Heilung – ein Wort, das ich in der Psychiatrie nie gehört habe

Heilung ist ein Wort, das ich bis heute von keiner Psychiaterin und keinem Psychiater gehört habe. Und doch erlebte ich eine Tagesklinik in Heidelberg als einen Ort der Heilung – nicht nur des Managements. Ich frage mich, was es braucht, damit Mitbetroffene, Angehörige, Fachkräfte und die interessierte Öffentlichkeit Psychiatrie als heilend erleben und ihr mit Wertschätzung begegnen können.

Bei meinem letzten psychotischen Rückfall vor sieben Jahren war ich nicht gerne in der Psychiatrie. In meinem wahnhaft-psychotischen Zustand schrie ich damals das Behandlungsteam der Akutstation an und beschimpfte es immer wieder. Ich lief nackt über den Flur. Im Beobachtungszimmer schlug ich mir die Hände an der Türscheibe blutig und warf eine Tasse gegen die Überwachungskamera. Daraufhin wurde mir geraten, über eine gesetzliche Betreuung und eine kontinuierliche Behandlung mit Depotneuroleptika nachzudenken, was aus damaliger ärztlicher Sicht nachvollziehbar war. Trotzdem macht es mich bis heute wütend, wenn ich daran denke, dass diese Maßnahmen mich gehindert hätten, durch meine eigene Resilienz so gesund zu werden, wie ich es heute bin. Bevor ich im Januar 2025 in die Tagesklinik aufgenommen wurde, fragte mich mein Psychiater, ob ich dazu bereit sei. Ich antwortete: „Eigentlich wollte ich dort nicht mehr Patientin sein.“ Heute würde ich antworten: „Ja, weil ich aus eigener Erfahrung weiß, dass ich dort die für mich bestmögliche Behandlung erhalte.“ 

Nachdem ich sieben Wochen lang wegen meines Burnouts als Schizophrenie-Betroffene behandelt worden war, sagte ich bei der Oberarztvisite zur Vertretungsoberärztin der Tagesklinik: „Alles! Alles hat mir hier geholfen.“ Entscheidend für meinen Genesungsprozess waren nicht nur die engmaschige Begleitung durch die medizinischen und psychologischen Profis sowie die vielfältigen und intensiven Therapiemöglichkeiten, sondern vor allem die Bereitschaft des gesamten Behandlungsteams, mir stets auf Augenhöhe zu begegnen und auf meine Fragen und Bedürfnisse einzugehen. Das betraf auch meine Medikation, denn seit über sechs Jahren nehme ich nur noch 1 mg/d Aripiprazol, ein Neuroleptikum, was ich als meine individuell niedrigstmögliche Dosis ermittelt und beibehalten habe. Als ich am ersten Tag den Oberarzt bat, mich möglichst ohne zusätzliche Medikamente zu behandeln und er damit einverstanden war, spürte ich bereits, dass ich mich der Tagesklinik anvertrauen konnte. Auch das Aufnahmegespräch war von Empathie und Verständnis geprägt. Die Stationsärztin und die Bezugspsychologin sagten mir, dass es mir wieder besser gehen würde, die Genesung Zeit brauche und dass ich Gesundheit als etwas Zyklisches betrachten könnte – wie vielleicht die Jahreszeiten. 

Mit dieser persönlichen Geschichte möchte ich mich bei allen bedanken, die mich durch meine Krisen und meine Genesung begleitet haben: dem Behandlungsteam und den Mitpatientinnen und Mitpatienten der Tagesklinik, meinem Mann und meiner Familie, meinem Vorgesetzten und meinen Kolleginnen und Kollegen, meinem Psychiater, meinem ehemaligen Verhaltenstherapeuten, dem Heidelberger Beschwerdechor und dem Asylarbeitskreis Heidelberg.

Sehnsuht
Sehnsucht. Links: Handyfoto (2010). Rechts: Linoldruck (2025).

