Psychiatrische Diagnosen können keine Menschen angreifen, doch die Verdinglichung psychischer Probleme ist schädlich

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Es ist gängige Praxis, von psychiatrischen Diagnosen so zu sprechen, als seien sie etwas, das in der Natur existiert, wie Hunde und Bakterien, und uns angreifen kann. Da diese Verdinglichung viele schädliche Folgen hat, sollten wir aufhören, uns mit irreführender Semantik etwas vorzumachen. Schauen wir uns also an, was sie legitimiert, am Beispiel zweier sehr häufig verwendeter Diagnosen: Depression und Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS).

Depression

Es ist leicht zu erkennen, dass die Aussage: „Du bist niedergeschlagen, weil du depressiv bist“ leer/inhaltslos ist, da Niedergeschlagenheit und Depression Synonyme sind.

Überraschenderweise erkennen jedoch nur sehr wenige Menschen, dass es ebenfalls Unsinn ist zu sagen, dass eine Depression einen beeinflusst. Dies ist ein Zirkelschluss, auch Tautologie genannt, vom griechischen tautologos, was so viel bedeutet wie „das Gleiche sagen“. Die Aussage ist leer/inhaltslos oder immer wahr, wie in diesem Satz: Es wird morgen regnen oder es wird morgen nicht regnen.

Eine Beschreibung kann sich nicht selbst erklären. Depression ist eine Beschreibung einer bestimmten Ansammlung von Symptomen, die manche Menschen haben. Es ist nur ein Name, und es ist falsch zu sagen, dass eine Depression beeinflusst, wie man sich fühlt, denkt und alltägliche Aktivitäten bewältigt, da dies ja die ursprüngliche Definition von Depression war. Dennoch enthalten offizielle Informationen für Bürger:innen bei allen psychiatrischen Störungen diesen logischen Fehler.

Eine australische Website stellt als wichtige Fakten dar, dass „Depression eine schwerwiegende psychische Erkrankung ist, die beeinflusst, wie man sich fühlt, denkt und alltägliche Aktivitäten bewältigt. Sie kann dazu führen, dass man sich traurig, wütend oder gereizt fühlt und das Interesse an Dingen verliert, die man normalerweise gerne tut.“ Es ist nicht richtig, dass Depression eine schwerwiegende Erkrankung ist. Die überwiegende Mehrheit der Menschen, bei denen eine Depression diagnostiziert wird, hat nur geringfügige Probleme.

Die US-amerikanischen Zentren für Krankheitskontrolle und Prävention schreiben, dass „Depressionen jedes Jahr etwa 16 Millionen erwachsene Amerikaner:innen betreffen.“

In Dänemark heißt es auf der offiziellen Website einer unserer fünf Regionen wie folgt: „Depression ist eine Störung, die jeden treffen kann – Erwachsene, Kinder und Jugendliche. Wenn Sie depressiv sind, fühlen Sie sich traurig oder einfach nicht sehr glücklich.“ Dies ist eine eindeutige Tautologie wie „Ihre Stimmung ist gedrückt, weil Sie depressiv sind.“

Der britische National Health Service erklärt den Menschen, dass Depression „eine echte Krankheit mit echten Symptomen“ sei. Was real ist, ist, dass Menschen traurig werden können, aber es handelt sich nicht um eine echte Krankheit, wie wir sie im übrigen Gesundheitswesen behandeln. Wie ein Kommentator es formulierte: „Echte Wissenschaften entscheiden nicht durch Handzeichen, bei denen Eigeninteressen und Sponsoring durch die Pharmaindustrie eine Rolle spielen, über die Existenz und Natur der Phänomene, mit denen sie sich befassen.“ Psychiatrische Diagnosen sind willkürlich und wurden auf der Grundlage von Konsensuskonferenzen sowie den Meinungen und Empfindungen von Psychiater:innen konstruiert. Es ist daher angemessen, diesen Bereich der Medizin als Pseudowissenschaft zu bezeichnen.

Laut der britischen Mental Health Foundation kann eine Depression dazu führen, dass sich Menschen zurückziehen, sich anders verhalten oder gereizter werden, und sogar körperliche Beschwerden hervorrufen. Sie erwähnen auch, dass Depressionen, wie viele psychische Probleme, das Leben beherrschen können und dass ein längeres Leben mit Depressionen die Energie, Motivation und Leidenschaft des Partners beeinträchtigen kann.

