Was in der Medizin verloren gegangen ist, ist in der Psychiatrie eine Schande: Gedanken zu Bernard Lown

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Anmerkung der Redaktion: Dieser Artikel erschien ursprünglich auf unserer Partnerseite Mad in America am 04.07.2026.

Das Bemerkenswerte an Die verlorene Kunst des Heilens (Original: The Lost Art of Healing von 1996) ist, dass der Autor Bernard Lown (1921–2021) – ein renommierter Kardiologe, der Pionierarbeit bei lebensrettenden technologischen Fortschritten leistete – deutlich macht, dass zwischenmenschliche Beziehungen für die Herzgesundheit und Genesung von entscheidender Bedeutung sind, diese jedoch in einer technologieverherrlichenden Medizin zunehmend vernachlässigt werden.

Für Lown sind zwei Beziehungsbereiche entscheidend für die Herzgesundheit und Genesung: (1) die Beziehung zwischen Ärtzinnen und Ärzten und Patient:innen; und (2) die Beziehungen der Patient:innen zu ihren Partnern, Familienangehörigen und anderen wichtigen Menschen in ihrem Leben. Tragischerweise besteht die derzeitige absurde Realität der Psychiatrie darin, dass sie diese beiden Beziehungsbereiche ignoriert oder ihnen nur Lippenbekenntnisse zollt, wenn es um unsere emotionalen Konflikte geht.

Bevor wir uns eingehender mit Lown und dessen Buch Die verlorene Kunst des Heilens befassen, zunächst ein paar Worte im Vorgriff auf Gegenargumente von Psychiatern wie Awais Aftab, die behaupten, die Psychiatrie würde diese beiden Beziehungsbereiche nicht ignorieren oder ihnen nur Lippenbekenntnisse widmen. Anfang 2026 argumentierte Aftab, es sei unfair, die gesamte Psychiatrie so darzustellen, als sei sie ausschließlich auf Symptome psychischer Erkrankungen fokussiert, die durch Medikamente oder andere technologische Mittel behoben werden müssten. Als Beweis verweist er auf George Engels „The Clinical Application of the Biopsychosocial Model“ (“Die klinische Anwendung des biopsychosozialen Modells”), das 1980 im American Journal of Psychiatry erschien.

Das Problem mit Aftabs „pluralistischem“ Bild der Psychiatrie ist, dass die New York Times bereits 2011 in dem Artikel „Talk Doesn’t Pay, So Psychiatry Turns Instead to Drug Therapy“ (deutsch: “Gespräche zahlen sich nicht aus, also wendet sich die Psychiatrie der medikamentösen Therapie zu“) berichtete: „Eine Regierungsumfrage aus dem Jahr 2005 ergab, dass nur 11 Prozent der Psychiater allen Patienten eine Gesprächstherapie anboten – ein Anteil, der seit Jahren rückläufig war und seitdem höchstwahrscheinlich noch weiter gesunken ist.“

Heute sieht die Realität so aus, dass so gut wie jeder psychiatrische Patient bestätigen kann, dass Psychiater:innen, der mehr als eine 10- bis 15-minütige „Medikamentenberatung“ durchführt, eine Seltenheit ist; und selbst unter jener kleinen Handvoll Psychiater:innen, die tatsächlich weiterhin in gewissem Umfang Gesprächstherapie durchführen, wäre es höchst ungewöhnlich, wenn ein Patient sagen würde: „Ich hatte eine heilende Beziehung zu meinem Psychiater, der sich sehr bemüht hat, die wichtigen Beziehungen in meinem Leben zu verstehen, mir geholfen hat, mich aus toxischen Beziehungen zu befreien, und mir dabei geholfen hat, fürsorgliche und liebevolle Beziehungen aufzubauen.“ Dies ist so selten, dass ein solcher Psychiater, wie man so schön sagt, „die Ausnahme wäre, die die Regel bestätigt“.

