfreie Behandlung in ein System zu integrieren, das auf Medikamenten basiert. Da gibt es einen Widerspruch.“

Neben dem Konflikt zwischen institutioneller Struktur und “medikamentenfreien” Ansätzen in der psychischen Gesundheitsversorgung identifizierten die Autor:innen drei Themen in den Fokusgruppendaten: die Arbeit innerhalb eines unflexiblen Systems, das Ungleichgewicht zwischen Macht und Verantwortung sowie die unzureichende Fokussierung auf die Beziehungsarbeit mit den Patient:innen. Im Rahmen des ersten Themas, „Arbeiten in einem unflexiblen System“, diskutierten die Teilnehmenden darüber, dass sie sich strikt an den Behandlungsplan der Station halten müssen, obwohl es kaum bis gar keine Strategien für die “medikamentenfreie” Behandlungsoption gibt.

Ein Teilnehmer sagte, er vermisse ein „gemeinsames Projekt“ mit den Dienstleistungsnutzenden. „Wir setzen das Ziel, und dann muss sich der Patient einfach irgendwie an das Ziel anpassen … Es fühlt sich nicht so an, als hätten wir ein gemeinsames Projekt mit dem Patienten.“ Andere sprachen über den Mangel an Kommunikation und Schulung für das Angebot “medikamentenfreier” Dienste. „Es war geplant, dass sie strukturierte kognitive Therapie und Ähnliches erhalten sollten, aber das wurde noch nicht vollständig umgesetzt … Ich habe das Gefühl, wir haben eine Maschine, aber niemand weiß so recht, wie man sie bedient.“ Ein anderer Teilnehmer äußerte ähnliche Bedenken: „Ich habe, solange ich auf dieser Station arbeite, noch nichts Richtiges darüber gehört [medikamentenfreie Behandlung]. Ich habe nur gehört, dass die Behandlung noch nicht ganz feststeht … Dass etwas fehlt.“

Die Interviews zeigten auch, dass viele Mitarbeitende, die an der “medikamentenfreien” psychiatrischen Behandlung beteiligt sind, Diagnose und Medikation als zentral für die Genesung ansehen. Ein Teilnehmer sagte: „Uns fehlen die notwendigen Mittel, wenn wir keine Medikamente einsetzen.“ Ein anderer äußerte sich kritisch zur Entwöhnung: „Ich glaube nicht, dass man bei einer schweren Diagnose und nach so vielen Jahren der Medikamenteneinnahme einfach die Medikamente ausschleichen und absetzen kann.“

Im Rahmen des zweiten Themas, „das Verhältnis zwischen Macht und Verantwortung ist nicht ausgewogen“, diskutierten die Teilnehmenden darüber, dass ihre Sichtweisen von Ärztinnen und Ärzten und Psycholog:innen ignoriert werden, dass es auf der Station niemanden mit Fachkenntnissen im Bereich des schrittweisen Ausschleichens von Psychopharmaka gibt und dass sie sich machtlos und unwichtig fühlen. Ein Teilnehmer äußerte Bedenken hinsichtlich der Umsetzung des “medikamentenfreien” Ansatzes bei Personalmangel:

„Manchmal müssen wir uns vielleicht mit dem Arzt und dem Psychologen auseinandersetzen. Es ist mehr als einmal vorgekommen, dass ich befürchtet habe, wir könnten einen Patienten so sehr unter Druck setzen, dass wir Angst haben, er könnte beispielsweise ausrasten. Weil uns die Unterstützung fehlt, ja, dass es dann zu spät sein könnte, oder dass wir vielleicht einige Notaufnahmen hätten vermeiden können, wenn wir es geschafft hätten, früher zu helfen.“

Im Rahmen des dritten Themas, „Beziehungsarbeit mit Patient:innen erhält nicht genügend Aufmerksamkeit“, diskutierten die Teilnehmenden, wie ein zu schnelles Absetzen von Medikamenten dazu führt, dass Patient:innen auf eine Akutstation verlegt werden. Zudem erschwere der Zeitmangel die Beziehungsarbeit, und es fehle an Dialog über das Ausschleichen der Medikation. Ein Teilnehmer sprach davon, dass ein schnelles Absetzen zu Aggressionen führen kann, mit denen die Einrichtung ohne den Einsatz von Medikamenten nicht umzugehen weiß:

