Dürfen wir psychiatrisches Personal kritisieren?

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[anmerkung_redaktion]

In meinem Buch Fragile Minds habe ich über meine jüngsten Erfahrungen als Studentin der psychiatrischen Pflege in England geschrieben. Ich habe über reale Vorfälle berichtet und über Dinge, die das Personal tatsächlich gesagt und getan hat – Dinge, die ich während meiner Ausbildung fassungslos und hastig mitnotiert habe.

Seit der Veröffentlichung bin ich den Überlebenden und Mitarbeiter:innen zutiefst dankbar, die mich kontaktiert oder ihre Unterstützung für die Erfahrungen ausgedrückt haben, die ich öffentlich machen musste – auch wenn das Buch ebenso als „wütender Angriff“ auf die Psychiatrie bezeichnet wurde, der „nicht glaubwürdig“ klinge. Man hat mir einen „Retterkomplex“ und „Größenwahn“ unterstellt, nur weil ich die Behandlungen, die ich miterlebt habe, hinterfragt habe. Es wurde behauptet, ich würde diese Dinge sicher nur zum eigenen Vorteil schreiben, oder ich müsse ein Scientologe sein, oder ich sei schlichtweg nicht fachkundig genug, um eine Meinung zu Themen zu haben, die für Menschen wie mich „viel zu komplex“ seien.

Die öffentliche Kritik an der Psychiatrie und unserer Behandlung psychischer Erkrankungen kann beängstigend sein; sie löst heftige Reaktionen aus, die unsere Fähigkeit, einander zuzuhören, beeinträchtigen und uns dazu bringen, um uns zu schlagen. Sie bedroht unser Selbstverständnis und unsere Beziehung zur Welt und verdeutlicht unsere Fähigkeit, Dinge in der Gesellschaft zu verdrängen und zu ignorieren, die zu schmerzhaft sind, um sich ihnen zu stellen.

Obwohl ich also nicht in der Öffentlichkeit stand, hatte ich ernsthafte Angst vor den heftigen Reaktionen, die mich erwarten würden. Ich fragte mich: Wenn es mir irgendwie gelänge, ein ausgewogenes Verhältnis von „guten und schlechten“ Erfahrungen mit dem Versorgungssystem darzustellen, würde die unangenehme Wahrheit über die schockierende und bisweilen grausame Behandlung von Patient:innen, die ich miterlebt habe, dann leichter akzeptiert und geglaubt werden?

Können wir tatsächlich weiterhin für unser kostenloses Gesundheitssystem eintreten, für das ich äußerst dankbar bin, und gleichzeitig seine Missbräuche sowohl auf systemischer als auch – was wirklich schwierig ist – auf individueller Ebene anprangern?

Doch dieser Wunsch nach einer ausgewogenen Darstellung kam mir unehrlich vor. Die Realität war – zu meiner eigenen Überraschung und Enttäuschung –, dass ich während meiner zwei Jahre auf psychiatrischen Stationen und in ambulanten Teams kaum inspirierende oder auch nur beruhigende Erfahrungen in der Versorgung miterlebt hatte. Was ich tatsächlich erlebt hatte, war überwältigend und unbestreitbar unzureichend.

Berichte über gute oder sogar exzellente Versorgung durch medizinisches Personal, einschließlich Fachkräften in der Psychiatrie, sind in unseren Medien natürlich allgegenwärtig. Das Narrativ, dass wir trotz aller Herausforderungen alle unermesslich empathisch, uneigennützig und engagiert sind, nährt einen nationalen Stolz, von dem auch ich mich umhüllt gefühlt habe.

Aus meiner Ausbildung zur psychiatrischen Pflegekraft und später zur Psychotherapeutin weiß ich, dass wir weitgehend dazu angehalten werden, uns nicht mit den Ansätzen anderer Praktiker auseinanderzusetzen oder diese in Frage zu stellen. Mir wurde gesagt, ich solle „weniger Fragen” über das Personal stellen, um keine Bedenken zu äußern, sondern stattdessen „versuchen, das Beste” in ihnen zu sehen. Das Gleiche gilt für die Therapieausbildung, wo wir dazu angehalten werden, generell davon auszugehen, dass, wenn ein Klient sich beschwert, nicht mehr zu uns kommt oder behauptet, die Therapie sei nicht hilfreich oder sogar schädlich gewesen, wir die Reaktion des Klienten größtenteils als etwas betrachten, das mit ihm und seinen Schwierigkeiten oder „seiner Krankheit” zu tun hat und nicht mit uns selbst. Ich halte dies für eine sehr besorgniserregende und sogar gefährliche Kultur.

Ab wann steht es uns also zu, die Arbeit von Fachkräften in der Psychiatrie kritisch zu beleuchten oder sie gar offen zu kritisieren?