Bernard Lown und Die verlorene Kunst des Heilens

Der wegweisende Kardiologe Bernard Lown ist in der Medizin international bekannt für seine Erfindung des modernen Gleichstrom-Defibrillators und die Einführung einer neuen Anwendungsmöglichkeit des Medikaments Lidocain zur Behandlung von Herzrhythmusstörungen. Er erkannte jedoch auch die Kehrseite des technologischen Fortschritts in der Medizin: „Jeder Fortschritt hat seinen Preis. Die Medizin wurde noch unpersönlicher. Die Technologie rückte in den Vordergrund, und die Patienten traten in den Hintergrund. Ein Paradoxon meines Lebens und dessen ultimative Ironie besteht darin, dass meine Forschungsarbeit genau das ermöglicht hat, was ich zutiefst bedauere.“

Ungeachtet der gegenteiligen Behauptungen der etablierten Psychiatrie haben ihre neuesten Technologien – die hauptsächlich aus Medikamenten und elektrischen Behandlungen bestehen –, bei einer wissenschaftlich strengen Analyse ihrer Ergebnisse weder zu lebensrettenden Fortschritten noch zu Verbesserungen der Lebensqualität geführt. In weiten Teilen der nicht-psychiatrischen Medizin gab es hingegen tatsächlich lebensrettende und die Lebensqualität verbessernde technologische Fortschritte; doch solche Fortschritte haben zu dem geführt, was Lown als „kindisches Vertrauen in die Magie der Technologie“ bezeichnet, was für ihn „ein Grund dafür ist, dass die amerikanische Öffentlichkeit unmenschliche medizinische Praktiken toleriert hat“.

Außerhalb der Medizin ist Lown noch bekannter für sein humanistisches Engagement, zu dem auch die Mitbegründung der „International Physicians for the Prevention of Nuclear War“(deutsch: Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges) gehörte, was ihm (zusammen mit seinem Mitbegründer) 1985 den Friedensnobelpreis einbrachte. Lowens humanistischer Aktivismus erstreckte sich auch auf die Medizin selbst, über die er so besorgt war, dass er Die verlorene Kunst des Heilens schrieb.

In der Einleitung zur Ausgabe von Die verlorene Kunst des Heilens aus dem Jahr 1998 beginnt Lown wie folgt: „Die Unzufriedenheit der Patienten ist heute so groß wie nie zuvor“, und das derzeitige Gesundheitssystem führe zu einer „Entpersonalisierung der Patienten“. Diese von Lown angesprochene Unzufriedenheit hat sich nur noch verschlimmert, da die Mehrheit der Menschen, mit denen ich spreche – sowohl im klinischen als auch im sozialen Umfeld –, angibt, durch ein zunehmend bürokratisches Gesundheitssystem gestresst zu sein, wobei einige sogar berichten, davon traumatisiert zu sein. Lown erklärt, wie es dazu gekommen ist:

„In einem tieferen Sinne erfordert die sich nun abzeichnende Industrialisierung der Medizin, wie die anderer Waren auch, zwei Elemente: die Standardisierung des Produkts und die Austauschbarkeit seiner Teile. … Dies hängt mit der langjährigen Verbindung der Medizin mit der reduktionistischen Wissenschaft und der aufkeimenden Technologie zusammen. … Die schwer fassbaren Eigenschaften des Geistes, die die Einzigartigkeit jedes Menschen ausmachen, finden in der aktuellen Staatsreligion, die die betriebliche Effizienz vergöttert, kaum Verständnis. Auch fließen diese Eigenschaften nicht in die wissenschaftliche Gleichung ein. Schließlich liegen Empathie, Freundlichkeit, Altruismus, Wohlwollen, Einsicht, Freude, Leid, Traurigkeit und Tragödie außerhalb des Zuständigkeitsbereichs der Molekularbiologie.”

