Anmerkung der Redaktion: Dieser Beitrag erschien zuerst auf unserer Partnerseite Mad in America am 17.07.2026.
Im Juli befasste sich Mad in America mit drei Artikeln zu den negativen Auswirkungen der Psychotherapie. Der erste gibt einen Überblick über die Literatur zu negativen Auswirkungen in der Therapie, einschließlich ihrer Häufigkeit, Ursachen und anfälliger Bevölkerungsgruppen. Der zweite untersucht den „Nocebo“-Effekt in der Therapie und wie negative Erwartungen zu schlechteren Behandlungsergebnissen führen können. Der dritte kommt zu dem Ergebnis, dass sich Behandler:innen über die negativen Auswirkungen der Therapie uneinig sind, von Patient:innen berichtete negative Auswirkungen häufig als nicht therapiebedingt abtun und der Ansicht sind, dass sich verschlimmernde Symptome und Stress unvermeidbar sind.

Unerwünschte Ereignisse in der Psychotherapie
Eine neue narrative Übersichtsarbeit, die im Industrial Psychiatry Journal veröffentlicht wurde, untersucht die Prävalenz und die Ursachen negativer Ereignisse in der Psychotherapie. Die Autor:innen unter der Leitung von Dushad Ram von der Shaqra-Universität in Saudi-Arabien berichten, dass eine beträchtliche Anzahl von Patient:innen und Nutzer:innen von Gesundheitsdienstleistungen unerwünschte Ereignisse und negative Auswirkungen der Psychotherapie erlebt. Bei Verwendung einer weit gefassten Definition von „unerwünschten Ereignissen“, die unter anderem unerfüllte Erwartungen und allgemeine Unzufriedenheit umfasst, berichtet eine überwältigende Mehrheit (95,6 %) der Patient:innen und Nutzer:innen von Gesundheitsdienstleistungen von solchen Erfahrungen.
Die Gesamtprävalenz unerwünschter Ereignisse in der Psychotherapie lässt sich aufgrund fehlender standardisierter Definitionen nur schwer einschätzen. Die Autor:innen weisen zudem darauf hin, dass solche Ereignisse häufig nicht gemeldet werden, was die Ermittlung der Prävalenzzahlen zusätzlich erschwert. Negative Therapieergebnisse lassen sich im Allgemeinen in drei verschiedene Kategorien einteilen. Erstens sind vorhersehbare Nebenwirkungen unbeabsichtigte, aber negative Erfahrungen, die als Folge einer korrekt durchgeführten Behandlung auftreten. Dazu können beispielsweise vorübergehende emotionale Belastungen nach einer Sitzung oder ein Anstieg der Angst während einer Expositionstherapie gehören. Diese negativen Ereignisse sind häufig und werden von 33 % bis 41 % der Patient:innen und Klient:innen berichtet.
Zweitens beschreiben unerwünschte Wirkungen unerwartete und schädliche Folgen der Therapie. Dazu können beispielsweise neue Symptome, eine Verschlimmerung der ursprünglichen Symptome, angespannte familiäre Beziehungen oder das Gefühl eines vollständigen Kontrollverlusts gehören. Diese Ereignisse sind seltener; 5 % bis 10 % der Patient:innen und Klient:innen berichten von unerwünschten Wirkungen.
Drittens umfassen Behandlungsfehler und unethisches Verhalten Dinge wie Fehldiagnosen, Grenzüberschreitungen, sexuelle Belästigung und unangemessene Dynamiken zwischen Therapeut:innen und Klient:innen. 2,6 % der Patient:innen und Klient:innen berichten von schwerwiegendem Behandlungsfehler.
Die Autor:innen identifizieren mehrere Faktoren, die zu negativen Ereignissen in der Psychotherapie beitragen. Therapeutenbezogene Faktoren wie mangelhafte Ausbildung, Inflexibilität, fehlendes Einfühlungsvermögen, Fehldiagnosen, eine schwache therapeutische Allianz, ungelöste Brüche in der Therapie, falsche oder überstürzte Interventionen, das Versäumnis, Fortschritte und negative Auswirkungen zu überwachen, sowie das Versäumnis, eine angemessene Einwilligung nach Aufklärung einzuholen, können zu vermeidbaren Nebenwirkungen, unerwünschten Wirkungen und möglichen Behandlungsfehlern führen. Auch eine Fehlanpassung zwischen Patient:in und Therapeut:in – wie das Aufzwingen kognitiv-verhaltenstherapeutischer Ansätze bei jemandem, der eine Psychoanalyse wünscht, oder kulturelle Unsensibilität seitens der Therapeut:innen – trägt zu negativen Ereignissen bei. Bestimmte patientenseitige Faktoren wie starke Angstzustände, schwere Depressionen und geringe Selbstreflexion stehen mit einer höheren Häufigkeit negativer Ereignisse in der Therapie in Zusammenhang. Externe Faktoren, wie beispielsweise negative Lebensereignisse, können ebenfalls zu schlechten Therapieergebnissen führen.
