Wie die ‚Garbage-In-Garbage-Out‘-Forschung der Psychiatrie immer absurder wird – und warum ihre Ernstnahme kritisches Denken erstickt

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[anmerkung_redaktion]

Vor fünfzig Jahren gaben akademische Psychiater:innen zumindest vor, sich für die Wissenschaft zu interessieren. Sie äußerten zumindest Lippenbekenntnisse zur Kritik an der mangelnden Validität von Konstrukten psychischer Erkrankungen und unternahmen vergebliche Versuche, das Problem der Unzuverlässigkeit ihrer Diagnosen zu lösen. Sie wussten, dass ohne Validität und Zuverlässigkeit Korrelationen zwischen Konstrukten psychischer Erkrankungen und irgendetwas anderem nur „Garbage-in-Garbage-out”-Ergebnisse sind.

Heute jedoch haben akademische Psychiater:innen sogar den Anschein von Wissenschaftlichkeit aufgegeben. Sie ignorieren nicht nur Fragen der Validität und Zuverlässigkeit, sondern machen sich auch über die Datenerhebung lustig – mehr dazu später mit einem aktuellen Beispiel aus der akademischen Psychiatrieforschung über den Zusammenhang zwischen Psychosen und Massenerschießungen. So hat sich die unwissenschaftliche „Garbage-in-Garbage-out”-Forschung der akademischen Psychiatrie heute zu „Nonsense-in-Nonsense-out” verschlechtert.

Während die Leser:innen von Mad in America sich der Korruption der Pharmaunternehmen, die die Legitimität der Forschungsbehauptungen der Psychiatrie untergräbt, durchaus bewusst sind, zeigt ein Interview mit einem führenden akademischen Psychiater einer der renommiertesten akademischen Psychiatrieeinrichtungen, dass akademische Psychiater:innen keine Ahnung von wissenschaftlichen Methoden haben; und diese Unwissenheit ermöglicht es ihnen, sich selbst davon zu überzeugen, dass sie wissenschaftliche Forschung betreiben, obwohl dies offensichtlich nicht der Fall ist.

Diese Verschlechterung von schlechter Wissenschaft zu gar keiner Wissenschaft hat kritische Denker:innen in ein Dilemma gebracht. Einerseits nimmt die heutige Gesellschaft die Behauptungen der Psychiatrie ernster denn je, sodass viele kritische Denker:innen sich sozial verpflichtet fühlen, diese Behauptungen zu widerlegen. Angesichts der offensichtlichen Unwissenschaftlichkeit dieser Behauptungen können kritische Denker:innen, die sich von diesen Behauptungen und der sozialen Verpflichtung, sie zu widerlegen, vereinnahmen lassen, jedoch intellektuell ausbrennen.

Bevor wir uns mit dem aufschlussreichen Interview mit einem führenden akademischen Psychiater befassen, wollen wir zunächst diskutieren, wie die früheren Forschungen der akademischen Psychiatrie die Probleme der Validität und Reliabilität nicht lösen konnten, wodurch ihre Behauptungen zu „Garbage-in-Garbage-out” wurden.

Frühere „Garbage-in-Garbage-out”-Forschung

Bei der wissenschaftlichen Untersuchung eines jeden Konstrukts einer psychischen Erkrankung ist das erste Problem die Validität und das zweite Problem die Reliabilität. Wenn ein Konstrukt sich nicht als wissenschaftlich valide erweisen kann, hat es keinen wissenschaftlichen Wert, es mit anderen Variablen zu korrelieren. Und selbst wenn das Konstrukt valide ist, hat es keinen wissenschaftlichen Wert, es mit anderen Variablen zu korrelieren, wenn es nicht zuverlässig bewertet werden kann.