Die „zentrale These“ von Die verlorene Kunst des Heilens, so Lown, lautet wie folgt: „Unser Gesundheitssystem bricht zusammen, weil die Ärzteschaft ihren Fokus von der Heilung weg verlagert hat, die damit beginnt, dem Patienten zuzuhören. Zu den Gründen für diesen Wandel gehört eine Begeisterung für sinnlose Technologie, die weitgehend als Mittel zur Gewinnmaximierung begrüßt wird.“ Und Lown merkt an: „Es ist unwirtschaftlich, viel Zeit mit Patienten zu verbringen.“

Für etablierte Psychiater:innen, die von einer gleichberechtigten Stellung gegenüber den übrigen medizinischen Fachgebieten träumen, wird es wohl eine Erleichterung sein, dass die Psychiatrie nicht als besonders entmenschlichend herausgegriffen wird. Rationellere und mitfühlendere Beobachter würden jedoch sagen, dass es besonders beunruhigend ist, wenn sich die Psychiatrie – die gesellschaftlich mit der Behandlung von emotionalem Leiden und Verhaltensstörungen betraut ist – nicht von der entmenschlichenden Realität unterscheidet, die Lown für die Medizin im Allgemeinen schildert.

Lown berichtet, dass er sich sehr für Psychologie interessierte, bevor er sich für die Medizin zu interessieren begann, und dass „ich vorhatte, Psychiater zu werden, aber kurz nach meinem Studienbeginn verlor die Psychiatrie für mich ihren Reiz.“ Wäre Lown in die Psychiatrie gegangen, wäre er zweifellos zu einem radikal kritischen Psychiater geworden, da ihn die Entmenschlichung der Arzt-Patienten-Beziehung durch die Medizin bereits genug beunruhigte; er wäre daher wahrscheinlich entsetzt gewesen, hätte er dieselbe Realität in der Psychiatrie miterlebt. Die Entwicklung der Medizin betrübte ihn zutiefst:

„Eine dreitausendjährige Tradition, die Arzt und Patient in einer besonderen Vertrauensbeziehung verband, wird gegen eine neue Art von Beziehung eingetauscht. Heilung wird durch Behandlung ersetzt, Fürsorge durch Management verdrängt, und die Kunst des Zuhörens wird von technologischen Verfahren abgelöst. Ärzte kümmern sich nicht mehr um einen einzigartigen Menschen, sondern beschäftigen sich mit fragmentierten, gestörten biologischen Teilen. Der leidende Mensch fehlt häufig in diesem Austausch.“

Selbst in der Kardiologie: Warum Technologie allein versagt, fürsorgliche Beziehungen aber Erfolg haben

Die verlorene Kunst des Heilens ist voller Geschichten über Lowns Beziehungen zu seinen Patient:innen. In seinem Unterkapitel „Some Chutzpah“ – Lown war Jude, und die folgenden Anekdoten handeln von der Behandlung jüdischer Patient:innen – gibt es zwei Geschichten, die besonders anschaulich zeigen, wie entscheidend für die Herzgesundheit und die Genesung die Beziehungen sind: (1) zwischen Lown und seinen Patient:innen sowie (2) zwischen seinen Patient:innen und deren Familien. Diese Geschichten belegen nicht nur, wie Lown genügend Vertrauen zu seinen Patient:innen aufbaute, damit diese für spannungsgeladene Konfrontationen empfänglich waren, sondern auch, wie Lown die Weisheit und Demut besaß, sich selbst mit einer Patientenkonfrontation auseinanderzusetzen, der es – obwohl sie zu einem erfolgreichen Ergebnis führte – an ausreichender Fürsorge mangelte.

In der ersten Anekdote berichtet Lown von einem Patienten, der wegen wiederkehrendem Vorhofflimmern ärztlichen Rat suchte; dieses war zuvor mit verschiedenen Antiarrhythmika behandelt worden, die jedoch nur vorübergehend Erfolg hatten. Lown ging den psychologisch belastenden Ursachen auf den Grund: Schließlich verriet ihm die Ehefrau des Patienten das Familiengeheimnis, das der Patient Lown verschwiegen hatte. Der Patient hatte angegeben, drei Kinder zu haben, tatsächlich hatte er jedoch vier. Dieses vierte Kind, das der Patient leugnete, war eine Tochter, die eine Beziehung zu einem nichtjüdischen Mann geführt und dann mit ihm durchgebrannt war. Als der Patient davon erfuhr, hielt er Schiva (die jüdische Trauerzeit für Verstorbene) ab, erlitt einen „Nervenzusammenbruch“ und befahl seiner Frau, alles, was mit seiner Tochter zu tun hatte, aus ihrem Haus zu entfernen.

