Das griechische Wort Iatrogenese (von iatros = Arzt und genesis = Ursprung) bezeichnet direkte Gesundheitsschäden aufgrund medizinischer Behandlungen wie beispielsweise Nebenwirkungen von Medikamenten.
Als ich am 01.01.2025 aus meiner Akathisie-Hölle, die sich wie ein Delirium angefühlt hat, aufwachte, bewegten mich neben meinem Grundgefühl der Wut hauptsächlich drei Fragen: Wie hatte es so weit kommen können? Wie kann ich das, was in den letzten 16 Jahren psychiatrischer Behandlung mit mir passiert ist, einordnen und für mich persönlich verstehbar machen? Und: Wie geht Genesung von psychiatrischer Behandlung?
Diese Geschichte knüpft an “Ich habe überlebt – oder warum unsere Leben keine Anekdoten sind” an. Wie bereits darin beschrieben, brach für mich 2024 eine Welt zusammen. Meine Welt und auch die meines Mannes sowie meiner Angehörigen. Ich verbrachte neun Monate in einer unfassbaren Hölle namens Akathisie. Akathisie ist eine neurologische Störung, die auch von Antidepressiva oder dem Entzug davon ausgelöst werden kann.
Insgesamt wurden mir und meiner Familie fast ein Jahr meines Lebens gestohlen. Aber ich habe überlebt.
Wie ich psychiatrisiert wurde – Iatrogenese Teil 1
Mein erstes Medikament war kein Psychopharmakon, es war ein Mittel zur Empfängnisverhütung: die “Pille”. Ich erhielt sie mit 15 Jahren. In meiner Generation war das ein ganz normaler Vorgang, es war fast schon ein Initiationsritus. Erst mit der Pille wurde man zur „echten Frau“. Alle meine Freundinnen nahmen die Pille, sobald sie ihren ersten Freund hatten. Alle meine Freundinnen bekamen davon migräneartige Kopfschmerzen. Ich auch. Das waren meine allerersten iatrogenen Beschwerden.
Nach Beginn der Pilleneinnahme veränderten sich bei mir die Dinge schleichend. Körperliche Beschwerden waren neben den migräneartigen Kopfschmerzen Kreislaufbeschwerden und ständiges Frieren. Aber auch psychisch ergaben sich Veränderungen. Obwohl ich seit jeher eine sehr gute Schülerin war, entwickelte ich immer mehr Ängste vor Klausuren, Referaten etc. Das war völlig irrational, denn alle Fächer sowie das Lernen fielen mir leicht. Auch soziale Ängste, die ich nie zuvor hatte, gesellten sich dazu. Mein Umgang mit Schule, Lernen und Prüfungen erlebte einen fundamentalen Wandel. Bis dahin war ich fröhlich, unbeschwert und selbstbewusst. Plötzlich bekam ich alle möglichen Ängste und Selbstzweifel. Sie wurden mehr und mehr, obwohl ich fast immer Klassenbeste war. Es war, als könnten die positiven Erfahrungen überhaupt nicht in mir ankern. Meine Zweifel wuchsen, egal wie gut meine Leistungen waren.
Die Zeit bis zum Abitur und um das Abitur herum war die bis dahin anstrengendste und schlimmste meines Lebens. Ich hatte unfassbare Angst zu versagen, das Abitur nicht zu bestehen. Dabei war mein Notenschnitt bis zu den schriftlichen Prüfungen eigentlich schon so, dass ich kaum noch durchfallen konnte. Selbstverständlich bestand ich das Abitur. Mit 1,0. Ich war die Schulbeste. Und ich war fix und fertig. Nach dem Abitur fühlte ich mich unfassbar ausgebrannt, ja fast schon depressiv.
Inzwischen gibt es immer mehr Studien, die einen Zusammenhang zwischen der Pille und Depression zeigen (Johansson et al., 2023), der Arzneimittelbrief geht von einem kausalen Zusammenhang aus. Auch steht die Pille in engem Zusammenhang mit der Verordnung von Antidepressiva (Skovlund et al., 2016).
Iatrogenese Teil 2 – eine Pille folgt der nächsten
Auch für mich war die Pille quasi das Gateway-Medikament zu Psychopharmaka: Mit 19 Jahren wurde mir das erste SSRI namens Paroxetin verschrieben. Der Psychiater fragte nicht einmal nach, ob ich noch andere Medikamente nehme. Es war einfach von Anfang an klar, dass meine Symptome psychischer Natur sein müssen. Die erste Diagnose lautete irgendetwas mit Prüfungsangst und ängstlichen und depressiven Symptomen. Der Psychiater erklärte, dass ich wohl mit Perfektionismus mein geringes Selbstvertrauen ausgleichen wolle.
