Anmerkung der Redaktion: Dieser Artikel erschien ursprünglich auf unserer Partnerseite Mad in America am 04.06.2026.
„Die entscheidende Frage in der Psychiatrie sollte nicht lauten: ‚Was stimmt nicht mit dir?‘, sondern: ‚Was ist dir widerfahren?‘“ (Jacqui Dillon)
Über zwanzig Jahre lang lebte ich in dem, was ich heute als mentale Hölle (im Original: mental hellness) bezeichne. Das ist zwar keine Störung im Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, aber ich vermute, es würde dort besser hineinpassen als so manch andere Sache, die drin steht.
Wie viele Geschichten, die durch diese mentale Hölle führen, begann meine nicht in der Psychiatrie. Sie begann mit dem Stress des Lebens – jener Art von Stress, die sich langsam anstaut und dann still und heimlich zu viel Raum einnimmt.
Das Leben passierte, und das nicht gerade zimperlich. Beruf, Kinder und Verpflichtungen brachten den ganz normalen Druck des Erwachsenenlebens mit sich. Ich betrachtete das, was ich erlebte, als Teil davon, nicht als Krankheit. Ich dachte nicht, dass irgendetwas furchtbar schief lief. Ich dachte, ich würde die Dinge unter Stress am Laufen halten, so wie Menschen das eben tun. Bis mein Körper, der offensichtlich weniger an Verleugnung interessiert war als ich, sich bemerkbar machte.

Ich bekam Herzsymptome, die so schwerwiegend waren, dass mein Hausarzt mich zu einem Kardiologen schickte. Natürlich ging ich davon aus, dass es eine körperliche Erklärung geben würde. Etwas Konkretes, das man beim Namen nennen konnte. Etwas, das man, sobald es identifiziert war, beheben würde.
Die Kardiologin führte die üblichen Untersuchungen durch, hörte zu, beobachtete und sagte mir dann, es handele sich um eine supraventrikuläre Tachykardie – Episoden von Herzrasen, die sich extrem furchteinflößend anfühlen können, wenn sie auftreten. Mir wurde ein Betablocker verschrieben, um das Ganze zu verlangsamen, und damals schien es ganz einfach: Herzproblem, Herztablette, Problem gelöst.
Aber das Gespräch blieb nicht beim Herzen. Sie deutete auch an, dass das, was ich erlebte, vielleicht gar nicht kardiologischer, sondern psychologischer Natur sein könnte. Genauer gesagt vermutete sie, ich könnte depressiv sein und empfahl mir, zu meinem Hausarzt zurückzukehren, um dem nachzugehen.
Es fühlte sich wie ein vernünftiger nächster Schritt an, obwohl ich mich daran erinnere, an der Einstufung als Depression gezweifelt zu haben. Ich dachte, ich sei gestresst, nicht depressiv, sagte aber, ich würde einen Arztbesuch in Betracht ziehen. Was ich damals nicht begriff, war, wie viel durch einen einzelnen Schritt ausgelöst werden konnte, der so alltäglich erschien.
Erst sehr viel später kehrte ich zu einer anderen Frage zurück. Betablocker bringen eigene Nebenwirkungen mit sich, darunter Müdigkeit, emotionale Abflachung und Symptome, die denjenigen, die man später als Depression bezeichnet, verdächtig ähnlich sehen können. Das ließ mich fragen, was genau sich eigentlich in meinem Körper abspielte, noch bevor die Psychiatrie überhaupt die Hand an meine Geschichte gelegt hatte.
Als ich zu meinem Hausarzt zurückkehrte, erwartete ich, dass wir mehr Zeit damit verbringen würden, über die Ergebnisse der Kardiologin zu sprechen und darüber, was eine supraventrikuläre Tachykardie für mich bedeutete. Mich interessierte, was zwischen den Ärzt:innen – von Kolleg:in zu Kolleg:in – besprochen worden war und ob es auf etwas hindeutete, das man bezüglich der Herzsymptome an sich noch genauer untersuchen sollte. Ich hatte erwartet, dass das Gespräch in diese Richtung gehen würde.
Stattdessen wechselte das Thema fast augenblicklich zur Depression, und der Ton veränderte sich. Es gab wenig Neugierde bezüglich dessen, was in meinem Leben vor sich ging, und kaum Fragen zum Kontext, zum Stress oder zu meinem Umfeld – obwohl ich selbst das, womit ich kämpfte, genau so verstand.
Mir wurde gesagt, dass das, was ich erlebte, eine Depression sei und dass Depressionen durch ein „chemisches Ungleichgewicht“ im Gehirn verursacht würden. Es wurde auf eine Weise erklärt, die beruhigend, einfach und leicht zu akzeptieren sein sollte. Wie Insulin bei Diabetes. Wie etwas Messbares und Kontrollierbares. Die Botschaft war unmissverständlich: Dies war ein biologisches Problem, nichts, was mit meinem Leben zu tun hatte, und die Lösung waren psychiatrische Medikamente.
Damals lag ein gewisser Trost in dieser Erklärung. Was ich damals noch nicht verstand, war, wie schnell diese Einordnung alles Folgende verengen würde. Sobald das Wort Depression erst einmal im Raum stand, begann es, die ganze Geschichte zu dominieren.
Was folgte, waren über zwanzig Jahre in einem System, das abstempelte, Medikamente verabreichte und die Maßnahmen eskalierte, ohne jemals einen Schritt zurückzutreten, um zu fragen, was mich überhaupt erst dorthin geführt hatte. Ich stand unter starken Medikamenten, wurde Elektroschocks unterzogen, immer wieder hospitalisiert und durch ein System geschleust, das sich selbst als Fürsorge bezeichnete – selbst dann, wenn es sich oft nicht nach Fürsorge anfühlte.