Der Gesundheitszustand dieses Patienten verschlechterte sich, er erlitt einen leichten Schlaganfall. Lown hatte das Gefühl, dass der Patient „eine langsame Selbstzerstörung vollzog, die niemand zu verhindern schien“. Lown erzählt: „Ich war frustriert, wütend auf die ganze Welt wegen meiner eigenen Unfähigkeit und Hilflosigkeit“, und bei einem Besuch begann Lown, seinen Patienten anzuschreien: „Ich weiß nicht, warum ich meine Zeit mit einem erbärmlichen Menschen wie Ihnen verschwende. Ihr Selbstmitleid macht mich krank, aber noch mehr das, was Sie Ihrer Tochter, ihrer Familie, Ihrer Frau, Ihren anderen Kindern und sich selbst angetan haben. Sie ruinieren das Leben aller.“ Lown erkannte später, dass es unangebracht war, vor Wut zu explodieren, aber er konnte sich nicht davon abhalten, dem Patienten zu sagen, dass er, wenn er auch nur einen Funken Anstand hätte, „auf den Knien um Vergebung bitten“ sollte.

Das Ergebnis von Lowns Wutausbruch? Lown berichtet: „Ich hörte ein lautes, unterdrücktes Schluchzen“ und sah, wie sich der massive Körper des Patienten krampfhaft zuckte. Lown war erstaunt, als der Patient nicht nur zu seinem nächsten Termin erschien, sondern ein ganz anderer, entspannter Mann war. Nachdem er Lowns Empfehlung befolgt hatte, sich bei seiner Tochter zu entschuldigen und um Vergebung zu bitten, begann sich die Beziehung zu ihr zu bessern. Schließlich kam der Patient auch mit seinem Schwiegersohn und dessen Familie wunderbar zurecht. „Übrigens“, fügt Lown hinzu, „war das Vorhofflimmern kein Problem mehr. Dasselbe Medikament, das zuvor seine Herzfrequenz nicht kontrollieren konnte, hielt sie nun gut unter Kontrolle.“

Doch trotz dieses großartigen Ergebnisses stellte Lown später sein eigenes konfrontatives Verhalten in Frage: „Unangemessene Mittel werden niemals durch gute Absichten sanktioniert oder durch gute Ergebnisse gerechtfertigt. . . . Hätte sanfte Überzeugungsarbeit im Laufe der Zeit zu einem ähnlichen Ergebnis geführt? Eine solche Welle von Emotionen auszulösen, hätte ihm großen Schaden zufügen können, sowohl körperlich als auch psychisch. … Ich habe gegenüber einem Patienten nie wieder die Beherrschung verloren.“

Lown erzählt uns dann, wie er einige Jahre später in einer ähnlichen Situation positive Ergebnisse erzielte, ohne die Beherrschung zu verlieren. In dieser zweiten Anekdote berichtet Lown von einem sechzigjährigen Mann, dessen vorzeitige koronare Herzkrankheit ihn vor ein Rätsel stellte; diese hatte bereits zu zwei Koronarbypässen und einer Ballonangioplastie geführt, „doch die Angina pectoris schwankte trotz einer äußerst umfangreichen medikamentösen Therapie.“ Lown untersuchte ihn über mehrere Jahre hinweg viele Male, war jedoch „hinsichtlich seiner Behandlung völlig ratlos“ und experimentierte ständig mit verschiedenen Medikamenten – jedoch ohne Erfolg.