Die wissenschaftliche Validität in Bezug auf psychische Erkrankungen hat mehrere Aspekte. Ein offensichtlicher Aspekt der Validität ist die Einstufung von etwas als Krankheit, das tatsächlich eine Krankheit ist. In jeder Epoche gibt es menschliche Zustände, die insbesondere für gesellschaftliche Autoritäten beunruhigend sind und fälschlicherweise als psychische Erkrankungen eingestuft werden. Bekannte Beispiele hierfür sind die Einstufung von Sklaven, die aus der Sklaverei fliehen wollten, als an der psychischen Erkrankung „Drapetomanie” leidend, und in jüngerer Zeit die Einstufung homosexueller Menschen als psychisch krank aufgrund ihrer sexuellen Orientierung.

Im Gegensatz zu Drapetomanie, Homosexualität und vielen anderen psychiatrischen Krankheitskonstrukten genießt das Konstrukt der Schizophrenie einen unangefochtenen Status als medizinische Diagnose in der Psychiatrie und einem Großteil der Mainstream-Gesellschaft. Wissenschaftlich gesehen gibt es jedoch mehrere Ebenen der Ungültigkeit im Konstrukt der Schizophrenie, und ihre diagnostische Zuverlässigkeit ist gering.

Die DSM-Kriterien für Schizophrenie bestehen aus dem Vorliegen von zwei oder mehr der folgenden Verhaltensweisen, wobei mindestens eine davon aus den ersten drei aufgeführten sein muss: (1) Wahnvorstellungen; (2) Halluzinationen; (3) desorganisierte Sprache; (4) stark desorganisiertes Verhalten; und (5) negative Symptome (darunter Apathie, Emotionslosigkeit, schlechte soziale Funktionsfähigkeit und Schwierigkeiten beim Befolgen von Anweisungen).

Bereits 1968 war es jedoch für den Psychologen Donald Bannister offensichtlich, dass die DSM-Kriterien Schizophrenie zu einem „Konzept machen, das so diffus ist, dass es in einem wissenschaftlichen Kontext unbrauchbar ist“. Konkret bedeutet dies, dass eine Person aufgrund von zwei Symptomen, die sich völlig von den beiden Symptomen einer anderen Person mit ähnlicher Diagnose unterscheiden, mit Schizophrenie diagnostiziert werden kann. Bannister drückte es so aus: „Die beiden Personen werden nun fest in derselben Kategorie zusammengefasst – obwohl sie keine spezifischen gemeinsamen Merkmale aufweisen.”

Zwei der wichtigsten Symptome, anhand derer Psychiater:innen Schizophrenie diagnostizieren, sind Halluzinationen und Wahnvorstellungen. Sind diese Symptome ein gültiger Hinweis auf eine Erkrankung?

Es gibt zahlreiche Untersuchungen darüber, wie häufig – oder normal – auditive Halluzinationen (Stimmenhören) sind. Eine umfassende Übersicht („A Comprehensive Review of Auditory Verbal Hallucinations: Lifetime Prevalence, Correlates and Mechanisms in Healthy and Clinical Individuals“/Eine umfassende Übersicht über auditive verbale Halluzinationen: Lebenszeitprävalenz, Korrelate und Mechanismen bei gesunden und klinischen Personen) wurde 2013 in Frontiers in Human Neuroscience veröffentlicht. Die Übersicht analysierte mehrere Studien, die das Vorhandensein von auditiven verbalen Halluzinationen (AVH) in der Allgemeinbevölkerung untersuchten, und kam zu folgendem Schluss: „Epidemiologische Studien schätzen die Prävalenz von AVH in der Allgemeinbevölkerung auf 5 bis 28 %.” Vor allem kam diese Übersicht auch zu dem Schluss, dass bei denjenigen, die solche Halluzinationen haben, der Unterschied zwischen denen, die sich in medizinische Behandlung begeben, und denen, die dies nicht tun, in der „Art und Weise liegt, wie die jeweilige Gruppe ihre Erfahrungen verarbeitet”. Je negativer die Halluzinationen oder Stimmen erlebt werden, was in den USA und anderen westlichen Kulturen eher der Fall ist, desto wahrscheinlicher ist es, dass bei einer solchen Person eine schwere psychische Erkrankung diagnostiziert wird. Im Gegensatz dazu akzeptieren einige nicht-westliche Kulturen Menschen, die Halluzinationen haben, und feiern sie sogar, anstatt sie zu pathologisieren. 

