Kosmetische Korrekturen auf dem sinkenden Schiff – Die American Society of Clinical Psychopharmacology erlässt Richtlinien zum Absetzen von Medikamenten

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Im Februar veröffentlichte die American Society of Clinical Psychopharmacology (ASCP) eine Reihe von Empfehlungen zum gezielten Absetzen von Psychopharmaka.1 Die Empfehlungen basieren auf einer Delphi-Umfrage, die von einer 45-köpfigen internationalen Arbeitsgruppe durchgeführt wurde, und sollen Klinikern als Leitfaden dienen, wann und wie Psychopharmaka abgesetzt werden sollten. Als Konsens wurde festgelegt, dass mindestens 75 % der Befragten eine Empfehlung unterstützen mussten. Letztlich einigte sich die Arbeitsgruppe auf 44 von 50 Delphi-Thesen.

Der Artikel enthält die begrüßenswerte Feststellung, dass „sich nur wenige empirische Studien mit optimalen Strategien zur Beendigung der Medikation befasst haben“, und fordert bessere Forschung, um die Entscheidungsfindung in diesem Bereich zu unterstützen. Ebenso begrüßenswert sind die Empfehlungen, ein Absetzen routinemäßig in Betracht zu ziehen, wenn die Behandlung mit Psychopharmaka nicht wirksam war oder für die Behandlung der Grunderkrankung klinisch nicht indiziert ist.1 Bei konsequenter Anwendung würden diese Empfehlungen eine willkommene Abkehr von der derzeitigen Praxis darstellen, bei der Medikamente routinemäßig unnötigerweise zum Nachteil vieler Patient:innen weiter verabreicht werden. Die Autor:innen der ASCP-Empfehlungen betonen zu Recht die regelmäßige Neubewertung von Nutzen und Risiko, die gemeinsame Entscheidungsfindung sowie die Notwendigkeit, Patientenpräferenzen und den kulturellen Kontext zu berücksichtigen. Diese Grundsätze stellen einen bedeutenden Fortschritt dar.

Insgesamt zeigen die ASCP-Empfehlungen jedoch besorgniserregende Lücken auf. Eine unbeabsichtigte Folge des Delphi-Verfahrens ist es, eine Momentaufnahme des Wissensstands zum Thema Deprescribing unter Fachleuten der Psychopharmakologie zu liefern. Die ASCP erkennt dies selbst an, wenn sie einräumt, dass die Empfehlungen in erster Linie auf „intuitivem Wissen“ und nicht auf objektiven Belegen beruhen. Vierzig Jahre nachdem die meisten dieser Medikamente erstmals auf den Markt kamen, könnte man hoffen, dass Fachleute inzwischen auf etwas mehr als nur „Intuition“ zurückgreifen könnten. Dass es immer noch so wenige Studien darüber gibt, wie Medikamente am besten abgesetzt werden, ist an sich schon verheerend.

Noch bedauerlicher ist, dass ein Großteil dieser Intuition falsch ist und grundlegende Missverständnisse über die Risiken und Vorteile des Absetzens von Psychopharmaka sowie ein anhaltendes Vertrauen in veraltete Modelle zum Verständnis des Entzugs von Psychopharmaka widerspiegelt. Kliniker:innen, die nach praktischen Leitlinien suchen, wie man Medikamente auf sichere und pharmakologisch rationale Weise absetzt, werden hier kaum Hilfe finden.

Grundlegender noch ist, dass die ASCP-Empfehlungen wiederholt den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen. Das Dokument behandelt das Absetzen von Medikamenten weitgehend als eine Frage der Verfeinerung bestehender Verschreibungspraktiken, anstatt sich der umfassenderen Realität zu stellen, dass die Psychiatrie den langfristigen Einsatz von Psychopharmaka normalisiert hat, während sie bemerkenswert wenig Aufwand in das Verständnis seiner langfristigen Folgen investiert. Das Ungleichgewicht in der Gewichtung ist auffällig. Die Empfehlungen widmen sich sehr spezifischen Randfällen, wie etwa der Frage, ob SSRI bei älteren Erwachsenen, die Thiaziddiuretika (harntreibende Medikamente) einnehmen, wegen eines möglichen Hyponatriämie Risikos (verminderte Konzentration von Natriumionen im Blut) abgesetzt werden sollten, während sie kaum praktische Erörterungen zu den Problemen bieten, mit denen die weitaus größere Gruppe der Langzeitnutzer:innen von Antidepressiva konfrontiert ist, die versuchen, die Behandlung zu beenden. Das Ergebnis ist ein Dokument, das sich auf die Optimierung der Randbereiche der Verschreibungspraxis konzentriert, während die zentralen klinischen und gesundheitspolitischen Fragen, die durch den weit verbreiteten langfristigen Einsatz von Psychopharmaka aufgeworfen werden, weiterhin ausgeklammert werden.

