Die Welt steht still, zumindest für mich

Inhaltswarnung: Diese Geschichte enthält Details zu Suizidgedanken.

„In psychiatry, you might die if you follow your doctor’s advice” – Dr. Peter C. Gøtzsche

Dieser Satz fällt mir immer wieder in die Hände. Ich denke, ich bin mittlerweile an einem Punkt, an dem ich nicht wieder zusammenbreche, während ich darüber spreche oder schreibe.

Kurz zu mir: Ich bin mittlerweile 39 Jahre alt. Ich bin Mutter eines 8-jährigen, lebendigen Jungen. Nächsten Monat klopft die 40 an die Tür. Ob ich feiern werde? Weiß ich noch nicht. Ich denke eher nicht. Der Spuk geht jetzt schon seit guten 2,5 Jahren.

Die kleine Vorgeschichte

Nach der Geburt meines Sohnes bin ich in einen extremen Eisenmangel gekommen. Ich bin Jahre lang von Arzt zu Arzt gelaufen und immer wieder kam die Aussage: „Es ist alles in Ordnung. Ihr Ferritin ist okay.” Mir sind die Haare ausgefallen, Brainfog, hatte bei jedem Aufstehen Schwindel, 3 Etagen in den Keller zu gehen war ein Kraftakt. Ich hatte keine Energie. Ich weiß nicht, wie oft ich auf der Couch saß und mir dachte, was stimmt denn nicht? Der Mann im weißen Kittel hat doch gesagt, es ist alles okay. Natürlich ging dann auch die Laune in den Keller und die Verzweiflung wurde groß. Schließlich bin ich mit meinem Blutbild zu einem Haarspezialisten gedackelt. „Wie können Sie denn überhaupt noch gerade stehen?“ Hä? Ich bräuchte dringend Eiseninfusionen. Endlich sagt mal jemand was. Ich bin zu meiner Hausärztin mit einem Brief, wo drin stand, mindestens fünf Infusionen alle paar Wochen. Gesagt, getan. 10 Tage danach war es wie eine neue Welt. Ich hatte Energie, der Schwindel war weg, die Laune besser. Ferritin-Wert gecheckt, super. 3 Monate später ging der Wert wieder in den Keller und es ging wieder von vorne los. Infusion rein, gleiches Spiel von vorne. Habe um ein Gespräch gebeten. Es liegt an meiner übermäßig starken Periode. Ob ich noch einen Kinderwunsch hätte etc.

Fast gleichzeitig hatte ich einen Termin beim Frauenarzt zur Routine-Untersuchung. Vorstufe von HPV. Meine Mutter hatte damals HPV und leider noch anderer Krebsdiagnosen. Da stand für mich dann schnell fest: Ich lasse mir die Gebärmutter, Eileiter und den Gebärmutterhals entnehmen, keine Periode mehr, mehr Lebensqualität, keine Chance auf Gebärmutterhalskrebs. Kinder wollte ich nach meinem Geburtenhöllentrip keine mehr.

Überweisung zum Krankenhaus. 3 Wochen später war es soweit. Ich hatte keine Angst vor der OP, war auch sehr ruhig und entspannt. Es war auch meine erste Vollnarkose in meinem Leben.

Ein paar Tage später wurde ich entlassen. Von HPV haben sie bei der OP nichts gefunden. Zum Glück.

Hört sich doch alles perfekt an, oder?

Die Zeit nach der OP

Ich habe die erste Zeit viel im Bett gelegen. Manche stecken es wohl gut weg und schwingen nach einer Woche wieder den Besen. Da gehörte ich nicht zu. Nach ca. 2 Wochen habe ich gemerkt, irgendetwas stimmt nicht. Wieso bin ich so unruhig und kann kaum etwas essen? Liegt bestimmt an der Narkose. Google war mein bester Freund.