Das bloße Vorhandensein von „bizarren Wahnvorstellungen“ wurde im DSM-IV (1994) als das Symptom mit dem höchsten Gewicht bei Schizophrenie angesehen, weshalb das Schizophrenia Bulletin 2010 den Artikel „What is Bizarre in Bizarre Delusions? A Critical Review” (Was ist bizarr an bizarren Wahnvorstellungen? Eine kritische Betrachtung), in dem verschiedene aktuelle Definitionen des DSM für bizarre Wahnvorstellungen zusammengefasst wurden, darunter „der Inhalt [ist] offensichtlich absurd und hat keine mögliche Grundlage in der Realität”. Allerdings bestimmen Kultur und Politik in hohem Maße, was die Psychiatrie als „offensichtlich absurd und ohne mögliche Grundlage in der Realität” betrachtet. Beispielsweise glauben 20 % der Amerikaner, dass die Bibel das wörtliche Wort Gottes ist, was bedeutet, dass sie glauben, dass Moses nach seinem Tod über seinen Tod und sein Begräbnis schrieb, dass Josua die Sonne stillstehen ließ und dass eine Jungfrau ein Kind gebären konnte – allesamt Dinge, die für Wissenschaftler „offensichtlich absurd sind und keine mögliche Grundlage in der Realität haben“. Die politisch versierte Psychiatrie ist sich sehr wohl bewusst, dass sie, wenn sie diese 20 % der Amerikaner als schizophren mit „bizarren Wahnvorstellungen“ einstufen würde, angesichts der politischen Macht dieser Gruppe einem weitaus größeren Angriff ausgesetzt wäre als dem, den sie Anfang der 1970er Jahre von Schwulenaktivisten erlebte, weil sie deren Homosexualität als psychische Erkrankung bezeichnet hatte.

Selbst wenn man diese und andere Validitätsprobleme des Konzepts der Schizophrenie als psychische Erkrankung außer Acht lässt, gibt es erhebliche Probleme hinsichtlich der Zuverlässigkeit. In einer Studie des American Journal of Psychiatry aus dem Jahr 1995 mit dem Titel „Interrater Reliability of Ratings of Delusions and Bizarre Delusions“ (Interrater-Reliabilität der Bewertung von Wahnvorstellungen und bizarren Wahnvorstellungen) wurden fünfzig erfahrene Psychiater:innen gebeten, zwischen bizarren Wahnvorstellungen und nicht-bizarren Wahnvorstellungen zu unterscheiden. Eine Standardstatistik zur Bewertung der Zuverlässigkeit ist der sogenannte Kappa-Koeffizient. Kappa-Werte zwischen 0 und 0,2 bedeuten keine aussagekräftige Übereinstimmung, und ein Kappa-Wert von weniger als 0,59 gilt als schwache Übereinstimmung. Unter diesen fünfzig erfahrenen Psychiater:innen lag der Kappa-Wert für die Interrater-Reliabilität bei bizarren Wahnvorstellungen zwischen 0,38 und 0,43, und die Forscher kamen zu dem Schluss: „Die Reliabilität der Bewertungen bizarrer Wahnvorstellungen scheint für die klinische Praxis nicht zufriedenstellend zu sein, und die erhöhte Gewichtung dieses Symptoms in modernen Diagnosesystemen erscheint nicht gerechtfertigt.”

