Laut einer Studie vom November 2025 glaubt bereits etwa ein Viertel der „gesunden” jungen Erwachsenen, sie hätten ADHS (28 %). Diese Zahl stieg jedoch auf mehr als die Hälfte (58 %), nachdem sie eine Aufklärungskampagne zu ADHS erhalten hatten, die auf Materialien beliebter ADHS-Interessengruppen basierte.
Auch hier handelte es sich um eine Studie mit „gesunden” jungen Erwachsenen. Keiner von ihnen erfüllte tatsächlich die Kriterien für ADHS, und sie hatten keine anderen psychiatrischen Diagnosen oder nahmen Medikamente ein.
„Die Konfrontation mit Aufklärungsmaterial zu ADHS führt bei gesunden jungen Erwachsenen zuverlässig zu einer Zunahme falscher Selbstdiagnosen für mindestens eine Woche”, schreiben die Forscher:innen.
Die Forscher:innen testeten auch eine 10-minütige Aufklärungssitzung, um diesen Effekt abzuschwächen. Die Sitzung bestand aus einer „Nocebo“-Botschaft, also Informationen darüber, wie „negative Erwartungen zu einer falschen Zuordnung von Symptomen und einer Verschlimmerung führen können“. Dies war teilweise erfolgreich: Nach der Intervention glaubten 41 % der Teilnehmer:innen, dass sie ADHS hätten (im Vergleich zu 58 % in der Gruppe, die keine Nocebo-Intervention erhalten hatte). Nach einer Woche waren es nur noch 35 %.
Die Forscher:innen betrachten dies als Erfolg, aber das bedeutet auch, dass etwa ein Drittel der gesunden jungen Erwachsenen immer noch glaubte, an ADHS zu leiden, obwohl sie die Kriterien für die Störung nicht erfüllten, selbst nach der „Nocebo“-Intervention.
Die Studie wurde von Dasha Sandra an der Universität von Toronto, Kanada, geleitet und in Psychological Medicine veröffentlicht.

Eine umstrittene Diagnose
Die Diagnose von ADHS und die Verschreibung von Stimulanzien zu ihrer Behandlung sind von prominenten Persönlichkeiten aus der Psychiatrie heftig kritisiert worden.
Nehmen wir zum Beispiel Allen Frances, den Mann, der als Vorsitzender der DSM-IV-Taskforce (Anmerkung der Redaktion: DSM bezeichnet das in den USA verwendete “Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders“) die Erstellung der vierten Ausgabe der Bibel der Psychiatrie vorangetrieben hat. Er argumentiert, dass die Diagnose zu weit gefasst ist und normale Aspekte der Kindheit, wie die Unfähigkeit, acht Stunden lang still in der Schule zu sitzen, medikalisiert (also zu einem medizinischen Problem macht). Dutzende Studien stützen diese Auffassung und haben ergeben, dass jüngere Kinder in der Klasse viel häufiger die Diagnose ADHS erhalten und Stimulanzien einnehmen. Auch Keith Conners – Namensgeber des primären Maßstabs für die Diagnose von ADHS und prominenter früherer Befürworter von Ritalin – argumentierte, dass die derzeitige ADHS-Diagnose auf „minderwertiger Wissenschaft” basiere.
Schlimmer noch, die Diagnose und Behandlung von ADHS führt nicht zu besseren Ergebnissen. Tatsächlich ergab eine Studie, in der Kinder mit ähnlichen Symptomen verglichen wurden, dass diejenigen, die die ADHS-Diagnose erhielten, am Ende eine schlechtere Lebensqualität hatten – und mehr als doppelt so häufig Selbstverletzungen vornahmen – als Kinder mit denselben Symptomen, die nicht diagnostiziert wurden.
Die groß angelegte, vom NIMH finanzierte MTA-Studie wird oft als Beweis dafür angeführt, dass Stimulanzien wirken. Tatsächlich schienen die kurzfristigen Ergebnisse positiv zu sein. Nach 22 Monaten war der Nutzen der Stimulanzien jedoch verschwunden. Die Autor:innen schrieben, dass „der MTA-Medikationsalgorithmus eher mit einer Verschlechterung als mit einem weiteren Nutzen verbunden war”. Letztendlich, so fügten sie hinzu, „war die längere Einnahme von Medikamenten mit einer Unterdrückung der Körpergröße im Erwachsenenalter verbunden, aber nicht mit einer Verringerung der Schwere der Symptome”.
Andere Studien haben der Vorstellung widersprochen, dass Stimulanzien die schulischen Leistungen verbessern können, und sogar die Vorstellung unterstützt, dass Kinder nach der Einnahme der Medikamente eher die Schule abbrechen. Eine Studie stellte fest, dass Ritalin mit einer 18-fachen Zunahme von Depressionen in Verbindung gebracht wurde, die nach Absetzen des Medikaments wieder auf das Ausgangsniveau zurückkehrten.