Rückblickend finde ich das relativ absurd und vor allem auch sehr gefährlich: Mir wurde quasi vermittelt, dass meine Leistungen nur aus Perfektionismus herrühren und nicht genuin auf meiner Kompetenz beruhen. Durch diesen Besuch beim Psychiater war mir jedenfalls klar, dass mit mir und meiner Psyche irgendetwas nicht stimmte. Das hat mein Selbstbild als 19-Jährige in seinen Grundfesten erschüttert.
Gleichzeitig wurde beginnend mit der psychiatrischen Behandlung meine körperliche und psychische Verfassung durch die Medikamente stets schlechter. Dies spiegelte sich auch in den Diagnosen wider: sie wurden schlimmer und schlimmer. Von ein bisschen Angst vor Prüfungen war ich am Ende bei der rezidivierenden Depression mit schweren Episoden angelangt. Und auch medikamentös kam es zur Eskalation: Irgendwann reichte ein Medikament nicht mehr aus mir zu “helfen” und so nahm das Unheil seinen Lauf. Ich landete irgendwann auf einer Polymedikation, bestehend aus drei (!) sogenannten Antidepressiva plus Betablocker, denn mein Ruhepuls lag nun über 100 trotz sehr sportlicher Konstitution. Aber naja, auch das lag natürlich an meiner Psyche und nicht an den Medikamenten. Wie es überhaupt dazu kommen konnte, verstand ich erst nach meinem ersten Erwachen.
Erwachen Teil 1: nach 12 Jahren “Pille”
Ein erstes Erwachen gab es, als ich die Pille nach 12 Jahren der Einnahme absetzte: Es war wie das Erwachen aus einem düsteren, graugeschleierten, farblosen und wenig lebendigen Albtraum. Erst da merkte ich, was dieses Mittel mit mir gemacht hatte. Mein erinnerbares und bewusst wahrgenommenes Erwachsenenleben begann nämlich zu genau diesem Zeitpunkt, als ich die Pille abgesetzt habe. Als hätte man meinem Leben auf einmal Farbe eingehaucht. Erst als der Schleier durch die Pille weg war, konnte ich anfangen herauszufinden, was mir in meinem Leben wichtig ist, was ich erreichen möchte, worin meine Interessen (neben dem Funktionieren) liegen, welches Bild ich von der Welt habe und wie ich mein Leben leben möchte. Ich war zu diesem Zeitpunkt 27 Jahre alt.
Diese Veränderung, die mit dem Absetzen der Pille begann, zeigt sich auch in meiner Biografie. Nach einigen Jahren in der Software-Entwicklung suchte ich mir einen anderen Job, der sehr viel mehr menschlichen Kontakt erforderte. Ich suchte mir den Job, den ich unter Einnahme der Pille nie hätte machen können: Beratung an der Schnittstelle zwischen Mensch und Software. Zu diesem Job gehörte es, mit Menschen zu reden sowie vor Menschen zu stehen und zu sprechen. Aus diesem Grund besuchte ich unzählige Fortbildungen sowohl innerhalb als auch außerhalb meiner Arbeitszeit. Zum ersten Mal seit der Schulzeit vor der Pille machte mir Lernen wieder Spaß. Mein Bedürfnis nach Wissenserwerb und Kompetenzgewinn war endlich zurück.
Wie mir das Kohärenzgefühl genommen wurde
Durch diesen Job stieß ich über das Thema der Resilienz auf das Salutogenese-Modell des Medizinsoziologen Aaron Antonovsky (Antonovsky, 1988). Es ist eines der wichtigsten Modelle zur Erklärung von Gesundheit. Die zentrale Frage in diesem Modell ist: “Wie entsteht Gesundheit und wie wird sie gewahrt?” Das Schlüsselkonzept darin ist das Kohärenzgefühl. Beim Kohärenzgefühl geht es darum, ob das eigene Leben als verstehbar, bewältigbar und sinnhaft erlebt wird. Laut Antonovsky sind Menschen mit einem hohen Gefühl der Kohärenz besser in der Lage, ihre Stressoren zu bewältigen. Menschen mit einem niedrigen Kohärenzgefühl haben dagegen Schwierigkeiten, mit den Belastungen in ihrem Leben umzugehen.