Um die Zuverlässigkeit des aktuellen DSM-5 (2013) zu bewerten, führte sein Herausgeber, die American Psychiatric Association (APA), Feldversuche durch, um den Grad der Übereinstimmung zwischen Klinikern zu bewerten, die dieselben Personen diagnostizieren. Selbst mit einer speziellen Schulung, die eine Übereinstimmung wahrscheinlicher machte, lag der Kappa-Wert für Schizophrenie nur bei 0,46. (Der Kappa-Wert für die Übereinstimmung war bei anderen sogenannten psychischen Erkrankungen noch geringer, zum Beispiel bei 0,28 für schwere depressive Störungen und bei 0,20 für generalisierte Angststörungen.

Wie ahnungslos ist die akademische Psychiatrie hinsichtlich der Katastrophe der Zuverlässigkeit des DSM-5? Gary Greenberg, Autor von The Book of Woe: The DSM and the Unmaking of Psychiatry (2013), war Zeuge, als der stellvertretende Vorsitzende der DSM-5-Arbeitsgruppe, der Psychiater Darrel Regier, auf der APA-Jahresversammlung 2011 die Ergebnisse der DSM-Zuverlässigkeitsfeldversuche bekannt gab, und Greenberg berichtete Folgendes: „Da stand er nun und verkündete einen kläglichen Misserfolg, aber wenn er das Ausmaß des Debakels begriffen hatte, zeigte sich das in keiner Weise in seiner Art zu sprechen.“

Vor der Veröffentlichung des „DSM-III“ im Jahr 1980 hatte die APA eingeräumt, dass ihre früheren „DSM“-Diagnosehandbücher wissenschaftlich unzuverlässig waren, behauptete dann aber, dass das „DSM-III“ dieses Problem der Unzuverlässigkeit gelöst habe, indem es die eher subjektiven psychologischen Begriffe (wie „Neurose“) entfernt und durch Verhaltenschecklisten ersetzt habe. In Making Us Crazy (1997) dokumentierten Herb Kutchins und Stuart Kirk jedoch, dass es keine einzige größere Studie gab, die eine hohe Zuverlässigkeit einer der Versionen des DSM belegte. Kutchins und Kirk berichteten über eine große Studie aus dem Jahr 1992, die an sechs Standorten durchgeführt wurde. Psychiater:innen erhielten eine umfassende Schulung zur Erstellung genauer DSM-Diagnosen und untersuchten anschließend sechshundert potenzielle Patient:innen. Kutchins und Kirk fassten die Ergebnisse wie folgt zusammen: „Psychiater:innen, die unabhängig voneinander dieselbe Person in der Gemeinde befragen, sind sich ebenso oft einig wie uneinig darüber, ob diese Person an einer psychischen Störung leidet, und sind sich ebenso oft einig wie uneinig darüber, welche der … DSM-Störungen vorliegt.” Dies galt selbst dann, wenn die Standards für die Definition einer Übereinstimmung sehr großzügig waren.

Ohne ein wissenschaftlich valides Konstrukt, das zuverlässig gemessen werden kann, hat die Untersuchung von Zusammenhängen mit irgendeiner Variablen keinen wissenschaftlichen Wert. Angesichts der mangelnden wissenschaftlichen Validität und der geringen diagnostischen Zuverlässigkeit der Schizophrenie sind daher Bemühungen, Schizophrenie mit irgendetwas in Verbindung zu bringen, das, was Wissenschaftler als „Garbage-in-Garbage-out“-Forschung bezeichnen.

Der Verfall der akademischen Psychiatrie zu „Nonsense-In-Nonsense-Out“-Forschung

Der Psychologe Roger McFillin interviewte in seinem Podcast Anfang 2025 den Psychiatrieprofessor Ragy Girgis von der Columbia University zu einer Studie, die von führenden Persönlichkeiten der Psychiatrie an der Columbia University verfasst wurde, darunter Girgis und zwei ehemalige APA-Präsidenten (Paul Appelbaum und Jeffrey Lieberman). Anhand der Columbia University Mass Murder Data Base, die 2019–2020 erstellt wurde, wollten Girgis und seine Mitforscher herausfinden, inwiefern psychische Erkrankungen, insbesondere Psychosen, mit Massenerschießungen zusammenhängen. Angesichts der Tatsache, dass die Psychiatrieabteilung der Columbia University in der akademischen Psychiatrie als äußerst renommiert gilt, ist das, was McFillin von Girgis verlangt, besonders aufschlussreich. Girgis scheint nicht nur die Validitätsprobleme nicht zu verstehen, die McFillin ihm zu erklären versucht, sondern er beschreibt auch eine Methode der Datenerhebung, die in der Mass Murder Database der Columbia University verwendet wird und die Wissenschaft ad absurdum führt.

