Heute ist mein Geburtstag. Mein erster Geburtstag, der nach dem riesigen Bruch, der seit 2024 durch mein Leben geht, stattfindet. Mein erster Geburtstag seit Beginn „der Katastrophe“, wie ich das, was ich im Folgenden beschreibe, nenne. Ein Geburtstag, den ich ganz anders feiern werde als die 35 zuvor. Es ist mein 37. Geburtstag. Den 36. habe ich in einer unfassbaren Hölle verbracht. Es war die Hölle einer neun Monate dauernden akuten Akathisie.

Entzug und Akathisie
Anfang 2024 geriet ich in einen Zustand akuter Entzugssymptome, nachdem ich – wohlgemerkt ausschließlich entsprechend ärztlichen Rates – eine Kombination von Psychopharmaka (hauptsächlich sogenannte Antidepressiva) abgesetzt hatte.
Die Situation wurde durch zusätzliche Medikamente verschlimmert, die mir in dieser Zeit verschrieben wurden. Die Ärzt:innen glaubten mir nicht, dass ich unter Entzugssymptomen litt. Eine Ärztin hat sogar extra eine neue „Diagnose“ für mich erfunden: ich sei mediphobisch. Sie hat dieses Wort in ihrer Akte über mich geschrieben. Mir wurde eine weitere Substanz (ebenfalls ein sogenanntes Antidepressivum) verordnet, statt meine Aussagen, dass ich an einem Entzugssyndrom leide, ernst zu nehmen und entsprechend differentialdiagnostisch abzuklären.
Diese Substanz löste – in Kombination mit den Entzugssymptomen – einen Zustand namens Akathisie bei mir aus. Akathisie ist ein unerträglicher körperlicher und seelischer Ausnahmezustand. Ich litt neun Monate lang unter diesem Zustand, von April 2024 bis Januar 2025. Akathisie ist Folter. Es ist Folter, die chemisch induziert ist und von innen kommt. Als mir klar wurde, dass die verordnete Substanz meinen Zustand verschlimmerte, versuchte ich nach wenigen Tagen und Wochen, davon wieder loszukommen. Aber dies verschlimmerte die Akathisie. Ich war also gefangen auf einer Substanz, die meine Symptome massiv verschlimmerte, aber ich konnte sie gleichzeitig auch nicht mehr loswerden. Sich allein dies vorzustellen ist fürchterlich: eine für mein Nervensystem offenbar so unerträgliche, toxische Substanz, die ich aber auch nicht loswerden kann, ohne dass das bereits fürchterlich gereizte Nervensystem noch schlimmer reagiert. Wie hält man das aus? Ich weiß es selbst nicht. Ich weiß nicht, wie ich das ausgehalten habe. Viele Menschen sagten mir während dieser Zeit oder auch danach, wie stark ich sei. Ich weiß nicht, ob das die richtige Definition von Stärke ist, denn ich hatte keine Wahl. Jedenfalls hatte ich keine Wahl, wenn ich das ganze überleben wollte. Es gibt keine umfassende, evidenzbasierte medizinische Behandlung von Akathisie. Jeder Behandlungsversuch birgt auch Risiken. Eine der Empfehlungen, die möglicherweise gegen Akathisie helfen solle, war die Substanz, die bei mir die Akathisie erst ausgelöst bzw. verschlimmert hatte: Mirtazapin.
In der Fachinformation dieser Substanz ist zu lesen, dass sie Akathisie auslösen kann. Und dass ein weiteres Erhöhen der Dosis in diesem Fall schädlich sein kann.
Akathisie ist Folter
Von April bis Oktober 2024 konnte ich nicht länger als ein paar Sekunden sitzen. Ich lief ständig auf und ab, um die Kücheninsel, um den Esstisch, um das Haus. Ich aß im Gehen und war nicht in der Lage, zu kochen oder mich selbst zu versorgen. Ich war vollständig von meinem Mann und meinen Eltern abhängig. Meine Füße und Beine schmerzten, sie kamen mir vor wie dick angeschwollene Klumpen. Ich ertrug kaum noch Schuhe an den Füßen, lief so oft es ging in Socken oder barfuß. Ich habe in der Zeit mehrere Paare nagelneue Socken komplett durchgelaufen.