Nach 3 Wochen wollte ich dann mal eine runde Auto fahren, mir ging es auf die Nerven, die ganze Zeit zu Hause zu bleiben. Ich fuhr mit meinem Freund eine Runde um den Block und dann packte mich der Mut, auch noch kurz in den REWE zu fahren. Ich kann mich ja am Einkaufswagen festhalten. Ich bin bis zur Brotabteilung gekommen. ICH MUSS HIER RAUS. Ich hatte das Gefühl, ich kippe jeden Moment um und habe eine Panikattacke. Da ist mir dann noch einmal bewusst geworden, irgendetwas stimmt hier nicht. Ich fing an zu heulen und konnte nicht mehr aufhören. Dieser Zustand ging über Wochen. Und als ob Heulen nicht reichen würde, wollte ich auch niemanden mehr sehen. Ich habe meinen Partner weggestoßen, habe meinen Sohn regelmäßig von Oma abholen lassen. Es hat sich angefühlt wie der Babyblues hoch 10. Es hat nicht mehr aufgehört. Und ich habe es nicht verstanden, was da vor sich geht. Mittlerweile weiß ich es: Hormone sind ein Arsch.

Die Verzweiflung war groß

Ich bin zu meiner Ärztin gegangen und habe ihr gesagt, dass ich wochenlang nur am heulen bin und nicht weiß, was ich tun soll. Ich konnte ihr aber auch keinen genauen Grund oder eine Erklärung geben, was genau los ist. Blutbild gemacht, soweit okay.

„Das hört sich nach einer depressiven Episode an. Hier, nehmen Sie mal Mirtazapin. Fangen Sie mit 7,5 mg an und steigern es nach 2 Wochen auf 15 mg. Den Beipackzettel bitte nicht lesen. Machen Sie bei Ibuprofen ja auch nicht.“

Nur noch ein Schritt von der Hölle entfernt

3 Tage später saß ich abends auf der Couch mit meiner Mutter und meinem Freund. Die Pillen in der Hand. Eigentlich will ich nicht. Aber ich weiß nicht, was ich sonst tun soll. Ich wollte Hilfe haben und habe sie bekommen. (Nicht)

Nun gut, was solls… halbe Pille rein. Eine halbe Stunde später habe ich mich wie benommen gefühlt, aber ich hatte seit langem wieder ein Hungergefühl und habe ein Toast mit Marmelade gegessen. Es schmeckte unfassbar gut. 2 Tage bin ich so rumgeeiert. Am nächsten Tag rief mich meine Mutter an: „Komm wir gehen eine Runde durch den Wald, du brauchst mal frische Luft, Kind.“

Es hatte geregnet, als wir durch den Wald stapften. Sie hatte mir irgendetwas erzählt, um mich abzulenken. Aus dem Nichts kam auf einmal das Wort „Selbstmord“ in meinen Kopf. WTF? Was soll das denn jetzt? Ich konnte mich kaum noch konzentrieren. Als ich wieder nach Hause gegangen bin, bekam ich auf einmal ganz starke Unruhe. Ich bin durch die Wohnung gelaufen ohne Rast. Dann gingen die Gedanken weiter. „Spring aus dem Fenster“, „Nimm ein Messer, schneid dir die Pulsadern auf“.

Vor lauter Unruhe habe ich mich ins Auto gesetzt und bin eine Runde gefahren. Auto fahren und 80er Musik sind ein Skill von mir.

„Fahr vor den Baum“, „Spring von der Brücke oder schmeiß dich vor den Zug“.

Ich schwöre, ich hatte solche Gedanken noch nie in meinem Leben, auch, wenn es mir wegen irgendetwas noch so schlecht ging. Dieses Wort existierte nicht in meinem Wortschatz. 