Bevor wir uns damit befassen, wie die Daten für die Mass Murder Database der Columbia University erhoben wurden, werfen wir zunächst einen Blick auf: Girgis‘ Glauben an die Validität des DSM, seinen Glauben an die Serotonin-Ungleichgewichtstheorie der Depression, seinen Glauben an die Wirksamkeit von SSRI-Antidepressiva, seinen Glauben, dass Antidepressiva Suizide reduzieren, seine Unkenntnis über den Entzug von Psychopharmaka und seinen Glauben, dass die Psychiatrie die Belastung durch psychische Erkrankungen verringert hat. Angesichts der Überzeugungen und Behauptungen von Girgis ist seine Antwort auf McFillins Frage, ob er in einer Blase lebe, umso beunruhigender: „Ich denke, die Blase, in der ich lebe und arbeite, umfasst etwa 98 % bis 99 % der akademischen Welt… der akademischen Neurowissenschaften, der akademischen Psychiatrie, ganz sicher.“

McFillin beginnt mit der Frage nach der Gültigkeit psychischer Erkrankungen und fragt Girgis: „Sind psychische Erkrankungen tatsächlich ein gültiges wissenschaftliches Konstrukt, das man messen kann?“

Girgis: „Ja, auf jeden Fall.“

McFillin weist auf den enormen Anstieg der Zahl der Diagnosen psychischer Erkrankungen seit dem ursprünglichen DSM hin und auf die Änderungen der Kriterien für psychische Erkrankungen, die eine Einstufung als psychisch krank erleichtern, und beginnt, sich mit einem der seit langem bestehenden Probleme der Konstruktvalidität von DSM-Psychischen Erkrankungen zu befassen, wobei er Girgis erklärt: „Die Tatsache, dass es gültige Konstrukte gibt, wurde nie bewiesen. Tatsächlich gibt es bei so vielen Erkrankungen diagnostische Überschneidungen.“ Girgis ignoriert diesen Punkt.

Später kommt McFillin mit einem Beispiel auf dieses Validitätsproblem zurück: „Inwiefern ist Bipolar II ein gültiges Konstrukt?“

Girgis: „Ich beziehe mich auf die DSM-Kriterien.“

McFillin: „Sehen Sie, wie zirkulär das wird? … Am Ende sagen Sie … eine psychiatrische Erkrankung ist gültig. Warum? Weil es das DSM gibt.“

Girgis: „Aber das DSM basiert auf etwas anderem. Es basiert auf einem Goldstandard.“

McFillin: „Sie glauben, dass die Art und Weise, wie das DSM aufgebaut ist, wissenschaftlicher Goldstandard ist? Seien Sie ehrlich, es hören viele Leute zu.“

Girgis: „Auf jeden Fall.“

McFillin erklärt Girgis, dass sogar Allen Frances, der Leiter der DSM-IV-Arbeitsgruppe, die wissenschaftliche Gültigkeit des DSM in Frage gestellt hat und dass der DSM nie als wissenschaftliches Instrument zur Identifizierung bestimmter medizinischer Zustände gedacht war, sondern als Versuch, Symptome für Forschungs- und Kommunikationszwecke zu gruppieren, und dass die Bezeichnungen und Kriterien willkürlich sind. (In einem 2010 Wired Interview kritisierte Frances das Konzept der psychischen Störung, das in jedem DSM verwendet wird, einschließlich seines eigenen DSM-IV, und erklärte, dass „es keine Definition einer psychischen Störung gibt. Das ist Blödsinn. Ich meine, man kann es einfach nicht definieren.“)