Die sichtbare, äußere Akathisie ging mit einer inneren Akathisie einher – einer extremen, unbeschreiblichen inneren Qual:
“Akathisie hat zwei Seiten. Die eine ist die äußere Unruhe, die man beobachten kann; die andere, weitaus wichtigere, ist ein unerträglicher innerer Zustand von Terror.” ~ Joseph Glenmullen, M.D. (Akathisia Alliance)
Ich bin davon überzeugt, dass dieser unerträgliche innere Zustand von Terror, also die innere Akathisie, nicht durch Worte vollständig verstehbar gemacht werden kann. Es ist ein unbeschreiblicher Zustand. Keine Worte auf dieser Welt werden jemals genug sein, um diesen Zustand zu beschreiben. Das Folgende ist also ein Versuch, das Unerklärbare zu erklären.
Die innere Akathisie bei mir dauerte von April 2024 bis zum 1. Januar 2025 – ganze neun Monate. Selbst als die äußere Akathisie im Oktober 2024 nachließ, blieb die innere Akathisie bestehen. Als die Akathisie begann, bestand ich ausschließlich aus Angst und konnte nicht einmal für ein paar Minuten allein bleiben. Ich zog zu meinen Eltern, weil mein Mann tagsüber arbeitete.
Während dieser ganzen Zeit habe ich so oft darum gebeten, ja sogar darum gefleht, einfach sterben zu dürfen. Gleichzeitig hatte ich solche Angst vor dem Tod. Ich bat meinen Mann, alle Medikamente und Werkzeuge, die potentiell für Suizide verwendet werden konnten, an einem Ort zu verstecken, von dem ich nichts wusste. Ich wollte mich um alles in der Welt schützen.
In den ersten Wochen und Monaten der Akathisie hatte ich das Gefühl, jede Minute sterben zu müssen. Eines Nachts war ich völlig davon überzeugt, dass ich sterben würde – jede Zelle meines Körpers schrie es mir entgegen.
Ich fühlte mich nicht mehr wie ich selbst. Alle meine Gefühle waren ausgelöscht. Ich konnte nicht weinen – ich fühlte absolut nichts, obwohl alles in mir zerbrach. Es war, als wäre ich nicht mehr lebendig. Und doch war ich am Leben.
Ich litt unter unerträglichen Qualen. Es waren keine körperlichen Schmerzen – es waren Schmerzen der Seele. Es fühlte sich an, als wären meine Seele, meine Persönlichkeit und alles, was mir im Leben jemals lieb und teuer gewesen war, aus mir herausgerissen, in Stacheldraht gewickelt und dann gewaltsam und invasiv wieder in mich hinein implantiert worden.
Manchmal war es so schrecklich und unerträglich, dass ich einfach schreien musste. Ich wusste nicht einmal wirklich, warum ich schrie. Oft wollte ich meinen Körper verlassen – meine Haut abstreifen. Ich wollte diesem Gefühl entkommen, das aus meinem Innersten zu kommen schien, sich aber überhaupt nicht wie eine menschliche Emotion anfühlte. Ich fühlte mich nicht mehr wie ein Mensch. Ich fühlte mich wie ein Wesen ohne Seele. Mein Körper stand unter enormem Druck. Es war, als würde ich bei vollem Bewusstsein lebendig geröstet werden. Ich war in meinem eigenen Körper gefangen, der zu meinem persönlichen Gefängnis und meiner Hölle geworden war.
Alle Sinne auf das Maximum überreizt und die Wahrnehmung um einen großen Faktor verstärkt. Ich konnte einige Monate meine Brille nicht tragen, die Welt war zu scharf für mich. Ich konnte Dinge schon von weitem riechen, die man normalerweise überhaupt nicht riecht: z. B. die Schutzfolie auf unserem Esstisch.
Ich hatte ständig Flashbacks und sah Bilder von völlig belanglosen Situationen meines Lebens. Dazu kamen Ohrwürmer aller möglichen Lieder, obwohl ich monatelang überhaupt nicht in der Lage war, Musik zu hören.
Die Schlaflosigkeit war schrecklich. In manchen Nächten konnte ich ein wenig schlafen, aber der Schlaf fühlte sich immer künstlich und flach an – absolut nicht erholsam. Viele Nächte lag ich stundenlang wach und wurde von schrecklichen Akathisie-Symptomen gequält. Ich wurde Tag und Nacht von meinem eigenen Körper gefoltert.
Es gab keine Möglichkeit, sich davon abzulenken. Menschen um mich herum schlugen mir vor, ich solle Fernsehen, ich solle ein Buch lesen, ich solle Yoga machen, Joggen gehen, ich solle ein Bild malen, ich solle stricken oder häkeln oder was auch immer – alles Dinge, die ich ansonsten sehr gerne gemacht habe. Ich konnte nichts davon tun. Es. ging. einfach. nicht. Glauben konnten das natürlich nur die wenigsten Menschen. Wer kann denn schon nicht Fernsehen? Man darf mir jedoch gerne glauben, dass ich liebend gerne all diese Dinge getan hätte, wenn ich dazu nur in der Lage gewesen wäre.
