Interview mit Lea De Gregorio (Teil 1): “Eine Atmosphäre mit weniger Angst, mehr Begleitung, mehr Verständnis und mehr Menschlichkeit hätte mir mehr geholfen.”

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[anmerkung_redaktion]
Lea De Gregorio, 27.08.23, Berlin © Paula Winkler/Ostkreuz/Suhrkamp Verlag

Lea De Gregorio ist Journalistin und Schriftstellerin und lebt in Berlin. Ihre Texte erscheinen u. a. in der ZEIT, der taz und bei Deutschlandfunk Kultur. Ihr Buch „Unter Verrückten sagt man du“ ist 2024 im Suhrkamp Verlag erschienen.

Liebe Lea, wo stehst du aktuell in deinem Leben? 

Mein Buch „Unter Verrückten sagt man du“ ist 2024 erschienen und hat mich nach Erscheinen viel beschäftigt. Da ist viel auf mich zugekommen an diversen Anfragen und Aufgaben in den letzten beiden Jahren; ich war viel auf Lesereisen, habe viele Interviews gegeben, Rückmeldungen beantwortet, mich mit Leuten getroffen in verschiedenen Kontexten und das auch sehr gerne gemacht. Und ich bin auch immer noch damit beschäftigt, auch dieses Jahr gibt es weitere Veranstaltungen zu dem Buch. Das freut mich riesig. Gleichzeitig freut es mich auch, inzwischen wieder mehr Zeit und Ruhe zum Schreiben zu finden.

Mit welcher Intention hast du es geschrieben? Welche Strömungen sind hier hineingeflossen?

Das Buch zu schreiben war ein langer Prozess, deswegen ist das gar nicht so leicht zu beantworten. Ich wollte schon als ich das erste Mal verrückt war, darüber schreiben und habe auch in dem Zustand schon darüber geschrieben, in Tagebuch- und später in Versform. Ich habe über das Schreiben immer viel verarbeitet und gleichzeitig hat mich der Gedanke begleitet, etwas zu schreiben und es auch zu veröffentlichen. Ich hatte einen Roman zu dem Thema angefangen, habe journalistische Artikel geschrieben und an der Universität auch mal in der Kulturanthropologie und Philosophie etwas Wissenschaftliches dazu gemacht. Ich hatte mich also zuvor auf verschiedene Weisen mit dem Thema befasst, davon ist vieles später in das Buch eingeflossen. Als ich dann konkret mit dem Buch angefangen habe, ging es mir vor allem darum, gegen Diskriminierung anzuschreiben.

Buchcover “Unter Verrückten sagt man du”, Lea De Gregorio (2024). Suhrkamp

Damals hatte ich mich als Journalistin viel mit verschiedenen anderen Diskriminierungsformen beschäftigt und erst ausgehend davon habe ich überhaupt realisiert, wo ich als Psychiatrie-Erfahrene diskriminiert wurde. Ich war überrascht, dass es so wenige Publikationen zu dieser Diskriminerungsform gibt und wollte eine Lücke füllen. Ich wollte über Erfahrungen schreiben, die sonst viel totgeschwiegen werden und mit denen Menschen viel alleine sind. Die Kritik an der Psychiatrie und das Schreiben über Diskriminierung hängen für mich unmittelbar zusammen. Deswegen ist das Buch am Ende eine Psychiatrie- und Gesellschaftskritik geworden, ausgehend von eigenen Erfahrungen, über die ich dann reflektiert habe. Es ist essayistisch und erzählend geschrieben, ich habe sehr viel recherchiert und gelesen, ich habe mit anderen Menschen gesprochen und sie zitiert und habe historische Orte besucht. Auch das Aufzeigen von Kontinuitäten und die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus waren mir wichtig, ebenso der feministische Blick. Meine eigene Geschichte ist am Ende dann – wie eine autobiografische Erzählung – der rote Faden und die Handlung des Buches geworden. Ich bin sehr zufrieden mit der Form, die es angenommen hat. Das war auf jeden Fall ein langer Prozess – auch die Entscheidung, sich mit eigenen Erfahrungen zu outen.