Und trotz gegenteiliger Behauptungen konnten die Forscher:innen keinen einzigen Biomarker und auch keine Unterschiede im Gehirn finden, um den vermeintlichen neurobiologischen Zustand von ADHS zu definieren.
Die aktuelle Studie vom November 2025
In der aktuellen Studie wollten die Forscher:innen die Wirkung ihrer „Nocebo“-Intervention testen, um die Rate falscher Selbstdiagnosen von ADHS bei jungen Erwachsenen zu verringern. Sie rekrutierten 215 junge Erwachsene (18–25 Jahre alt; 77 % Frauen), die auf der Selbstbewertungsskala für ADHS bei Erwachsenen (ASRS) der Weltgesundheitsorganisation weniger als 18 Punkte erzielten, keine psychiatrischen Diagnosen hatten und keine Psychopharmaka einnahmen. Den Teilnehmer:innen wurde mitgeteilt, dass sie die Qualität von Gesundheitsworkshops bewerten sollten. Sie wurden randomisiert in drei Gruppen eingeteilt:
- ADHS-Aufklärungsworkshop
- ADHS-Aufklärungsworkshop + Nocebo-Aufklärung
- Kontrollgruppe (Workshop zu Schlaf und Träumen)
Die Teilnehmer:innen wurden unmittelbar nach dem Programm und erneut nach einer Woche bewertet. Die Selbstdiagnose wurde auf einer Skala von 1 bis 5 gemessen, die angibt, inwieweit sie der Aussage „Ich glaube, ich habe ADHS“ zustimmen. Eine Bewertung von 3 oder höher wurde als Zustimmung gewertet.
Vor der Intervention glaubten bereits mehr als ein Viertel der Teilnehmer:innen, dass sie ADHS hätten: 28 % in Gruppe 1, 26 % in Gruppe 2 und 29 % in Gruppe 3.
Nach der Intervention stieg die Zahl derjenigen, die glaubten, ADHS zu haben, auf 58 % in Gruppe 1 und 41 % in Gruppe 2. Die Zahl in der Kontrollgruppe sank leicht auf 27 %.
Eine Woche später lag die Zahl in Gruppe 1 immer noch bei 52 %, war jedoch in Gruppe 2 auf 35 % zurückgegangen. In der Kontrollgruppe war sie leicht auf 30 % gestiegen.

Eine Erklärung dafür könnte sein, dass der Anstieg der Selbstdiagnosen darauf zurückzuführen ist, dass Menschen mit subklinischen Symptomen erkennen, dass die Symptome zwar nicht den Grenzwert erreichen, aber dennoch auf eine echte ADHS hindeuten. Die Forscher:innen schreiben jedoch, dass dies keine plausible Erklärung ist: Höhere ADHS-Symptomwerte standen nicht im Zusammenhang mit der Zunahme der Selbstdiagnosen, und die Symptombewertungen änderten sich nach der Intervention nicht.
Die Forscher:innen kommen auch zu dem Schluss, dass die Aufhebung der Verblindung keinen Einfluss auf ihre Ergebnisse hatte, da die statistische Ausschließung der 12 Personen, die den Zweck der Studie erraten hatten, die Ergebnisse nicht veränderte.
Was ist der Schaden einer falschen Selbstdiagnose? Die Forscher:innen schreiben, dass es zwar tröstlich sein kann, verwirrende Aspekte des jungen Erwachsenenlebens zu erklären, dies jedoch durch die falsche Einstufung als „Krankheit” die gesunde Identitätsentwicklung beeinträchtigen und zu vermehrten psychischen Problemen, Überdiagnosen und Übermedikation führen kann.
„Das junge Erwachsenenalter ist eine entscheidende Zeit für die Entwicklung einer stabilen und kohärenten Identität. Eine klare Bezeichnung und Erklärung für ansonsten verwirrende Erfahrungen in dieser Zeit kann besonders verlockend sein, aber potenziell langfristige negative Folgen wie maladaptive Bewältigungsstrategien oder formelle Hilfesuchverhalten haben”, schreiben die Forscher:innen.
Sie fügen hinzu, dass „Aufklärungsmaßnahmen eindeutig zu falschen Selbstdiagnosen bei einer Reihe von Erkrankungen führen können. Dies wiederum kann zu einem Anstieg der selbst gemeldeten psychischen Probleme bei Jugendlichen, zu Überdiagnosen, zur Überbeanspruchung von Dienstleistungen und zu maladaptiven Bewältigungsstrategien beitragen.“
Sie kommen daher zu dem Schluss, dass Nocebo-Aufklärung in die Bemühungen zur Sensibilisierung für psychische Gesundheit integriert werden sollte, insbesondere in Einrichtungen wie Schulen, die sich auf Jugendliche und junge Erwachsene konzentrieren.
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Sandra, D. A., Segal, Z., Majoo, S., Sistanis, A., Burke, M. J., & Inzlicht, M. (2025). Inform and do no harm: Nocebo education reduces false self-diagnosis caused by mental health awareness. Psychological Medicine, 55, e330. (Full text)