Ich würde nüchterner sagen, dass das Leben mit einem Hund angenehm sein kann, aber das Leben mit Depressionen bedeutet einfach, mit sich selbst zu leben, da sie – im Gegensatz zu einem Hund – kein von einem selbst unabhängiges Objekt sind.

Laut der Weltgesundheitsorganisation kann eine Depression alle Aspekte des Lebens beeinflussen. Lustigerweise enthält die Website Links zu zwei Videos mit den Titeln: „Ich hatte einen schwarzen Hund, sein Name war Depression“ und „Leben mit einem schwarzen Hund“. Ein Hund kann einen beißen, eine Depression jedoch nicht, und es ist daher irreführend zu sagen, dass „eine Depression zu Suizid führen kann“.

Dennoch sind solche Fehler überall zu finden, nicht nur auf der Website der WHO. Es wäre richtig zu sagen, dass Menschen, die traurig sind, ein höheres Risiko für einen Suizid haben, was keine Verdinglichung beinhaltet.

Das US-amerikanische National Institute of Mental Health ist nicht besser. Es sagt: „Jeder fühlt sich manchmal traurig oder niedergeschlagen, aber diese Gefühle vergehen normalerweise. Depression (auch als Major Depression, Major Depressive Disorder oder klinische Depression bezeichnet) ist etwas anderes. Sie kann schwere Symptome verursachen, die beeinflussen, wie sich eine Person fühlt, denkt und mit alltäglichen Aktivitäten wie Schlafen, Essen oder Arbeiten zurechtkommt. Depressionen können jeden treffen.“

Erlauben Sie mir zu sagen, dass dies Wahnsinn ist. Durch die Einstufung von Traurigkeit wird diese in zwei Kategorien unterteilt. Leichte Traurigkeit ist keine Depression, schwere Traurigkeit hingegen schon. So gehen wir sonst nicht mit Krankheiten um. Eine leichte Infektion unterscheidet sich in ihrer Natur nicht von einer schweren Infektion; beides sind Infektionen.

Die American Psychiatric Association ging noch einen Schritt weiter, indem sie Depression als „schwere depressive Störung“ bezeichnete und erklärte, es handele sich um „eine häufige und schwerwiegende medizinische Erkrankung, die sich negativ darauf auswirkt, wie man fühlt, denkt, handelt und die Welt wahrnimmt“. Wie gerade angemerkt, ist es nicht richtig, dass Depressionen schwerwiegend und häufig sind. Was häufig vorkommt, ist, dass Menschen mit geringfügigen Problemen eine Depressionsdiagnose erhalten.

Dies dient den Interessen der Pharmaindustrie, und es ist bemerkenswert, dass die meisten führenden US-Psychiater:innen korrupt sind. Sie erhalten mehr Geld von Arzneimittelherstellern als Ärztinnen und Ärzte in jedem anderen Fachgebiet; diejenigen, die am meisten annehmen, verschreiben Kindern am häufigsten Psychopharmaka; und sie werden auch häufiger als in jedem anderen Fachgebiet durch die Gastfreundschaft der Industrie „geschult“.

Psycholog:innen sollten es besser wissen, aber auch die American Psychological Association hat Depressionen verfestigt. Sie sagen, dass Depression, die häufigste psychische Störung, mehr ist als nur Traurigkeit und dass Menschen mit Depressionen veränderte Ess- oder Schlafgewohnheiten, einen Mangel an Energie oder Motivation, Konzentrations- oder Entscheidungsschwierigkeiten sowie den Rückzug aus sozialen Aktivitäten erleben können. Das ist eine Tautologie. Was Menschen erleben, erhält einen Namen, der Traurigkeit sein könnte, aber um es wie harte Wissenschaft aussehen zu lassen, wird es Depression genannt, und dann wird uns gesagt, dass Depression das verursacht, was sie definiert. Das ist Unsinn.

ADHS

Die Absurditäten der Verdinglichung sind bei der ADHS-Diagnose vielleicht noch offensichtlicher. Niemand weiß, was ADHS ist, und dafür gibt es einen guten Grund. Es ist lediglich eine Bezeichnung für Menschen an einem Ende eines normalen Verhaltensspektrums, die energischer und nerviger sind als andere. Offensichtlich können wir nicht alle durchschnittliches Verhalten zeigen. Am anderen Ende können diejenigen, die ruhiger als der Durchschnitt sind, die Diagnose Aufmerksamkeitsdefizitstörung (ADS) erhalten.