Wieder einmal hatte Lown das Gefühl, dass ihm etwas psychologisch Entscheidendes entging. Also hakte Lown nach und fragte den Patienten, ob er Probleme mit seinen Kindern habe. Die Frau des Patienten versuchte, ihn dazu zu bringen, die Wahrheit zu sagen, doch der Patient forderte sie auf, den Mund zu halten, da sein Sohn nichts mit seiner Angina zu tun habe. Lown hakte weiter nach und fand heraus, dass der Patient sich von seinem Sohn entfremdet hatte, weil dieser homosexuell war, und der Patient erklärte: „Ich würde es lieber sehen, wenn er an Krebs sterben würde.“

Lown konfrontierte seinen Patienten erneut, behielt diesmal jedoch die Ruhe, setzte auf sanftes Zureden und sagte zu ihm: „Sie überraschen mich. Für einen anständigen Mann, den ich zu schätzen gelernt habe, ist Ihr Verhalten irrational und sogar gemein.“ Lown erklärte ihm, dass die Homosexualität seines Sohnes keine Sünde, sondern etwas Natürliches sei und kein Grund, sich zu schämen oder Schuldgefühle zu haben. Das Ergebnis? Der Patient folgte seinem Rat, knüpfte wieder Kontakt zu seinem Sohn, veränderte sich emotional grundlegend und „zum ersten Mal huschte ein Lächeln über sein Gesicht“. Der Patient berichtete freudig, dass er mit seinem Sohn und dessen Partner das Passahfest gefeiert habe. Er engagierte sich fortan für die Rechte von Homosexuellen. Lown berichtet, dass „der Kampf gegen Vorurteile gegenüber Homosexualität“ zum wichtigsten sozialen Anliegen des Patienten wurde, „und seine Angina pectoris war endlich kein großes Problem mehr.“

Jenseits der offensichtlichen wirtschaftlichen Gründe: Warum Psychiater:innen heute das sind, was Lown beklagte

Die Psychiatrie hat sich in dieselbe Richtung entwickelt wie die Medizin im Allgemeinen, und für Lown, wie bereits erwähnt, „gehören zu den Gründen für diesen Wandel eine Schwärmerei für sinnlose Technologie, die weitgehend als Mittel zur Einkommensmaximierung begrüßt wird“, und daher „ist es unwirtschaftlich, viel Zeit mit Patienten zu verbringen“.

Dieser offensichtliche wirtschaftliche Grund stand im Mittelpunkt des zuvor erwähnten Artikels der New York Times aus dem Jahr 2011 mit dem Titel „Gespräche zahlen sich nicht aus, also wendet sich die Psychiatrie der medikamentösen Therapie zu“. Neben Statistiken wird in dem Artikel der Psychiater Dr. Donald Levin vorgestellt, der früher Gesprächstherapie durchführte, dies aber nicht mehr tut, wie die Times berichtete: „Heute behandelt er, wie viele seiner Kollegen, 1.200 Menschen in meist 15-minütigen Terminen zur Anpassung der Medikamentenverschreibung, die manchmal Monate auseinanderliegen. … Mittlerweile kann er sich oft nicht mehr an ihre Namen erinnern.“

Im Gegensatz zu apologetischen Psychiatern wie Awais Aftab war Levin offen, wenn auch auf erbärmliche Weise: „Ich musste mir antrainieren, mich nicht zu sehr für ihre Probleme zu interessieren.“ Levin beklagte: „Ich vermisse das Geheimnisvolle und Faszinierende an der Psychotherapie. Jetzt fühle ich mich wie ein guter Volkswagen-Mechaniker.“

Levin behauptete, dass er und viele andere Psychiater:innen anfangs nicht auf die Durchführung von Therapien verzichten wollten: „Aber nach und nach haben wir akzeptiert, dass dieses Handwerk wirtschaftlich nicht mehr tragbar war. Die meisten von uns hatten Kinder im Studium. Und dass unser Einkommen so drastisch sank, war für uns alle ein Schock.“

Die Times wies darauf hin, dass Levin und andere Psychiater:innen weniger Geld hätten akzeptieren und den Patient:innen Zeit widmen können, selbst wenn die Versicherer nicht zahlten, doch Levin reagierte auf diese Realität folgendermaßen: „Ich möchte mit dem Lebensstil in den Ruhestand gehen, den meine Frau und ich seit 40 Jahren führen. . . . Niemand möchte in seiner Karriere finanziell einen Rückschritt machen. Würden Sie das wollen?“

Zwar gibt es nach wie vor die seltenen „Ausnahme, die die Regel bestätigt“-Psychiater:innen, doch besteht die Psychiatrie fast ausschließlich aus unaufrichtigen Apologeten wie Aftab und offenherzigen, wenn auch erbärmlichen Medikamentenverschreibern wie Levin.