Wir wissen, dass die Übertragung von Macht auf Menschen oft zu Missbrauch führt. Wenn Journalist:innen Missstände in psychiatrischen Abteilungen aufdecken, scheinen wir als Gesellschaft bereit zu sein, dies zu akzeptieren, solange es sich um Vergangenes handelt oder um Einrichtungen, die als „Ausnahme von der Regel“ dargestellt werden. Ebenso wie die „faulen Äpfel“ unter den ansonsten tugendhaften Mitarbeiter:innen.

Wir verschlingen auch leidenschaftlich gerne Bücher von medizinischem Fachpersonal, das darüber schreibt, wie es – verständlicherweise – ebenfalls innerhalb des Systems zu kämpfen hat, meist aufgrund der langen Arbeitszeiten, mangelnder Finanzierung und Unterstützung oder der eigenen psychischen Gesundheit. Doch das sind Geschichten darüber, wie fürsorglich sie und alle anderen Mitarbeiter:innen sind; wie fast schon übermenschlich ihre unendliche Güte ist – allen Widrigkeiten zum Trotz.

Das ist eine sehr verständliche Erzählung, und es gibt Mitarbeiter:innen, die so sind. Ich habe einige von ihnen kennengelernt und mit ihnen zusammengearbeitet. Und wir als Gesellschaft wollen diese Geschichten; sie passen zu der Erzählung, die wir dringend brauchen, wenn wir am Boden sind und Unterstützung suchen. Auch wir als Mitarbeiter:innen wollen diese Geschichten; sie helfen uns, uns besser zu fühlen, während wir einen Job machen, der unglaublich hart und meist schlecht bezahlt und anstrengend ist.

Uns selbst als Personal selbst zu hinterfragen oder eine mangelhafte Versorgung offen anzusprechen, sollte nicht als „Angriff“ auf das medizinische System gewertet werden. Es sollte vielmehr ein wesentlicher Teil unserer Liebe und unseres Respekts für dieses System sein; Ausdruck unseres Wunsches, es und uns selbst in dem, was wir zu tun versuchen, besser zu machen.

Während meiner Praktika in der Krankenpflege und dann wieder, als ich versuchte, alles aufzuschreiben, versuchte ich zu verstehen, warum einige Mitarbeitende ihre Empathie verloren hatten oder sich distanzierten. Warum einige sogar unhöflich oder grausam oder beleidigend waren.

Ich wollte die tiefe Kluft zwischen Patient:innen und Mitarbeiter:innen analysieren und herausfinden, warum sich die Pflegekräfte in ihren Büros versammelten und den Kontakt zu den Patient:innen mieden.

Als Krankenpflegeschülerin weiß ich, dass ich eine einzigartige Position innerhalb des psychiatrischen Labyrinths einnahm. Meine Zeit dort war begrenzt. Ich hatte weniger Papierkram, weniger Druck und Verantwortung. Ich wurde nicht als Gefängniswärterin angesehen, sodass ich beobachten konnte. Ich hatte mehr Zeit zum Reden, ich konnte zuhören und aufnehmen, jahrelange Notizen durchlesen, Bewertungen vergleichen und nach Unstimmigkeiten suchen. Ich war sowohl machtlos als auch mächtig.

Ich weiß, dass es etwas ganz anderes ist, Missstände anzuzeigen, wenn man vollständig eingebunden ist, wenn die Familie vom Einkommen abhängig ist oder wenn man so lange in einem fehlerhaften System gearbeitet hat, dass das Gehirn den Kampf-oder-Flucht-Modus hinter sich gelassen hat und in eine Dissoziation übergegangen ist.

Ich habe aus erster Hand gesehen, dass es für uns Mitarbeiter:innen, wenn die Verzweiflung wächst, einfacher ist, uns zu betäuben, uns in der Banalität zu verstecken und Befehle zu befolgen, als irgendetwas in Frage zu stellen.

Natürlich war es bei einigen Mitarbeitenden leichter zu erkennen, was zu dieser Dissoziation und Hoffnungslosigkeit geführt hatte, als bei anderen. Manche schienen durch die schlechten Behandlungsergebnisse oder die Suizide ihrer Patient:innen zu oft am Boden zerstört worden zu sein, um noch den Versuch zu wagen, sich auf neue Patient:innen einzulassen.

Andere schienen durch die langen Tage und die unerbittliche emotionale Belastung durch die Arbeit mit Menschen in Not und ohne Ausbildung, wie man ihnen wirklich helfen kann, oder ohne emotionale Unterstützung dafür, ihrer Empathie beraubt worden zu sein.

Wieder andere durch die Anweisungen, immer wieder Zwangsmaßnahmen oder Zwangsmedikation anzuwenden, oder durch die Doktrin der Psychiatrie selbst, die uns dazu ermutigt, die Erfahrungen der Patient:innen von uns selbst zu „trennen”.

