Die Kraft gelebter Erfahrung: Kritik an den realitätsfernen Studien und unbeholfenen Diagnosen der Psychiatrie

Drei neue Artikel skizzieren ein revolutionäres Design für Arzneimittelstudien, kritisieren die Pathologisierung normaler Emotionen durch das DSM und bieten einen erschütternden Erfahrungsbericht über das Überleben von psychiatrischer Behandlung.

Anmerkung der Redaktion: Dieser Text erschien zuerst auf unserer Partnerseite Mad in America am 03.07.2026. 

Im Juli befasste sich Richard Sears von Mad in America mit drei wissenschaftlichen Artikeln, die online im Journal of Humanistic Psychology veröffentlicht wurden. Diese drei Artikel sind Teil einer in Kürze erscheinenden Sonderausgabe zum Thema „Psychopharmakologie aus der Ich-Perspektive“ (1PPP). Der erste Artikel beschreibt 1PPP als eine Methode für psychiatrische Arzneimittelstudien, bei der die gelebte Erfahrung des Konsums psychiatrischer Medikamente im Vordergrund steht. Der zweite Beitrag untersucht die Grenzen der aktuellen DSM-Diagnosekriterien für Depression, insbesondere deren Vernachlässigung der Erfahrungen aus der Ich-Perspektive. Der dritte Text schildert einen persönlichen Erfahrungsbericht über Depressionen und den Einsatz von Antidepressiva im Rahmen des aktuellen psychiatrischen Paradigmas.

Vorschlag der „First-Person Psychopharmacology“ als neuer Rahmen für Arzneimittelstudien

Ein neuer Artikel, der online im Journal of Humanistic Psychology veröffentlicht wurde, skizziert die Probleme des aktuellen Paradigmas der psychiatrischen Behandlung und erläutert, wie 1PPP diese Lücken schließen kann. Dieser Artikel, verfasst von Radslow Stupak und Pesach Lichtenberg von der Kardinal-Stefan-Wyszyński-Universität in Polen, schlägt 1PPP als eine neue Art randomisierter kontrollierter Studie für Psychopharmaka vor, die die Stringenz traditioneller randomisierter Studien mit qualitativen Daten zur gelebten Erfahrung des Konsums von Psychopharmaka verbindet.

Die psychiatrische Behandlung stützt sich oft stark auf symptomskalenbasierte randomisierte Studien und reduziert komplexes psychisches Leiden auf biologische Faktoren. Dabei werden die gelebten Erfahrungen mit psychischem Leiden und dem Einsatz von Psychopharmaka übersehen, man stützt sich auf willkürliche Messgrößen, die nicht erfassen, was für Patient:innen und Betroffene tatsächlich von Bedeutung ist. Man geht davon aus, dass sich aus Gruppenschätzungen abgeleitete Behandlungspläne auf die individuelle Genesung übertragen lassen.

1PPP könnte einige der Probleme des aktuellen psychiatrischen Paradigmas angehen. Diese Methode würde die diagnoseabhängige Auswahl der Studienteilnehmer:innen durch Einschlusskriterien ersetzen, die auf realen Problemen und Situationen basieren, mit denen potenzielle Teilnehmer:innen konfrontiert sind. 1PPP-Studien würden zwischen 36 Wochen und einem Jahr dauern, also deutlich länger als die für aktuelle randomisierte Studien typischen Laufzeiten von sechs bis zwölf Wochen. Dadurch könnten die Studienergebnisse den realen Einsatz von Psychopharmaka widerspiegeln, anstatt nur die Wirkungen des Medikaments über einen realitätsfernen verkürzten Zeitraum zu erfassen, bevor viele der schlimmsten Nebenwirkungen der Medikamente zum Tragen kommen. Die Datenerhebung würde in erster Linie aus halbstrukturierten Interviews zu den Wirkungen des Medikaments bestehen, ergänzt durch eine einzige visuelle quantitative Messung der positiven und negativen Auswirkungen des Medikaments.

Eine 1PPP-Studie würde zudem ein vierarmiges verblindetes Studiendesign verwenden. Eine Gruppe würde das Medikament von Beginn der Studie an erhalten, sodass die Forscher:innen die Wirkungen des Medikaments über Monate der kontinuierlichen Einnahme verfolgen könnten. Eine Kontrollgruppe würde als Basisvergleich für den natürlichen Verlauf einer bestimmten Art psychischer Belastung unter den Studienbedingungen dienen. Eine Placebo-zu-Medikament-Gruppe würde die Studie mit einem Placebo beginnen, wobei die Forscher:innen die Teilnehmer:innen zu einem vorab festgelegten Zeitpunkt ohne deren Wissen auf das Medikament umstellen würden. Da die Teilnehmer:innen bereits daran gewöhnt wären, eine Tablette einzunehmen und mit den Forscher:innenn zu sprechen, könnten die Forscher:innen so die Wirkungen des Medikaments besser vom Placebo-Effekt abgrenzen.