Die Tagesklinik begann für mich mit der Arbeitstherapie am Morgen, und ich wählte die Druckerei. Die ersten Tage verbrachte ich mit dem Binden von Booklets für eine Sammlung, was eine gut strukturierte und einfache Tätigkeit war. Ich freute mich, für eine kulturelle Einrichtung zu arbeiten, die Werke von Künstlerinnen und Künstlern mit psychischen Beeinträchtigungen ausstellt. In meiner ersten freien Stunde besuchte ich eine neue Wechselausstellung, die mich begeisterte. Bald begann ich, mich in der Druckerei kreativ zu betätigen. Der Arbeitstherapeut ermutigte mich, verschiedene Techniken und Materialien auszuprobieren. So lernte ich, Glückwunschkarten anzufertigen sowie Gelplatten- und Linoldrucke herzustellen. Besonders bewegend war mein zweiwöchiges Projekt, eine Abschiedskarte für den langjährigen Stationspsychologen zu gestalten. Als ich die vielen Gänseblümchen im Garten der Psychiatrie friedlich blühen sah, entschied ich mich für einen Linoldruck eines Gänseblümchens, das ich zwei Wochen vor meiner ersten Psychose im August 2010 aufgenommen hatte. Meine damalige Stimmung blieb mir besonders in Erinnerung, da ich eine schwere Zeit durchlebt hatte, unter Erschöpfung litt und dennoch voller Hoffnung und Erwartung war. Im Rückblick kommt es mir so vor, als hätte diese künstlerische Auseinandersetzung mit dem damaligen Motiv in mir einen Kreis geschlossen – einen versöhnenden und heilenden.

Als ich von der Möglichkeit einer Einzeltherapie in Kunst erfuhr, war meine Vorfreude groß, hatte ich in meinem Leben noch keine Einzelstunden in Kunst gehabt. Als Arbeitsmaterial wählte ich Ton, da mich das dreidimensionale Modellieren besonders reizte. Dann schlug mir die Kunsttherapeutin ein Thema vor: „Wie sehen Sie sich selbst?“ Diese Frage hatte ich mir noch nie gestellt. Ich überlegte lange und begann schließlich, einen Menschen zu formen, der sich auf den Boden beugt. Als mir die Form der Tonfigur immer bewusster wurde, erschütterte mich eine Traurigkeit, die mich schmerzte und die ich nicht verstand. Betroffen und verwirrt schwieg ich über dieses Erlebnis, bis mich am nächsten Tag bei der Einzelvisite die Stationsärztin und die Bezugspsychologin fragten, wie die Woche für mich gewesen sei. Es half mir, die Erschütterung der ersten Kunsttherapiestunde auszusprechen. Zu Hause konnte ich mit meinem Mann und dann auch mit meiner Mutter darüber sprechen. Ich sagte ihr, dass die Tonfigur nicht so sei, wie ich gerne wäre: stark, sicher und fröhlich.

Am folgenden Montag fand die Psychotherapiegruppe statt. Die Psychotherapiegruppe der Tagesklinik ist so konzipiert, dass es keine Tabuthemen gibt und in der Patientengruppe offen und unter der Moderation des Stationspsychologen über alles gesprochen werden kann. Ich nutzte die Gelegenheit, um über meine Erlebnisse in meiner ersten Kunsttherapiestunde zu sprechen. Dabei lernte ich, mich der Gruppe vertrauensvoll zu öffnen, mich in meiner Verletzlichkeit zu zeigen, von der Gruppe wahrgenommen und aufgefangen zu werden. Ich sprach auch über meine Verwirrung, nicht zu verstehen, was passiert war und wie ich damit umgehen konnte. Mehrere Mitpatientinnen und Mitpatienten teilten mit mir ihre Gedanken zu meinem Erlebnis, was mir half, mich selbst besser und genauer zu reflektieren. Schließlich sagte mir ein Mitpatient, dass die Tonfigur ein Teil von mir sei und zu mir gehöre. Zuerst konnte ich es nicht wirklich fassen und doch fiel es mir in den folgenden Tagen immer leichter, diesen Gedanken für mich zuzulassen.

Erschöpfung
Erschöpfung. Ton (2025).

Bis zur zweiten Kunsttherapiestunde hatte ich mich stabiler gefühlt, war aber dennoch besorgt und neugierig, da ich nicht wusste, wie sich die Tonfigur entwickeln würde. Wieder modellierte ich die Tonfigur aus dem Bauchgefühl heraus, was mir in dieser zweiten Stunde viel Spaß bereitete. Ich begann, eine Seite der Tonfigur zu gestalten, doch währenddessen verlor die andere Seite ihre Form. Also drehte ich die Tonfigur immer wieder, um beide Seiten abwechselnd zu bearbeiten – bis die Kunsttherapeutin bemerkte, dass es wie eine Sisyphusarbeit wirkte. Ich musste laut lachen, denn ich fand die Bezeichnung passend und doch merkte ich es selbst kaum. Die Kunsttherapeutin baute dann eine Vorrichtung, mit der ich meine Tonfigur während des Formens drehen konnte, und danach konnte ich sie fast mühelos weiterformen. Als ich die Fotos der Tonfigur vor und nach dieser zweiten Therapiestunde miteinander verglich, staunte ich darüber, wie unterschiedlich meine Tonfigur doch aussah. Vorher war die Tonfigur noch vergleichsweise undefiniert, als hätte ich sie achtlos auf den Boden geworfen. Nachher wirkte sie stabiler, spannungsvoller und mit mehr Halt; ihre Oberfläche und Form waren glatter und geschmeidiger, da ich sie mit befeuchteten Fingern immer wieder über den Rücken streichelte.