Welche Reaktionen gab es auf das Buch?

Erst einmal gab es überhaupt sehr viele Reaktionen, was mich sehr gefreut hat. Ich wurde in sehr unterschiedlichen Kontexten eingeladen für Interviews, angefangen bei Feuilletons oder Kulturteilen, über Gesellschaftsseiten von Zeitungen bis hin zu psychiatrischen Fachmagazinen und Betroffenen-Magazinen. Ich habe auch bei Veranstaltungen in sehr unterschiedlichen Kontexten gelesen: in Buchhandlungen, aber auch in Psychiatrien selbst, auch in wissenschaftlichen Instituten.

Das Buch ist auch sehr philosophisch, kulturanthropologisch geschrieben, weil das auch die Fächer sind, die ich studiert habe. Genauso vielfältig, wie diese Zugänge in dem Buch sind, so vielfältig waren auch die Kontexte, in denen Menschen mich eingeladen haben oder sich für das Buch interessiert haben. Vor allem hätte ich nicht gedacht, dass so viel aus der Psychiatrie selbst an Reaktionen und Einladungen kommen und dass das Buch so viel beachtet wird. Das freut mich natürlich, vor allem, wenn es dabei auch ein Anstoß sein kann, dass sich in Institutionen und der Gesellschaft etwas ändert.

Denkst du, die Reaktionen der Psychiatrie auf so ein Buch wären vor zehn, zwanzig Jahren noch anders gewesen?

Gute Frage. Ich glaube, dass wir in einer Zeit leben, in der viel an Emanzipation von Minderheiten sichtbar wird und auch viele Menschen über Tabuthemen in der Öffentlichkeit schreiben. Ich habe zum Beispiel auch Annie Ernaux zitiert (Anm. d. R.: Die französische Autorin Annie Ernaux, Literaturnobelpreisträgerin 2022, schreibt über persönliche Erfahrungen im Zusammenhang mit sozialen Macht- und Ungleichheitsverhältnissen.) Außerdem knüpft das Buch an gegenwärtige Diskurse zum Thema Diskriminierung und Selbstbestimmung von Minderheiten an.

Für die Auseinandersetzung mit Diskriminierung und Tabu-Themen gab es also bereits ein intellektuelles, literarisches Umfeld.

Gleichzeitig gab es gerade in den 1970er Jahren bereits eine sehr breite psychiatriekritische Bewegung, wo ich auch sagen würde, dass das Buch daran anschließt und Themen von damals in unsere Zeit holt.

Diese breite psychiatriekritische Bewegung gibt es derzeit nicht. In den 1970ern war das wirklich ein Thema, das breit in der Öffentlichkeit stand und wo auch viel in der Psychiatrie passiert ist. Jetzt gibt es auch Ansätze für eine menschlichere Psychiatrie, die ich auch im Buch vorstelle, auch die Neurodiversitätsbewegung. Aber gleichzeitig gibt es einen Rückwärtstrend. Der Rechtsextremismus nimmt in unserer Gesellschaft massiv zu, und das finde ich sehr besorgniserregend. Die Welt hat sich seit Erscheinen meines Buches in diese Richtung auch nochmal verändert, diese Entwicklung gehört leider auch zu unserer Gegenwart.

Was hat deine Geschichte mit dem psychiatrischen oder psychosozialen System mit dir gemacht?