Um es noch einmal zu betonen: Wenn wir einem bestimmten Verhalten einen Namen geben, können wir nicht sagen, dass sich eine Person so verhält, weil sie ADHS hat. Das ist ein Zirkelschluss. Leider sprechen die Psychiater:innen über ihr soziales Konstrukt, als ob es in der Natur existierte. Zum Beispiel stellten die Autor:innen der ADHS-Checkliste für Erwachsene fest, dass ADHS bei Erwachsenen erhebliche Auswirkungen auf Beziehungen, Karrieren und die Sicherheit der betroffenen Patient:innen haben kann.

Helpguide.org behauptet, dass ADHS „zu Missverständnissen, Frustrationen und Ressentiments in Ihren engsten Beziehungen führen kann“. ADHS ist mittlerweile zu einer Art psychiatrischem Monster verfestigt worden, das Sie angreifen und Ihre sozialen Beziehungen zerstören kann.

Auch die American Psychological Association hat ADHS verfestigt, und es ist eine Tautologie, wenn sie sagt, dass ADHS es schwierig macht, sich zu organisieren, konzentriert zu bleiben, realistische Pläne zu schmieden oder vor dem Handeln nachzudenken – was ja genau die Definition von ADHS ist.

Im Jahr 2024 begrüßte eine Zeitung, dass immer mehr Menschen mittleren Alters und ältere Menschen diagnostiziert wurden, und stellte fest, dass sie „mit ADHS leben“ müssten. Man kann mit Krebs leben, der eine reale Erkrankung ist, aber „mit ADHS leben“ bedeutet lediglich, mit sich selbst zu leben, was wir alle tun; daher ist dies eine leere Aussage. Der Artikel stellte fest, dass die Diagnose den Betroffenen eine Erklärung biete, was unmöglich ist, da es sich lediglich um eine Bezeichnung handelt.

Heutzutage bezeichnet jeder, sogar der britische National Health Service und die US-amerikanischen Centers for Disease Control and Prevention, ADHS als neurologische Entwicklungsstörung, aber – entschuldigen Sie meine Ausdrucksweise, wie wir in Dänemark sagen, wenn wir unverblümt sind – das ist Bullshit, was den Menschen zudem den Eindruck vermittelt, die Wissenschaft habe herausgefunden, was objektiv mit diesen Menschen nicht stimmt und was ADHS verursacht (nichts tut das, da es sich lediglich um einen Namen handelt).

Es ist eine schreckliche Beleidigung für die Patient:innen, ihnen zu sagen, sie hätten eine neurologische Entwicklungsstörung, da es sich dabei um Erkrankungen handelt, die das Wachstum und die Funktion des Gehirns und des zentralen Nervensystems in der Kindheit beeinträchtigen. In zuverlässigen Studien zu ADHS wurde so etwas nie festgestellt, aber ironischerweise hat sich herausgestellt, dass die medikamentöse Behandlung von ADHS das Wachstum erheblich beeinträchtigt.

Die Behandlung von Kindern mit ADHS-Medikamenten ist im Wesentlichen eine „Behandlung“ von Unreife. Eine kanadische Studie mit einer Million Schulkindern zeigte, dass die Prävalenz von Kindern in medikamentöser Behandlung in derselben Klasse über die Geburtsmonate von Januar bis Dezember ziemlich linear anstieg, und 50 % mehr der im Dezember Geborenen befanden sich in Behandlung. Man kann darüber diskutieren, ob es ein Fortschritt ist, dass wir die Rute durch ein verschreibungspflichtiges Betäubungsmittel ersetzt haben.

Die Diagnose als Statussymbol und Ausrede

Diejenigen, die meinen obigen Bericht für Haarspalterei halten, werden hoffentlich ihre Meinung ändern, wenn sie weiterlesen. Der logische Fehler hat weitreichende Konsequenzen. Tatsächlich ist er ein Hauptgrund dafür, dass die Psychiatrie das einzige medizinische Fachgebiet zu sein scheint, das Patient:innen mehr schadet als nützt.

ADHS ist zu einer Modediagnose geworden, und es ist sehr leicht, sie zu bekommen. Jedes Mal, wenn ich Vorträge für Laien oder medizinisches Personal gehalten habe und diese den Test ausprobierten, fiel zwischen einem Viertel und der Hälfte positiv aus. Meine Frau und ich sowie eine unserer beiden Töchter sind ebenfalls „positiv“, das sind drei von vier.