„Ich habe es in einigen Fällen gesehen, in denen das Ziel darin besteht, die Medikation zu reduzieren. Und dann setzt man die Dosis immer weiter herab, und plötzlich geht es dem Patienten nicht gut oder er wird sehr krank. Da wir eine offene Station sind, können wir mit Aggressionen nicht umgehen, sodass es oft zu einer Verlegung in die Akutversorgung kommt, was für viele eine große Niederlage ist. Dann scheint es unmöglich, die Medikamenteneinnahme zu beenden.“

Ein weiterer Teilnehmender berichtete in ähnlicher Weise davon, dass die Medikamente bei den Patient:innen zu schnell ausgeschlichen wurden:

„Aber ich beobachte bei den Ärzten, dass sie bei Patienten mit Substanzmissbrauch oder starkem Benzodiazepin-Konsum die Dosis ebenfalls zu schnell reduzieren, ohne dass der Patient Zeit hat, sich anzupassen und … andere Bewältigungsstrategien zu finden.“

Limitationen

Diese Studie wies drei wesentliche Einschränkungen auf. Die Fokusgruppen wurden mit Fachkräften für psychische Gesundheit aus einer einzigen Einrichtung in Ostnorwegen durchgeführt, was die Verallgemeinerbarkeit auf andere Bevölkerungsgruppen einschränkt. Die geringe Stichprobengröße, die zwar typisch für qualitative Forschung ist, schränkt die Verallgemeinerbarkeit zusätzlich ein. Einer der Autor:innen war an der Einrichtung beschäftigt, an der die Studie durchgeführt wurde. Dies könnte einige der Daten verzerrt haben.

Obwohl das Angebot einer “medikamentenfreien” Option in der psychiatrischen Versorgung ein Schritt in die richtige Richtung ist, scheint dieser Ansatz erheblich untergraben zu werden: Es fehlt an einer klaren Strategie, und das Ganze findet in Einrichtungen statt, die stark auf Medikamente setzen. Zudem ist das Personal kaum für eine “medikamentenfreie” Psychiatrie geschult und steht dem Projekt kritisch gegenüber, während auf den Stationen niemand über Fachwissen zum Ausschleichen von Medikamenten verfügt. Die Autor:innen schreiben:

„Für eine erfolgreiche Integration medikamentenfreier Dienste sind systemische Veränderungen erforderlich, sowohl in den Organisationsstrukturen als auch in der professionellen Kultur der psychischen Gesundheitsversorgung, hin zu einem Kontext, der auf humanistischen Werten und Prinzipien basiert.“ 

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Beyene, L. S., Hem, M. H., Topor, A., Kopperud, M. S., & Strand, E. B. (2026). “something is clashing” – intentions to offer medication-free services within a traditional Mental Health Ward. Frontiers in Psychiatry, 17. (Link)

Mad in Deutschland veröffentlicht Blogbeiträge einer vielfältigen Gruppe von Autor:innen. Diese Beiträge sollen zur Diskussion über Psychiatrie und ihre Behandlungsmethoden in Deutschland anregen. Die geäußerten Meinungen sind die der Autor:innen.
Richard Sears
Richard Sears
Richard Sears lehrt Psychologie am West Georgia Technical College und promoviert an der University of West Georgia im Fachbereich Bewusstsein und Gesellschaft. Zuvor arbeitete er in Krisenstabilisierungseinheiten als Aufnahme- und Krisenhelfer. Seine aktuellen Forschungsinteressen umfassen die Abgrenzung zwischen Institutionen und den Individuen, aus denen sie bestehen, Entmenschlichung und deren Zusammenhang mit Verherrlichung sowie natürliche Alternativen zu potenziell schädlichen psychopharmakologischen Interventionen.

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