Dieser Artikel erschien ursprünglich auf unserer Partnerseite Mad in America am 29.05.2026.
Ende Mai stellte Mad in America drei Studien zum Offenen Dialog-Ansatz in der psychischen Gesundheitsversorgung vor. Der in Finnland entwickelte Ansatz verfolgt eine neue Behandlungsstrategie bei psychischen Krisen: Er setzt auf unmittelbare, kooperative Gespräche zwischen den betroffenen Personen, ihren Familien bzw. ihrem Unterstützungsnetzwerk und den medizinischen Fachkräften. Anstatt Diagnose und Symptomkontrolle in den Mittelpunkt zu stellen, legt der Offene Dialog den Schwerpunkt auf Zuhören, gemeinsames Verständnis der Krise und Kontinuität der Behandlung. Zudem werden Behandlungsentscheidungen im Dialog getroffen und transparent gemacht.
Die erste Studie zeigt, dass Pflegekräfte in Großbritannien nach Einführung des Offenen Dialogs nicht nur von Verbesserungen bei den Betreuten berichten, sondern auch eine stärkere berufliche Zufriedenheit erleben. Die zweite Studie beschreibt, dass Betroffene, ihre Familien und das medizinische Personal nach der Einführung des Ansatzes in Portugal von mehr Vertrauen, besserer Kommunikation und einer engeren klinischen Zusammenarbeit berichten. Die dritte Studie kommt zu dem Ergebnis, dass der Offene Dialog die Behandlungskosten von dänischen Jugendlichen in akuten psychischen Krisen nicht erhöht.

Pflegekräfte berichten: Das Modell des Offenen Dialogs kommt den Betroffenen zugute und führt bei klinischen Fachkräften zu mehr Bestätigung und Zufriedenheit in ihrer Arbeit
Eine neue Studie, die im Journal of Mental Health Training, Education and Practice veröffentlicht wurde, untersucht in Großbritannien, wie Pflegekräfte die Umstellung von einem traditionellen Modell der psychischen Gesundheitsversorgung zu einem Offenen Dialog-Modell erleben. Diese von Mark Jones von der Swansea University geleitete Studie kommt zu dem Ergebnis, dass die dem Modell inhärente Verschiebung der Machtverhältnisse zwischen Patient:innen und Behandler ein äußerst wirksames therapeutisches Element für Menschen mit Psychosen darstellt. Allerdings stellt es auch eine große psychologische Barriere für das Personal dar, das daran gewöhnt ist, der „Experte im Raum“ zu sein.
In der Studie sollte erforscht werden, wie Pflegekräfte die Umsetzung eines Offenen Dialog-Modells in einer gemeindenahen Einrichtung für psychische Gesundheit erlebten. Die Autor:innen führten dazu halbstrukturierte Interviews mit den Pflegekräften bei der Umstellung von einem „expertengeführten biomedizinischen Setting“ zum weniger hierarchischen, transparenteren Modell durch. Insgesamt befragten die Autor:innen fünf Pflegekräfte und analysierten diese Interviews in Bezug auf wiederkehrende Themen.
Auf diese Weise identifizierten die Autor:innen in den Interviewdaten ein übergreifendes Thema: die Machtdynamik. Im biomedizinischen Modell der psychischen Gesundheitsversorgung liegt die Entscheidungsgewalt beim klinischen Personal: Es führt Risikobewertungen und Behandlungsplanung oft ohne nennenswerte Einbeziehung der Klienten bzw. Patient:innen durch. Das Modell des Offenen Dialogs gleicht dieses Machtgefälle aus. Dazu setzt es absolute Transparenz bei der Entscheidungsfindung und Versorgungsplanung voraus. Zudem nehmen die Patient:innen an allen klinischen Besprechungen gleichberechtigt teil. Die Entscheidungen werden gemeinsam getroffen. Auf diese Weise verändert sich die Machtdynamik, was von den Patient:innen oft positiv empfunden wird. Für das klinische Personal kann dieser Prozess allerdings schwierig sein, da es daran gewöhnt ist, die Richtung der Behandlung vorzugeben.
Die Autor:innen identifizierten drei weitere untergeordnete Themen.
1) Erfahrungsbasiertes Lernen vs. formalisierte Ausbildung:
Die Teilnehmenden äußerten, dass der Offene Dialog-Ansatz von klinischen Behandlern und Mitarbeitern der psychischen Gesundheitsversorgung verlangt, auf strukturierte Protokolle zu verzichten und intensive Emotionen anzunehmen und auszuhalten — ohne den Patient:innen eine medizinische Bezeichnung zuzuweisen. Manchen Teilnehmenden zufolge können theoretische Schulungen im Seminarraum nicht ausreichend auf den Ansatz vorbereiten. Sie betonten, dass kontinuierliches praktisches Anwenden und Reflexion unter Kollegen entscheidend seien, um die für die Umsetzung des Modells erforderlichen Fähigkeiten zu verfeinern.