Der offensichtliche Grund, warum Psychiater:innen es aufgegeben haben, Zeit und Energie in den Aufbau sicherer, vertrauensvoller und heilender Beziehungen zu ihren Patient:innen zu investieren, ist wirtschaftlicher Natur. Es gibt jedoch noch andere Gründe, und diese erklären, warum andere Fachkräfte im Bereich der psychischen Gesundheit, die zwar Gesprächstherapie durchführen, oft nur miserable Gesprächstherapie anbieten.

Viele Fachkräfte im Bereich der psychischen Gesundheit werden eher zu Technikern ausgebildet, anstatt die Möglichkeit zu erhalten, das Handwerk des Heilens zu entdecken. Es wäre ein unkonventionelles Ausbildungsprogramm, das lehren würde, dass die Aufgabe eines Psychotherapeuten nicht darin besteht, „Symptome“ zu beheben, sondern vielmehr dabei zu helfen, die Voraussetzungen für eine natürliche Heilung zu schaffen – und dass der Weg dorthin darin besteht, mit großer Sorgfalt eine sichere und vertrauensvolle Heilungsbeziehung aufzubauen. Wenn solche Heilungsbedingungen gegeben sind, werden die Hindernisse und Abwehrmechanismen, die der Heilung im Wege stehen, abgebaut, und dies ermöglicht es uns, offen dafür zu werden, uns umsorgt zu fühlen, was wiederum dazu führt, dass wir eher bereit sind, uns um andere zu kümmern. Und dies führt zur Heilung.

Für Lown finden die für die Heilung notwendigen Eigenschaften, wie bereits erwähnt, „kaum Anklang in der aktuellen Staatsreligion, die die betriebliche Effizienz vergöttert“, da diese Eigenschaften wie „Empathie, Freundlichkeit, Altruismus, Wohlwollen [und] Einsicht“ außerhalb der „wissenschaftlichen Gleichung“ liegen. Heilung ist ein Phänomen, das sich nicht quantifizieren und wissenschaftlich messen lässt und daher nicht in ein mechanistisches Modell passt.

Angesichts des aktuellen Zustands des Gesundheitswesens – von Lown als „Industrialisierung der Medizin“ bezeichnet – ist vielleicht Lowns radikalste Eigenschaft, dass er seine Patient:innen liebte und wusste, dass diese Liebe die Heilung förderte. Zweifellos war seine Liebe zu seinen Patient:innen eine ganz andere Art von Liebe als die zu seiner Ehefrau und seinen Familienangehörigen, doch er war in der Lage, eine Form der Liebe zu entdecken, die man in einer beruflichen Beziehung empfinden kann. Liebe ist das Gegenteil von Angst, und Lown war furchtlos; so verabscheute und lehnte er beispielsweise die defensive Medizin ab. Lown wusste, dass Liebe eine tiefe Zuneigung zur Einzigartigkeit eines anderen Menschen ist, sowie Wertschätzung und Respekt für diesen anderen. Sie ist eine von Herzen kommende Anteilnahme am Schmerz eines anderen und die Erfahrung, mit dem Wesen eines anderen in Resonanz zu treten.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Neben den wirtschaftlichen Gründen, warum Fachkräfte im Bereich der psychischen Gesundheit entweder gar keine oder wertlose Beziehungen zu ihren Patient:innen haben, besteht ein weiterer Grund darin, dass vielen von ihnen das Talent und die Weisheit fehlen, wenn es um die Kunst der Psychotherapie geht. Und ein weiterer Grund ist, dass ihnen das Bewusstsein fehlt, wie entscheidend die Liebe zu ihren Patient:innen für echte Heilung ist; selbst wenn sie dies erkennen, scheuen sie oft den existenziellen Kampf, der erforderlich ist, um herauszufinden, wie Liebe in einer beruflichen Rolle erlebt und vermittelt werden kann. Um es klar zu sagen: Es ist keine leichte Aufgabe, existentiell zu klären, wie Liebe in einer beruflichen Beziehung empfunden und zum Ausdruck gebracht werden kann; daher gibt es gefühlvolle Menschen, die eine Fachausbildung beginnen und die Bedeutung der Liebe für die Heilung begreifen, aber den Beruf im Bereich der psychischen Gesundheit aufgeben, weil sie dieses existenzielle Dilemma nicht lösen können.