Viele meinten auch, ich müsse einfach genug Entspannungsübungen und geführte Meditationen machen, damit meine “Unruhe” besser werden würde. Diese Ideen können nur Menschen haben, die Akathisie noch nie erlebt haben und keine Ahnung davon haben, was Akathisie wirklich ist. Bei mir hat jeder Versuch, irgendetwas in diese Richtung zu tun, meine Symptome verschlimmert. Aber auch das hat mir natürlich niemand glauben wollen.
Jeden Morgen, wenn ich aus meinem dünnen, unruhigen Schlaf erwachte, staunte ich darüber, dass ich noch am Leben war. Ich staunte darüber, wie mein Körper einfach überlebte und unerbittlich weiter machte, während der fürchterliche Horror über ihn hinweg rollte und ihn umgab.
Medical Gaslighting
Was ich in diesem Zustand der Folter im mainstream-psychiatrischen System erlebte, fügt diesen unerträglichen Qualen eine zweite Ebene hinzu, die die Symptome verschlimmerte und mich nachhaltig traumatisierte.
In diesem folterähnlichen Zustand suchte ich erneut Hilfe bei Ärzt:innen. Zumindest für die lückenlose Krankschreibung musste ich eine Ärztin aufsuchen. Ich erklärte alles, was ich über den Entzug von Antidepressiva wusste, und zeigte den Ärzt:innen, die ich aufsuchte, wissenschaftliche Artikel und Studien. Aber fast alle Ärzt:innen, mit denen ich während dieser schrecklichen, durch Medikamente und Entzug verursachten Akathisie sprach, glaubten mir nicht. Ich kam mir regelmäßig vor wie Gregor Samsa und Josef K. in einem: wie eine Person, die in die Gestalt eines riesigen Käfers verwandelt war und der gleichzeitig ein kafkaesker, absurder Prozess gemacht wurde.
Manche Mainstream-Psychiater:innen lachten mich sogar regelrecht aus. Sie sagten immer wieder Dinge wie: „Das liegt nicht an den Medikamenten, sondern an Ihrer Psyche“ oder „Diese Medikamente machen nicht abhängig.“ (An dieser Stelle können Sie nachlesen, was der Unterschied zwischen Sucht und körperlicher Abhängigkeit ist.)
Sie warfen mir vor, ich sei krankheitsuneinsichtig und würde die notwendige Therapie (= Psychopharmaka) verweigern. Sie erkannten nicht einmal (an), dass ich an Akathisie litt, die in den Fachinformationen für die meisten dieser Medikamente (siehe oben) ausdrücklich erwähnt wird. Stattdessen nannten sie meinen Zustand durch Akathisie „psychomotorisch unruhig“, als wäre diese Folter nur ein Symptom meiner Psyche. Diese unfassbare Verharmlosung ist auf zweierlei Weise schlimm: Erstens negiert sie das Leiden der Person aufgrund psychopharmakologischer Behandlung. Zweitens ist es gefährlich, Akathisie nicht zu erkennen. Unter Akathisie besteht eine sehr hohe Suizidgefahr. Wie ich oben beschrieb, wollte auch ich immer wieder tot sein, um den Qualen zu entkommen. Ich wollte jedoch nie sterben, es gab zum Glück noch diesen letzten Funken pure Rationalität in mir, meine grundlegende und felsenfeste Überzeugung von Logik: Wenn ich jetzt sterbe, dann habe ich auch kein Leben mehr. Und zum Glück war meine Sehnsucht nach Leben mindestens genauso groß wie meine Sehnsucht nach dem Tod.
Die Folgen von Fehldiagnosen
Wird Akathisie nicht erkannt, können Fehlbehandlungen wie z. B. Dosissteigerungen passieren, die wiederum die Akathisie verschlimmern und die Suizidalität erhöhen können. Ein tödlicher Teufelskreis.
Eine so offensichtliche Akathisie wie bei mir nicht zu erkennen, sondern die Symptome auf die Psyche der Person zu schieben, ist für mich nicht nachvollziehbar. Meine Akathisie war keineswegs zu übersehen. Sie stand vor den Ärzt:innen und schrie: „Ich bin die Akathisie!” Die stattdessen verhängten Fehldiagnosen sind beleidigend. Die Reduktion von Akathisie auf „psychomotorische Unruhe“ kann als Form epistemischer Gewalt verstanden werden, weil sie das iatrogene Leiden der Betroffenen unsichtbar macht.