Beunruhigend sind auch die unüberlegten Kommentare der ASCP zum hypothetischen Zusammenhang zwischen dem Absetzen von Medikamenten und „Antipsychiatrie“, die implizieren, dass der Versuch, Medikamente abzusetzen, an sich schon verdächtig sein könnte. Mit einer Haltung reflexartiger Feindseligkeit gegenüber selbst milder Kritik an der aktuellen Praxis stellen die Empfehlungen immer wieder die Glaubwürdigkeit von Patient:innen in Frage, die über Nebenwirkungen oder mangelnde Wirksamkeit berichten.

Missverständnisse über die Ursachen von Entzugssymptomen

Obwohl die Inzidenzraten umstritten sind, treten bei etwa der Hälfte der Patient:innen, die Psychopharmaka nach mehr als einigen Monaten der Einnahme absetzen, Entzugssymptome auf. Bei Langzeitanwender:innen ist die Zahl höher. Bei einer beträchtlichen Anzahl von Menschen können die Entzugssymptome sowohl schwerwiegend als auch langanhaltend sein.2–4 Aktuelle Veröffentlichungen, die sich auf Studien stützen, die nicht darauf ausgelegt waren, Entzugssymptome zu bewerten, und die nur Personen untersuchten, die diese Medikamente über kurze Zeiträume eingenommen haben, haben das Risiko von Entzugssymptomen unterschätzt. Diese Arbeiten lassen sich nicht auf den Durchschnittsnutzer dieser Medikamente übertragen – Kurzzeitnutzer:innen sind in der Minderheit und daher für die Gesamtbevölkerung nicht repräsentativ.5–7

Trotz zunehmender Anerkennung dieser Probleme gehen die ASCP-Empfehlungen nicht direkt auf Entzugssymptome als ein mit dem Absetzen von Psychopharmaka verbundenes Risiko ein. Wo Entzugssymptome indirekt erwähnt werden, spiegeln die Ansichten der Arbeitsgruppe ein Missverständnis der pathophysiologischen Prozesse wider, die Entzugssymptome verursachen. Eine dieser Empfehlungen besagt, dass Medikamente mit langer Halbwertszeit wie Fluoxetin quasi ein ‚Auto-Tapering‘ (ein selbstständiges Ausschleichen) aufweisen und daher ohne schrittweise Dosisreduktion abrupt abgesetzt werden können.1 Eine weitere Empfehlung, die einen Konsens nur knapp verfehlte, besagt, dass ‚Absetzerscheinungen‘ (ein euphemistischer Begriff für Entzugssymptome) durch den Wechsel zu einem Medikament mit längerer Halbwertszeit gelindert werden können.

Diese Empfehlungen spiegeln die weit verbreitete Annahme wider, dass Entzugssymptome lediglich durch die Zeit bedingt sind, die das Medikament benötigt, um aus dem Körper ausgeschieden zu werden. Diese Annahme würde bedeuten, dass die Entzugssymptome aufhören sollten, sobald das Medikament den Körper verlassen hat – eine eindeutig absurde Behauptung für jeden, der nach dem Absetzen eines Medikaments länger als ein paar Tage unter Entzugssymptomen gelitten hat.