Um es zusammenzufassen, würde ich es als ein großes Gefühl der Ohnmacht beschreiben, die in mir ausgelöst und hinterlassen wurde. Und es war auch lange ein großes Schweigen über Erfahrungen, die für mich sehr einschlägig waren. Zugleich wurde in der Öffentlichkeit wenig darüber geredet, auch wenn es natürlich Berichte von Betroffenen gab, allerdings oft unter Pseudonym, und zugleich das Sprechen über Depressionen beispielsweise zugenommen hatte. Mir waren lange dennoch wenige Stimmen bekannt, die Kritik an der Psychiatrie und an dem Biologismus, der dort bis heute in großen Teilen vorherrscht, äußerten. Ich denke, dass man das selbst auch schnell so übernimmt, wenn einem ein Arzt sagt, eine Psychose sei nichts anderes als eine Stoffwechselstörung und habe mit äußeren Umständen wenig zu tun, es ist erstmal nicht so leicht, das anzufechten. 

Gleichzeitig ist das Thema für mich während des Studiums immer wieder aufgeploppt in geistes- und gesellschafswissenschaftlichen Texten, etwa bei Erving Goffman oder Michel Foucault. Ich denke, dieser geisteswissenschaftliche und gesellschaftliche Blick in Bezug auf die Psychiatrie fehlt heute oft in der Öffentlichkeit: strukturelle Diskriminierung in dem Feld überhaupt zu erkennen und dabei auch einen Raum für diesen Schmerz da sein zu lassen. 

Wieso ist dir das Reclaiming des Wortes verrückt wichtig?

Das schließt ganz gut an diesen Gedanken der Ohnmacht an, weil man in der Psychiatrie der Definition von anderen Menschen, von sogenannten Professionellen, unterlegen ist, die einen definieren mit den Erfahrungen, die man gemacht hat. Das hat viel mit Macht zu tun. Sie stellen gleichzeitig oftmals unterschiedliche Diagnosen und haben unterschiedliche Sichtweisen. Aber es ist klar: Sie haben in der Gesellschaft die Deutungsmacht. Das Umdeuten des Wortes verrückt im Buch war auch ein Versuch, eine eigene Sprache zu finden. Gleichzeitig ist es mir beim Schreiben unglaublich schwer gefallen, Begriffe für dieses Erleben zu finden, die eben nicht negativ konnotiert sind, wenngleich Betroffene mit den Erfahrungen auch viel Positives verbinden, etwa Fähigkeiten wie Kreativität. Krank will ja niemand sein und verrückt ist ein Begriff, der sehr abwertend benutzt wird. Ich habe den Begriff „verrückt“ als Reclaiming in der Betroffenenbewegung öfter gefunden, ähnlich wie Mad im Englischen und ich fand es im Deutschen ganz schön, dass auch noch diese Dimension von diesem Verrücktwerden oder etwas Verrücken in diesem Wort drin steckt. Manchmal habe ich gesehen, dass es auch mit Bindestrich geschrieben wird (ver-rückt), ich habe es kursiv gesetzt im Buch. Ich habe mir dann überlegt: Was ist es denn, was da ver-rückt? Ich finde, das beschreibt erstmal relativ wertneutral ein Ver-rücken von der Wahrnehmung oder von der Norm. Oder auch ein ver-rückt werden an den gesellschaftlichen Rand durch diesen Stempel, den man durch eine Psychiatrie-Erfahrung in der Gesellschaft hat. Ich fand es ganz schön, mit diesem Begriff als Arbeitsbegriff in dem Buch zu spielen und ihn dann auch positiv oder wertneutral zu verwenden und nicht unbedingt negativ. 

Wie sind die Reaktionen von Betroffenen auf dein Reclaiming des Wortes verrückt? Gibt es dazu auch kritische Stimmen?