In einer weiteren Psychotherapiegruppe ging es um schwierige Kindheitserlebnisse. Ich wusste, dass in mir noch Wunden aus meiner Kindheit schlummerten, über die ich mit meinen Angehörigen größtenteils nicht sprach. Jedes Mal, als ich meine Erinnerungen wachrief, fing ich an zu weinen. Bei einem Gespräch am folgenden Tag hörte mir die Musiktherapeutin aufmerksam zu und bemerkte, dass es mir schwerfiel, mich abzugrenzen, und dass dies etwas mit meiner Grunderkrankung zu tun haben könnte. Das Gespräch half mir, meine Grenzen zu erkennen und zu verstehen, dass es mir wegen meiner Reizoffenheit so schlecht ging. Bei der nächsten Oberarztvisite erfuhr ich, dass Psychologinnen und Psychologen sehr gut mit Schmerzen arbeiten können und dass es sinnvoll wäre, sich später in einem Einzelgespräch auf dieses Thema zu fokussieren. Tatsächlich nutzte ich danach Gelegenheiten zu therapeutischen Gesprächen: mit der Kunsttherapeutin, mit der Musiktherapeutin und wöchentlich mit meiner Bezugspsychologin. Zu Hause konnte ich mich bald meinem Mann gegenüber öffnen. Als ich dann – endlich nach über 40 Jahren! – auch mit meiner Mutter über die Wunden meiner Kindheit sprach, konnte ich nur staunen, wie leicht und schnell diese zu heilen schienen. Meine Bezugspsychologin schlug mir vor, eine tiefenpsychologisch fundierte Therapie zu beginnen, wenn ich wieder gesund bin. So wie es auch mein Psychiater vorgeschlagen hatte, als mein Vater vor über zwei Jahren plötzlich verstarb und ich mit dem Verlust kaum umgehen konnte.

Mitten in der tagesklinischen Behandlung, als es mir bereits besser ging, dachte ich über meinen Entlassungstermin nach – und darüber, ob ich bei der Oberarztvisite Fragen stellen könnte, die weniger meine aktuelle Behandlung betrafen, sondern vielmehr meine allgemeinen Erfahrungen mit dem psychiatrischen Versorgungssystem. Zum Beispiel hätte es mir früher sehr geholfen, wenn meine Psychiaterinnen und Psychiater von Anfang an transparent erklärt hätten, wie Psychopharmaka – insbesondere Neuroleptika – im Gehirn wirken, inwiefern sie mein Wesen beeinträchtigen können und warum sie mir dennoch im Alltag helfen sollen. Erst mein jetziger Psychiater nahm sich die Zeit für ausführliche Gespräche auf Augenhöhe, klärte mich über die S3-Leitlinie Schizophrenie auf, überließ mir die Entscheidung über meine medikamentöse Behandlung und begleitete mich bei meinen Absetzversuchen, die 2018 und 2019 in zwei psychotischen Rückfällen mit stationären Psychiatrieaufenthalten mündeten. Als ich mit dem Oberarzt und dem Behandlungsteam darüber sprach, wurden bald darauf Gelegenheiten geschaffen, die Fragen der Patientinnen und Patienten über die Wirkungsweise der Psychopharmaka in einer psychoedukativen Gruppe und in Anwesenheit der Stationsärztin und des Stationspsychologen offen zu besprechen. Ein anderes Mal war es möglich, sich in der von einer Pflegefachkraft moderierten Patientengruppe offen über das psychotische Erleben und die Wahninhalte auszutauschen. Ich erinnerte mich daran, dass mir die Psychiaterinnen und Psychiater während meines ersten Psychiatrieaufenthalts vor fünfzehneinhalb Jahren rieten, nicht über die Inhalte meiner Psychosen zu sprechen, da ich es später bereuen könnte. Seitdem hatte ich keine Gelegenheit, im therapeutischen Rahmen über meine psychotischen Erlebnisse zu sprechen. Jetzt, in dieser Patientengruppe, konnte ich es endlich tun, und ich merkte deutlich, wie dieser offene Austausch eine versöhnende und heilende Wirkung auf mich hatte.