Ich habe wieder die Google-Maschine angeschmissen, dort habe ich dann tatsächlich einen Beitrag von jemandem gefunden, der genau dieselben Symptome hat und das dies beim Einschleichen wohl normal sein kann. Man soll durchhalten, es zahlt sich aus. Gut, scheint wohl normal zu sein, auch den Beipackzettel habe ich dann einmal herausgekramt, wo es auch drin steht. Ich habe die Pillen nicht mehr genommen. Ein paar Tage später waren die Gedanken immer noch sehr präsent und ich beschloss, zu einem Endokrinologen zu gehen. Als Selbstzahler natürlich, ich konnte keine 3 Monate auf einen Termin warten. Vielleicht sind es ja doch die Hormone? Am nächsten Tag konnte ich schon dorthin. Ich habe ihm alles erzählt, er hat einen Ultraschall der Schilddrüse gemacht und Blut abgenommen. Es ist soweit alles in Ordnung bis auf mein Cortisolwert, der war doppelt so hoch wie er sein sollte. Ja, kein Wunder, wenn man rumläuft und getrieben ist wie eine Irre. Nach dem Termin bin ich wieder zu meiner Hausärztin gegangen. Die war leider nicht zu sprechen, aber ich könnte um 15 Uhr zum Psychiater gehen, der auch in der Praxis arbeitete. Ich wusste bis dahin noch nicht einmal, was der Unterschied zwischen einem Psychiater und einem Psychologen ist. 

Gut, ich schaffe es noch irgendwie. Dann habe ich mich dahin gesetzt, ihm alles erzählt, dass die Gedanken mit den Pillen kamen. Darauf kam der Satz „Das ist Ihre Depression, nehmen Sie das doppelte.“ Wieso ich das getan habe, weiß ich bis heute nicht. Ich habe 30 mg Mirtazapin genommen. Natürlich wurde es nicht besser. Daraufhin fragte mich meine Mutter: „Willst du in eine Klinik? Wir wissen alle nicht mehr weiter.“ Ja, die Tochter hat jetzt einen Dachschaden und will sich umbringen. Ach so, mit meinem Freund hatte ich auch noch Schluss gemacht, am Telefon, während seiner Arbeit, weil ich ihn einfach nicht mehr ausgehalten habe… Nach 2 Wochen kam ich wieder angekrochen und habe mich 100 Mal entschuldigt. Er hat mir tatsächlich verziehen, und er macht das alles hier ganz tapfer mit, aber wenn wieder eine Welle kommt, weiß er manchmal auch nicht weiter. Aber er hält alle Launen und Zustände aus. Das ist für ihn sicherlich auch nicht einfach.

Ab in die Privatklinik

Nun ging es für mich als Selbstzahler in eine Privatklinik. Das Geld, das ich auf der Seite liegen hatte, war es mir Wert. In eine normale Psychiatrie wollte ich nicht, aufgrund der ganzen Gruselgeschichten. Da sind ja die ganzen „Kranken und Irren“.

Ich muss sagen, die Tagesklinik war klasse, der Therapeut 1 A. Die Patienten waren alle super. Ich hatte mich ein wenig verloren gefühlt am Anfang, weil dort sehr viele Lehrer und auch Ärzte als Patient waren. Aber sie haben mir alle gut zugeredet und mir klar gemacht, dass ich mich wegen nichts schämen brauche. Jeder ist gut so, wie er ist. Und jeder hat andere Problemchen, aber wir halten alle zusammen. Das hat mir dann schon ordentlich den Druck genommen und die Tränen flossen nur so vor sich her. Geschämt habe ich mich dafür nicht. 

Der Therapeut hat mir alles erklärt, mit Hormonen und Psyche und Körper. Man muss es sich so vorstellen wie das typische Bücherregal, das auf einmal zusammenbricht. Oder das Kartenhaus. Stück für Stück sucht man die passenden Bücher für das jeweilige Regal und stellt sie zurück.