Es gab auch Mitarbeiter:innen, die ihren Fokus scheinbar darauf verlagert hatten, sich gegenseitig zu schützen und mit jenen Kolleg:innen mitzufühlen, die sie durch den ständigen Personalmangel und die unzumutbaren Anforderungen unter Dauerbeschuss sahen – was dazu führte, dass sie kaum noch Zeit oder Mitgefühl für ihre Patient:innen erübrigten.

Noch schwieriger waren die Mitarbeitenden, deren Verhalten schwer zu verstehen war. Die, die es offenbar genossen, Patient:innen zu Verhaltensweisen zu provozieren, für die sie dann bestraft wurden. Die mir erzählten, dass sie die „Action” auf den Stationen genossen und beschrieben, wie aufregend es für sie war, Menschen zu Boden zu ringen oder ihnen Spritzen zu verabreichen. Mitarbeiter:innen, die ihren Job und damit auch die Patient:innen, die ihn verkörperten, zu hassen schienen. Es gab auch Personal, dem es schlichtweg an den Fähigkeiten mangelte, die ich für die Arbeit in der Psychiatrie als unerlässlich erachtet hatte: Geduld, Besonnenheit und Einfühlungsvermögen.

Es ist seltsam zu sehen, wie bereitwillig wir solche Charaktere in unseren Filmen oder Büchern akzeptieren und uns sogar nach ihnen sehnen, aber nicht glauben wollen, dass sie auch unter unserem echten Personal existieren. Woran liegt das?

Natürlich kam ein Teil der heftigen Reaktionen, die ich erfahren habe, auch von Patient:innen, die ein System schützen wollen, von dem sie sich gut unterstützt fühlen. Ich kann das verstehen. Dennoch frage ich mich, ob sie nicht die Minderheit sind – eine Minderheit gegenüber den vielen, vielen anderen, die sich durch das System geschädigt fühlen. Und es sind die dankbaren Patient:innen, die am lautesten rufen, denen in den Medien der größte Raum gegeben wird und deren Geschichten wir am häufigsten hören.

Aber zu welchem Preis haben die Menschen ihre guten Erfahrungen gemacht? Zu welchem Preis für all diejenigen, die zum Schweigen gebracht werden? Für diejenigen, die als „Antipsychiatrie“-Anhänger:innen niedergeschrien, als Verschwörungstheoretiker:innen beschämt oder schlichtweg verhöhnt werden, indem man ihnen sagt, sie seien einfach verrückt?

Als ich begann, die besorgniserregenden Vorfälle, die ich miterlebte, zu dokumentieren, wurde mir geraten, es zu lassen: Meine Beschwerden würden ohnehin im Sande verlaufen und es mir nur erschweren, die Ausbildung zu bestehen. Also dachte ich mir: Was können wir tun, wenn wir uns nicht mehr beschweren können? Wenn wir keine Worte mehr finden, um uns zu erklären?

Wir können dokumentieren. Wir können Aufzeichnungen als Beweismittel führen, als Grundlage für eine Untersuchung. Wir können versuchen, die Unordnung des Ganzen zu erfassen, um sie zu zerlegen, ihre Mechanismen zu verstehen und Menschen zu befähigen, zu handeln. Zumindest ist es das, was ich versucht habe.

Ich kann nur hoffen, dass Fragile Minds den Kanon der Literatur von Überlebenden und Aktivist:innen auf eine Weise bereichert, die Menschen mit ähnlichen Erfahrungen hilft, das Wort zu ergreifen und Gehör zu finden – sowohl den Überlebenden psychiatrischer Behandlungen als auch den Mitarbeiter:innen, die sich dem Konformitätsdruck widersetzen.

Mad in Deutschland veröffentlicht Blogbeiträge einer vielfältigen Gruppe von Autor:innen. Diese Beiträge sollen zur Diskussion über Psychiatrie und ihre Behandlungsmethoden in Deutschland anregen. Die geäußerten Meinungen sind die der Autor:innen.

Bella Jackson
Bella Jackson
Bella ist seit 2010 im Bereich der psychischen Gesundheit tätig, unter anderem bei Wohltätigkeitsorganisationen, in Haftanstalten und im englischen staatlichen Gesundheitsdienst NHS. Sie ist examinierte psychiatrische Krankenschwester und integrative Therapeutin und bietet derzeit über 1.000 Mitarbeitenden und Freiberufler:innen an einem der größten Theater Großbritanniens kostenlose Unterstützung an, während sie gleichzeitig als kostengünstige private Therapeutin und Mentorin für Menschen arbeitet, die sich im psychiatrischen System zurechtfinden müssen. Als langjährige Kritikerin des biomedizinischen Ansatzes zur Behandlung psychischer Belastungen versteht sie sich als Verbündete und Aktivistin für psychische Gesundheit. Ihr Buch Fragile Minds, das im Juli 2025 bei Penguin erschienen ist, ist eine Auseinandersetzung mit und Enthüllung der stationären und ambulanten Versorgung, die sie während ihrer jüngsten Ausbildung zur psychiatrischen Pflegekraft erlebt hat.

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