Außerdem ist es traumatisierend. Es zeigt einem, wie ohnmächtig man als Patientin in diesem medizinischen System ist. Auch das Wissen über Entzug und Akathisie hat mir gegenüber ärztlichem und pflegerischem Personal nichts genützt. Mir wurde nicht geglaubt, denn ich war ja nur eine Patientin und keine Ärztin. Es ist ein massiver Vertrauensverlust in Menschen, die gemäß ihrer Berufsordnung angetreten sind, um zuallererst nicht zu schaden (“primum non nocere”).
Nun ist es keineswegs so, dass Akathisie sich immer so eindeutig und deutlich zeigt, wie bei mir. Es muss nicht zwangsläufig die äußere Akathisie vorliegen, so wie bei mir. Folter ist es in jedem Fall. Wenn Ärzt:innen nicht einmal in meinem Fall die Akathisie erkennen und als iatrogen diagnostizieren, wann tun sie es dann?
Wir Betroffene müssen nicht nur mit dieser Akathisie- und Entzugshölle leben, woran unsere Seelen, Körper und Leben zerbrechen können. Sondern auch noch mit der Ignoranz von Ärzt:innen, die nicht einmal retrospektiv einsehen, dass sie Fehler gemacht haben. Die keinerlei Interesse daran haben, Betroffenen zuzuhören oder ihr Personal durch Berichte von Betroffenen entsprechend zu schulen.
Ärzt:innen schrieben in meine Akten, dass ich so fixiert sei auf die „Absetz”symptome. Der Begriff “Absetzsymptome” ist eine durch die Pharma-Industrie hervorgebrachte Verharmlosung der wahren Natur dieser Beschwerden. Korrekt ist die Bezeichnung Entzug (Massabki & Abi-Jaoude, 2021). Mir eine “Fixierung auf Absetzsymptome” vorzuwerfen, während ich unter Akathisie leide, ist unfassbar gewaltvoll. Es ist das immerwährende Mantra der Psychiatrie: „Nicht die Medikamente sind das Problem, sondern die Psyche der Behandelten.“
Daraus bastelten Ärzt:innen mir eine „hübsche“ neue Diagnose, die jegliche iatrogene Ätiologie meiner Symptome negierte und meine Beschwerden stattdessen erneut psychiatrisch pathologisierte.
Wie habe ich das überlebt?
Während der neun Monate, in denen ich an Akathisie litt, wurde mir meine Menschenwürde genommen. Ich war nicht in der Lage, ein normales Erwachsenenleben zu führen. Stattdessen wurde ich von Ärzt:innen und psychiatrischen Pfleger:innen ignoriert, verlacht und es wurde versucht, mir mit neuen Verschreibungen zu schaden. Mein körperlicher Zustand verschlechterte sich so sehr, dass ich die Hälfte meiner Haare verlor und in nur zwei Wochen 8 kg abnahm. Ich wurde zu einem Schatten meiner selbst.
Die Sehnsucht nach dem Tod war groß, die Sehnsucht nach Leben war noch größer. Nach Leben, das diesen Namen verdient und nicht nur ein bloßes Überleben darstellt.
Was man in dieser fürchterlichen Situation definitiv nicht braucht, sind Schikanierungen von Ärzt:innen, die den Entzug nicht anerkennen und einen mit unsinnigen Ratschlägen wie, man solle doch Entspannungsübungen machen, traktieren. Denn auch Ratschläge können Schläge sein. Dass einem nicht geglaubt wird, dass übliche „Hausmittel“ nicht funktionieren, ist ja nur wieder dasselbe medical gaslighting, lediglich leicht anders verpackt. All solche Ratschläge von Ärzt:innen, die den Entzug nicht anerkennen, sind Stressoren, die die Akathisie und alle anderen Entzugssymptome verstärken können.
Ich habe diese Hölle der Akathisie überlebt. Wie ich das geschafft habe, weiß ich selbst nicht. Ich bin unendlich dankbar. Hätte ich nicht gewusst, dass es Entzug und Akathisie sind, dann weiß ich nicht, wie es ausgegangen wäre. Hätte ich nicht irgendwann 2024 einen Arzt gefunden, der mir die Symptome als Entzug und Akathisie bestätigte, dann wäre es vielleicht anders ausgegangen. Diesem Arzt bin ich unendlich dankbar. Vielleicht hat er mir mein Leben gerettet.
Es macht nämlich einen riesigen Unterschied, ob einem in diesem medizinischen System jemand glaubt. Ob einem jemand zuhört und einen begleitet, auch wenn es nichts gibt, was die ärztliche Person aktiv tun kann. Es ist dennoch bedeutsam und es ist eine riesige Erleichterung.