Kurz dazu: Meine Eierstöcke sind beide noch da und arbeiten fleißig weiter. Von Wechseljahren noch keine Spur, wird aber die Verbindung zur Gebärmutter getrennt (Eileiter entfernt), wissen die Eierstöcke erstmal nicht, von wem sie durchblutet werden und können dadurch ein absolutes Hormonchaos verursachen. Die Aufgabe der Durchblutung übernehmen mit der Zeit die Nebennieren. Aber das geht alles nicht von heute auf morgen. Sondern braucht Zeit. Deswegen entwickelte ich den Babyblues hoch 10. Deswegen habe ich meinen Partner weggeschoben. Weil der Kopf wegen der Hormone denkt, ich brauche jetzt keinen Mann mehr, weil ich keine Kinder mehr kriegen kann. Völlig Banane, wenn man darüber nachdenkt. Aber ich weiß mittlerweile auch, dass die Hormone entscheiden, wen wir attraktiv finden und wen nicht. Für mich ergibt das alles zu 100 % Sinn. Noch dazu trifft es ja immer die Menschen am meisten, die man am meisten liebt. 

Es wurde mit der Zeit auch wirklich besser, die Gedanken tauchten nur noch manchmal auf. Wow, ich habe es fast geschafft und kann mein Leben weiterleben. Auch konnte ich meinen Partner und meine Familie wieder näher an mich heranlassen und bin nicht sofort in Panik verfallen. 

Das mit meinen Suizidgedanken hatte ich ihm auch erzählt. Der Therapeut meinte, er sieht bei mir kein Trauma, nichts, was diese Gedanken auslösen könnte. Ich bin eine gesunde Frau, die ihr Leben liebt. Ja, so sehe ich das eigentlich auch. Und von den Gesprächen her sagte er immer wieder, es ist keine Spur von Depression festzustellen. Maximal eine leichte. Okay, wer ist nicht auch mal traurig? Niemandem scheint jeden Tag die Sonne aus dem Allerwertesten. 

Während des Aufenthalts wurde nichts an den Medikamenten geändert und so verließ ich die Klinik mit 30 mg Mirtazapin.

Nach der Klinik

3,5 Wochen und ich glaube, 6.000 Euro ärmer, habe ich die Klinik verlassen. Aber das war es mir Wert, mir geht es ja wieder gut. Der gute Zustand hielt ein paar Tage an, dann ploppte das Wort wieder auf und verschwand wieder. Ich habe das Medikament zu diesem Zeitpunkt so ziemlich genau 3,5 Monate genommen.

Mein Sohn war erkältet und hat nachts gehustet, ich hatte einen sehr unruhigen Schlaf, bei jedem Husten war ich wach und hatte wieder dieses Wort im Kopf. Ich habe gedacht, das kann doch nicht wahr sein. Es war ein Freitag. Nachmittags habe ich ihn zu seinem Vater gebracht. Ich hatte das Wochenende „frei“. Als ich wieder zu Hause war, war ich wieder sehr sehr unruhig. Ich hatte mich dann einfach ins Bett gelegt und gehofft, morgen ist es wieder gut. Als ich dann aufwachte, war es alles andere als gut. Ein Zustand, den ich in meinem ganzen Leben noch nie erlebt habe und ich auch nicht wusste, dass man so etwas Schreckliches überhaupt empfinden kann. Es war späte Akathisie, das wusste ich aber erst hinterher. Ein Gefühl, als stünde der ganze Körper in Flammen, als würde er brennen. Es gibt keinen anderen Weg als sich die ganze Haut vom Körper zu reißen, um endlich Erlösung zu finden. Und das so schnell wie möglich. Ich war höchst suizidal. Es war noch einmal eine ganz andere Hausnummer als diese Unruhe beim Eindosieren. Ich habe mich wieder ins Auto gesetzt, Musik gehört, es brachte alles nichts. Ich habe geschrien, ich habe geflucht. Ich weiß nicht, wie ich den Tag überstanden habe. Ich weiß es bis heute nicht. Der Gedanke, dass es an den Pillen liegt, war stärker als alles andere, ich denke deswegen habe ich irgendwie durchgehalten. Ich könnte ja als Notfall in die Psychiatrie?? NO WAY! Wer weiß was sie machen. Was ich aber sagen kann: Ich denke, ich hätte diesen Zustand keine 3 Tage überlebt. 