2) Die wahrgenommene Wirksamkeit des Offenen Dialog-Ansatzes: Alle Teilnehmer betonten, dass der Ansatz bei Patient:innen mit schweren psychischen Problemen wie Psychosen äußerst wirksam sei. Sie konnten zum Teil wieder in Schul-, Berufsausbildung oder in Arbeitsverhältnisse zurückkehren. Zudem waren sie weniger auf hochdosierte Antipsychotika angewiesen. Diese Effekte erhöhten bei den Studienteilnehmenden die berufliche Zufriedenheit und verringerten das Burnout-Risiko.
3) Hürden bei der Umsetzung in Großbritannien: Der Offene Dialog-Ansatz erfordert „Toleranz gegenüber Unsicherheit“, zudem müssen voreilige Diagnosen und Risikomanagementstrategien vermieden werden, damit sich auf natürliche Weise ein gemeinsames Verständnis entwickelt. Diese „Toleranz gegenüber Unsicherheit“ steht im Widerspruch zur britischen Gesundheitskultur und zur Gesetzgebung im Bereich der psychischen Gesundheit: Sie schreibt sofortige Risikodokumentation und umfangreiche medizinische Aufzeichnungen vor, um Haftungsprobleme zu vermeiden.
Die Studie wies zwei wesentliche Einschränkungen auf: Die Stichprobengröße war gering und umfasste ausschließlich Pflegekräfte. Eine größere Stichprobe, die auch andere Akteure einbezieht, könnte daher zu anderen Ergebnissen führen. Außerdem arbeiteten die Teilnehmenden in derselben Gesundheitseinrichtung, wodurch die Ergebnisse nicht auf andere Populationen übertragen werden können.
Offener Dialog fördert die kooperative psychische Gesundheitsversorgung trotz systemischer Widerstände
Eine neue Studie aus Portugal, die im European Journal for Qualitative Research in Psychotherapy veröffentlicht wurde, kommt zu einem ähnlichen Ergebnis wie die erste Studie: Betroffene, ihre Familien und medizinische Fachkräfte berichteten von einem gesteigerten Vertrauen, einer verbesserten Kommunikation und einer verstärkten klinischen Zusammenarbeit als Ergebnis des Offenen Dialogs. Die Teilnehmenden dieser von Ana Raquel Ferreira vom Polytechnischen Institut Porto geleiteten Untersuchung berichteten zudem von Spannungen zwischen der „traditionellen Versorgung“ und dem Offenen Dialog-Modell.
Das Ziel der Studie bestand darin zu untersuchen, wie Betroffene, ihre Familien und medizinische Fachkräfte den Übergang zum Offenen Dialog in einer portugiesischen psychosozialen Rehabilitationseinrichtung erlebten. Die Autor:innen führten dazu halbstrukturierte Interviews mit 13 Teilnehmenden durch, bestehend aus vier Patient:innen, vier Familienangehörigen und fünf medizinischen Fachkräften. In den so gewonnenen Interviewdaten identifizierten sie vier Hauptthemen.
1) „Die psychische Gesundheitsversorgung neu denken“: Das Offene Dialog-Modell baute Hierarchien ab und ersetzte sie durch transparente Kommunikation. Die Teilnehmenden berichteten, dass dadurch das therapeutische Umfeld menschlicher wurde.
2) Einhaltung der Kernprinzipien: Betroffene und Familienangehörige gaben an, die Kernprinzipien des Offenen Dialogs sehr zu schätzen. Dazu zählen in ihren Augen sofortige Hilfe, Flexibilität bei der Versorgungsplanung sowie eine „Toleranz gegenüber Unsicherheit“ und das Vermeiden überstürzter Diagnosen und Behandlungspläne.
3) Positive Auswirkungen: Die Teilnehmenden berichteten, dass die transparenten Treffen, an denen sowohl die Betroffenen und ihre Familienangehörigen als auch das medizinische Fachpersonal teilnahmen, das Vertrauen, die Kommunikation und die klinische Zusammenarbeit stärkten.
4) Umsetzungshindernisse: Die Teilnehmenden gaben an, dass systemische Hindernisse es erschwerten, den Offenen Dialog einzuführen. Dazu zählen Zeitmangel, der Druck, schnell Ergebnisse zu liefern, Widerstand gegen Veränderungen sowie mangelnde Vorbereitung.