Mir wurde dieses Kohärenzgefühl lange Jahre, über die Dauer der psychiatrischen Behandlung, genommen. Ich litt – beginnend mit der ersten psychopharmakologischen Behandlung mit einem SSRI und dem anschließenden Absetzen – unter unerklärlichen und in regelmäßigen Abständen wiederkehrenden psychischen Symptomen, für die es keine Auslöser im Außen gab.
Gleichzeitig war ich eine ganz vorzügliche Patientin, tat ich doch stets alles, was Ärztinnen und Ärzte und Therapeut:innen mir empfahlen und was man auch in allen möglichen Selbsthilfe-Ratgebern nachlesen kann: Psychotherapie, Sport, gesunde Ernährung, abwechslungsreiche Hobbys, soziale Kontakte, geregelter Tagesablauf, kein Vermeidungsverhalten zeigen, …
Doch all das nützte nichts. Immer wieder überkamen mich Wellen von Symptomen wie Schlafstörungen, Herzrasen, Ängste, Stressintoleranz, Grübelzwang, innere Leere, … Diese kamen immer dann, wenn ich aufgrund von unerträglichen “Nebenwirkungen” wie sexueller Dysfunktion das SSRI abgesetzt hatte. Und mit der Wiedereinnahme der Substanz verschwanden diese körperlichen und psychischen Symptome in kürzester Zeit, dafür gab es dann eben die “Nebenwirkungen”.
Dingen auf den Grund zu gehen, sie zu verstehen und erklären zu können, war mir immer wichtig. Auch anderen Menschen Dinge zu erklären, macht mir Spaß. Als Schülerin und Studentin gab ich anderen Schüler:innen Nachhilfe, beruflich gehörte das Konzipieren und Durchführen von Seminaren zu meinen Aufgaben. Komplexe Sachverhalte so aufzubereiten, dass sie gut und einfach zu verstehen sind, war eine wichtige Kompetenz von mir.
In meiner Arbeit ging es oft darum, für andere Menschen Klarheit und Struktur zu schaffen, Implizites explizit zu machen und die richtigen Menschen zu einem persönlichen Gespräch zusammenzubringen. Ich habe diese Arbeit wirklich gerne gemacht. Und gleichzeitig war es für mich kaum möglich, mein eigenes Leben zu verstehen. Für mich gab es keine Klarheit, egal was ich versuchte.
Wo kamen all die Symptome ständig her? Wieso fühlte ich mich so oft völlig unsicher, ängstlich und innerlich leer, obwohl ich alles tat, was medizinisches Fachpersonal mir sagte? Wieso nützte Selbstreflexion und das Einlassen auf Coachings, Therapien, Weiterbildungen, Selbststudium einschlägiger Fachliteratur und Ratgebern mir nichts? Wieso gab es nie eine stabile Identität, ein stabiles Selbstbewusstsein, wieso war alles immer so brüchig? Ich erinnere mich, dass ich mal zu einer Hausärztin sagte: “Mein Leben ist wie eine Sinus-Kurve: Es geht ständig auf und ab.” Und damit waren nicht äußere Gegebenheiten gemeint.
Während ich das schreibe, frage ich mich: Welche Diagnosen würden Psychiater:innen wohl aus diesem Text ableiten? Eine Persönlichkeitsstörung?
Ich möchte nicht wissen, wie viele Menschen eine neue psychiatrische Diagnose allein wegen der iatrogenen Symptome von Antidepressiva erhalten. Literaturbelege zeigen, dass post-akute Entzugssyndrome Kriterien für bipolare Störungen, Angststörungen oder emotionale Labilität erfüllen können (Chouinard & Chouinard, 2015; Lerner & Klein, 2019) und damit DSM-Diagnosen verfälschen können (Cosci et al., 2024). Wichtig ist: Diese psychischen Entzugssymptome treten unabhängig von der ursprünglichen Indikation auf – also auch bei einer Verschreibung gegen Schmerzen statt gegen Depressionen (Moncrieff et al., 2024).
Mir hat die Iatrogenese das Kohärenzgefühl genommen. Angesichts der massiven Verordnungsvolumina von Antidepressiva frage ich mich, wie vielen Menschen es vielleicht ähnlich geht? Verlieren auch andere Menschen aufgrund der unerklärlichen (iatrogenen) Symptome das Kohärenzgefühl? Oder trägt für sie einfach die seit den 1990ern mit der Einführung der SSRI verbreitete Erzählung, dass Depressionen biologische Ursachen haben (Hengartner, 2022), sie eben jeden immer wieder treffen können und dass es dafür keinen externen Auslöser braucht? So oder so ähnlich erzählt es jedenfalls die Stiftung Deutsche Depressionshilfe nach wie vor. Sie nennen das Veranlagung: “Menschen mit einer Veranlagung für Depression haben ein erhöhtes Risiko, im Laufe ihres Lebens eine oder mehrere depressive Episoden zu erleben – selbst wenn ihre Lebensumstände günstig erscheinen.” und “So sind bei Depression bestimmte Botenstoffe im Gehirn nicht mehr im Gleichgewicht.” (Stiftung Deutsche Depressionshilfe, o. J.)