Einige Menschen, die sich viel mit dem Thema befasst hatten, kannten das Wort als Reclaiming, für viele war es aber auch komplett neu. Und ich habe sowohl Menschen getroffen, die das Wort zum ersten Mal gehört hatten und es sofort gut fanden. Aber es gab auch Menschen, die erst einmal sehr skeptisch waren, weil der Begriff sonst oft negativ konnotiert ist. Wenn ich den Begriff dann aber erklärt habe, bzw. sie das Buch gelesen hatten, fanden viele ihn nach der anfänglichen Skepsis passend. Es gab auch Menschen, die fänden den Begriff nicht förderlich und haben auf „krank“ bestanden – den wiederum viele als negativ und diskriminierend einordnen. Da gibt es verschiedene Meinungen. Es gab auf der anderen Seite auch sehr psychiatriekritische Menschen, die kritisiert haben, dass ich medizinische Begriffe in dem Buch nenne, z. B. Begriffe wie Psychose oder Ähnliches.

Was hättest du stattdessen nutzen sollen?

Das war mein Problem: Mir hat eine Sprache gefehlt, die wirklich aus der Betroffenenbewegung kommt. Reclaimings sind ja Begriffe, die aus der Betroffenenbewegung kommen. 

Es gibt unterschiedliche Grade von psychiatriekritisch eingestellten Menschen, auch sehr kritische, die auch Begriffe wie Psychose nicht verwenden, weil es medizinische Begriffe sind und hinter ihnen der ganze Machtapparat steckt, den ich auch kritisiere. Von daher verstehe ich auch, wenn Leute das Wort gar nicht benutzen wollen. 

Sowieso stellt sich mir die Frage, ob man diese Zustände unter einem Begriff zusammenfassen muss oder ob man nicht versuchen kann, zu beschreiben, was man erlebt hat oder für verschiedene Aspekte nicht verschiedene Begriffe verwenden muss. Der Begriff „krank“ passt in meinen Augen zum Beispiel, um auszudrücken, dass man während der Zustände zu bestimmten Dingen nicht in der Lage ist. Gleichzeitig kritisiere ich den Biologismus, der hinter dem Wort „krank“ steckt. Aber es dauert natürlich länger, das zu erklären. Es ist ein generelles Problem mit den Begriffen. Ich denke, dass sich bei dem Thema allgemein zeigt, wie begrenzt Sprache ist, und auch, dass Sprache viel mit der eigenen Identität macht.

Welche Bedeutung haben dein psychotisches Erleben und deine Diagnosen für dich heute nach dem Schreiben deines Buches?

Ich würde es vor allem als Erfahrung ansehen, die ich gemacht habe. Ich finde, Diagnosen können wie Kisten sein, die sehr viel umfassen. Bei mir waren sich Ärzt:innen uneinig, welche Diagnose ich habe, ich habe deswegen verschiedene gestellt bekommen. Für mich sind Manien oder Psychosen ein veränderter Zustand des In-Der-Welt-Seins. So nenne ich es gerne aus einer phänomenologischen Sicht, die mir geholfen hat, es ein bisschen wertneutraler zu beschreiben und als Erfahrungen, die ich gemacht habe.

Vielen Verrückten wird wegen ihrer Diagnosen von Professionellen zum Beispiel von einem Studium abgeraten. Du hast in deinem Leben hingegen schon sehr viel erreicht. Wie bist du damit umgegangen, dich aufgrund von Diagnosen möglicherweise über die Maßen beweisen zu wollen?

Ich beschreibe in dem Buch eine Situation mit einer Ärztin, die mir wegen der Diagnose, die sie mir gestellt hatte, von einem Studium abgeraten hat und mir stattdessen geraten hat, eine Ausbildung zu machen. Obwohl ich Abitur hatte und mich selbst auch in der Lage gefühlt hatte zu der Zeit. Ich glaube, dass sich das sehr eingebrannt hat. Ich habe dann trotzdem studiert, aber ich habe mich bzw. meine Fähigkeiten immer hinterfragt und gedacht, ich kann das alles nicht.