Am Montag war ich wieder bei meiner Hausärztin, habe ihr alles geschildert, meine Gedanken, was passiert ist. Dass ich es eigentlich gerne absetzen würde. „Nein, das geht nicht, nehmen Sie was anders. Lassen Sie das Mirtazapin heute Abend weg und starten Sie morgen früh mit Citalopram.“ Okay, dann mache ich das auch noch, der weiße Kittel weiß ja, wovon er spricht. Was soll ich sagen? Im ersten Augenblick fühlte ich mich besser, vielleicht 2 Tage, dann ging es wieder von vorne los, mit suizidalen Zwangsgedanken und teilweise auch Impulsen. Was dann noch dazu gekommen ist, war die Angst. Ich konnte nicht mehr aus dem Haus gehen. Es war wie eine Mauer, die sich vor meiner Haustür aufgebaut hat. Ein paar Tage später wurde es wieder besser, aber ich musste mir alles zurück erkämpfen. Der Gang in den Supermarkt? Unmöglich.

Meine Medikamentation zu dem Zeitpunkt: 

  • Mirtazapin 0 mg abends nicht mehr genommen; Einnahmedauer ca. 3,5 Monate
  • Citalopram 10 mg ab nächsten Morgen

Die Mutter-Kind-Kur

Im Februar stand die Mutter-Kind-Kur an. Sachen gepackt, ab an die Nordsee. Ich weiß bis heute nicht, wie ich es geschafft habe, dass ich nicht durchgedreht bin. Die Autofahrt war die Hölle. Mein Sohn neben mir, nichts ahnend. Es hat mir wirklich mein Mutterherz zerfetzt. Ich bin stark, ich schaffe das. Ich habe immer alles geschafft. Dort angekommen, hat man ein Aufnahmegespräch mit einer Art Therapeuten. Ich konnte nicht anders, als ihr alles zu erzählen. Kurze Zeit später erhielt ich einen Anruf in meinem Zimmer, ich solle bitte einmal bei der Chefin der Klinik vorbeikommen. Dies habe ich auch getan. Sie sagte, sie sei kurz davor, mich wieder zurückzuschicken. Ich musste ihr versprechen, mir nichts anzutun. Alle 3 Tage war ich bei ihr für 15 Minuten. Zum Glück war sie Diplom Psychologin. Es hat gut getan, mit ihr zu sprechen und ich bin ihr wirklich sehr dankbar, dass sie mich begleitet hat durch diesen Horror. Ich hatte in der Zeit um die 15 kg abgenommen. 64 kg bei einer Größe von 1,80 m. Ich erzählte ihr, dass ich zum Abend hin immer Hunger bekomme und dann alles in mich reinstopfe, was geht, um nicht noch mehr abzunehmen. Da wurde sie dann hellhörig: „Das sind dann wohl wirklich die Pillen und deren Nebenwirkungen.“ Wir waren mittlerweile schon per Du. Sie sagte „Du veränderst an deiner Dosis gar nichts mehr (15 mg Citalopram, sollte auf 20 mg hoch, habe ich aber nicht geschafft) und gehst, wann immer du willst in eine Tagesklinik” und setzt O-Ton “die Scheiße ab.“ Ja, endlich einmal einer, der es sieht, dass es die Medikamente sind und nicht ich. DANKE!

Ich fühlte mich dort schwerst depressiv. Jeden Morgen bin ich zitternd aufgewacht, nachts habe ich unglaublich geschwitzt. Die ganze Kur war voll mit Triggern. Ich musste nur ein Lied von einem verstorbenen Sänger hören. Ein Schwarz-Weiß-Bild sehen, weil Schwarz-Weiß alt ist und alt ist tot. Einzelne Wörter, Gedanken, was auch immer. ALLES hat mich getriggert und ich habe alles mit dem Tod verbunden. 

Mit dem Citalopram habe ich dann auch noch böse Gedanken gegenüber anderen Personen entwickelt. Aber darauf möchte ich jetzt nicht näher eingehen.