Erwachen Teil 2: aus dem Akathisie-Delirium
Akathisie ist Folter. In meinem ersten Artikel beschreibe ich Akathisie so: “Von April bis Oktober 2024 konnte ich nicht länger als ein paar Sekunden sitzen. Ich lief ständig auf und ab, um die Kücheninsel, um den Esstisch, um das Haus. Ich aß im Gehen und war nicht in der Lage, zu kochen oder mich selbst zu versorgen.” Und: “Ich litt unter unerträglichen Qualen. Es waren keine körperlichen Schmerzen – es waren Schmerzen der Seele. Es fühlte sich an, als wären meine Seele, meine Persönlichkeit und alles, was mir im Leben jemals lieb und teuer gewesen war, aus mir herausgerissen, in Stacheldraht gewickelt und dann gewaltsam und invasiv wieder in mich hinein implantiert worden.”
Mit dem Erwachen aus diesem Delirium am 01.01.2025 konnte ich langsam aber sicher damit beginnen, mir mein Kohärenzgefühl Schritt für Schritt zurückzuholen. Mein erster Schritt war, mir sämtliche Patientenakten der letzten über fünfzehn Jahre bei den verschiedensten Ärztinnen und Ärzten zu besorgen: Hausärzt:innen, Psychiater:innen, Gynäkolog:innen. Mit Hartnäckigkeit bekam ich nach und nach fast alle Akten. Sie füllen mehrere Ordner.
Die Rückkehr des Kohärenzgefühls – wenn auf einmal alles Sinn ergibt
Das Studium der Akten brachte mir so viel persönliche Klarheit, wie wenige Dinge zuvor in meinem Leben. In meiner Akte aus der Hausarzt-Praxis lässt sich erschreckend deutlich ablesen, dass es mir stets 4-12 Wochen, nachdem ich die Einnahme des SSRIs beendet hatte, entsetzlich schlecht ging. Ich bekam Schlafstörungen, Herzrasen, Ängste und verlor meine Lebenslust.
Immer, wenn ich dann nach zwei bis sechs Monaten die Symptome nicht mehr aushielt, griff ich erneut zum SSRI. Aus meinen Akten geht hervor, dass spätestens vier Wochen nach dieser (unwissentlichen) Wiedereindosierung meine Entzugssymptome auf ganz wundersame Weise verschwunden waren.
Die Erklärung der Ärzt:innen war stets, dass diese Symptomatik zeigte, wie schlecht es um meine psychische Konstitution bestellt war. Dass ich eben leider mit dieser Stoffwechselstörung ausgestattet war, dafür ja nichts konnte und die Medikation mir ja so ganz offensichtlich half. Warum musste ich es mir auch immer so schwer machen? Natürlich, wie fast immer in der Psychiatrie, wurden all diese Symptome von den Behandlern als “Rückfall” oder “psychische Störung” gedeutet.
Obwohl ich 2024 das Schlimmste erlebt habe, was ich mir bis dahin vorstellen konnte, geht es mir, was das Verständnis des eigenen Lebens angeht, besser als je zuvor. Denn ich habe das Kohärenzgefühl zurück. Mein Leben und die ganzen Symptome, die ich über Jahrzehnte hatte und sich nie erklären ließen – weder durch meine Biografie, noch durch mein Verhalten – sind nun erklärbar: nämlich über verschiedene Stufen der Iatrogenese. Doch das Aufarbeiten dieser Kaskade an Ereignissen ist alles andere als einfach.
Metamorphose und Katharsis
Die Iatrogenese greift das Vertrauen in einen selbst an. Man traut seiner eigenen Wahrnehmung und den Gefühlen nicht mehr, da sie sich völlig losgelöst von den äußeren Umständen und dem eigenen Handeln verhalten. Wenn man jahrelang lernt, die eigenen Gefühle nur als „Symptome“ einer kranken und defizitären Psyche einzuordnen, ist das Entwirren dieses (gordischen) Knotens eine gewaltige Aufgabe. Es braucht Zeit, denn man muss sich erst wieder darauf zurückbesinnen, dass mit der eigenen Wahrnehmung und dem eigenen Empfinden alles in bester Ordnung ist.