Obwohl es faktisch nicht gestimmt hat und ich dann zwei Masterabschlüsse gemacht habe. Ich habe den Bachelor schneller als in der Regelstudienzeit gemacht. Für mich hat das etwas hinterlassen im Sinne von, ich muss jetzt irgendwie diese Zeit wieder reinholen oder dieses Jahr wieder gut machen oder ich muss mich doppelt beweisen. Ich sehe das auch sehr kritisch mittlerweile. Ich denke, dass es schlimm ist, dass wir in einer Gesellschaft leben, die gar keine Lücken für Krisen lässt. Und auch wenn manche Menschen sensibler sind als andere, kann ja jeder Mensch verrückt werden oder in diverse Krisen geraten, es weiß keiner, was einem passieren wird. Ich habe das Gefühl, dass andere oft, wenn ich mich länger nicht melde, in Erwägung ziehen: Ach ja, vielleicht ist sie jetzt wieder in einer Krise.

Oder sie trauen einem dann weniger zu. Das habe ich jedenfalls auch selbst ziemlich  verinnerlicht, dass ich dann immer meine, dass gar nicht erst der Verdacht entstehen dürfte, dass ich jetzt ausgefallen sein könnte. Das ist auf jeden Fall ein ziemlicher Druck.

Was haben psychiatrische Diagnosen sowie das, was von Professionellen in psychiatrischen Akten geschrieben wird und Macht für dich miteinander zu tun?

Sehr viel. Es geht da um eine Deutungshoheit und eine Fremdbestimmung von anderen Menschen. Bei der Recherche habe ich mit jemandem aus dem Weglaufhaus gesprochen. Sie hat erzählt, dass die Schutzsuchenden oder Menschen in Krisensituationen bei den Berichten, also bei dem, was über sie dokumentiert wird, mitreden und mitbestimmen können

Das fand ich total interessant und das könnte man bestimmt auch allgemein mehr so gestalten, dass sich die betroffenen Personen stärker selbst definieren können, weil es einfach – und ich habe auch den Begriff epistemische Gewalt verwendet – eine extreme Wirkung auf die Identität von Personen hat und auch ein sehr großes Ohnmachtsgefühl auslösen kann. 

Die Situation im Weglaufhaus ist aber noch einmal etwas anders, denn es ist keine psychiatrische Einrichtung im eigentlichen Sinne. 

Hast du einmal versucht, deine Patienten-Akten von einer Klinik oder Ähnlichem zu bekommen? 

Man hat ja den Entlassungsbericht. Bei meinem letzten Psychiatrieaufenthalt habe ich die Mitschriften der Pfleger:innen sogar bekommen1. Ich habe gefragt, ob ich die Mitschriften haben kann und mir wurde alles kopiert. Ich habe nicht versucht etwas ändern oder korrigieren zu lassen, ich weiß nicht, ob ich das gekonnt hätte. Auf jeden Fall habe ich die Erfahrung gemacht, dass ich mich in vielem, was geschrieben wurde, überhaupt nicht wiedergefunden habe.

Gibt es eine Diagnose, die für dich passt, ohne dass du sie jetzt aussprechen müsstest? 

Ich sage lieber, ich habe Manien bzw. Psychosen erlebt, weil das für mich – auch wenn unter Psychose extrem viel Unterschiedliches gefasst werden kann und Menschen sehr unterschiedliche Erfahrungen machen, die dann darunter subsumiert werden – eher eine Beschreibung eines Zustands, einer Erfahrung oder etwas Temporärem ist. Ich weiß, dass ich dafür eine erhöhte Sensibilität besitze, aber diese Diagnosen sind ja etwas sehr Bleibendes und sie fassen viele verschiedene Zustände zusammen, die Verrückungen nehmen im Endeffekt nur einen sehr kleinen Teil meiner Lebenszeit ein. Und ich finde es wichtig, die Zustände von dem gewöhnlichen Alltag zu unterscheiden. Aber es gibt auch Psychiatrie-Erfahrene, die identifizieren sich sehr mit einer Diagnose und nutzen die Begriffe ganz selbstverständlich für sich. Es war mir bei dem Buch auch wichtig, zu zeigen, dass die Betroffenen-Bewegung sehr heterogen ist.