Meine Medikamentation zu dem Zeitpunkt:

  • Mirtazapin 0 m 
  • Citalopram 15 mg; Einnahmedauer ca. 5 Wochen

Nach der Kur

Wieder zu Hause angekommen, habe ich mich um einen Psychiater gekümmert, und zum Glück hatte ich in 2 Monaten schon den ersten Termin. 2 Monate…. Im Ausnahmezustand nicht machbar, außer mich würde jemand zu Hause in Watte packen und irgendwo einschließen.

Dann habe ich meinen Mut zusammengenommen und in der Psychiatrie um die Ecke angerufen. Durfte dann 2 Tage später in die Institutsambulanz. Dort habe ich mit einer Psychiaterin gesprochen: Ende vom Lied, ich sei sehr sehr schwer krank, solche Zustände können Tabletten nicht auslösen. Aha!! „Was glauben Sie, wie viele Patienten hier sitzen und mir dasselbe erzählen wie Sie? Nehmen Sie Escitalopram, gehen Sie auf 20 mg hoch, Sie brauchen das. Ansonsten hätten wir noch Venlafaxin oder noch andere Medikamente, die Ihnen helfen.” Ich bin bei 10 mg Escitalopram geblieben. Ich sollte das Citalopram einfach weglassen und am nächsten Tag mit Escitalopram starten. Der Wechsel von Citalopram auf Escitalopram… Ich weiß es nicht mehr. Ich glaube, es hat keinen Unterschied gemacht. Die Zwangsgedanken mit bösen Worten haben mich weiterhin von morgens bis abends verfolgt. Es ist schlimm, wenn man nur noch ein böses Wort im Kopf hat, welches einem nicht selber gehört und es will einfach nicht aufhören. Egal, wie sehr man sich bemüht. Ich weiß nicht, wie viele Gedanken man am Tag hat, aber 98 % galten nur diesem einen Wort. 

Immer wieder kam mir der Gedanke, dass ich dieses Zeug eigentlich gar nicht nehmen möchte. Und immer wieder wurde mir aus jeder ärztlichen Ecke gesagt: „Frau.. Sie brauchen das, das alles sind Sie.” Das verunsichert. Ich habe mich nicht getraut, es alleine abzusetzen, weil meine Angst viel zu groß war und meine Gedanken damit beschäftigt waren: Was ist, wenn es noch schlimmer wird?? Nicht aushaltbar, wenn es noch schlimmer werden würde. 

Meine Medikamentation bis dahin:

  • Mirtazapin 0mg
  • Citalopram 0mg
  • Escitalopram 10mg; Einnahmedauer ca. 3,5 Monate

Ich war im Teufelskreis angekommen und es war kein Ende in Sicht. Dann hatte ich den Termin bei meiner Psychiaterin, bei der ich auch heute noch in Behandlung bin.

Sie fragte mich, wie es läuft unter dem Escitalopram. Ich sagte überhaupt nicht gut. Wir warten noch 2 Wochen ab und schauen, wie es dann ist.

Natürlich gab es keine Veränderung unter diesem Gift. Als ich ihr dann erzählte, dass ich jetzt überhaupt nichts mehr essen kann, hat sie mir die Telefonnummer der Tagesklinik gegeben, in der sie selber einmal Oberärztin war. Zum Glück gab es sofort einen Rückruf und konnte danach die Woche starten. Vitamin B sei Dank.

Wieder in einer Klinik

Ich habe dort wieder meine ganze Geschichte runtergeleiert und an der Dosis wurde die nächsten Wochen erst einmal nichts geändert, um sich ein Bild von mir machen zu können. 

Zu der Zeit habe ich von montags bis mittwochs durchgehend geweint, zum Ende der Woche ging es besser und dann ging es montags wieder von vorne los. Natürlich lernt man auch die Mitpatienten gut kennen und jeder lässt mal durchblitzen, was er für Symptome und Diagnosen hat, und ganz ehrlich: Ich hatte gefühlt alles. Bipolar, schwerst depressiv, Zwangsgedanken und was es noch alles gibt. 