Überall, in Zeitschriften, Zeitungen und im Fernsehen, hören wir von Menschen, die sich gemeinsam mit ihrem Psychiater wohlfühlen, weil sie nach ihrer ADHS-Diagnose endlich verstanden haben, warum sie sich so verhalten, wie sie es tun. Sie sind stolz auf ihre Diagnose, aber es ist so lächerlich, dass ein Komiker kürzlich sagte, er habe den Test fünf Mal versucht, bevor er ihn bestanden habe.

Es ist nicht positiv, dass viele Menschen über ihre Diagnose glücklich sind, denn es beinhaltet eine Täuschung, um die Menschen glauben zu lassen, dass sie alles erklärt, und es ist unethisch, wenn Ärztinnen und Ärzte ihre Patient:innen täuschen.

Es ist auch negativ, dass manche Menschen ihre Diagnose als Entschuldigung für schlechtes Verhalten nutzen, anstatt zu versuchen, sich besser zu benehmen. Als einer meiner Freunde in einem Supermarkt auf ein Teenager-Mädchen stieß, das auf dem Boden lag und ihre Mutter anschrie, und er sie bat, sich zu beruhigen, antwortete sie, dass sie das nicht tun würde, weil sie Borderline sei.

Für manche Menschen macht eine Diagnose sie respektabel, wie in diesem Witz eines dänischen Humoristen: Zwei Männer treffen sich auf der Straße, und der eine sagt: „Ich bin Diabetiker.“ „Oh“, sagt der andere, „ich bin Mechaniker.“ Es ist besser, etwas zu sein als nichts, selbst wenn es nur eine Diagnose ist.

Diagnosen blenden uns gegenüber den eigentlichen Problemen

Wenn sich ein Kind schlecht benimmt, provokativ und trotzig ist, kann dies zu einer Diagnose von ADHS oder einer Borderline-Persönlichkeitsstörung führen, obwohl es sich um eine Reaktion auf einen schrecklichen Missbrauch handeln könnte, über den das Kind nicht zu sprechen wagt.

Selbst wenn die Patient:innen darüber sprechen, wird es nicht immer ernst genommen. Eine junge Frau erzählte mir, sie habe ihrem Psychiater gegenüber erwähnt, dass sie als Kind sexuell missbraucht worden sei. Er antwortete, das sei irrelevant. Für ihn zählten nur die Fragebögen, die er zur Diagnosestellung verwendete. Viele Patient:innen haben mir erzählt, dass es viele Jahre dauerte, bis sie einen Psychiater trafen, der sich für das schwere Trauma interessierte, das sie erlebt hatten, und viele andere stießen nie auf auch nur ein Minimum an Verständnis oder Empathie.

Wenn wir überhaupt keine psychiatrischen Diagnosen hätten, würden wir viel mehr tun, um herauszufinden, was die zugrunde liegenden Gründe für die Probleme der Patient:innen sind, was es uns in vielen Fällen ermöglichen würde, die Ursachen in unserer Therapie anzugehen und in manchen Fällen die Patient:innen zu heilen.

Wenn man sagt, Menschen seien von einer Depression befallen, lenkt dies die Aufmerksamkeit von den Gründen ab, warum sie traurig geworden sind, z. B. wegen Armut, Arbeitslosigkeit, Diskriminierung, Eheproblemen, Gewalt, dem Verlust eines Angehörigen, körperlicher Krankheit oder einfach einem deprimierenden Leben.

Die Herausforderung für Ärztinnen und Ärzte, die davon besessen sind, Diagnosen zu stellen, besteht darin, das Problem zu beheben, ohne etwas über dessen Ursache zu wissen.

Besonders bemerkenswert ist, dass das US-amerikanische National Institute of Mental Health die Verwendung psychiatrischer Diagnosen als Forschungsinstrument aufgegeben hat und sein Präsident, Thomas Insel, erklärte 2013, warum:

Im Gegensatz zu unseren Definitionen von ischämischer Herzkrankheit, Lymphom oder AIDS basieren die DSM-Diagnosen auf einem Konsens über Gruppen klinischer Symptome und nicht auf objektiven Laborwerten. In anderen Bereichen der Medizin wäre dies gleichbedeutend mit der Schaffung von Diagnosesystemen, die auf der Art von Brustschmerzen oder der Beschaffenheit von Fieber basieren.

