„Oktoberkind” – Roman über EKT als Zwangsbehandlung von Linda Boström Knausgård

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Die Kampagne zur Elektrokrampftherapie (EKT) als mögliche Zwangsbehandlung in Deutschland oder EKT als ärztliche Empfehlung aufgrund einer Fehldiagnose, das waren Artikel-Themen bei Mad in Deutschland im Mai 2026. Eine Behandlungsform, der ich kritisch gegenüberstehe und deren Durchführung als Zwangsbehandlung aus meiner Sicht Körperverletzung ist – nicht vereinbar mit der Menschenwürde. Die Berichte erinnerten mich an Linda Boström Knausgårds Roman „Oktoberkind“1 über ihre EKT, die sie in Schweden als psychiatrische Zwangsmaßnahme während einer akuten Krankheitsphase ihrer bipolaren Störung erfuhr.

Der autofiktionale Roman ist zunächst 2019 auf Schwedisch erschienen und liegt seit Juli 2022 im Schöffling-Verlag auf Deutsch vor. Ich habe dieses eindringliche Buch vor drei Jahren gelesen und mit einem Essay in dem Magazin experimenta gewürdigt.2 Die Vorstellung dieses Romans hier bei Mad in Deutschland in Kurzform bildet eine wichtige Ergänzung für die aktuelle Auseinandersetzung. In Schweden ist es üblich und juristisch durch das Gesetz zur psychiatrischen Zwangspflege gestattet, Zwangseingewiesene ohne ihr Einverständnis oder das ihrer Angehörigen mit EKT, mitunter als Elektrokonvulsionstherapie bezeichnet, zu behandeln. In Deutschland ist eine Zwangs-EKT gegen den geäußerten Willen eines Patienten im Regelfall rechtlich nicht zulässig. Und das muss dringend so bleiben.

Autofiktional, nicht autobiografisch

Der Roman „Oktoberkind“ ist autofiktional: Obwohl die Ereignisse auf wahren Begebenheiten beruhen, ist das Buch keine klassische Biografie. Linda Boström Knausgård nutzt die Freiheit des Romans, um ihre Geschichte extrem verdichtet, assoziativ und poetisch zu erzählen. Es geht ihr nicht um eine lückenlose Abrechnung, sondern um die literarische Bewältigung eines Traumas. Trotzdem ist die autobiografische Ebene faktenbasierend: Im Roman verarbeitet die Autorin ihre eigenen, extrem schmerzhaften Erfahrungen mit manischen Depressionen, Suizidgedanken und der EKT, die sie in einer psychiatrischen Klinik als Zwangsbehandlung über sich ergehen lassen musste. Eine weitere Facette ist der Kampf um künstlerische Unabhängigkeit in ihrer Ehe mit dem berühmten Bestsellerautoren Karl Ove Knausgård.

Linda Boström Knausgård ringt als zwangseingewiesene Psychiatrie-Patientin um ihre mentale Gesundheit und damit zugleich um ihre Existenz, so fühlt es sich beim Lesen an. Droht durch die EKT ein Auslöschen ihrer Erinnerungen? Oder kann sie sich widersetzen, indem sie sich bewusst erinnert?

Einstieg ins Buch

Schon das auf Jarek Puczels Gemälde „Caspar’s Daughter“ (2017) basierende Cover entfaltet einen poetischen Sog und zieht den Betrachter regelrecht in das Buch hinein: Zu sehen ist die Rückenansicht einer weiß gekleideten, einsam wirkenden Frau vor einer Bergszenerie, die sich im Wasser eines Sees oder Fjords spiegelt.

Die Handlung des Buches beginnt in der psychiatrischen Klinik, in die Linda Boström Knausgård zwangseingewiesen wurde. In Schweden rechtfertigt die Zwangseinweisung – wie gesagt – den unmittelbaren Beginn der Elektrokrampftherapie, ohne dass Patient oder Angehörige zustimmen müssen. Das schreibt sie darüber: „Man musste sehr stark sein, um den Ärzten zu widersprechen, und eine solche Stärke gab es in dieser Abteilung nur selten. Außerdem brauchen die Ärzte keinerlei Einwilligung, wenn die Patienten zwangseingeliefert werden, wie es bei mir der Fall war. Dann haben sie freien Zugriff. Einen reich gedeckten Tisch, der sie montags, mittwochs und freitags erwartete. Schweden ist das Land auf der Welt, in dem die meisten Elektrokrampfbehandlungen per Einwohner durchgeführt werden.“ (Oktoberkind, S. 54) Die literarisch verdichtete Erfahrung von Ohnmacht wird noch verstärkt durch den letzten Satz, der auf Statistik abhebend zunächst als neutrale Information erscheint. Im Nachhall wirkt er umso eindringlicher: Es geht hier eben nicht um einen Einzelfall. Linda Boström Knausgård liefert die Stimme für ein Meer von Betroffenen, das für die Gesellschaft unsichtbar bleibt.