Girgis: „Da bin ich anderer Meinung. Ich glaube, dass das DSM gültig ist.“

Ein offensichtliches Beispiel für die Willkür der Kriterien für psychische Erkrankungen war die Aufnahme und anschließende Streichung der „Trauerausnahme“ für Depressionen. Konkret galt in DSM-III, dass Depressionen nach dem Verlust eines geliebten Menschen als normale Reaktion angesehen wurden und man eine sogenannte „Trauerausnahme“ erhielt und nicht mit der psychischen Erkrankung Depression diagnostiziert wurde. Im DSM-IV wurde eine zeitliche Begrenzung eingeführt, da der Trauernde zwei Monate lang Symptome einer Depression haben konnte, bevor er als psychisch krank galt. Wenn die Depressionssymptome jedoch länger anhielten, handelte es sich um eine psychische Erkrankung. Im DSM-5 wurde diese Trauerausnahme vollständig gestrichen, sodass jemand, der unmittelbar nach dem Verlust eines geliebten Menschen die erforderlichen depressiven Symptome aufwies, als psychisch krank galt.

McFillins Interview geht weiter mit anderen unsinnigen Behauptungen von Girgis.

In Bezug auf die Serotonin-Ungleichgewichtstheorie der Depression erklärt McFillin Girgis: „Die Vorstellung, dass Depressionen mit einem niedrigen Serotoninspiegel oder einem Serotoninmangel zusammenhängen, wurde nie zuverlässig bewiesen.“

Girgis: „Das wurde es doch.“

McFillin verweist dann auf Joanna Moncrieffs Studie aus dem Jahr 2022 mit dem Titel „The serotonin theory of depression: a systematic umbrella review of the evidence“ (Die Serotonin-Theorie der Depression: Eine systematische Übersichtsarbeit der Evidenz), in der sie und ihre Mitforscher:innen zu folgendem Schluss kommen: „Unsere umfassende Überprüfung der wichtigsten Forschungsstränge zu Serotonin zeigt, dass es keine überzeugenden Beweise dafür gibt, dass Depressionen mit niedrigeren Serotoninkonzentrationen oder einer geringeren Serotoninaktivität in Verbindung stehen oder dadurch verursacht werden.“

Girgis behauptet, dass Moncrieff sehr wohl einen Zusammenhang zwischen Serotonin und Depressionen gefunden habe, wobei er die tatsächlichen Ergebnisse von Moncrieff und ihren Mitforschern wie folgt verzerrt darstellt:

„Die meisten Studien fanden keine Hinweise auf eine verminderte Serotoninaktivität bei Menschen mit Depressionen im Vergleich zu Menschen ohne Depressionen, und Methoden zur Verringerung der Serotoninverfügbarkeit durch Tryptophanverarmung senken die Stimmung bei Freiwilligen nicht konsistent. Hochwertige, aussagekräftige genetische Studien schließen einen Zusammenhang zwischen Genotypen, die mit dem Serotoninsystem in Verbindung stehen, und Depressionen, einschließlich einer vermuteten Wechselwirkung mit Stress, effektiv aus. Schwache Hinweise aus einigen Studien zu Serotonin-5-HT1A-Rezeptoren und SERT-Spiegeln [Serotonin-Transporter-Spiegel, gemessen durch Bildgebung oder bei der Obduktion] deuten auf einen möglichen Zusammenhang zwischen erhöhter Serotoninaktivität und Depressionen hin. Diese Ergebnisse sind jedoch wahrscheinlich durch die vorherige Einnahme von Antidepressiva und deren Auswirkungen auf das Serotoninsystem beeinflusst.“