Man muss lernen, die iatrogenen Symptome von denen des “normalen” Lebens zu unterscheiden. Es geht darum, herauszufinden, wo man selbst anfängt und die Entzugssymptome aufhören und umgekehrt. Das ist aber alles andere als einfach. Gleichzeitig ist es die Voraussetzung dafür, die Fremdzuschreibungen, die man durch psychiatrische Behandlung und Diagnostik erfahren hat, loszulassen. Man realisiert, dass nicht die eigene Psyche krank war, sondern dass man durch die Behandlung krank gemacht wurde.
Mit jedem Austausch mit anderen Betroffenen, mit jedem Lesen der Geschichte von anderen, mit jeder Studie, die die Erfahrung Betroffener einbezieht, mit jedem neuen Stückchen an Fachliteratur verstehe ich ein bisschen mehr. Seit mehr als eineinhalb Jahren fallen mir immer noch regelmäßig viele Dinge wie Schuppen von den Augen.
Ich erkenne mich und die jahrelange iatrogene Symptomatik, die mein Leben und meine Identität massiv beeinträchtigt haben. Es ist ein befreiender Prozess, mit dem man sich Stück für Stück von den psychiatrischen Zuschreibungen entledigt. Im Grunde ist es ein komplettes Hinterfragen des medizinischen Systems, denn die iatrogene Schädigung und das gleichzeitige Medical Gaslighting lässt das Vertrauen in alle Ärztinnen und Ärzte komplett erschüttert zurück.
Gleichzeitig fühlt sich die Genesung von der Iatrogenese wie eine Metamorphose (Verwandlung) und Katharsis (Reinigung/Läuterung) für mich an:
- Die iatrogene Schädigung hat zu einer unfreiwilligen Verwandlung geführt. Ich bin nicht mehr derselbe Mensch wie vor der Behandlung. Körper, Psyche und die Wahrnehmung der Welt haben sich grundlegend verändert. Es ist ein schmerzhafter Prozess, bei dem ich zunächst einmal alle bis dahin lieb gewonnenen Gewissheiten in Frage gestellt habe. Es ist ein Sortieren, ein Zusammensuchen, ein Wiederaufbauen und ein Entsorgen.
- Das Ergründen wissenschaftlicher Literatur brachte mir enorm viel Klarheit. Es fühlt sich reinigend an, die wissenschaftlich nicht haltbaren psychiatrischen Narrative wie „Antidepressiva retten Leben“, “Depressionen können jeden treffen” abzuschütteln. Damit konnte ich die Erzählungen der biologischen Psychiatrie ein für alle mal hinter mir lassen. Immer, wenn ich nun z. B. Social Media-Posts von Mental Health Influencer:innen oder Psychiater:innen sehe, fülle ich innerlich mein Bullshit-Bingo aus. Nach wenigen Sekunden kann man bereits Bingo rufen! Wenn Menschen durch diese falschen Erzählungen nicht zu Schaden kommen würden, wäre das fast schon witzig.
Die Heilung von Iatrogenese ist ein einsamer Ort
In meiner Coaching-Ausbildung lernte ich eine – wie ich finde, ganz wunderbare – südafrikanische Lebensphilosophie namens Ubuntu kennen. Das zentrale Sprichwort „Umuntu ngumuntu ngabantu“ bedeutet wörtlich „Ein Mensch ist ein Mensch durch (andere) Menschen“. Man könnte es auch als „Ich bin, weil wir sind“ formulieren: Das Individuum definiert sich nicht isoliert, sondern über seine Beziehungen zur Gemeinschaft. Die eigene Menschlichkeit wird erst durch die Anerkennung und Interaktion mit anderen Menschen realisiert.
Dieses Prinzip der Menschlichkeit und der Verbundenheit mit anderen Menschen war mir immer wichtig. Mit Menschen zu reden war eine meiner Hauptaufgaben in meinem Job. Es waren Menschen aus den verschiedensten Bereichen eines Unternehmens, aus verschiedenen Kontinenten und damit aus ganz unterschiedlichen Kulturkreisen. Eine ganz wohltuende Erfahrung war es für mich, neue Menschen kennenzulernen, mich mit ihnen über die diversen Themen auszutauschen und neben spannenden Unterschiedlichkeiten eben auch Gemeinsamkeiten zu finden. Und zwar völlig unabhängig davon, wo auf der Welt dieser Mensch saß. Für mich ergibt sich daraus ein sehr angenehmes Gefühl der Verbundenheit mit einem größeren Ganzen: unserer universellen Menschlichkeit.