Die Autor:innen weisen auf drei Gruppen hin, bei denen negative Ereignisse in der Therapie am wahrscheinlichsten auftreten. Junge Menschen berichten häufiger von einer schwachen therapeutischen Allianz und einer Verschlimmerung der Symptome während der Therapie. Trauma-Überlebende können besonders anfällig für schwere emotionale Belastungen sein, wenn die Therapie überstürzt durchgeführt wird oder das Thema ihres Traumas unsensibel behandelt wird. Ethnische und kulturelle Minderheiten sind häufiger von therapiebedingten Schäden betroffen, da es den Therapeut:innen an kultureller Kompetenz mangelt und sie westlich geprägte Modelle anwenden, die nicht mit den kulturellen Werten der Patient:innen und Nutzer:innen von Gesundheitsdienstleistungen übereinstimmen.
Die Autor:innen empfehlen eine standardisierte Überwachung unerwünschter Ereignisse, regelmäßige Befragungen von Patient:innen und Klient:innen zu ihren Therapieerfahrungen sowie eine bessere Ausbildung der Therapeut:innen, um negative Ereignisse in der Therapie zu minimieren.
Der Nocebo-Effekt in der Psychotherapie
Der „Nocebo-Effekt“ beschreibt, wenn eine Behandlung aufgrund der Erwartungen der Patient:innen oder Klient:innen, der Kommunikation der Therapeut:innen oder des therapeutischen Kontexts negative Auswirkungen hat. Ein neuer Artikel, der in Current Opinion in Psychology veröffentlicht wurde, untersucht den Nocebo-Effekt in der Psychotherapie. Die Autorin, Andrea W. M. Evers von der Universität Leiden in den Niederlanden argumentiert, dass der Nocebo-Effekt in der Psychotherapie fünf Hauptursachen hat: negative Erwartungen, frühere Behandlungserfahrungen, Kommunikation und Ausbildung der Therapeut:innen, soziales Lernen sowie kontextuelle Faktoren.
Negative Erwartungen, dass eine Psychotherapie schmerzhaft, konfrontativ oder wirkungslos sein wird, können zu Angst, einer Verschlimmerung der Symptome und einer verminderten Therapietreue führen. Frühere negative Therapieerfahrungen, insbesondere bei chronischen Fällen, können negative Erwartungen an eine zukünftige Therapie begründen. Der Autorin zufolge führt eine „evolutionäre Verzerrung“ beim Menschen dazu, dass negative Erfahrungen gegenüber positiven priorisiert werden. Das bedeutet, dass vergangene negative Therapieerfahrungen äußerst schwer zu überwinden sind und zu schlechteren aktuellen Therapieergebnissen führen können.
Soziales Lernen, wie zum Beispiel negative Äußerungen über Therapie von Familie, Freund:innen oder in sozialen Medien, kann zu negativen Erwartungen und einer schlechteren Therapieerfahrung führen. Kontextuelle Faktoren, wie die Einordnung auf eine lange Warteliste, können bereits vor Beginn der Therapie negative Emotionen und eine Verschlechterung der Symptome zur Folge haben.
Auch die Art und Weise, wie Therapeut:innen kommunizieren, kann Stress auslösen und zu schlechteren Therapieergebnissen führen. Dies kann durch eine übermäßige Betonung der Schwierigkeiten beim Erreichen von Fortschritten oder bei der Erörterung möglicher negativer Auswirkungen der Therapie geschehen. Die Unfähigkeit, eine starke therapeutische Allianz aufzubauen, sowie ein Mangel an Empathie seitens der Therapeut:innen können negative Auswirkungen in der Therapie verursachen, ebenso wie eine unzureichende Erläuterung der Behandlungsgrundlagen.