Schließlich würde eine Placebo-Wirkstoff-Placebo-Gruppe die Studie mit einem Placebo beginnen, auf den Wirkstoff umsteigen und dann wieder zum Placebo zurückkehren, ohne von diesen Wechseln zu wissen. Dies würde es den Forscher:innenn ermöglichen, bis zu einem gewissen Grad zwischen Entzug und Rückfall zu unterscheiden, da viele Entzugssymptome im Vergleich zu einem Rückfall schneller auftreten würden; ein Rückfall würde sich hingegen häufiger allmählich zeigen, wenn die Teilnehmer:innen psychischen Stressoren ausgesetzt ist, ohne dass die Wirkung des Wirkstoffs vorliegt.

Die Autor:innen beschreiben drei zentrale Herausforderungen bei der Durchführung von 1PPP-Arzneimittelstudien. Diese Methode unterstreicht, dass die Wirkungen eines Medikaments in gewissem Maße vom Umfeld und der mentalen Verfassung der Anwender abhängen. Dies würde bedeuten, dass 1PPP-Studien erheblichen Einschränkungen hinsichtlich der Verallgemeinerbarkeit auf verschiedene Kulturen, Regionen, sozioökonomische Schichten usw. unterliegen würden. Diese Methode würde erhebliche Ressourcen für die Datenanalyse erfordern, darunter geschulte Interviewer:innen für die häufigen halbstrukturierten Interviews und Forscher:innen zur Identifizierung von Themen in den Interviewdaten. Diese Methode birgt zudem das Risiko, dass Forscher:innen die Daten durch ihre eigenen Vorurteile interpretieren.

DSM-5-TR vs. gelebte Erfahrung: Kritik an der Oberflächlichkeit psychiatrischer Diagnosen

Ein neuer Artikel, der online im Journal of Humanistic Psychology veröffentlicht wurde, untersucht die Spannungen zwischen den im DSM-5-TR dargelegten Diagnosekriterien für eine schwere depressive Störung und der tatsächlichen gelebten Erfahrung von Menschen, die unter tiefer, anhaltender Traurigkeit leiden. Der Autor, Angelos Sofocleous von der Nationalen und Kapodistrias-Universität Athen in Griechenland, argumentiert, dass eine mechanische Zählung der Verhaltensindikatoren, wie sie für eine Diagnose nach DSM-Art erforderlich ist, die gelebte Erfahrung von Patient:innen und Nutzer:innen psychiatrischer Versorgungsangebote ausschließt und unterbewertet.

Checklistenbasierte Diagnosen bewerten Symptome einer Depression in erster Linie hinsichtlich Schweregrad und Dauer, ohne Umweltkontexte und Lebensereignisse zu berücksichtigen, die als Stressoren und Auslöser wirken. Dies kann dazu führen, dass normales Verhalten pathologisiert wird. Da das DSM nicht zwischen Traurigkeit mit einer Ursache und Traurigkeit ohne Ursache unterscheidet, läuft die Psychiatrie Gefahr, normale Traurigkeit zu diagnostizieren und medikamentös zu behandeln. So wurde beispielsweise im DSM-5 der sogenannte Trauerausschluss bei der Depressionsdiagnose gestrichen. Diese Regelung besagte, dass Ärzt:innen innerhalb von zwei Monaten nach dem Tod eines geliebten Menschen keine Depression diagnostizieren sollten. Darauf folgte die Einführung der „anhaltenden Trauerstörung“, einer eigenständigen Diagnose, die „normale“ Trauer auf ein Jahr begrenzt. Durch das Streichen des Trauerausschlusses und die Einführung dieser neuen Störung können Mediziner den natürlichen Trauerprozess nun als krankhaft einstufen und pathologisieren.