Um dieses Problem zu lösen, erfanden die Psychiater:innen vor 70 Jahren die wohl größte Lüge der gesamten Medizin: dass psychische Probleme durch ein Ungleichgewicht in der Gehirnchemie verursacht werden, das durch Medikamente behoben werden könne. Diese Lüge war für die Pharmaindustrie und die Psychiatrie so erfolgreich, dass die meisten Patient:innen noch heute damit konfrontiert sind. Es gab nie auch nur den geringsten Beweis dafür, dass dies wahr ist. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall: Medikamente verursachen ein chemisches Ungleichgewicht im Gehirn, weshalb viele Menschen nicht mehr davon loskommen, da die Entzugssymptome schwerwiegend sein können.

Der Schwindel mit dem chemischen Ungleichgewicht machte aus Psychiater:innen echte Ärztinnen und Ärzte, die scheinbar die Ursachen psychischer Störungen mit gezielten Medikamenten bekämpfen konnten, genau wie Fachärztinnen und -ärzte für Innere Medizin, wenn sie Diabetes mit Insulin behandeln. Aber hier wird es wirklich absurd. Psychopharmaka sind überhaupt nicht zielgerichtet und keines von ihnen kann Menschen heilen.

Das Krankheitshandbuch der American Psychiatric Association, das DSM-5, besagt, dass eine schwere Depression vorliegt, wenn der Patient mindestens 5 von 9 Symptomen aufweist, die eine „klinisch signifikante Belastung oder Beeinträchtigung in sozialen, beruflichen oder anderen wichtigen Funktionsbereichen verursachen“. Angesichts der Definition dieser Störung ergibt es keinen Sinn, dass Arzneimittelstudien solche Endpunkte nicht heranziehen. Über tausend placebokontrollierte Studien wurden durchgeführt, aber ich habe keine einzige gesehen, die darüber berichtete, ob die Medikamente depressiven Patient:innen halfen, zu einem normalen, produktiven Leben zurückzukehren.

Stattdessen wird die Wirkung anhand bedeutungsloser Bewertungsskalen beurteilt. Zu behaupten, dass eine Verringerung der Symptome emotionaler Schmerzen auf einer Bewertungsskala, die so gering ist, dass sie nicht einmal klinisch relevant ist, ein Beweis für die Wirksamkeit sei, ist so, als würde man behaupten, Aspirin könne ein gebrochenes Bein heilen, weil es körperliche Schmerzen lindert. Ein Wert auf einer Skala kann uns nicht sagen, ob es dem Patienten gut geht. Es ist auch irreführend, Medikamente gegen Depressionen als Antidepressiva zu bezeichnen. Mit solchen Skalen könnten wir leicht nachweisen, dass Alkohol, Opioide, Kokain, Ecstasy und Amphetamine „wirken“, aber wir würden solche Substanzen nicht als Antidepressiva bezeichnen.

Diagnosen schaffen Machtungleichgewichte

Wenn Phänomene vergegenständlicht wurden, können sie in Besitz genommen werden, und Diagnosen sind im Besitz der Psychiater:innen. Sie definieren, wer du bist, und du darfst dich nicht selbst definieren. Wenn du sagst, dass du traurig bist und keine Medikamente willst, könnte dein Arzt sagen, dass du eine Depression hast und dass sehr wirksame Medikamente gegen Depressionen verfügbar sind. Was du nicht hören wirst, ist, dass Antidepressiva wirkungslos sind, dass sie die Rate der Suizide verdoppeln – ohne Altersgrenze –, das Sexualleben bei der Hälfte der Patient:innen beeinträchtigen und dass die Unfähigkeit, Sex zu haben oder einen Orgasmus zu erleben, dauerhaft werden kann.

Bei Psychosen ist das Machtungleichgewicht extrem und sehr schädlich. Diese Diagnose ermöglicht es Psychiater:innen, Menschen gegen ihren Willen einzuschließen und sie mit Neuroleptika zu behandeln, bei denen es sich um hochtoxische Medikamente handelt, die die Sterblichkeit verdoppeln und bei vielen Menschen dauerhafte und schwere Hirnschäden verursachen, z. B. tardive Dyskinesie.