Die Autorin weist darauf hin, dass es mehrere Instrumente zur Bewertung der negativen Auswirkungen in der Psychotherapie gibt, von denen einige jedoch das Risiko bergen, die Teilnehmer:innen dazu zu veranlassen, sich stärker an negative Effekte zu erinnern, da der Fokus auf den in der Therapie aufgetretenen negativen Auswirkungen liegt. Der Fragebogen „Positive and Negative Experiences in Psychotherapy“ ist ein neueres Instrument zur Erfassung schädlicher Auswirkungen in der Therapie, das eine negative Voreinstellung vermeidet, indem sowohl nach positiven als auch nach negativen Effekten gefragt wird.
Evers stellt vier Strategien vor, die den Nocebo-Effekt in der Therapie abmildern und möglicherweise umkehren können. Die Steuerung der Patientenerwartungen durch klare und umfassende Erklärungen zur Behandlungsgrundlage sowie eine ausgewogene Darstellung potenzieller positiver und negativer Auswirkungen der Therapie können die Ängste der Patient:innen verringern. Die Optimierung der therapeutischen Beziehung durch Herzlichkeit, Empathie und ein positives Umfeld, in dem sich die Patient:in sicher fühlt, verringert negative Auswirkungen.
Der Einsatz von Selbstauskunfts-Screening-Fragebögen zur Identifizierung von Patient:innen, die übermäßige Sorgen bezüglich der Therapie haben oder in der Vergangenheit negative Therapieerfahrungen gemacht haben, ermöglicht es den Therapeut:innen, die Behandlung individuell anzupassen, um spezifische Nocebo-Auslöser zu vermeiden. In Fällen, in denen negative Erwartungen bei den Klient:innen oder Patient:innen tief verwurzelt sind, empfiehlt die Autorin die Aufarbeitung vergangener traumatischer oder negativer Behandlungserfahrungen als Teil der Therapie, um den Nocebo-Effekt zu minimieren.
Therapeut:innen sind sich über negative Auswirkungen der Therapie uneinig, tun von Patient:innen berichtete Nebenwirkungen häufig als irrelevant ab und glauben, dass sich verschlimmernde Symptome und Stress unvermeidbar sind
Zwei neue niederländische Studien, die in Clinical Psychology & Psychotherapy veröffentlicht wurden, kommen zu dem Ergebnis, dass viele Therapeut:innen negative Auswirkungen wie erhöhten Stress und eine Verschlimmerung der Symptome in der Therapie als unvermeidbar betrachten, keine Einwilligung nach Aufklärung einholen und sich oft weder darüber einig sind, was als negativer Therapieeffekt gilt, noch darüber, ob diese Effekte vermeidbar sind. Diese von Sanne T. L. Houben von der Universität Maastricht in den Niederlanden geleitete Untersuchung zeigt zudem, dass eine erhebliche Anzahl von klinisch Tätigen von Patient:innen berichtete negative Effekte – wie etwa eine Abhängigkeit von der therapierenden Person – nicht als therapiebedingt anerkennt.
Ziel dieser Untersuchung war es, die Vertrautheit niederländischer Behandler:innen mit negativen Auswirkungen der Therapie zu bewerten, zu ermitteln, wie sie negative Auswirkungen konzeptualisieren und definieren, sowie die Häufigkeit und Art und Weise zu untersuchen, in der Behandler:innen Patient:innen und Nutzer:innen von Gesundheitsdienstleistungen mögliche negative Auswirkungen der Therapie offenlegen.
Dieser Artikel berichtet über zwei separate Studien, die von den Autor:innen durchgeführt wurden. Bei beiden wurden Online-Umfragen genutzt, um Daten von niederländischen klinischen Psycholog:innen und Psychotherapeut:innen zu erheben. Die erste Studie mit 58 Teilnehmer:innen untersuchte das allgemeine Bewusstsein, den Wissensstand und die konzeptionellen Definitionen negativer Effekte in der Psychotherapie. In der zweiten Studie mit 64 Teilnehmer:innen wurden die Behandler:innen gebeten, von Patient:innen und Nutzer:innen von Gesundheitsdienstleistungen angegebene negative Therapieeffekte als vermeidbar, unvermeidbar oder nicht existent (d. h. nicht durch die Therapie verursacht) einzustufen.