In Wirklichkeit werden Entzugserscheinungen durch ein Missverhältnis zwischen dem verursacht, woran sich Gehirn und Körper während der Einnahme des Medikaments gewöhnt haben, und dem verringerten Signal, wenn die Dosis des Medikaments reduziert wird.4 Die entscheidende Tatsache, die vom Mainstream missverstanden wurde, ist: Die durch Antidepressiva und andere Psychopharmaka verursachten Anpassungsprozesse können noch Monate und Jahre nach dem Absetzen der Medikamente fortbestehen, lange nachdem selbst Medikamente mit langer Halbwertszeit ausgeschieden sind.4 Wenn ein Medikament reduziert oder abgesetzt wird, bleiben diese Anpassungen ungebremst bestehen. Die Patient:innen leiden so lange unter Entzugssymptomen, wie es dauert, bis sich diese Anpassungen wieder zurückgebildet haben und das System in den Zustand vor der Medikamenteneinnahme (seine „Werkseinstellungen“) zurückgekehrt ist. 

Eine Analogie mag hilfreich sein: Wenn Sie ein lautes Konzert besuchen, werden Ihre Trommelfelle weniger geräuschempfindlich, um die Homöostase aufrechtzuerhalten. Wenn Sie danach auf die ruhige Straße hinausgehen, klingen die Stimmen Ihrer Begleiter gedämpft. Dies ist ein akustisches Entzugssyndrom. Der Grund, warum es ein oder zwei Minuten dauert, bis die Stimmen Ihrer Begleiter normal klingen, liegt darin, dass Ihr Trommelfell so lange braucht, um sich zu entspannen – obwohl der Schall in dem Moment verhallt, in dem Sie die Tür des Konzertsaals schließen. Mit anderen Worten: Es ist die Zeit, die Ihr Körper benötigt, um sich an das Nachlassen eines Reizes anzupassen, die erklärt, wie lange ein Entzugssyndrom anhält; nicht nur die Zeit, bis der Reiz aufhört.

Aus diesem Grund ist es nicht korrekt, Medikamente mit längerer Halbwertszeit wie Fluoxetin als „selbstausschleichend“ zu bezeichnen. Obwohl Medikamente mit längerer Halbwertszeit ein geringeres Entzugsrisiko aufweisen als andere ähnliche Medikamente, verursachen sie dennoch regelmäßig Entzugssymptome. Beispielsweise zeigen doppelblinde, randomisierte Kontrollstudien, dass 50 % der Personen, die Fluoxetin absetzen, Entzugssymptome erleben.4 Das Entzugsrisiko bei Fluoxetin ist nur mäßig geringer als bei anderen Medikamenten derselben Klasse.8

Die ASCP verkennt, dass die Halbwertszeit nur einen mäßigen Einfluss auf das Entzugsrisiko hat, da die Zeit bis zur Ausscheidung im Vergleich zu dem längeren Zeitraum, den die Umkehrung der Anpassungen benötigt, immer noch kurz ist. Medikamente mit längerer Halbwertszeit verursachen besonders häufig ein verzögertes Auftreten von Entzugssymptomen. Kliniker diagnostizieren diese Symptome oft falsch, gerade weil sie weiterhin an die falschen Vorstellungen über die Halbwertszeit von Medikamenten und den Entzug glauben, die durch die Empfehlungen der ASCP aufrechterhalten werden. Beim Absetzen von Medikamenten mit langer Halbwertszeit ist klinische Wachsamkeit geboten, wobei die Überwachung über einen längeren Zeitraum fortgesetzt werden sollte, um verzögert auftretende Symptome erkennen zu können. Solche Medikamente müssen weiterhin sorgfältig ausgeschlichen werden, um Entzugssymptome zu verhindern. Es ist daher ironisch, dass Goldberg, der Hauptautor der ASCP-Empfehlungen, in der New York Times zitiert wird, wonach der Rat, alle Medikamente sorgfältig und langsam auszuschleichen, „unwissenschaftlich“ sei.9

Rückfall oder Entzug?