Es war mir irgendwann völlig klar, dass ich absolut keine Verschlimmerung der Symptome mehr ertragen würde. Am Ende war es genau diese Gewissheit sowie womöglich meine pure Willenskraft (oder doch Stärke?), mit der ich mich gegen jeglichen Versuch, mir weitere Substanzen zu verordnen oder Dosen wieder zu erhöhen, wehrte. Rezepte für alle möglichen Neuroleptika und sogenannte Antidepressiva bekam ich ohne Ende. Ich löste sie einfach nie ein.
Ich versuchte einfach nur noch auszuhalten, auch wenn ich völlig davon überzeugt war, dass es nie mehr besser werden würde. Dass da kein gutes Leben mehr auf mich warten würde. Und dann wurde ich irgendwann eines Besseren belehrt.
Von Angehörigen und Freund:innen
Wenn die Hilfe durch das medizinische System, das einen erst überhaupt in diese Lage gebracht hat, dann größtenteils im Stich lässt, bleibt einem nicht mehr viel übrig, als sich auf sein eigenes privates Hilfesystem zu stützen. Jedoch ist es keineswegs einfach für Angehörige und Freund:innen, einen Menschen, der an Akathisie leidet, zu unterstützen und zu begleiten.
Der den Entzug anerkennende Arzt hatte teilweise nicht nur mich zu betreuen, auch meine Familie musste unterstützt werden. Denn die Katastrophe ereilte uns alle. Meine Angehörigen verstanden noch viel weniger als ich, was mit mir los war. Die Verlockung, dies alles auf meine Psyche zu schieben, weil es dann vermeintlich etablierte Behandlungsmethoden – die mich ja überhaupt erst in diese Lage gebracht haben – geben würde, war natürlich auch bei den Angehörigen groß. Niemand möchte, dass ein geliebter Mensch sich in einem fürchterlichen Zustand befindet und es einfach gar nichts gibt, womit man dies behandeln kann. Das ist eine Situation, die einen beinahe erdrückt. Für mich war es sehr entlastend, dass der Arzt nicht müde wurde, auch den Angehörigen zu sagen, dass meine Symptome organischer und nicht psychischer Natur waren.
Ob es dies auch für die Angehörigen leichter macht? Der betroffenen Person sind die Qualen anzusehen und auch nach außen hin spürbar. Die Verzweiflung, die Hoffnungslosigkeit, das Flehen nach dem Tod: Dies ist auch für die einen umgebenden Menschen schier unerträglich. Zumal sie kaum irgendetwas aktiv tun können, was die Not lindert. Das einzige, was der betroffenen Person hilft, ist Verständnis. Denn auch unsinnige Ratschläge und das Nichtglauben der iatrogenen Natur der Beschwerden durch Angehörige und Freund:innen können Symptome verstärken.
Meine zwei besten Freundinnen, die mir während dieser schlimmen Zeit beistanden, erzählten mir viel später, als die Hölle schon monatelang hinter mir lag, dass sie sich immer wieder bei Beratungshotlines informiert hatten, wie sie mir helfen können. Sie hatten Sorge, dass ich diesen Zustand nicht überlebe. Das zu erfahren war sehr bewegend für mich und zeigt auch, wie sehr das Umfeld mitleidet.
Man erlebt in diesen Zuständen, wer wirkliche Freund:innen sind und welche Angehörige für einen in Notlagen da sind. Neben meinen zwei besten Freundinnen möchte ich hier vor allem meinen Mann, meine Eltern, drei Schwestern meiner Mutter, meine Cousinen und die Nachbarin meiner Eltern erwähnen. All diesen Menschen verdanke ich, dass ich noch am Leben bin, denn sie haben mich im wahrsten Sinne des Wortes am Leben gehalten: mit Einkäufen, mit Essenkochen, mit morgendlichen Hunde-Spaziergängen, mit Fußmassagen, mit Fahrdiensten (ich konnte nicht selbst Autofahren), mit ihrer puren Existenz und ihrem Beistand. Auch wenn es für alle diese Menschen sicher ein ebenfalls traumatisches Jahr 2024 war und es auch womöglich bei ihnen viel zu verarbeiten gibt. Ich wurde vielfältig umsorgt, obwohl es nicht einfach war, obwohl auch die Angehörigen und Freund:innen ständig am Limit und darüber hinaus waren. Ich frage mich: Wie soll ein Mensch diese Hölle überleben, wenn es kein soziales Umfeld gibt, oder sich das soziale Umfeld aufgrund von Ungläubigkeit und Verzweiflung abwendet?