Diese Studie wies zwei wesentliche Einschränkungen auf. Die geringe Stichprobengröße, die in der qualitativen Forschung zwar üblich ist, schränkt die Validität der Ergebnisse ein. Und auch hier stammten sämtliche Teilnehmenden aus derselben Einrichtung in Portugal, so dass die Ergebnisse kaum auf andere Populationen übertragen werden können.
Das Offene Dialog-Modell führt nicht zu höheren Behandlungskosten bei jungen Dänen in akuten psychischen Krisen
Frühere Untersuchungen stellten die Kosteneffizienz des Offenen Dialogs in Frage. Nun kommt eine neue im Journal of Psychiatric Research veröffentlichte Studie allerdings zu einem anderen Ergebnis: Demnach gibt es keinen signifikanten Unterschied zwischen den Kosten für junge (14–19 Jahre alte) Betroffenen, die nach dem Modell behandelt wurden, und denen, die eine standardisierte akutpsychiatrische Behandlung erhielten. Diese von Liza Sopina von der Universität Süddänemark geleitete Studie stellt zum einen heraus, dass der Offene Dialog nicht mit höheren Behandlungskosten im Vergleich zur akuten psychiatrischen Versorgung verbunden war. Zum anderen steigern aber sowohl der Offene Dialog-Ansatz als auch die akutpsychiatrische Versorgung die Kosten signifikant.
Das Ziel der Studie bestand darin, die langfristigen Behandlungskosten des Offenen Dialogs denen einer standardmäßigen akutpsychiatrischen Behandlung gegenüberzustellen. Dazu verglichen die Autor:innen die Gesamtkosten der Behandlung von 355 Teilnehmenden, die nach dem Offenen Dialog-Modell versorgt wurden, mit denen von 979 Teilnehmenden, die eine standardmäßige akutpsychiatrische Versorgung erhielten.
Für die Analyse wurden Teilnehmende, die nach dem Offenen Dialog-Modell behandelt wurden, mit vergleichbaren Krankheitsfällen in der Kontrollgruppe (mit standardmäßiger akutpsychiatrischer Versorgung) verglichen. Die Teilnehmenden wurden bis zu zwölf Jahre lang nachbeobachtet.
In beiden Gruppen war nach Beginn der psychiatrischen Behandlung ein signifikanter Anstieg der jährlichen Gesundheitskosten zu verzeichnen. In der Gruppe im Offenen Dialog stiegen die Kosten von 299 € auf 1.523 €, während sie in der Kontrollgruppe von 208 € auf 1.813 € anwuchsen. Im Laufe der Zeit sanken die Kosten bei beiden Gruppen. In der Offenen Dialog-Gruppe fielen sie von 1.523 € auf 457 €, während sie in der Kontrollgruppe von 1.813 € auf 938 € zurückgingen. Langfristig schien die Gruppe im Offenen Dialog geringere Behandlungskosten zu verursachen. Doch weisen die Autor:innen darauf hin, dass der gemessene Unterschied statistisch nicht signifikant war. Sie kommen zwar zu dem Schluss, dass der Offene Dialog-Ansatz die Kosten nicht erhöht hat, allerdings können sie auch nicht mit Sicherheit sagen, dass er die Kosten gesenkt hat.
Die Studie wies drei wesentliche Einschränkungen auf. Die Stichprobengröße der Offenen Dialog-Gruppe war klein, was die Möglichkeiten der Autor:innen einschränkte, kleine, aber aussagekräftige Kostenunterschiede zu erkennen. Zudem war der Offene Dialog nur in bestimmten Regionen verfügbar. Regionsspezifische Faktoren könnten die Behandlungskosten beeinflusst haben. Da die Studie nur die Kosten für dänische Jugendliche auswertete, erschwerte dies, die Ergebnisse auf andere Populationen zu verallgemeinern.
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Ferreira, A. (2025). Exploring service users, families, and professionals’ experiences with Open Dialogue in a Portuguese psychosocial rehabilitation unit. European Journal for Qualitative Research in Psychotherapy, 80 – 95. (Link)
Jones, M., Evans, N., & Whitcombe, S. (2026). Nurses’ experience of using open dialogue approach in the UK: An interpretative phenomenological research study. The Journal of Mental Health Training, Education and Practice, 1–16. (Link)
Sopina, L., Erlangsen, A., Buus, N., Bikic, A., & Hastrup, L. H. (2026). The impact of Open Dialogue on Health Care Costs: A nationwide register-based cohort study among young Danes in acute psychiatric crises. Journal of Psychiatric Research, 199, 189–194. (Link)