Es erscheint mittlerweile wahrscheinlich, dass nicht ein Rückfall, sondern Entzugssymptome das Hauptrisiko beim Absetzen von Psychopharmaka darstellen, was sich auch in neueren Forschungsergebnissen widerspiegelt. Häufige emotionale Entzugssymptome wie Niedergeschlagenheit und Angst überschneiden sich mit den Symptomen vieler psychischer Erkrankungen und wurden in Studien zum Absetzen von Medikamenten im Allgemeinen fälschlicherweise als Rückfall eingestuft.10 Diese Vermischung von Entzug und Rückfall lässt Zweifel an den angenommenen rückfallverhütenden Eigenschaften vieler Psychopharmaka aufkommen. Absetzstudien, mit denen die Wirksamkeit zur Rückfallprophylaxe gemessen werden soll, zeigen in der Regel ein um etwa 20 % höheres Rückfallrisiko in der Gruppe, die das Medikament absetzt, im Vergleich zu der Gruppe, die es weiter einnimmt.11 Angesichts der Tatsache, dass bei etwa der Hälfte der Menschen, die die Medikation absetzen, Entzugssymptome auftreten, ist es wahrscheinlich, dass die Fehlklassifizierung von Entzugsreaktionen den größten Teil, wenn nicht sogar den gesamten Unterschied in den scheinbaren Rückfallraten erklärt. Dies gilt selbst dann, wenn man sich auf niedrigere Schätzungen für Entzugsreaktionen stützt. Tatsächlich ist selbst die Vorstellung, dass psychische Erkrankungen lebenslange Leiden sind, die ohne Behandlung unweigerlich zu Rückfällen führen, nur schwach belegt. Dennoch stellen die ASCP-Empfehlungen Rückfälle fälschlicherweise als das Hauptrisiko im Zusammenhang mit dem Absetzen von Medikamenten dar.

Dies hat erhebliche Auswirkungen auf den Tonfall der ASCP-Empfehlungen, die anscheinend nur wenige Umstände vorsehen, in denen die Vorteile des Absetzens das angenommene Rückfallrisiko überwiegen. Die Empfehlungen sind unnötig konservativ in Bezug darauf, wann ein Medikamentenentzug angemessen ist. Dieser Konservativismus könnte logischerweise mit der langen Liste von Interessenkonflikten mit Pharmaunternehmen zusammenhängen, die von den Autor:innen offengelegt wurden. Personen, die eng mit den Unternehmen zusammenarbeiten, die Psychopharmaka verkaufen, werden wahrscheinlich kein flächendeckendes Medikamenten-Absetzen bei den Produkten ihrer Sponsoren empfehlen.

Die erneute oder verlängerte medikamentöse Behandlung oder gar das grundlegende Entmutigen der Patient:innen, ein Absetzen überhaupt erst zu versuchen, sind die logischen Maßnahmen zur Eindämmung des Rückfallrisikos. Im Gegensatz dazu lässt sich das Entzugsrisiko durch eine langsame, individuelle, hyperbolische Dosisreduktion mindern, die es Patient:innen ermöglicht, Medikamente erfolgreich abzusetzen, die Nebenwirkungen verursachen, klinisch nicht indiziert sind oder einfach unerwünscht sind.12 Obwohl dies in Leitlinien weltweit zunehmend anerkannt wird,13 erwähnen die ASCP-Empfehlungen die zentrale Rolle des hyperbolischen Ausschleichens bei der Verbesserung der Patientenprognose nicht.14,15 Ebenso wenig skizzieren sie die praktischen Abläufe, wie ein solch schrittweises Ausschleichen konkret erreicht werden kann. Ärztinnen und Ärzte erhalten lediglich den vagen Rat, die Patient:innen engmaschig zu überwachen, ohne jegliche Hilfestellung, was beim Auftreten von Schwierigkeiten zu tun ist. In den Empfehlungen wird viel Wert auf die Notwendigkeit gelegt, „gemeinsame Risiko-Nutzen-Abwägungen mit den Patient:innen“ vorzunehmen und sich anderweitig an der gemeinsamen Entscheidungsfindung zu beteiligen. Dennoch rät die ASCP den Kliniker:innen an keiner Stelle, Entzugssymptome und deren Management mit den Patient:innen zu besprechen, einschließlich der Frage, wie oft Betroffene Entzugssymptome fälschlicherweise für ein Wiederkehren ihrer Erkrankung halten, was sie in pessimistischen Erwartungshaltungen gefangen hält. Klare, genaue Informationen über den Absetzprozess des Medikaments verringern die Angst vor dem Unbekannten und wurden als entscheidender Faktor für eine erfolgreiche Deprescribing-Maßnahme identifiziert.16 Die von der ASCP propagierte fatalistische und risikoscheue Darstellung hätte zweifellos den gegenteiligen Effekt. Ein sinnvollerer und zutreffenderer Ansatz würde betonen, dass Entzugssymptome bei korrekter Dosierungsreduktion sehr gut zu bewältigen sind.