Ein Großteil dieser Zeit existiert in meiner Erinnerung heute nur noch in Fragmenten. Es gibt Phasen, zu denen ich keinen verlässlichen Zugang habe, Ereignisse, an die ich mich nur in Bruchstücken erinnere, und Zeiträume, die so verschwommen sind, dass sie sich anfühlen, als stammten sie aus dem Leben einer anderen Person.
Vor neun Jahren begann ich, die psychiatrischen Medikamente auszuschleichen – mit der Unterstützung meiner Frau, die Heilpraktikerin ist, und des Psychiaters, bei dem ich damals in Behandlung war. Vor sieben Jahren nahm ich meine letzte Tablette und beendete meine Beziehung zur Psychiatrie, obwohl mir prophezeit worden war, dass ich wahrscheinlich lebenslang auf beides angewiesen sein würde.
Was folgte, war nicht der Verfall, vor dem man mich gewarnt hatte. Es war etwas völlig anderes, wenn auch weder leicht noch geradlinig. Das Ausschleichen war phasenweise brutal, körperlich und psychisch fordernd auf eine Weise, auf die ich nicht vorbereitet gewesen war. Die Genesung kam nur langsam – durch eine hart erkämpfte Rückkehr von Erinnerung, Klarheit und dem eigenen Ich.
Das ist von Bedeutung, denn eine Genesung kann ein unangenehmes Beweismittel sein, wenn die Prognose auf eine lebenslange Erkrankung lautete.
Doch die Genesung lieferte nicht auf alles eine Antwort. Im Gegenteil: Als die Erinnerung in Bruchstücken zurückkehrte, schärfte sie den Blick für ganz bestimmte Fragen. Irgendwann ging es nicht mehr darum, wie ich mich fühlte, sondern die Frage wurde viel direkter:
Was war mir eigentlich widerfahren?
Das war es, was mich zu meinen Krankenakten führte.
Ich hatte jahrelang darüber nachgedacht, sie anzufordern, und es dann ebenso lange vor mir hergeschoben. Dann kam die Pandemie und mit ihr genug Zeit, um das Aufschieben zu beenden. Ich führte die Telefonate, füllte die Formulare aus und brachte den Prozess ins Rollen.
Während ich auf die Akten wartete, schrieb ich in mein Tagebuch darüber, was ich zu finden erwartete und was ich zu entdecken befürchtete. Wenn ich diese Einträge heute lese, fällt mir vor allem auf, dass ich dem Narrativ, das man mir verpasst hatte, immer noch glaubte. Ich sprach ohne Zögern von „meiner psychischen Erkrankung“. Ich beschrieb den Elektroschock als Behandlung. Ich schrieb als jemand, der sich immer noch innerhalb der Geschichte befand.
Was schließlich ankam, waren über zweitausend Seiten meines Lebens, geschrieben von anderen Menschen. Eine Version von mir, übersetzt in eine klinische Sprache, gefiltert durch Diagnosen, Beobachtungen und Entscheidungen. Und erst durch diese Akten wurde mir das Ausmaß des Ganzen endgültig bewusst.
- Fünf psychiatrische Diagnosen (Labels).
- Einundzwanzig psychiatrische Medikamente.
- Neununddreißig Runden Elektroschock-„Therapie“.
- Und, zu meinem Entsetzen, Dokumente, die acht Suizidversuche belegten.
Ich wusste, dass es Versuche gegeben hatte, aber ich hatte keine Ahnung, dass es so viele waren, bis ich es in meinen Akten sah. Heute betrachte ich diese Versuche als Reaktionen auf tiefgreifende Verletzungen – einschließlich dessen, was die starken Medikamente und die Elektroschocks mit mir machten. Es schwarz auf weiß vor sich zu sehen, fühlte sich an, als würde man eine Bestandsaufnahme des Schadens entdecken. Es war ein erstaunliches Ausmaß an Interventionen für jemanden, dessen Zustand sich immer weiter verschlechterte.
Die Dinge begannen sich zu verschieben, als ich anfing, mehr zu lesen – nicht nur meine Akten, sondern auch die umfassendere Geschichte und die Behauptungen der Psychiatrie. Was ich dort fand, deckte sich nicht so lückenlos, wie ich es erwartet hatte, besonders als mir klar wurde, dass es keinerlei Tests gab, die meine Diagnosen bestätigten. Kein Scan, kein Biomarker. Nichts Konkretes hinter all der Gewissheit.
Beim Durchsehen dieser Seiten fiel es mir schwer, das, was ich erlebt hatte, von dem zu trennen, was sie über mich geschrieben hatten. Die Worte auf den Seiten waren in einer so selbstsicheren Sprache verfasst, und die Schlussfolgerungen waren eindeutig, aber die Ergebnisse passten nicht immer dazu.
Wenn ich auf all das zurückblicke, was mir widerfahren ist, sehe ich meine Geschichte nicht mehr bloß als persönliche Vergangenheit, sondern als einen Grund, die Frage zu stellen, wie das System normale menschliche Emotionen in Störungen des Gehirns verwandeln kann.
Wie oft werden Menschen abgestempelt und unter Medikamente gesetzt, obwohl das, was sie in sich tragen, vielleicht Trauma, Stress, Trauer oder einfach nur die Last des Menschseins ist? Das ist womöglich einer der grausamsten Tricks der Psychiatrie: Menschen davon zu überzeugen, dass ihr Menschsein die Fehlfunktion war.