Was aber, wenn man kaum einen Menschen findet, der ebenfalls Erfahrungen mit iatrogener Schädigung gemacht hat? Was, wenn die Mehrheit der einen umgebenden Menschen – sei es das persönliche Umfeld oder der popkulturelle Mainstream z. B. in sozialen Medien – entweder von der Existenz dieser iatrogenen Schädigung noch nie etwas gehört hat, sie nicht verstehen kann oder will oder sogar mit Sätzen wie “Antidepressiva retten Leben” die eigene Erfahrung zu negieren versucht? Was, wenn man sich nach dem Erzählen der eigenen Geschichte der iatrogenen Schädigung Sätze anhören muss wie “Eine Bekannte von mir hat auch Depressionen”?
Wie lebt man „Ubuntu“, wenn die eigene Realität im Widerspruch zum kollektiven Glauben steht? Es stellt sich die existenzielle Frage: Wie bleibe ich Teil einer Gemeinschaft, die meine tiefste Wunde nicht einmal als existent anerkennt?
Kürzlich lernte ich einen neuen Begriff: Disenfranchised grief. Der Begriff steht für „Entrechtete“ (nicht anerkannte oder aberkannte) Trauer. Er beschreibt den Schmerz über einen Verlust, der von Mitmenschen oder der Gesellschaft nicht ernst genommen oder akzeptiert wird. Weil den Betroffenen dadurch Mitgefühl, Rituale oder Unterstützung fehlen, fühlen sie sich oft isoliert und zweifeln an ihren eigenen Gefühlen. Und ja, ich finde das einfach unfassbar passend für all das, was man als Geschädigte erlebt.

Denn dieses Nicht-Anerkennen des eigenen Leids grenzt direkt an ein anderes großes Problem: die epistemische Ungerechtigkeit. Sie beschreibt eine Form von Ungerechtigkeit, bei der einem Menschen aufgrund von Vorurteilen oder Machtstrukturen die Glaubwürdigkeit als Zeuge des eigenen Erlebens abgesprochen wird. Im medizinischen Kontext bedeutet das: Das “Lehrbuchwissen” der Behandler:innen zählt mehr als die körperliche Realität der Patientin. Man wird nicht nur geschädigt, sondern verliert auch das Recht, gehört und geglaubt zu werden. Diese Ungerechtigkeit erfährt man als Geschädigte im medizinischen System ganz besonders. Sie geht aber viel weiter und greift tiefergehend in unser Leben ein. Wenn die Spiegelung durch den anderen fehlt, wird die Heilung von Iatrogenese zu einem einsamen Ort.
Auch für das Weiterleben im bisherigen sozialen Gefüge ergeben sich daraus schmerzhafte Fragen: Wie geht man damit um, dass manche Menschen aus dem engeren Umfeld weder in der akuten Akathisie noch danach irgendeine Form von Anteilnahme zeigten? Wie führt man Freundschaften oder auch Verwandtschaftsbeziehungen weiter (oder auch nicht), mit den Menschen, die sich erst wieder für einen interessiert haben, als man quasi wieder gesellschaftsfähig war? Als wäre man kurz im Urlaub gewesen und nicht in der Hölle. Man schweigt oft auch aus reiner Erschöpfung. Denn es ist eine Zumutung, die eigene Schädigung ständig von Grund auf erklären zu müssen, nur um ein Minimum an Verständnis zu bekommen – wenn überhaupt. Damit übernimmt man eine Aufgabe, die eigentlich die Pflicht des Gesundheitssystems gewesen wäre: gegenüber Ärzt:innen, Patient:innen, Angehörigen und der gesamten Gesellschaft. Es gibt für mich kaum eine größere Einsamkeit als das Zusammensein mit Menschen, vor denen ich die größte Katastrophe meines Lebens verberge(n muss).
Verbindung und Verbundenheit
Umso bedeutsamer ist es deshalb, wenn man “Gleichgesinnte” (oder besser: Gleichgeschädigte) findet. Die Chancen, sich zu finden, sind jedoch relativ begrenzt. Es ist kein Wunder, dass sich Betroffene über das Internet wie z. B. Peer-Support-Foren zusammentun müssen, wenn überall anders ihre Erfahrungen im Sinne epistemischer Gewalt ignoriert und negiert werden.