Natürlich gab es auch in meinem privaten Umfeld zahlreiche Menschen, die mir bis heute nicht glauben, dass die Symptome organischer und iatrogener Natur sind. Die zu gerne und in völliger Überzeugung postulieren, dass die Beschwerden die Anzeichen einer psychiatrischen Diagnose seien, ohne dass sie auch nur ansatzweise sachkundig für diese Themen sind. Am schlimmsten jedoch behandelten mich tatsächlich die Menschen in meinem Umfeld, die eine medizinische Ausbildung oder sogar eine Ausbildung in der psychischen Gesundheitsversorgung (z. B. Psychotherapie) haben. Die Überzeugung, dass sie, die im medizinischen System arbeiten, die Gesunden sind und alle anderen, die schon mal eine psychiatrische Diagnose erhalten haben, eindeutig und für immer psychisch krank sind, scheint das absolut notwendige Berufsverständnis dieser Menschen darzustellen. Das wohltuendste für mich ist in so einem Fall einfach der Kontaktabbruch. Ich habe nicht die Hölle überlebt, um mich mit Leuten zu umgeben, die keine Einsicht haben und ihr eigenes Selbstverständnis nicht bereit zu hinterfragen sind.
Die Suche nach Verständnis und Verständigung im medizinischen System
Ich habe, nachdem ich die Folter in der Hölle der Akathisie überlebt hatte, manche der ungläubigen Ärzt:innen aus 2024 zum Gespräch überreden können. Aber selbst in diesen Gesprächen gab es, obwohl ich auf Studien verwiesen habe, kein Verständnis. Man ist sich keiner Fehler bewusst und alle sind bestens ausgebildet.
Selbst meine zwei fachärztlichen Stellungnahmen über das Vorliegen eines Entzugssyndroms durch namhafte Ärzte überzeugten andere Ärzt:innen nicht, sie beharrten weiterhin auf ihren falschen Diagnosen: dem Nichterkennen von Akathisie und dem Nichtanerkennen von Antidepressiva-Entzug. Erkenntnisse, die dem eigenen Handeln widersprechen, werden offensichtlich nicht zugelassen. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf.
Meine Frage ist: Wann möchten deutsche Psychiater:innen damit beginnen, anzuerkennen, dass Antidepressiva zu Entzugssymptomen und Akathisie führen können? Wie viele fachärztliche Stellungnahmen bedarf es dazu, dass Ärzt:innen ihre Diagnosen überdenken? Zwei scheinen, wie in meinem Fall, nicht ausreichend. Wann sind deutsche Psychiater:innen dazu bereit, sich mit wissenschaftlicher Literatur zu Antidepressiva-Entzug zu befassen? Einer Psychiaterin brachte ich einen ganzen Ordner mit Studien zu diesem Thema mit und ich bot an, sie dürfe sich alles kopieren. Dafür hatte sie natürlich keine Zeit, auch ihr Versuch, sich wenigstens den Abstract einer Studie zu fotografieren, scheiterte beinahe. Vielleicht hätte ich die Literatur einfach faxen sollen.
Vertrauen, Wissenschaft und Vertrauensverlust
Spätestens nach der Lektüre von Robert Whitakers “Anatomy of an Epidemic” war mir klar, dass ich einer großen Täuschung aufgesessen bin. Dass ich vertraut habe und mich auf die Wissenschaftlichkeit der modernen Medizin, genauer der Psychiatrie, verlassen habe. Dass ich es progressiv fand, der modernen Medizin und der Pharmakologie zu vertrauen. Ärzt:innen genießen in der deutschen Gesellschaft einen großen Vertrauensvorschuss. Wieso hätte ich ihnen nicht vertrauen sollen? Überall wurde gesagt, dass Antidepressiva sicher und effektiv sind. Das Gespenst des längst widerlegten chemischen Ungleichgewichts (Moncrieff et al., 2022) spukte auch 2021 noch umher, und zwar in Gestalt einer sehr jungen Ärztin in einer Klinik.
Mein Vertrauen in Ärzt:innen, das medizinische System und psychiatrische Forschung ist schwer erschüttert. Gleichzeitig erfüllt es mich bisweilen auch mit einigem an Scham, dass mir das passiert ist. Dass ich nicht durchschaut habe, wie schädlich diese psychiatrische Behandlung sein kann. Und wie wenig evidenzbasiert sie gleichzeitig ist. Doch woher soll man das auch wissen? Die Fortschrittserzählung der biomedizinischen Psychiatrie mit ihren angeblich sicheren und wirksamen Psychopharmaka ist überall. Man kann ihr kaum entkommen.