Sofocleous argumentiert, dass die Diagnose einer Depression anhand des Vorliegens einer „depressiven Stimmung“ zirkulär und viel zu weit gefasst sei. Die Checkliste im Stil des DSM für depressive Stimmung reduziert ein ganzes Spektrum an Traurigkeit auf eine binäre Unterscheidung zwischen „fühlt sich traurig“ und „fühlt sich nicht traurig“. Diese ungeschickte Art der Kategorisierung von Traurigkeit verfehlt die Nuancen der gelebten Erfahrung einer „depressiven Stimmung“. Dem Autor zufolge zeigen Erfahrungsberichte aus erster Hand, dass das, was das DSM als „depressive Stimmung“ bezeichnen würde, einer Reihe von realen Erfahrungen entsprechen könnte, wie zum Beispiel Sinnverlust, Erschöpfung, intensives Grübeln und das Gefühl der Entfremdung vom eigenen Geist oder Körper. Indem sie die gelebte Erfahrung der „depressiven Stimmung“ vernachlässigen, drohen aktuelle psychiatrische Paradigmen, diese unterschiedlichen Erfahrungen auf eine einzige binäre Unterscheidung zwischen „traurig“ und „nicht traurig“ zu reduzieren.

Der Autor weist zudem auf Probleme hin, wie das DSM mit psychomotorischen Störungen im Zusammenhang mit Depressionen umgeht. Derzeit erkennt das DSM-5-TR psychomotorische Verlangsamung (gebeugte Körperhaltung, verlangsamte Sprache, Schwierigkeiten bei der Bewältigung alltäglicher Selbstversorgungsaufgaben usw.) und psychomotorische Unruhe (ständiges Zappeln, Auf- und Abgehen usw.) nur dann als Symptome einer Depression an, wenn sie für Außenstehende erkennbar sind. Dies ignoriert und entwertet unsichtbares körperliches und existenzielles Leid, da es sich nicht auf eine Weise manifestiert, die beobachtet werden kann.

Das Ignorieren und Ausklammern von gelebten Erfahrungen schränkt DSM-basierte Diagnosen und die darauf aufbauenden psychiatrischen Behandlungen erheblich ein. Der Autor fordert einen Übergang zu einem stärker personenzentrierten und kooperativen Ansatz in der Psychiatrie, bei dem gelebte Erfahrungen Vorrang vor oberflächlichen Symptomzählungen haben, um ein besseres Verständnis dafür zu bekommen, wie sich Depressionen und die zu ihrer Behandlung eingesetzten Psychopharmaka tatsächlich auf Patient:innen und Betroffene auswirken.

Erfahrungsbericht über Depression und die Einnahme von Antidepressiva

Ein neuer Artikel, der online im Journal of Humanistic Psychology veröffentlicht wurde, berichtet über die Erfahrungen einer Betroffenen mit Depressionen und der Einnahme von Antidepressiva. Die Autorin Adele Framer, Gründerin des Psychotropic Deprescribing Council Inc. in den USA, schildert detailliert ihre Erfahrungen mit der üblichen psychiatrischen Versorgung bei Depressionen und gibt Einblicke in die Geschichte, das Marketing und die klinische Praxis der Psychopharmakologie.

Framer beschreibt ihre Kindheit in einer dysfunktionalen, vernachlässigenden und missbrauchenden Familie. Ihre Eltern hatten eine feindselige Beziehung zueinander und ihr Familienleben war von finanziellen Sorgen geprägt. Im Alter von 10 Jahren, so schreibt sie, „waren Suizidgedanken mein Rettungsanker“. Etwa zu dieser Zeit beschreibt Framer ihre erste Erfahrung mit Psychopharmaka, als ihre Mutter mit dem Entzug von Librium zu kämpfen hatte, einem frühen Benzodiazepin, das als „Mamas kleine Helfer“ vermarktet wurde. Die Autorin führt die Ursache ihrer Depressionen eher auf ihr frühes, von Problemen geprägtes Familienleben zurück als auf „innere Mängel in meiner Genetik oder Neurobiologie“, die im Mittelpunkt der üblichen psychiatrischen Behandlung stehen.

Die Autorin kam erstmals mit Antidepressiva in Berührung, nachdem sie ihrem Gynäkologen von Gefühlen der Einsamkeit, Angst und Isolation berichtet hatte. Ihr Arzt stufte ihre Erfahrungen als prämenstruelle dysphorische Störung ein – eine Erkrankung, die vor allem durch das Marketing der Pharmaindustrie populär gemacht wurde, um den Absatz von Prozac (Fluoxetin) zu steigern. Ihr wurde Prozac verschrieben, das sie als Einstiegsdroge bezeichnet, und auf einmal erlebte sie Hypomanie, eine ungewöhnlich gehobene Stimmung. Später litt sie infolge der Einnahme von Prozac unter emotionaler Gleichgültigkeit und sexuellen Funktionsstörungen, was zum Ende ihrer festen Beziehung führte. Sie nahm Prozac etwa zwei Jahre lang weiter ein, bis sie die Dosis über mehrere Wochen hinweg ohne größere Schwierigkeiten schrittweise reduzierte.