Was hätte dir in der Rückschau während deiner psychotischen Episoden geholfen?

Ich würde sagen, als erstes ein Ort, wo ich keine Angst gehabt hätte oder nicht noch mehr Angst als ich sowieso schon in den Zuständen erlebt hatte. Ich habe die Psychiatrie als einen sehr beängstigenden Ort wahrgenommen. Ich muss aber dazusagen, wenn ich Psychiatrie schreibe oder sage, dann meine ich meistens die Akutstation. Sie ist für mich auch ein Ort, an dem man sehr alleine gelassen wird. Ich glaube durchaus, dass man eine Art von Begleitung in so einem Zustand braucht, einfach weil man da so sehr aus dieser Alltagsrealität ver-rückt ist, dass man in dieser Zeit den gewöhnlichen Alltag nicht so hinbekommt wie sonst.

Aber in der Psychiatrie ist diese Art von geschütztem Raum – so nennt man Akutstationen ja gerne beschönigend – ein Ort, an dem Menschen eingesperrt sind mit anderen Menschen, die sich auch irgendwie auf eine verrückte Weise verhalten. Das kann solche Zustände auch noch verschlimmern. Wichtig wäre Ruhe und ein Ort, an dem man sich wohlfühlt und ausruhen kann. Auch anderes an der Situation auf diesen Stationen wie beispielsweise das beschriebene Ohnmachtsgefühl kann so einen Zustand noch schlimmer machen. Eine Atmosphäre mit weniger Angst, mehr Begleitung, mehr Verständnis und mehr Menschlichkeit hätte mir mehr geholfen.

In deinem Buch zitierst du den Psychiater Jann Schlimme, dass die Gabe von Psychopharmaka ohne vollumfängliche Aufklärung über Nebenwirkungen nicht freiwillig erfolgen und somit auch als Zwangsbehandlung angesehen werden kann. Wie ist deine Haltung dazu?

Ich habe mich dazu in dem Buch nicht positioniert. Sowieso ist mein Buch ein suchendes, vielstimmiges Buch geworden. Und Leser:innen sind dazu eingeladen, eigene Antworten zu finden.

Man kann sich sicher darüber streiten, wie man das nennt (wenn Psychopharmaka ohne vollumfängliche Aufklärung vergeben werden), es ist auf jeden Fall ein Skandal, dass man so wenig darüber aufgeklärt wird. Im Buch zitiere ich auch die Kellerkinder, die von einem informellen Zwang sprechen.

Es gibt auf Akutstationen jedenfalls einen sehr starken Druck, möglichst alles so mitzumachen, wie es von einem verlangt wird und das gar nicht in Frage zu stellen. Ich kann auch noch sagen – und das ist ebenfalls ein Zitat von den Kellerkindern in dem Buch – dass viele über die Rechte gar nicht Bescheid wissen. 

Hast du dich gut informiert gefühlt über die Substanzen, die dir in Psychiatrien oder von Psychiater:innen gegeben wurden? Also wurdest du gut darüber aufgeklärt, welche “Nebenwirkungen” entstehen können?

Nein, aber ich glaube tatsächlich, dass selbst die Menschen, die das verschreiben, vieles nicht über die Wirkung der Medikamente wissen, weil vieles nicht geklärt ist. Das stelle ich auch im Buch immer wieder dar. Indem ich mit reformorientierten Ärzt:innen spreche oder aus deren Literatur zitiere, in denen sie deutlich machen, dass vieles, wovon in der Psychiatrie ausgegangen wird, auf Hypothesen basiert. Es gibt immer noch ein großes Unwissen darüber, was diese Medikamente im Gehirn genau machen. Der Psychiater Stefan Weinmann2 hat geschrieben, dass sie ohne, dass man da viel weiß, leichtfertig vergeben werden. 