Als es mir einen Tag besonders schlecht ging, bin ich zu meiner Bezugspflege gegangen und wir sind an die frische Luft gegangen. Sie wusste bescheid, was Sache war, welche Gedanken in mir waren, wie ich mich fühlte. Ich habe zu der Zeit kein Blatt vor den Mund genommen. Sie wusste von meinen Suizidgedanken und das ich schwerst depressiv bin. Sie sagte mir noch: „Sie müssen was in Ihrem Leben ändern.” „Ja, was mache ich denn falsch? Soll ich meine Beziehung aufgeben oder meinen Sohn ins Heim geben oder was soll ich machen? Was läuft denn so falsch in meinem Leben? Darauf hätte ich gerne eine Antwort.” Die natürlich von niemandem kam. 

Dann kam irgendwann Risperidon, ein Neuroleptikum, dazu. Ich habe es 2 Tage genommen und wieder weggelassen, weil ich keine Veränderung spürte. 

Ich hatte die Schnauze voll. So richtig voll und war wirklich am Ende meiner Kräfte. Bei der Visite sagte meine Ärztin dort zur Oberärztin: „Frau… möchte die Medikamente absetzen. Letzter Versuch, auf 12 mg hoch und wenn das nichts bringt, dann weg.” Bei 12 mg wurde es immer unerträglicher in meinem Kopf. Als würde mein Kopf platzen.

Was soll das alles? Warum müssen es immer Pillen sein? Warum immer mehr? In der Visite musste ich noch einmal versichern, dass die Gedanken mit den Pillen gekommen sind. JA, MAN! Dann bin ich wieder auf 10 mg runter. Eine Woche später 5 mg, dann 3 mg, dann Null. Im Gegenzug wurde mir Quetiapin 150 mg retard, wieder ein Neuroleptikum, gegeben, damit „die Unruhe nicht so fetzt“. Puh, ja, mir jetzt auch egal, hauptsache es wird wieder besser.

Und tatsächlich wurden die Zwangsgedanken nach einer Woche (von 10 auf 5 mg) schon um einiges besser. Da wurde ich dann gefragt, ob ich nur 50 mg nehmen möchte, ich habe geantwortet: „Ich lasse jetzt alles so, wie es jetzt ist. Ich habe die Schnauze jetzt voll und ändere jetzt gar nichts mehr.” Ich wurde 2 Wochen später entlassen. „Sie schaffen das.“

Kurze Übersicht: 

  • Mirtazapin 30 mg für ca. 3,5 Monate 
  • wurden ersetzt durch 15 mg Citalopram für ca 5 Wochen,
  • wurden ersetzt durch 10 mg Escitalopram für ca. 3,5 Monate.
  • Abgesetzt wurde das Escitalopram
    • 10 mg eine Woche 
    • 5 mg eine Woche 
    • 3 mg eine Woche 
    • 0 mg
    • Während des Absetzens bekam ich Quetiapin 150 mg retard und reduziere es jetzt in Mini-Schritten.

Danke für Nichts

Ein paar Wochen später war der Arztbrief im Briefkasten. Es steht kein Wort darüber, dass ich die Pillen nicht vertragen habe. Sondern es sei zu einer Remission der Depression gekommen, weil ich dort in der Therapie gelernt hätte, mit meinen Zwangsgedanken umzugehen. Aha. Dazu fällt mir nichts mehr ein. Echt nicht. Eine Zeit lang wollte ich noch dagegen vorgehen. Meine Wut war unfassbar riesig. Ich wollte gegen meine Diagnosen kämpfen, die in meiner Krankenakte stehen… Aber ich habe es gelassen. Ich habe einfach keine Nerven mehr für so einen Psycho-Stress. 