Im Alter von 50 Jahren suchte Framer einen Arzt auf, weil sie unter sozialen Ängsten litt. Ihr wurde Paxil (Paroxetin) verschrieben, ein Antidepressivum, das intensiv als Mittel gegen soziale Ängste vermarktet worden war. Nachdem sie emotionale Taubheit, einen vollständigen Verlust der Libido, Lethargie und Apathie erlebte, suchte sie ihren Arzt erneut auf, um diese Bedenken zu äußern. Nachdem er ihren Vorschlag, dass Paxil diese Probleme verursachen könnte, verspottet hatte, willigte ihr Arzt ein, sie auf Lexapro (Escitalopram) umzustellen, schlug jedoch keine schrittweise Reduzierung vor. Dies führte zu Entzugssymptomen und einem Serotonin- Syndrom  – einem potenziell lebensbedrohlichen Zustand, bei dem der Körper zu viel Serotonin aufweist. Framer berichtet, dass sie sich nervös, orientierungslos, schwindelig, zittrig und verschwitzt fühlte. Als sie sich bei ihrem Arzt beschwerte – von dem sie später erfuhr, dass er ihrer Versicherung in betrügerischer Absicht Psychotherapie in Rechnung stellte –, wurde sie aus seiner Praxis geworfen. Sie fand einen anderen Arzt, der ihr erneut Paxil verschrieb, und beschloss nach einem Jahr emotionaler Abstumpfung und sexueller Funktionsstörungen, die Einnahme des Antidepressivums abzubrechen.

Ihr Absetzversuch führte zu einem protrahierten (anhaltenden) Entzugssyndrom, das 11 Jahre andauerte. Zu ihren Symptomen gehörten „Brain Zaps“ (stromschlagähnliche Empfindungen im Kopf), Depersonalisation, Derealisation, extreme Todesangst, schwerer Tinnitus, sexuelle Funktionsstörungen, emotionale Taubheit, Gedächtnisverlust und der Verlust der Fähigkeit zur visuellen Vorstellungskraft (Aphantasie). Ihre Ärzt:innen taten ihre Bedenken hinsichtlich des Entzugs ab – selbst als sie ihnen medizinische Fachartikel vorlegte – und deuteten ihre Symptome als Rückfall. Framer merkt an, dass sie insgesamt 14 ihrer produktivsten Jahre an die aktive Behandlung mit Psychopharmaka und den langwierigen Entzug verloren hat.

Da sie über das reguläre Medizin- und Gesundheitssystem keine Hilfe fand, vertiefte sich Framer in die wissenschaftliche Literatur zu Psychopharmakologie und Entzug. Sie begann, bedeutende Publikationen über das Ausschleichen von Psychopharmaka und das protrahierte Entzugssyndrom zu verfassen und gründete 2023 den Psychotropic Drug Deprescribing Council.

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Framer, A. (2025). First-person psychopharmacology: This Is Normal Care. Journal of Humanistic Psychology. (Link)

Sofocleous, A. (2025). Major depressive disorder: From accurate diagnosis to effective treatment. Journal of Humanistic Psychology. (Link)

Stupak, R., & Lichtenberg, P. (2026). First-person psychopharmacology (1PPP): A new way forward for Clinical Trials. Journal of Humanistic Psychology. (Link)

Mad in Deutschland veröffentlicht Blogbeiträge einer vielfältigen Gruppe von Autor:innen. Diese Beiträge sollen zur Diskussion über Psychiatrie und ihre Behandlungsmethoden in Deutschland anregen. Die geäußerten Meinungen sind die der Autor:innen.
Richard Sears
Richard Sears
Richard Sears lehrt Psychologie am West Georgia Technical College und promoviert an der University of West Georgia im Fachbereich Bewusstsein und Gesellschaft. Zuvor arbeitete er in Krisenstabilisierungseinheiten als Aufnahme- und Krisenhelfer. Seine aktuellen Forschungsinteressen umfassen die Abgrenzung zwischen Institutionen und den Individuen, aus denen sie bestehen, Entmenschlichung und deren Zusammenhang mit Verherrlichung sowie natürliche Alternativen zu potenziell schädlichen psychopharmakologischen Interventionen.

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