Dann offenbart Girgis, wie wenig er von der wissenschaftlichen Methode versteht, und liefert das, was er als „Beweis“ für die Serotonin-Ungleichgewichtstheorie der Depression ansieht: „Wenn also ein selektiver Serotonin-Wiederaufnahmehemmer [SSRI] bei Depressionen wirksam wäre [was Girgis behauptet], wäre das eine Art konsistenter Beweis für die Serotonin-Ungleichgewichtstheorie.“

McFillin weist darauf hin, dass selbst wenn SSRI-Antidepressiva wirksam wären, dies kein wissenschaftlicher Beweis für die Serotonin-Ungleichgewichtstheorie der Depression wäre. Jeder echte Wissenschaftler würde erkennen, dass Girgis‘ „Beweis“ analog zu der lächerlichen Vorstellung ist, dass, wenn Alkohol einen weniger schüchtern macht, Schüchternheit durch einen Alkoholmangel verursacht wird.

Girgis macht dann folgende Aussage über SSRIs: „Ich denke, sie sind wirksam. Daran besteht kein Zweifel. Es besteht kein Zweifel. Es besteht kein Zweifel daran, dass sie wirksam sind.“ Girgis behauptet, dass dies „keine Überzeugung ist . . . Es basiert auf den Daten.“

McFillin antwortet: „Das ist es absolut nicht“, und er versucht, ihm die Daten zu erklären.

Dann verlagert sich die Diskussion auf Antidepressiva und Suizid.

Girgis: „Die Daten sind eindeutig. Antidepressiva verringern die Suizidrate.“

McFillin: Er versucht sein Bestes, um seine Verärgerung und Wut zu zügeln: „Sie tun es schon wieder… Sie sagen, die Daten seien eindeutig… Sie können nicht in einer Sendung wie dieser auftreten und sagen, die Daten seien eindeutig, wenn Ihr eigenes Fachgebiet dies bestreitet.“ McFillin erinnert ihn dann daran, dass Aufsichtsbehörden auf der ganzen Welt, einschließlich der FDA, Warnhinweise zu Suizidalität in der Verpackung vorgeschrieben haben.

Girgis: „Die Black-Box-Warnung bezieht sich also nur auf Suizidgedanken… Es besteht also kein Zweifel, dass Antidepressiva die Zahl der vollendeten Suizide senken.“

Erstens irrt Girgis, wenn er behauptet, dass sich die Black-Box-Warnung nur auf Suizidgedanken bezieht, da die Black-Box-Warnung der FDA zu Antidepressiva ausdrücklich auf ein „erhöhtes Suizidrisiko (Suizidgedanken und -verhalten)“ hinweist, wobei Suizidverhalten auch Suizidversuche umfasst. Zweitens hat Frontiers in Psychiatry die Daten zu Antidepressiva überprüft und kam 2020 zu dem Schluss, dass „neuere Daten darauf hindeuten, dass die Zunahme der Verschreibungen von Antidepressiva mit einer Zunahme der Suizidversuche und der vollendeten Suizide unter amerikanischen Kindern und Jugendlichen zusammenhängt. … Die Black-Box-Warnung basiert auf soliden Daten, während die Behauptung, die Warnung habe Schaden verursacht, auf recht schwachen Beweisen beruht.“ Drittens kann Girgis nicht erkennen, wie unlogisch es ist, dass er einerseits anerkennt, dass „es viele Studien gibt, die zeigen oder nahelegen, dass Antidepressiva Suizidgedanken verstärken“, aber gleichzeitig mit Bestimmtheit behauptet: „Es besteht kein Zweifel, dass Antidepressiva die Zahl der vollendeten Suizide verringern.“

McFillin versucht dann herauszufinden, was Girgis über den Entzug von Psychopharmaka und die sichere Ausschleichung weiß. Girgis gibt zu, dass er noch nie von den Maudsley Deprescribing Guidelines gehört hat und dass er noch nie von hyperbolischer Ausschleichung gehört hat, aber Girgis versichert uns, dass er weiß, wie man Patient:innen sicher ausschleichen kann. McFillin befragt ihn mehrmals dazu, wie schnell er Patient:innen ausschleichen würde, wobei McFillin Girgis konkrete Beispiele für Medikamentendosierungen und Einnahmedauer nennt, aber Girgis gibt vage oder problematische Antworten (zum Beispiel sein Ansatz für Menschen, die Effexor ausschleichen wollen: „Zuerst wechselt man zu etwas wie Sertralin [Zoloft] oder Fluoxetin [Prozac]“).