In der Kunsttherapie ergänzte ich die Tonfigur um ein Gänseblümchen, das neben ihr blüht – ein Motiv, das ich unbewusst erneut aufgriff und das mir zeigte, dass ich dabei war, meinen Burnout zu überwinden. Auch die Musiktherapie erwies sich als wertvoll. Anfangs war ich unsicher, ob ich musikalisch genug bin, doch mit jeder Therapiestunde gelang es mir immer mehr, mich in der Gruppe sicher zu fühlen und auf die Rhythmen und Klänge einzulassen. Ebenso genoss ich die Bewegungstherapie, nach der ich jedes Mal voller Energie und guter Laune war. Besonders schön waren die Tage, an denen wir bei frühlingshaftem Wetter im Garten der Psychiatrie Basketball spielten. In meiner Schulzeit war ich Teil der Schulmannschaft – das liegt über 30 Jahre zurück! Beim ersten Spiel machte ich nur drei Punkte, beim nächsten schon neun. Es war, als würde ich mich an das Körpergefühl von damals erinnern. Ich fand es sehr schade, dass diese Therapieformen, die meine Genesung so sehr unterstützt hatten, mit meiner Entlassung endeten. Zwar wurden sie im Rahmen der tagesklinischen Behandlung von der Krankenkasse übernommen, doch haben ambulante Kunst-, Musik- und Bewegungstherapie leider keine Kassenzulassung. Eine Weiterführung auf eigene Kosten wäre für mich auf Dauer schwer tragbar gewesen. Gleichzeitig freute ich mich natürlich, dass es mir inzwischen deutlich besser ging und meine Entlassung kurz bevorstand. Dank der Unterstützung meines Vorgesetzten und des Sozialdienstes der Tagesklinik konnte ich im April 2025 die stufenweise Wiedereingliederung abschließen. Schon lange hatte ich gewusst, dass ich meine Erfahrungen in der Tagesklinik aufschreiben wollte. Dieses Manuskript entstand zur Hälfte während der Arbeitstherapie in der Tagesklinik und zur Hälfte während meiner Wiedereingliederung im Institut – ein besserer Abschluss der Behandlung meines Burnouts wäre kaum möglich gewesen!

Ich denke, es war die Augenhöhe, die es möglich machte, selbstverständlich und gleichberechtigt dazuzugehören – das Gefühl, als Mensch ernst genommen und wichtig zu sein. Genau das war für mich so heilend. Dazu gehört, dass das Behandlungsteam Augenhöhe und Fachkompetenz bietet und ich selbst bereit bin, die Angebote wahrzunehmen und mich zu engagieren. Das wird mir klar, wenn ich meinen letztjährigen Aufenthalt mit denen vor sieben und acht Jahren vergleiche. Mein Zustand und meine Wahrnehmung entscheiden mit, ob ich Psychiatrie als heilend, bloß verwaltend oder sogar schädlich erlebe. Andere Patientinnen und Patienten würden meine Erfahrungen vielleicht nicht teilen. Doch es sollte selbstverständlich sein, sich in seelischer Not psychiatrisch behandeln zu lassen – so wie bei einem gebrochenen Bein. Verantwortung tragen nicht nur Kliniken, sondern auch wir Betroffenen, unsere Angehörigen und unser Umfeld. Es kommt darauf an, wie wir zusammenwirken und Resilienz als Gesellschaft stärken.

Mad in Deutschland veröffentlicht Blogbeiträge einer vielfältigen Gruppe von Autor:innen. Diese Beiträge sollen zur Diskussion über Psychiatrie und ihre Behandlungsmethoden in Deutschland anregen. Die geäußerten Meinungen sind die der Autor:innen.
Moyu Watari-Alvarez
Moyu Watari-Alvarezhttps://moyuwatari.de
Moyu wuchs in Japan, Deutschland und England auf und fühlt sich in einem internationalen Umfeld am wohlsten. Ihre Erfahrungen mit Psychosen und Übermedikation haben ihr eine neue Perspektive auf das Leben gegeben. Kraft schöpft sie aus ihrem Interesse an Wissenschaft und Kunst, die ihr helfen, Gedanken und Emotionen auf komplementäre Weise zu verarbeiten. Weitere Informationen findest Du auf Moyus Website unter https://moyuwatari.de.

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