Ich erzähle in dem Buch auch davon, dass ich eine Ärztin gefragt habe, ob ich mich nicht vielleicht aufgrund der Nebenwirkungen der Medikamente so unkreativ fühle. 

Und es war für mich dann wirklich bewegend, Jahre später zu lesen, dass da durchaus etwas dran war. Das schreibt auch Stefan Weimann, dass tatsächlich die Kreativität abhanden kommen kann durch eine Dauermedikation. Und ich habe das auch in Selbsthilfegruppen oder in anderen Kontexten, wo ich auf andere Betroffene gestoßen bin, die auch schreiben oder kreativ sind, später immer wieder gehört. Das waren für mich dann so Aha-Momente, in denen ich gemerkt habe: „Oh, ich habe da auch zu wenig auf mich selbst gehört und das einfach dann so angenommen, wie mir das eine Ärztin gesagt hat.“

Ich denke, man sollte einfach viel mehr die Erfahrung der Patient:innen berücksichtigen, auch weil Ärzt:innen, die selbst nicht betroffen sind, einfach schwer nachempfinden können, welche Auswirkungen Medikamente haben. Oft werden Medikamente sehr lange und sehr hoch dosiert vergeben, was nicht nur von Betroffenen, sondern auch von Ärzt:innen kritisiert wird. Mir war es wichtig, das in dem Buch zu problematisieren und unterschiedliche Perspektiven von Betroffenen zu Wort kommen zu lassen. Menschen machen sehr unterschiedliche Erfahrungen mit Neuroleptika, das ist mir auch immer wichtig zu betonen. Und ich persönlich bin neben aller Kritik auch sehr froh, dass es im Notfall Medikamente gibt. 

Wieso war dir im Buch die philosophische Perspektive wichtig?

Ich habe anhand der großen philosophischen Fragen diesen Zustand erklärt und ihn als eine existenzielle Krise verstanden. Die philosophischen Fragen, wie sie Immanuel Kant definiert hat, sind: Was ist der Mensch? Was darf ich hoffen? Was kann ich wissen? Was soll ich tun?

Diese Fragen erlebt man in diesem Zustand am ganzen Körper. Das war für mich ein gutes Beschreibungsmodell. Ich habe mich auch mit der philosophischen Praxis auseinandergesetzt und z. B. Andrea Moldzio zitiert. Sie sagt, dass Ärzt:innen eigentlich zu philosophieren haben, wenn sie sich mit der Seele beschäftigen wollen. Dadurch, dass ich selbst Philosophie studiert habe, ist das Buch an vielen Stellen philosophisch geworden. Die Philosophie hat mir sehr geholfen, Dinge besser zu verstehen oder zu benennen. 

Wäre dieser philosophische Blick etwas, von dem du denkst, dass er Menschen generell helfen könnte, ihre eigenen Zustände zu verstehen, wenn vielleicht auch Professionelle mit ihnen anhand dieser philosophischen Fragen arbeiten würden?

Ich denke schon. Es ist natürlich die Frage, an welchem Zeitpunkt man das macht. Während des verrückten Zustandes ist es wahrscheinlich eher schwierig. Rückblickend habe ich es als einen Zustand erlebt, in dem man die Welt fundamental hinterfragt. Im Studium habe ich mich auch mit Metaphysik auseinandergesetzt. Dabei habe ich gemerkt, dass es oft philosophische Fragen sind, die man sich in diesen Zuständen stellt, wenn auch auf andere Weise. Im Studium kamen Fragen in Texten oder in Vorlesungen vor, wodurch ich an diese Zustände denken musste. Es ist für mich ein sehr menschlicher Zustand, weil wir als Menschen bestimmte Dinge einfach nicht wissen können. Man versucht in diesen Zuständen oft, Dinge zu verstehen, die man als Mensch auch nicht verstehen kann. In dem Buch erzähle ich von einer Freundin, die sagte, sie sei bei ihrer Verrückung an die Grenze ihres Verstandes gestoßen. Ich habe mir sehr viele Fragen gestellt in diesen Zuständen. Ich verstehe die Zustände als eine Art Lebenskrise oder als Reaktion auf eine Lebenskrise. 