Steckt hinter dem Begriff „Deprescribing“ in Wahrheit Antipsychiatrie?

Der erste Punkt, über den die ASCP-Arbeitsgruppe abstimmte – und der daher vermutlich als das wichtigste Thema angesehen wurde –, betraf die politischen Konnotationen des Begriffs „Deprescribing“ selbst. Laut dem Begleitkommentar zu den Empfehlungen ist „Deprescribing“ durch die Assoziation mit der „Antipsychiatrie-Bewegung“ inakzeptabel belastet worden. Die Verfasser der ASCP-Empfehlungen führen diese Ansicht in einem erläuternden Papier weiter aus, in dem sie die „soziolinguistische Kontroverse“ skizzieren, die angeblich mit dem Wort „Deprescribing“ verbunden ist.

„Antipsychiatrie“ wird in diesem Papier so weit gefasst definiert, dass es auf jeden zuzutreffen scheint, der auch nur den geringsten Zweifel an der Wirksamkeit oder Sicherheit von Psychopharmaka hegt. Bescheidene, evidenzbasierte Bedenken hinsichtlich der Toxizität von Medikamenten und der Überverschreibung werden als „unbegründete Anschuldigungen“ gegen den psychiatrischen Berufsstand charakterisiert. Auch wenn die ASCP letztendlich beschloss, den Begriff „Deprescribing“ beizubehalten, ist es nicht ermutigend zu sehen, wie legitime Kritik am aktuellen psychiatrischen Paradigma so umfassend abgetan und delegitimiert wird. Die Verbesserung der Gesundheit der Patient:innen und die Verringerung unnötiger Schäden stehen im Mittelpunkt dieser Kritik. Dies offenbart auch die Quelle der Defensivhaltung, die dieses Dokument antreibt und führende Psychiater:innen daran hindert, Fragen der öffentlichen Gesundheit und Sicherheit nüchterner zu durchdenken.

Patient:innen als unzuverlässige Zeugen

Diese Unwilligkeit, Kritik anzuerkennen, geht einher mit einem tiefen Misstrauen gegenüber Patient:innen, die über unerwünschte Arzneimittelwirkungen oder mangelnde Wirksamkeit der Behandlung mit Psychopharmaka berichten. Es scheint fast so, als betrachte die ASCP Patient:innen, die solche Erfahrungen schildern, als „Antipsychiater:innen“. Es wird viel Aufhebens um die Notwendigkeit gemacht, eine „angemessene Therapietreue“ sicherzustellen, bevor man Patient:innen glaubt, dass ein Medikament als unwirksam empfunden wurde. Mangelnde Wirksamkeit wird fast immer als individuelles Versagen der Patient:innen angesehen, anstatt als Zeichen dafür, dass das Medikament schlichtweg nicht wirkt. Was eine mangelnde Therapietreue an sich über die Verträglichkeit, die Belastung durch Nebenwirkungen oder die persönlichen Präferenzen und Werte der Patient:innen aussagen könnte, wird nicht untersucht.

Tatsächlich werden in den Empfehlungen, trotz der Betonung der gemeinsamen Entscheidungsfindung, die Präferenzen und Erfahrungen der Patient:innen abgetan. Nebenwirkungen wie emotionale Abstumpfung, sexuelle Dysfunktion und Gewichtszunahme, die die Lebensqualität eines Patienten/einer Patientin erheblich beeinträchtigen können, werden in den Empfehlungen lediglich als „lästig“ beschrieben. Der Schwerpunkt liegt auf der „Bewältigung“ dieser Wirkungen, oft durch die Zugabe neuer Medikamente. Zum Beispiel GLP-1-Agonisten bei Gewichtszunahme oder Bupropion bei sexuellen Funktionsstörungen. Der rationale Wunsch, die Medikation abzusetzen, um eine Abhängigkeit zu vermeiden, oder weil nicht-pharmakologische Behandlungen logischerweise bevorzugt werden, da sie weniger Nebenwirkungen haben, wird nirgends als legitim anerkannt.