Außer den Menschen, die das Ganze selbst erlebt haben, kann niemand diese Art von Qualen nachvollziehen. In Geschichten von anderen oder Gesprächen mit anderen Betroffenen erkenne ich mich so oft selbst. Andere Betroffene geben mir oft das Vokabular, das mir bis dato gefehlt hat. Denn für diese Qualen, die man z. B. während einer Akathisie erlebt, gibt es keine Worte. Wir müssen uns die Sprache erst erarbeiten. Keine sogenannte “Psychoedukation” und keine Worte aus dem medizinischen Fachjargon helfen uns, denn darin wird die Iatrogenese schlichtweg ignoriert oder noch schlimmer: geleugnet.
Im Austausch mit den anderen Betroffenen sieht und versteht man sich. Es entsteht eine Verbindung, die zu keiner anderen Person, die das nicht erlebt hat, möglich wäre. Das ist bedeutsam. Ganz im Sinne von Ubuntu: Ich bin, weil wir sind.
Wo ist der Ort, an dem wir heilen können?
Ich habe viele Jahre im psychiatrischen System als Patientin verbracht. Ich habe nahezu alles geglaubt, was man mir in Therapien, Kliniken und in Arztpraxen erklärt hat über sogenannte “psychische Störungen” wie z. B. Depression. Über Iatrogenese habe ich nicht ein einziges Mal etwas gehört bzw. gelernt.
Nach über 16 Jahren psychiatrischer Behandlung fühlt es sich an, als müsste ich unzählige Schichten von mir abschälen wie bei einer Zwiebel. Über die ursprüngliche (iatrogene) Symptomatik mit Ängsten bei Prüfungen haben sich zahlreiche andere (iatrogene) Symptome und damit Schichten gelegt. Ich schäle seit über eineinhalb Jahren und bin dennoch nicht am Kern angekommen.
Wo finden Menschen, die vom psychiatrischen System geschädigt wurden, Unterstützung? Sicher ist für manch eine Person eine Psychotherapie hilfreich. Da iatrogene Beschwerden im Mainstream-Psychiatrie-System quasi nicht vorkommen (dürfen) und zumindest in meiner Erfahrung von den Behandelnden zum allergrößten Teil geleugnet oder bagatellisiert werden, wüsste ich jedoch nicht, wo man eine therapeutische Unterstützung für genau diese Beschwerden finden sollte. Das ständige Sich-Erklären-Müssen, das ständige Umdeuten der iatrogenen Beschwerden als psychische Symptome, für die psychotherapeutische Interventionen angeboten werden, würde mich persönlich am laufenden Band re-traumatisieren und gleichzeitig mit unsäglicher Wut erfüllen. Ich frage mich auch, ob man in dem System, in dem man erst geschädigt wurde, überhaupt heilen kann.
Gleichzeitig fehlen für Menschen, die sich gegenwärtig in schrecklichen iatrogenen Zuständen der Akathisie befinden, jegliche Hilfen. Es ist fürchterlich, Akathisie zu haben. Es ist auch fürchterlich, andere so leiden zu sehen und nicht viel tun zu können, als darin zu bestärken, dass der Zustand aufhören wird. Nur wann, das kann niemand sagen. Es geht um nichts Geringeres, als darum, dass die Menschen am Leben bleiben. Dass sie die nächsten Minuten, Stunden, Tage überleben. Die existenzielle Todesdimension der Akathisie ist im medizinischen bzw. psychiatrischen System quasi nicht bekannt. Nicht einmal die verständigsten und “reformorientiertesten” Ärzte haben auch nur im Entferntesten eine Vorstellung davon, wie gefährlich Akathisie ist.
Von den allermeisten Ärztinnen und Ärzte werden Betroffene verlacht, ignoriert und psychologisiert. Manche denken bisweilen über Sterbehilfe nach, einfach nur, um den Qualen zu entgehen. Wie geht man mit all diesem kollektiven Leid um? Wer es einmal gesehen hat, kann nicht mehr wegschauen.
Auswirkungen der Psychiatrisierung
Die Psychiatrie – und in meinem Fall die Gynäkologie als Gateway – haben mich meine prägendsten Jahre zwischen 19 und 35 gekostet. Während dieser Zeit dachte ich stets, dass mit mir etwas nicht stimme. Ich dachte, ich sei nicht stark genug, ich sei nicht emotional stabil genug. Ich dachte, ich sei “therapieresistent”. Ich dachte, ich mache irgendetwas falsch. Und manchmal war ich davon überzeugt, dass ich alles falsch machte.