Die Sache mit der Zwangsbehandlung
Die Vereinten Nationen (UN) schreiben:
“Zwangsbehandlung …, Zwangsmedikation und Übermedikation (einschließlich der Verabreichung von Medikamenten unter falschen Vorwänden und ohne Aufklärung über die Risiken) verletzen nicht nur das Recht auf freie und informierte Zustimmung, sondern stellen auch Misshandlung dar und können Folter gleichkommen.” (United Nations, 2017, S. 11, Hervorhebungen durch die Autorin)
Ich behaupte, jeder Mensch, der den Entzug von Psychopharmaka erlebt, würde dafür wahrscheinlich den Begriff der Folter nicht gänzlich ablehnen.
Sofern man vor Verabreichung der Substanzen nicht über diese Risiken des Entzugs aufgeklärt wurde, stellt dies auch nach den Kriterien der UN Folter dar. Und es ist Zwangsbehandlung. Nicht so, wie man sich die formelle und offensichtliche psychiatrische Zwangsbehandlung per Fixierung und Zwangsverabreichung von Psychopharmaka vorstellt. Sondern ganz subtil und informell. Indem man Menschen nicht vollumfänglich aufklärt, gibt man ihnen nicht die Möglichkeit, eine informierte Zustimmung zu geben.
Ich wurde jedenfalls nie über die Möglichkeit, dass ich irgendwann monatelang an Akathisie und einem Entzugssyndrom leiden könnte, aufgeklärt. Im Gegenteil. Wie meine Geschichte zeigt, schlug mir auch dann noch das Leugnen der allermeisten Psychiater:innen entgegen, als bei mir dieser Fall so unübersehbar und offensichtlich eingetreten war. Somit kann ich sagen, dass ich per Definition der UN sowohl Folter als auch (informelle) Zwangsbehandlung durch psychiatrische Behandlung erlebt habe. Und da die mangelnde Aufklärung über die möglichen iatrogenen Schäden durch Psychopharmaka eher die Regel als die Ausnahme in Deutschland ist, handelt es sich um strukturelle, informelle Zwangsbehandlung und nicht um Einzelfälle oder Anekdoten.
Zweiter Geburtstag: 01.01.2025 und was sonst noch übrig bleibt
Am 01.01.2025 erlebte ich ein Wunder. Die akute innere Akathisie verschwand für ein paar Tage. Erst da merkte ich, dass diese unfassbaren Seelen-Qualen nicht zu mir gehörten. Dass sie zwar aus mir heraus kamen, aber dass sie nichts mit mir zu tun hatten. Anfangs kam die akute innere Akathisie stellenweise zurück, für Minuten und Stunden. Doch ab 01.01.2025 verschwand sie insgesamt immer mehr. Anfänglich traute ich der Sache nicht, und war auch noch immer wieder darauf gefasst, erneut in der Hölle zu landen. Dies blieb jedoch größtenteils zumindest bis jetzt aus. Was nicht bedeutet, dass ich gesund oder genesen bin. Das Gegenteil ist der Fall. Zusätzlich steht mir immer noch ein langwieriger Absetzweg der letzten Substanz bevor und ich leide immer noch unter dem post-akuten Entzug von Antidepressiva. Die Symptome, die ich weiterhin habe, sind zahlreich, und mit jedem Absetzschritt, die ich schon entsprechend klein wähle, verstärken sie sich.
Die Schlafstörungen halten seit über zwei Jahren an. Es ermüdet, es erschöpft, und es laugt aus. Ich habe immer noch und immer wieder Akathisie-Symptome. Sie sind meistens nicht mehr so akut wie 2024 und falls doch, halten sie bis jetzt nur wenige Stunden oder Tage an. Wenn man in einen solchen Zustand jedoch wieder gerät, hat er nichts von seinem Schrecken verloren, im Gegenteil. Zu diesem qualvollen Zustand, in dem man auch mal denkt, man würde sterben, kommen dann die Erinnerungen an die neunmonatige Hölle von 2024 zurück. Es ist doppelt traumatisch und man merkt, dass man diese Hölle noch längst nicht verarbeitet hat. Wie verarbeitet man das überhaupt?
Seit Sommer 2024 habe ich immer wieder taube Füße, vor allem bei Kälte. Eine Neurologin diagnostizierte Polyneuropathie und erklärte mir, dass dies von „diesen Giften“ käme. Sie meinte damit Antidepressiva, ich habe extra noch einmal nachgefragt, da ich meinen Ohren nicht traute. Um solche Schäden von Substanzen wie Alkohol zu erhalten, sagte sie, müsse man eine „Zisterne Wodka“ trinken. Zusätzlich habe ich verstörende kognitive Einschränkungen, z. B. das Gedächtnis einer Eintagsfliege. Ich habe Wortfindungsstörungen und Rechtschreibprobleme entwickelt, die ich in meinem ganzen Leben noch nie hatte. Auch meine körperliche Leistungsfähigkeit ist seit der Katastrophe eingeschränkt. Es kann auch vorkommen, dass ich nach sportlichen Aktivitäten regelrecht “crashe”, wie es Menschen mit Chronic Fatigue Syndrom kennen. Ich bekomme dann Gesichtsfeldausfälle, Kopfschmerzen, Übelkeit und massive körperliche Schwäche, wodurch ich auch mal mehrere Tage liegend verbringen muss.