Dies fällt besonders im Zusammenhang mit den ASCP-Empfehlungen zum Absetzen von Medikamenten in der Schwangerschaft auf. Legitime Bedenken hinsichtlich der Einnahme von Psychopharmaka während der Schwangerschaft werden in den Empfehlungen als „uninformiert“ und „nicht … evidenzbasiert“ abgetan. Obwohl die vollständigen Auswirkungen der medikamentösen Exposition des Fötus umstritten bleiben, gibt es zahlreiche Hinweise darauf, dass Medikamente wie Antidepressiva weitreichende Auswirkungen auf die fetale Entwicklung haben. Hinzu kommt, dass ein Großteil der Belege für den Nutzen von Medikamenten wie Antidepressiva während der Schwangerschaft aus den oben angesprochenen, methodisch fragwürdigen Studien zum Absetzen stammt. Vor dem Hintergrund ungewisser Vorteile und klarer Schäden ist es vollkommen rational, dass Frauen die Exposition minimieren wollen.

Die Empfehlungen bergen zudem die Gefahr, die Manipulation von Patient:innen zu perpetuieren, indem sie Schwierigkeiten beim Absetzen von Medikamenten in erster Linie als psychologische Probleme interpretieren und nicht als Entzugssymptome, die die vorhersehbare physiologische Folge einer körperlichen Abhängigkeit sind. Die Konsenserklärung interpretiert solche Schwierigkeiten neu durch spekulative psychodynamische Konzepte wie „Bindungsstile“, Medikamente, die als „Übergangsobjekte“ fungieren, oder unbewusste Ängste vor dem Verlust von Fürsorge und Bestätigung. Natürlich können solche Dynamiken in einer Minderheit von Fällen auftreten, wie es in jedem Bereich der Medizin der Fall sein kann.

Wenn man diese Ideen jedoch in einer Konsenserklärung zum Absetzen von Medikamenten in den Vordergrund stellt, läuft man Gefahr zu implizieren, dass Probleme beim Absetzen hauptsächlich emotionale Abhängigkeit oder verzerrte Überzeugungen widerspiegeln und eben nicht Sorgen, die auf realer Eigenerfahrung und einer zunehmenden Evidenzbasis beruhen. Patient:innen, die befürchten, nach dem Absetzen eines Antidepressivums aus dem Gleichgewicht zu geraten, drücken damit möglicherweise keine unbewussten Abhängigkeitsbedürfnisse aus; vielleicht haben sie zuvor einfach nur schwere Entzugssymptome erlebt.

Fazit

Insgesamt ist es ein gutes Zeichen, dass sich die psychiatrische Fachwelt mit Deprescribing auseinandersetzt. Verstärkt durch das Interesse der aktuellen US-Regierung ist der öffentliche Aufschrei zu laut geworden, um ihn zu ignorieren. Die begeisterte Aufnahme, die dieses völlig unzureichende Dokument in Medien wie der New York Times fand, zeigt jedoch, wie niedrig die Messlatte liegt. Sollte die Psychopharmakologie wirklich dafür gefeiert werden, dass sie die Notwendigkeit eines sicheren Deprescribing erst jetzt anerkennt – vierzig Jahre nach der Markteinführung der Medikamente und erst jetzt, da unzählige Patient:innen geschädigt wurden? Hätte die Tabakindustrie Lob verdient, wenn sie die schädlichen Auswirkungen des Rauchens erst nach jahrzehntelangen Desinformationskampagnen anerkannt hätte? Würden wir Autohersteller bejubeln, wenn sie erst nach vierzig Jahren katastrophaler Verkehrsunfälle vorschlagen würden, bei einigen Modellen ein Bremspedal einzubauen? Es ist fraglich, ob dieselbe Gruppe, die die massenhafte Überverschreibung von Psychopharmaka überwacht hat, am besten geeignet ist, ein Problem anzugehen, das sie selbst verursacht hat.