Das kann man einem biologistischen Denken entgegensetzen, das diese Zustände allein als eine Störung im Gehirn betrachtet. Ich erinnere mich an die sogenannte Psycho-Edukation in der Klinik, in der es viel um Gene usw. ging. Auch später in einer Therapie sagte man mir, ich solle mich nicht so viel damit auseinandersetzen, es sei einfach als eine Stoffwechselstörung zu verstehen. Ich denke jedoch, dass die Gedanken und Gefühle sich von Äußerem nicht trennen lassen, sondern dass sie wie auch andere Emotionen mit einem Missstand, einem Ereignis oder einer Einstellung zusammenhängen und es wichtig ist, dem nachzugehen.

Welche Ideen hast du, neben deinem Buch, zu einer positiven Veränderung der psychosozialen Versorgung in Deutschland beizutragen? Planst du noch weitere Projekte?

Ich würde das Buch nicht unbedingt als ein Projekt bezeichnen, das unmittelbar die psychosoziale Versorgung verbessert, auch wenn es dafür ein Anstoß sein kann. Was ein Text leisten kann ist, dass er zum Nachdenken anregt und dass er ein Beitrag im Diskurs wird oder einen Diskurs überhaupt in Gang setzt. Und gerade ein erzählender Text kann dazu führen, dass Menschen sich damit identifizieren. Ich freue mich riesig, wenn sich auch Menschen damit identifizieren, die eine ganz andere Diagnose oder keine Diagnose haben. Vor allem aber freut es mich, wenn Psychiatrie-Erfahrene zu mir kommen und sagen, dass sie Kraft aus diesem Buch schöpfen. Besonders, wenn es Frauen sind, die so alt sind wie ich damals. Oder wenn Menschen mir rückmelden, dass sie durch das Buch eine Sprache finden, die sie selbst so nicht gefunden haben für ihre Erfahrungen. Oder, dass dieses Buch den Menschen dabei hilft, sich nicht so einsam zu fühlen. Gleichzeitig freue ich mich, auch zu Veranstaltungen im psychiatrischen Bereich eingeladen zu sein und dort aus dem Buch zu lesen oder davon ausgehend zu diskutieren. Es ist toll zu hören, dass das Buch Menschen tatsächlich Anstöße gegeben hat, um Dinge noch weiterzuverfolgen und in der Praxis konkret etwas zu ändern und zu verbessern. Ich finde es erstaunlich, was Literatur bewegen kann.

Ich werde weiter schreiben und auch sicher das Thema weiter in meinem Schreiben verfolgen. Und da sehe ich auch meine Aufgabe, wenn man es so nennen will. 

Wir bedanken uns herzlich bei Lea De Gregorio für das ausführliche Interview.

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  1. Nach § 630g BGB hat jeder Mensch in Deutschland das Recht, seine vollständigen Patient:innen-Akten einzusehen und zwar unmittelbar, d. h. ohne langwierige Verzögerung durch Ärzt:innen. Nach Art. 15 der DSGVO steht jeder Person außerdem eine kostenlose Kopie ihrer Akte zu. Auf den Seiten des Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener (BPE) finden sich Vordrucke, die man für die Akteneinsicht nutzen kann ↩︎
  2. “Wir leben immer noch in Zeiten einer vermessenen Psychiatrie: Uns reichen wenige Gewissheiten, um tief greifende Eingriffe in Gehirn und Psyche zu rechtfertigen und als ›state-of-the-art‹ darzustellen.“ (Weinmann, S. (2019). Die Vermessung der Psychiatrie. S. 29) ↩︎

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