18 Mal EKT: „Es ist, als würde man Dunkelheit trinken“

Dem Erinnerungsverlust, den Linda Boström Knausgård  durch die EKT erlitt, wurde von medizinischer Seite keine Aufmerksamkeit gegeben: „Dass es anschließend große Flächen von Zeit gab, an die ich mich nicht mehr erinnerte, interessierte niemanden.“ (Oktoberkind, S. 11) Eindrücklich ist ihre Beschreibung des Vorgangs: „Der Narkosearzt sagte, bald werde man schlafen, und dann wurde das kalte Schlafmittel durch den vorbereiteten Katheter ins Blut gespritzt. Es war, als würde man Dunkelheit trinken.“ (Oktoberkind, S. 10) Diese Erfahrung durchlebt die schwedische Schriftstellerin Linda Boström Knausgård immer wieder aufs Neue, 18 Mal insgesamt (Oktoberkind, S. 20f). Und doch schenken ihr die Behandlungen in der Fabrik – so nennt sie diesen Teil der Klinik – keine Besserung. Bei der EKT wird das Gehirn kurzzeitig Strom ausgesetzt, was einen Krampf auslöst. Danach kann es zu Erinnerungslücken kommen, in der Regel zeitlich begrenzt, die sich unter Umständen aber nie wieder komplett füllen werden. Was vergessen wird, ist unvorhersehbar und nicht zu beeinflussen. 

Linda Boström Knausgård hat sich nie freiwillig für diese Behandlungsform entschieden. Sie schreibt, dass sie davon nicht profitieren konnte. Allerdinges habe sie mit den Nebenwirkungen des Gedächtnisverlustes erheblich zu kämpfen: „So bringt sie ihren ganzen Mut auf, um sich alles zu vergegenwärtigen, die Kindheit in der Stadt, die Ehe mit dem berühmten Autor, das Leben auf dem Land, wo er aufblüht und sie verkümmert, die Geburt der vier Kinder, ihr eigenes Schreiben und welche Kraft sie darin findet. […] In ihrem autofiktionalen und zugleich hochpoetischen Roman dringt Linda Boström Knausgård zu den Ursachen für ihren Schmerz und ihr Scheitern vor, aber auch zu Momenten der Stärke und des Glücks.“ (Oktoberkind, Buchumschlag bzw. Klappentext) Der berühmte Autor ist Karl Ove Knausgård, der Lindas (Kranken-)Geschichte in seinem Weltbestseller-Romanzyklus „Min Kamp“ und in den Jahreszeiten Bänden miterzählt hat. Eine Form der schonungslosen Offenlegung, die ich kritisch sehe, auch wenn Linda unmittelbar vor der Veröffentlichung zugestimmt hat, nach meiner Wahrnehmung aus Respekt oder aber schlicht überwältigt von der literarischen Wucht seiner Texte, deren außergewöhnliche Qualität sie als ebenfalls literarisch Schreibende meinte, anerkennen zu müssen. Umso wichtiger ihr autofiktionaler Roman mit Ich-Perspektive, der neben dem literarischen Zeugnis und der Verarbeitung einer psychiatrischen, unter Zwang erlebten Extrem-Erfahrung auch für Selbstermächtigung steht. 

Gefangene der Fabrik: Erleben der Zwangsbehandlung

Zunächst ist Linda Boström Knausgård Gefangene dieser „Fabrik“, in der ihr teils täglich Kanülen gelegt werden für das Narkosemittel. Sie ist Gefangene der Fabrik, in der anschließend die Krampfbehandlung an den narkotisierten Patientinnen und Patienten durchgeführt wird: „Ich konnte ihnen nicht mitteilen, dass ich die Behandlung nicht brauchte. Sie hat mir nie geholfen. Im Gegenteil.“ (Oktoberkind, S. 136) Stattdessen erlebt sie, dass ihr niemand zuhört, sie nichts allein entscheiden darf, während sie zwangseingewiesen ist. 