Als ich 30 aufeinanderfolgende Fälle in Dänemark untersuchte, in denen Patient:innen gegen Zwangsbehandlungsanordnungen Berufung eingelegt hatten, stellte ich fest, dass in jedem einzelnen Fall gegen das Gesetz verstoßen worden war. Wir hatten zudem in neun Fällen Vorbehalte gegenüber den Diagnosen der Psychiater:innen bezüglich Wahnvorstellungen – einem Schlüsselelement der Psychosediagnose. Es entsteht eine Zwickmühle, wenn ein Psychiater eine Diagnose stellt und der Patient dieser widerspricht. Nach Ansicht des Psychiaters zeigt die Ablehnung, dass dem Patienten die Einsicht in seine Krankheit fehlt, was als Beweis für seine psychische Erkrankung gewertet wird.

Als ein Patient Olanzapin gänzlich ablehnte, wurde dies als Verfolgungswahn bezeichnet; ein anderer Patient, der „hitzköpfig und schwer ansprechbar“ wurde, sobald ein Neuroleptikum erwähnt wurde, wurde als „paranoid und verschwörerisch in Bezug darauf, wie wir uns gegen ihn verbünden“ bezeichnet.

Ich habe mehrere andere Fälle gesehen, in denen ein Patient, völlig rational, Angst davor hatte, mit einem Neuroleptikum behandelt zu werden, und aus diesem Grund als wahnhaft abgestempelt wurde, sogar vom Vorsitzenden der Dänischen Psychiatrischen Vereinigung. Es ist so schlimm, dass ich den Artikel „Sind Psychiater verrückter als ihre Patienten?“ veröffentlicht habe.

Schlussfolgerungen

Allen Frances, Vorsitzender der DSM-IV-Arbeitsgruppe, die das in den USA verwendete psychiatrische Diagnosehandbuch aktualisierte, hat argumentiert, dass die Verantwortung für die Definition psychiatrischer Erkrankungen der American Psychiatric Association entzogen werden muss, da neue Diagnosen genauso gefährlich sind wie neue Medikamente:

„Wir haben bemerkenswert lockere Verfahren zur Definition der Art von Erkrankungen, doch diese können dazu führen, dass Millionen von Menschen mit Medikamenten behandelt werden, die sie möglicherweise nicht benötigen und die ihnen schaden könnten.“ Frances merkte außerdem an, dass das DSM-IV drei falsche Epidemien geschaffen habe, weil die Diagnosekriterien zu weit gefasst waren: ADHS, Autismus und bipolare Störung im Kindesalter.

In einem anderen Artikel, „Medicalising unhappiness“, schrieb Frances, dass ein abwartendes Beobachten über mehrere Besuche hinweg es Ärztinnen und Ärzten ermöglichen kann, zu sehen, ob sich die Probleme ohne Medikamente lösen. Dies gilt für viele psychiatrische Störungen, auch für Psychosen, die oft selbstlimitierend sind und durch Stress und Schlafmangel verursacht werden können.

Der Kinder- und Jugendpsychiater Sami Timimi hat festgestellt, dass psychische Diagnosen bei jungen Menschen zu ansteckenden Marken geworden sind, während die wahren Ursachen ihres psychischen Leidens verborgen bleiben, und dass der gestiegene Konsum von Therapien und Psychopharmaka in westlichen Ländern schädlich ist.

Wir sollten das gesamte psychiatrische Diagnosesystem abschaffen und uns stattdessen auf die Probleme der Patient:innen konzentrieren und versuchen, ihnen so gut wie möglich zu helfen, ohne sie zu etikettieren und mit Medikamenten zu versorgen. Wir sollten auch aufhören, tautologisch zu denken, da dies schädlicher Unsinn ist.

Mad in Deutschland veröffentlicht Blogbeiträge einer vielfältigen Gruppe von Autor:innen. Diese Beiträge sollen zur Diskussion über Psychiatrie und ihre Behandlungsmethoden in Deutschland anregen. Die geäußerten Meinungen sind die der Autor:innen.

Peter C. Gøtzsche
Peter C. Gøtzsche
Peter C. Gøtzsche, MD, hat mehr als 100 Artikel in den fünf renommiertesten medizinischen Fachzeitschriften veröffentlicht, und seine wissenschaftlichen Arbeiten wurden über 150.000 Mal zitiert. Er hat mehrere Bücher zum Thema Psychiatrie veröffentlicht, darunter „Deadly Psychiatry and Organised Denial“, „Mental Health Survival Kit and Withdrawal from Psychiatric Drugs“ und „Critical Psychiatry Textbook“. Derzeit sammelt er über Crowdfunding Spenden für sein Institut für wissenschaftliche Freiheit, dessen Ziel es ist, Ehrlichkeit und Integrität in der Wissenschaft zu bewahren.

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