Trotz der zahlreichen Symptome habe ich das Jahr 2025, ganz im Gegensatz zum Jahr 2024, gelebt, so gut es mir möglich war. Ich betrachte das Leben nun aus einem anderen Blickwinkel. In der Lage zu sein zu kochen, mit Genuss zu essen, Sport zu machen, Musik zu hören und zu reisen sind keine Selbstverständlichkeiten. Es macht mich demütig. Unser Leben ist ein Geschenk und der menschliche Körper ist ein Wunderwerk.
Mit dieser meiner quasi Wiedergeburt am 01.01.2025 gab es für mich viele erste Male: das erste Mal wieder ein Buch lesen, das erste Mal wieder fernsehen, das erste Mal wieder in einem Restaurant essen, das erste Mal wieder Urlaub machen, das erste Mal wieder Menschen als Gastgeberin empfangen, das erste Mal wieder etwas zum Anziehen kaufen, das erste Mal wieder Klettern gehen, … . Die Liste ist lang. Das schönste erste Mal war sicherlich, als ich meinen Mann wieder zusammen mit mir lachen sehen konnte.
Ich habe am 01.01.2025 die Chance erhalten, mein Leben weiterzuleben, auch wenn es ein gänzlich anderes ist als vor 2024. Der Bruch, der mein Leben in nun diese zwei Hälften teilt – vor der Katastrophe und nach der Katastrophe – ist groß. Ich bin immer noch dabei und werde es wohl auch noch lange sein, all das Erlebte zu verarbeiten. Ich bin 2024 in alle Teile zerfallen, von denen ich denke, dass ein Mensch zerfallen kann. Ich bin immer noch dabei, den Scherbenhaufen, der mein Leben nach 2024 war, wieder zusammenzusetzen und dabei vielleicht Kintsugi zu machen. Aber ich habe die Möglichkeit erhalten, dies zu tun. Denn ich habe überlebt. Und dies ist bei weitem nicht allen Menschen, die unter Akathisie leiden, vergönnt. Da ich mein Leben wiedergewonnen habe, sehe ich es als meine Pflicht an, darüber (öffentlich) zu sprechen oder zu schreiben, in der Hoffnung, anderen Menschen Leiden und Qualen ersparen zu können. Wenn es nur einer Person nutzt, hat es sich aus meiner Sicht gelohnt.
In diesem Sinne werde ich in wenigen Tagen, am 01.01.2026, wahrscheinlich erneut Geburtstag feiern. Mein neues Leben nach der Katastrophe wird dann ein Jahr alt. Wie es damit weitergeht? Das wird der weitere Reduktions- und Genesungsprozess zeigen. Ende offen. Fortsetzung folgt.
Teil zwei der Geschichte finden Sie hier: Die Heilung von Iatrogenese ist ein einsamer Ort
****
In Gedenken an all diejenigen, die die Akathisie nicht überlebt haben und in Gedanken an die Tausende, die in diesem Moment unter akuter Akathisie leiden und keinen Ausweg sehen. Weil unsere Leben keine Anekdoten sind.
Auf der Webseite finden sich viele Ressourcen zu Akathisie, die bei Gesprächen mit Angehörigen und Ärzt:innen hilfreich sein können.
****
Literatur
Massabki, I., & Abi-Jaoude, E. (2021). Selective serotonin reuptake inhibitor ‘discontinuation syndrome’ or withdrawal. The British Journal of Psychiatry, 218(3), 168–171. https://doi.org/10.1192/bjp.2019.269
Moncrieff, J., Cooper, R. E., Stockmann, T., Amendola, S., Hengartner, M. P., & Horowitz, M. A. (2022). The serotonin theory of depression: A systematic umbrella review of the evidence. Molecular Psychiatry, 28(8), 3243–3256. https://doi.org/10.1038/s41380-022-01661-0
United Nations. (2017). Report of the United Nations High Commissioner for Human Rights. Report A/HRC/34. [Online]. Abgerufen 19. September 2025, von https://www.un.org/disabilities/documents/reports/ohchr/a_hrc_34_32_mental_health_and_human_rights_2017.pdf