Sexuelle Dysfunktion ist eine häufige Nebenwirkung von Antidepressiva, insbesondere von SSRI. Eine Studie ergab, dass bis zu 73 % der Personen, die diese Medikamente einnehmen, in irgendeiner Weise in ihrer Sexualfunktion beeinträchtigt sind. Forscher:innen kamen zu dem Schluss, dass sexuelle Dysfunktionen auch nach Absetzen des Medikaments bestehen bleiben können. Dies wird als Post SSRI Sexual Dysfunction (PSSD, auf Deutsch etwa: Sexuelle Fehlfunktion nach SSRI) bezeichnet.
In einem Artikel von 2022 haben Forscher:innen unter der Leitung von Liran C. Peleg aus einer Privatklinik und Ilan Gruenwald von der Neuro-Urologie-Abteilung des Rambam Healthcare Campus in Israel die Forschungsergebnisse zu dieser iatrogenen (medikamenteninduzierten) Erkrankung ausgewertet. Peleg und Gruenwald stellen auch Hypothesen über die Neurobiologie der PSSD auf.
Die Forscher:innen schreiben, dass PSSD „erhebliches und anhaltendes Leiden mit verheerenden Auswirkungen auf die Lebensqualität verursacht, die zu erheblichen Funktionsverlusten führen und in mehreren Einzelfällen in Suizidversuchen oder sogar erfolgreichen Suiziden gipfeln. Für diese Störung wurde bisher keine rationale oder konsistente Behandlung gefunden.“

Die Existenz von PSSD ist unumstritten; sie wird von der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) anerkannt, im amerikanischen Diagnostischen und Statistischen Handbuch Psychischer Störungen (DSM-5) erwähnt und seit 2011 in den US-amerikanischen Beipackzetteln einiger Antidepressiva, darunter Fluoxetin (Prozac), aufgeführt.
Befürworter:innen von Antidepressiva weisen jedoch darauf hin, dass sexuelle Funktionsstörungen auch ein häufiges Symptom einer unbehandelten Depression sind, sodass es schwierig ist, festzustellen, ob die Medikamente tatsächlich die Ursache des Problems sind. Medikamenteninduzierte sexuelle Funktionsstörungen weisen jedoch mehrere einzigartige Merkmale auf. Insbesondere Genital- (und Brustwarzen-) Taubheitsgefühle werden von Menschen mit unbehandelter Depression so gut wie nie berichtet, sind jedoch eine häufige Erfahrung bei medikamenteninduzierten sexuellen Funktionsstörungen.
Weitere Symptome sind Libidoverlust, erektile Dysfunktion und Orgasmusstörungen. Die Forscher:innen fügen hinzu, dass neuere Daten darauf hindeuten, dass die emotional betäubende Wirkung von Antidepressiva ebenfalls eine Rolle spielen könnte, wobei Symptome wie Anhedonie, Apathie und Affektverflachungen es schwierig machen, sich auf den emotionalen Aspekt der Sexualität einzulassen.
Die Forscher:innen warnen davor, dass Patient:innen Schaden nehmen, wenn Ärztinnen und Ärzte diese medikamenteninduzierten Symptome als Folge der zugrunde liegenden Depression abtun:
„Eine Fehldiagnose dieses Syndroms kann zu schädlichen Behandlungen führen, einschließlich der Wiedereinnahme von Medikamenten, die PSSD verursacht haben“, schreiben sie.
Warum tritt PSSD auf? Die Forscher:innen untersuchten die Neurobiologie der Erkrankung und fanden heraus, dass die durch Antidepressiva (insbesondere 5HT1A) verursachte Störung des Serotoninsystems wahrscheinlich dafür verantwortlich ist. Sie schreiben:
„Anhaltend hohe Serotoninspiegel, selbst nach Absetzen von SSRI, schädigen chronisch den Serotonintransporter (SERT) sowie die präsynaptischen Autorezeptoren 5HT1A und die postsynaptischen Heterorezeptoren 5HT1A.“
Die Forscher:innen schreiben, dass einige Ärztinnen und Ärzte PSSD mit Buspiron oder Flibanserin behandeln, die eine vorübergehende Linderung der sexuellen Dysfunktion bewirken können. Sie weisen jedoch darauf hin, dass diese Medikamente aufgrund einer Desensibilisierung der entsprechenden Rezeptoren schnell unwirksam werden, was mit der Zeit zu einer Verschlimmerung der sexuellen Funktionsstörungen führt.
Flibanserin durchlief ein umstrittenes Zulassungsverfahren und erhielt schließlich die Zulassung, nachdem der Arzneimittelhersteller Sprout die Endpunkte geändert hatte, nachdem das Medikament seine primären Endpunkte nicht erreicht hatte, und nachdem eine Marketingkampagne die FDA wegen Frauenfeindlichkeit beschuldigt hatte, das Medikament wegen seiner mangelnden Wirksamkeit abgelehnt zu haben.
Letztendlich schreiben die Forscher:innen: „Es wurde keine rationale oder konsistente Behandlung für diese Störung gefunden.“
Sie fügen hinzu, dass Ärztinnen und Ärzte sich der wesentlichen Merkmale von PSSD bewusst werden müssen, wie z. B. Genitaltaubheit, die sie von anderen Ursachen sexueller Funktionsstörungen unterscheiden, obwohl keine Behandlung bekannt ist. Sie geben jedoch nicht an, ob Patient:innen darüber informiert werden sollten, dass eine unbehandelbare langfristige sexuelle Funktionsstörung ein Risiko der SSRI-Behandlung darstellt.
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Peleg, L. C., Rabinovitch, D., Lavie, Y., Rabbie, D. M., Horowitz, I., Fruchter, E., & Gruenwald, I. (2022). Post-SSRI sexual dysfunction (PSSD): Biological plausibility, symptoms, diagnosis, and presumed risk factors. Sex Med Rev, 10, 91-98. https://doi.org/10.1016/j.sxmr.2021.07.001 (Link)