Diese allgemeine Besorgnis wird durch die praktischen Mängel der Konsenserklärung und die realen Konsequenzen ihrer abweisenden Haltung gegenüber Patient:innen noch verstärkt. Die Empfehlungen ignorieren die Überbewertung der langfristigen Vorteile, die aus fehlerhaften Studien zum Absetzen von Medikamenten abgeleitet wurden, und umgehen das zentrale Thema des Entzugs. Die praktischen Mechanismen, wie das Absetzen von Medikamenten sicher gehandhabt werden sollte, wie sie beispielsweise in den Maudsley Deprescribing Guidelines12 detailliert beschrieben sind, fehlen gänzlich. Am besorgniserregendsten ist, dass Patient:innen, die unter unerwünschten Arzneimittelwirkungen leiden oder sich Sorgen um eine Abhängigkeit machen, wahrscheinlich weiterhin abgewimmelt werden und ihre Medikamente ohne klinische Aufsicht absetzen. Peer-Support-Gemeinschaften zum schrittweisen Absetzen von Medikamenten haben die Lücke an Wissen über sicheres Deprescribing gefüllt, die Organisationen wie die ASCP hinterlassen haben. Die Fachwelt täte gut daran, aus deren hart erarbeiteten Erfahrungen zu lernen, anstatt zu versuchen, deren Glaubwürdigkeit zu untergraben, um ihren eigenen schwankenden Ruf zu schützen.

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Referenzen

1     Goldberg JF, Swartz HA, McIntyre RS, et al. The American Society of Clinical Psychopharmacology (ASCP) task force on the deprescribing of psychotropic medications for mood disorders: Delphi expert consensus. Br J Psychiatry 2026; : 1–9.

2     Davies J, Read J. A systematic review into the incidence, severity and duration of antidepressant withdrawal effects: Are guidelines evidence-based? Addict Behav 2019; 97: 111–21.

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4     Horowitz M, Framer A, Hengartner MP, Sørensen A, Taylor D. Estimating risk of antidepressant withdrawal from a review of published data. CNS Drugs 2023; 37: 143–57.

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8     Gastaldon C, Schoretsanitis G, Arzenton E, et al. Withdrawal Syndrome Following Discontinuation of 28 Antidepressants: Pharmacovigilance Analysis of 31,688 Reports from the WHO Spontaneous Reporting Database. Drug Saf 2022; 45: 1539–49.

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13   Horowitz M, Wilcock M. Hyperbolic tapering of antidepressants: where are we now? Drug Ther Bull 2025; 64: 3–7.

14   Cooper RE, Ashman M, Lomani J, et al. “Stabilise-reduce, stabilise-reduce”: A survey of the common practices of deprescribing services and recommendations for future services. PLoS One 2023; 18: e0282988.

15   van Os J, Groot PC. Outcomes of hyperbolic tapering of antidepressants. Ther Adv Psychopharmacol 2023; 13: 20451253231171520.

16   Maund E, Dewar-Haggart R, Williams S, et al. Barriers and facilitators to discontinuing antidepressant use: A systematic review and thematic synthesis. J Affect Disord 2019; 245: 38–62.

Mad in Deutschland veröffentlicht Blogbeiträge einer vielfältigen Gruppe von Autor:innen. Diese Beiträge sollen zur Diskussion über Psychiatrie und ihre Behandlungsmethoden in Deutschland anregen. Die geäußerten Meinungen sind die der Autor:innen.

Mark Horowitz
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Dr. Mark Horowitz ist klinischer Forschungsstipendiat für Psychiatrie am North East London NHS Foundation Trust und ehrenamtlicher klinischer Forschungsstipendiat am University College London. Seine Forschungs- und klinische Arbeit konzentriert sich auf rationale Psychopharmakologie und sichere Entwöhnung von Medikamenten, ein Interesse, das erstmals durch die schweren Entzugserscheinungen geweckt wurde, die er beim Absetzen von Antidepressiva hatte.

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