Daher ist es nicht verwunderlich, dass viele ehemalige Psychiatriepatient:innen, darunter auch viele Leser von Mad in America, Psychiater:innen verachten. Es geht nicht nur um den Schaden, der durch chemische und elektrische Verfahren verursacht wird. Es liegt auch daran, dass sie es mit Psychiater:innen zu tun hatten, die fast keine Zeit und Mühe darauf verwendet haben, fürsorgliche und kooperative Beziehungen aufzubauen, und dass sie es mit anderen Fachkräften im Bereich der psychischen Gesundheit zu tun hatten, die versuchten, lediglich als Mechaniker zur Behebung von Symptomen zu fungieren.

All dies hat dazu geführt, dass sich Aktivisten aus den Reihen ehemaliger psychiatrischer Patient:innen, ihre Familienangehörigen, kritische Fachkräfte aus dem Bereich der psychischen Gesundheit und andere an einer Rebellion gegen eine entmenschlichende Psychiatrie beteiligen. Lown sagte das Anwachsen einer Rebellion gegen die gesamte entmenschlichende, industrialisierte Medizin voraus:

„Patienten werden sich nicht mit der ultimativen Entfremdung abfinden, zu standardisierten Objekten reduziert zu werden. Niemand wird es auf Dauer hinnehmen, lediglich über seine Krankheit definiert zu werden – als nichts weiter als eine Ansammlung defekter biologischer Teile. Patienten sehnen sich nach einer Partnerschaft mit ihren Ärzten, die ebenso einfühlsam für ihre leidenden Seelen sind wie für ihre gestörte Anatomie. Sie sehnen sich nicht nach einem streng formulierten Geschäftsvertrag, sondern nach einem Vertrauensbündnis zwischen Gleichberechtigten, das sich der Arzt durch die Ausübung der Kunst der Fürsorge verdient.“

Heute setzt sich das Lown Institute für ein Gesundheitssystem ein, „das minderwertige Versorgung ablehnt, Heilung vor Profit priorisiert, gesundheitliche Chancengleichheit fördert und den Wert der Arzt-Patienten-Beziehung würdigt“. Neben vielen anderen Projekten würdigt das Lown Institute jedes Jahr investigativen Gesundheitsjournalismus durch die Verleihung der Shkreli Awards, die „die schlimmsten Fälle von Missständen und Profitgier im Gesundheitswesen dokumentieren“.

Mad in Deutschland veröffentlicht Blogbeiträge einer vielfältigen Gruppe von Autor:innen. Diese Beiträge sollen zur Diskussion über Psychiatrie und ihre Behandlungsmethoden in Deutschland anregen. Die geäußerten Meinungen sind die der Autor:innen.

Bruce Levine
Bruce Levine
Commonsense Rebellion: Bruce E. Levine, praktizierender klinischer Psychologe, der oft im Widerspruch zum Mainstream seiner Profession steht, schreibt und spricht darüber, wie Gesellschaft, Kultur, Politik und Psychologie miteinander verflochten sind. Sein neuestes Buch ist A PROFESSION WITHOUT REASON: The Crisis of Contemporary Psychiatry―Untangled and Solved by Spinoza, Freethinking, and Radical Enlightenment (2022). Seine Website ist www.brucelevine.net.

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