Lindas Selbstermächtigung

Linda Boström Knausgård beginnt nach einer Zeit der Lethargie und Hoffnungslosigkeit in der als Gefängnis und Fabrik empfundenen Psychiatrie, schreibend gegen ihr Vergessen anzukämpfen.

Mit jedem Wort erobert sie sich ihre Identität und Menschlichkeit zurück. In diesem Sinne verstehe ich „Oktoberkind“ neben der lebensnotwendigen Suche nach Erinnerungen, die durch die Behandlung mit der Elektrokrampftherapie in Teilen zerstört werden, als den Versuch, sich ins Leben zurückzuschreiben. Sich schreibend der eigenen Identität versichern, die Deutungshoheit über das eigene Leben – und ja, auch über das eigene psychische Leiden – zurückzuerobern.

Denn so geschieht etwas Heilsam-Identitätsstiftendes: Aus Karl Ove Knausgårds „Erzählen über sie“ formt Linda Boström Knausgård eine selbstbestimmte und selbstbewusste schriftstellerisch-poetische Handlung, ein „Erzählen über mich“.

Autorinnen-Vita Linda Boström Knausgård

Linda Boström Knausgård, geboren 1972, ist Autorin von Gedichten, Erzählungen und Romanen. Sie lebt in Stockholm und hat vier Kinder. Für ihr Werk, das in mehrere Sprachen übersetzt ist, erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen. Ihr Roman „Willkommen in Amerika“ war unter anderem für den renommierten Augustpriset nominiert. Ihr Roman „Oktoberkind“ wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt und für den International DUBLIN Literary Award nominiert (Quelle: Schöffling-Verlag).

Fußnoten

  1. Boström Knausgård, Linda: Oktoberkind, 2022 (Schöffling & Co), siehe: https://www.schoeffling.de/produkt/oktoberkind-ebook/
    ↩︎
  2. Hille, Nora: Oktoberkind. Der Versuch einer respektvollen Annährung an das Schreiben und Leben von Linda Boström Knausgård. In: experimenta – Magazin für Literatur, Kunst und Gesellschaft, 10/2023. Online verfügbar unter: https://experimenta.de/archiv/2023/experimenta-10_23_Oktober_ES.pdf ↩︎

Mad in Deutschland veröffentlicht Blogbeiträge einer vielfältigen Gruppe von Autor:innen. Diese Beiträge sollen zur Diskussion über Psychiatrie und ihre Behandlungsmethoden in Deutschland anregen. Die geäußerten Meinungen sind die der Autor:innen.

Nora Hille
Nora Hille
Nora Hille, Jahrgang 1975, Studium Geschichte, Literatur- und Medienwissenschaften, umfassende Berufserfahrung im Bereich Kommunikation, aus gesundheitlichen Gründen berentet. Schreibt als Betroffene und Erfahrungsexpertin zu den Themen mentale Gesundheit und psychische Erkrankungen Bücher, Artikel, Essays und Gedichte (gerne die traditionelle japanische Kurzform Haikus), langjährige Kolumne beim Online-Magazin femalExperts. Außerdem engagiert sie sich für Anti-Stigma-Arbeit, also gegen die Ausgrenzung psychisch erkrankter Menschen in unserer Gesellschaft, für mehr Miteinander, Toleranz und Gleichberechtigung. Sie ist Botschafterin für mentale Gesundheit und Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Bipolare Störungen e.V. (DGBS). Bücher: “Endlich entspannt schlafen. Wie ich durch Schlaf-App und Journaling meine langjährigen Schlafstörungen überwand – und was auch dir helfen kann” (moockbooks, 20026). „Wenn unsere Seele Hilfe braucht. Ermutigende Kurzgeschichten, die zeigen: Reden hilft!“ (Kinderbuch, Zaradiso Verlag, 2026). „Wenn Licht die Finsternis besiegt. Mit bipolarer Erkrankung Leben, Familie und Partnerschaft positiv gestalten.“ (Erzählendes Sachbuch, Palomaa Publishing, 2023).

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