Bemerkenswerterweise war ein erheblicher Teil der Behandler:innen der Ansicht, dass die folgenden negativen Therapieeffekte unvermeidbar seien, was bedeutet, dass sie, sobald sie auftreten, durch keine Maßnahme der Behandler:in verhindert werden könnten:
- Verschlimmerung des Symptoms, das die Patient:innen dazu veranlasst hatte, eine Therapie in Anspruch zu nehmen (54,8 %)
- Erhöhter Stress (71 %)
- Keine Linderung der Symptome, die durch die Therapie behandelt werden sollten (69,7 %)
- Allgemeines schlechteres Befinden (51,6 %)
- Schlafstörungen (41,9 %)
- Bedrückte Stimmung (38,7 %)
- Zunehmende Ängste (32,3)
- Suizidgedanken (19,4 %)
- Verschlechterung der Beziehungen zu Familie und Freund:innen (36,4 %)
- Zunehmende Konflikte mit dem Partner (48,5 %)
Zwischen 51 % (Studie 1) und 61 % (Studie 2) der Teilnehmer:innen gaben an, mit den negativen Auswirkungen einer Therapie vertraut zu sein. Nur 70 % derjenigen, die mit den negativen Auswirkungen der Therapie vertraut waren, sprachen diese negativen Auswirkungen aktiv mit ihren Klient:innen an. Nur 32,1 % der Therapeut:innen, die mit den negativen Auswirkungen der Therapie wenig vertraut waren, gaben an, Nebenwirkungen mit ihren Klient:innen zu besprechen. Dies bedeutet, dass ein erheblicher Teil der Therapeut:innen es versäumt, eine informierte Einwilligung hinsichtlich möglicher negativer Auswirkungen der Therapie einzuholen.
Es gab erhebliche Meinungsverschiedenheiten darüber, was eine negative Auswirkung der Therapie darstellt und welche negativen Auswirkungen vermeidbar sind. Therapeut:innen taten von Patient:innen und Klient:innen berichtete negative Auswirkungen zudem häufig als nicht therapiebedingt ab. In Studie 2 glaubten beispielsweise 51,6 % der Teilnehmer:innen, dass ein Sich-Schlechter-Fühlen der Patient:innen eine negative Auswirkung der Therapie darstellte, während 48,8 % dies als nicht therapiebedingt abtaten. Die Angst vor Stigmatisierung, falls bekannt würde, dass man in Therapie ist, wurde von 51,6 % der Teilnehmer:innen als negative Auswirkung anerkannt und von 48,5 % als nicht relevant abgetan. Weniger Chancen auf dem Arbeitsmarkt infolge der Therapie wurden von 51,5 % der Teilnehmer:innen als negativer Effekt angesehen und von 48,5 % als nicht damit zusammenhängend abgetan.
Eine düstere Stimmung wurde von 38,7 % der Teilnehmer:innen als unvermeidbarer negativer Effekt der Therapie angesehen und von genau denselben 38,7 % als vermeidbar. Eine Verschlechterung der Beziehungen zu Familie und Freund:innen wurde von 36,4 % der Teilnehmer:innen als unvermeidbare Folge der Therapie angesehen, während 45,5 % der Meinung waren, dass dies vermeidbar sei. Dass die Patient:in dazu gebracht werde, zu viel über sich selbst nachzudenken, wurde von 43,3 % der Teilnehmer:innen als unvermeidbarer negativer Effekt der Therapie angesehen, während 36,7 % dies als vermeidbar betrachteten.
Dies bedeutet, dass sich die Therapeut:innen hinsichtlich der negativen Auswirkungen der Therapie sowohl mit ihren Kolleg:innen als auch mit ihren Klient:innen weitgehend uneinig waren.
Diese Untersuchung wies drei wesentliche Einschränkungen auf. Da es sich bei den Umfragen um Selbstauskünfte handelte, bestand die Gefahr, dass die Therapeut:innen eher das angaben, was wünschenswert war, als das, was der Wahrheit entsprach. Die Stichprobengröße war bei beiden Studien gering. Die Daten stammten ausschließlich von niederländischen Therapeut:innen, was die Verallgemeinerbarkeit auf andere Bevölkerungsgruppen einschränkt.
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Evers, A. W. M. (2026). The nocebo effect in psychotherapy. Current Opinion in Psychology, 69, 102274. (Link)
Houben, S. T. L., Backus, A. C. P., Merckelbach, H., & Dandachi‐FitzGerald, B. (2026). Exploring the overlooked: Dutch clinicians’ perspectives on side effects of psychological interventions. Clinical Psychology & Psychotherapy, 33(1). (Link)
Ram, D., Manjunatha, N., & Bada Math, S. (2026). Negative events in Psychotherapy: A narrative review. Industrial Psychiatry Journal, 35(1), 15–24. (Link)