In diesem Juni/Juli bin ich 2 Jahre auf Null mit Antidepressiva. Was soll ich sagen? Die Pillen haben mein Gehirn zerfetzt. Immer noch. 

Direkt nach dem Absetzen der Antidepressiva hatte ich Phasen, in denen ich nicht einmal mehr Duschen gehen konnte, weil die bösen Gedanken in der Dusche waren und dort nicht mehr raus können, wenn die Tür zu ist.

Auch hatte ich nach der Entlassung ein paar Tage später einen Nervenzusammenbruch und wäre fast zusammengeklappt. Ich saß im Badezimmer auf dem Boden und habe meinen Sohn gebeten, mir eine Cola aus dem Kühlschrank zu holen, morgens um 7 Uhr. Die Angst war riesig, dass ich das Quetiapin nicht vertrage und der Horror wieder von vorne beginnt. Was dann?

Das Quetiapin nehme ich immer noch. Über 1 Jahr habe ich mich nicht getraut, auch nur irgendwie über eine Reduzierung nachzudenken, da mein Zentrales Nervensystem noch viel zu gestresst war. Und da es zu der Zeit Lieferprobleme gab, hat mich dies alles noch einmal mehr gestresst.

Was alles im Antidepressiva-Entzug passiert, ist unmenschlich: Angst, Zittern, Hoffnungslosigkeit, Suizidgedanken, Albträume, Brainzaps, Restless Legs, Übelkeit, Muskelschmerzen… Die Liste ist lang. Für mich steht die Zeit still. Manchmal, nicht immer. (Nicht mehr)

Selbst wenn man die ganzen Medikamente nicht verträgt, muss man dennoch einen Entzug durchstehen. Auch, wenn man sie, wie in meinem Fall, relativ kurz genommen hat. Ich hatte die typischen Crashs um den 3. und 6. Monat nach Null. Der 3. Monat war übel, der 6. noch schlimmer. Ich habe meinen Kopf dabei erwischt, wie er etwas plant. Es war im Dezember und welcher Tag wäre perfekt, um sich das Leben zu nehmen?? Richtig, Silvester.

An einem Tag war es so schlimm, dass ich das Gefühl hatte, mein Kopf schaltet sich gleich ab. Wie ein Neustart, aber dazu muss man erst einmal runterfahren. Ich hatte mich ins Bett gelegt und mir eine Meditation angehört, die zu der Zeit mein bester Freund war.

Ab dem Tag ging es wieder aufwärts. 2 Wochen später, es war Mitte Dezember, kurz vor Weihnachten, konnte ich sogar wieder lachen. Es ist alles so paradox. Das Schlimmste ist, man sieht es einem nicht an, was da in einem vor sich geht. Und dann darf man sich noch Sprüche anhören wie „LACH DOCH MAL” oder „Hol dir doch einen Hund.“ Ja, genau. Den Kampf sieht niemand, es versteht niemand, der es nicht selbst erlebt hat. Ich kann es an guten Tagen selber nicht verstehen, was da passiert ist.

Es wird von den Ärzten geleugnet. Wie oft wäre ich gerne mit dem Baseballschläger in die Psychiatrie gegangen und hätte alles kurz und klein geschlagen oder sie angezündet? Ich habe das Vertrauen in die Ärzte komplett verloren. Sie wollen nicht, dass Du gesund wirst, sondern krank bleibst. Denn mit Gesunden lässt sich kein Geld verdienen.

Ich bin froh, dass ich den Absprung geschafft habe aus diesem Teufelskreis. Es ist zwar noch nicht ganz geschafft, an schlechten Tagen werde ich immer noch von bösen Wörtern verfolgt, aber es ist auszuhalten. Meine Psychiaterin ist mittlerweile auf meiner Seite und sie gibt zu „Sowas kann passieren“ und sie sagte: “Psychiatrien sind scheiße”. Sie hilft mir, vom Quetiapin loszukommen. Aber in meinem Tempo.

Passt auf euch auf!

Für mich heißt es jetzt: BACK TO THE ROOTS ! 

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