Ich erhielt alle möglichen Diagnosen über den Lauf der Jahre, immer dann, wenn ich wieder iatrogene Symptome hatte. Rückblickend war eine davon absurder als die andere. Der Gipfel war 2024: In der schlimmsten Akathisie wollte mir eine Psychotherapeutin sogar eine Borderline-Persönlichkeitsstörung verpassen! Ich bin sicher, damit bin ich kein Einzelfall. Wenn man vor der Iatrogenese um alles in der Welt die Augen verschließen will, bleibt den sogenannten Professionellen eben noch die Persönlichkeitsstörung.
Diagnosen haben – wenn man sie nicht hinterfragt – eine unheimliche Macht. Man identifiziert sich mit ihnen. Man richtet das Leben danach aus. Ich habe viele Jahre das Leben einer psychisch kranken Frau geführt. Ich war stets damit beschäftigt, mich um meine psychische Gesundheit zu sorgen. Ich konnte kein unbeschwertes Leben führen, obwohl meine Lebensumstände alles andere als beschwerlich waren, was eindeutig auch als Zeichen von Privilegiertheit gewertet werden kann. Ich zweifelte an mir und an meiner Art zu leben, zu denken, zu fühlen. Eine Therapeutin wollte 2023 mit mir sogar EMDR machen für ein Trauma, das wir nicht kannten, das es auch nie gab. Aber sie war mit ihrem Latein einfach am Ende. Mein Leben war gut. Und doch waren da unerklärliche Symptome.
Man hat mich zur Patientin gemacht. Und wenn es nach den meisten Ärztinnen und Ärzten gegangen wäre, wäre ich das am besten bis zu meinem Lebensende geblieben. Als ich 2021 eine neue psychiatrische Praxis zum ersten Mal betrat und der Ärztin meine Leidensgeschichte – also meine bisherigen Medikamenteneinnahmen – erzählte, stand für sie nach weniger als zehn Minuten fest: “Also bei dieser Vorgeschichte müssen sie wahrscheinlich für den Rest ihres Lebens Medikamente einnehmen”. Rückblickend wurde mir bewusst, dass die Ärztin damit ja indirekt bestätigte, dass das Absetzen von sogenannten Antidepressiva schwieriger bis unmöglich wird, je mehr und je öfter man sie im Leben bereits eingenommen hat. Auch das ist eine Erkenntnis.
Offenes Ende
Was bleibt also übrig von mir? Wenn ich alle Symptome, die ich über die letzten 16 Jahre durch die Medikamente und ihre Entzugssymptome erlebt habe, abziehe, was bleibt dann? Wie wäre mein Leben verlaufen, wäre mir das alles erspart geblieben? Wer wäre ich gewesen und geworden, hätte ich nie einen Fuß in eine psychiatrische Praxis gesetzt? Und: Wie geht es nun mit mir weiter? Wie baut man sich neu auf, wenn man einmal in alle Teile zerfallen ist, in den tiefsten und dunkelsten Abgrund geblickt hat, den man sich gar nicht vorstellen kann, wenn man ihn nie erlebt hat? Wie funktioniert Genesung von psychiatrischer Behandlung, vom Horror des Entzugs und der Akathisie?
Und wie kehrt man den Scherbenhaufen, in den man zerfallen ist, zusammen? Wie geht man damit um, vielleicht nie mehr so leistungsfähig zu sein wie vor der psychiatrischen Behandlung und der damit verbundenen Katastrophe? Welche kognitiven und körperlichen Einschränkungen in Form von bleibenden Schäden werden zurückbleiben?
Auch wenn ich im Moment keine abschließenden Antworten auf diese Fragen habe, erscheint mir der Genesungsweg von psychiatrischer Behandlung wie ein iterativ-inkrementeller Prozess: Woche für Woche, Monat für Monat, Absetzschritt für Absetzschritt fühlt sich wie eine neue Schleife an, ein neuer Zyklus des Verstehens (iterativ), der sich kleinschrittig um neue Schichten der Erkenntnis erweitert (inkrementell). Es gibt nicht den einen Moment der Heilung. Jedes “Stückchen” Wissen und Verstehen ist ein Baustein, der das Fundament der neuen (oder wiedergewonnen) Identität festigt.
Diese Fragen werden mich noch eine Weile beschäftigen. 16 Jahre psychiatrische Behandlung und neun Monate Leben am Abgrund arbeitet man nicht in ein paar Monaten auf. Die Suche nach Identität und Kohärenz wird weitergehen. Es ist eine Suche nach Verstehen, Verständnis und Verständigung.
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