Schließlich weist McFillin darauf hin, dass das Paradigma der etablierten Psychiatrie „einfach keine Ergebnisse gebracht hat. … Tatsächlich ist es sogar viel, viel schlimmer geworden. … Es hat sicherlich nicht dazu beigetragen, die Belastung durch schwere psychische Erkrankungen in diesem Land zu verringern.“

Girgis: „Sicher hat es das … Daran besteht kein Zweifel.“

McFillin fragt Girgis: „Doktor, glauben Sie, dass wir die Belastung durch psychische Erkrankungen in den Vereinigten Staaten verringert haben?“ Ein verblüffter McFillin antwortet ihm: „Sie sind der erste Mensch, der tatsächlich behauptet, dass wir gute Arbeit leisten und die Belastung durch psychische Erkrankungen in diesem Land verringern.“

Viele Leser:innen von Mad in America und andere, die sich mit der Forschung auskennen, werden über die Lächerlichkeit der vorangegangenen Behauptungen von Girgis lachen. Man braucht jedoch nur ein grundlegendes Verständnis der Wissenschaft, um zu begreifen, wie unwissenschaftlich die Methode der Datenerhebung in der Columbia University Mass Murder Database zu Massenmorden weltweit von 1900 bis 2019 ist, die Girgis und seine Mitforscher:innen verwendet haben, um herauszufinden, wie psychische Erkrankungen, insbesondere Psychosen, mit Massenerschießungen zusammenhängen.

Girgis erklärt zu Beginn des Interviews: „Wir haben im Grunde genommen einfach online gesucht und so viele Gerichtsakten, Polizeidokumente und andere zuverlässige Medienquellen wie möglich gefunden, aus denen wir Daten zu jeder Art von Massenmord gewinnen konnten.“

McFillin, der etwas ungläubig ist, dass die Daten auf diese Weise erhoben wurden, stellt eine klärende Frage: „Wenn Sie also eine der Gruppen als psychisch krank einstufen wollen, welche Kriterien müssen diese erfüllen und wie sammeln Sie diese Informationen?“

Girgis wiederholt: „Wir sammeln Informationen aus Polizeiberichten, Gerichtsakten, Medienberichten und ähnlichen Quellen.“

McFillin: „Ist das gültig? Ist das zuverlässig?“

Girgis erklärt, warum solche ungültigen und unzuverlässigen Daten verwendet werden können: „Das ist dann der Sinn der Verwendung der Vergleichsgruppe, denn dieselbe Verzerrung, dieselben Probleme mit der Gültigkeit und dieselben Probleme mit der Zuverlässigkeit gelten auch für die Vergleichsgruppe. Deshalb verwenden wir Gruppen, denn dann hebt sich diese Verzerrung gegenseitig auf.“

McFillin versucht Girgis zu erklären, dass das Problem darin besteht, dass die Daten selbst ungültig und unzuverlässig sind, wie McFillin feststellt: „Ich würde argumentieren, dass das nicht unbedingt eine Verzerrung ist. Es gibt nicht genügend Beweise, um eine Einstufung zu rechtfertigen. Wenn man also keine eindeutigen, eindeutigen Beweise hat, ist es sehr schwierig, dieser Person eine Diagnose zu stellen.“

Girgis scheint McFillins Argument nicht zu verstehen.

McFillin versucht es erneut: „Kann man es wissenschaftlich untersuchen, wenn man keine objektiven Daten hat?“

Wieder scheint Girgis nicht zu verstehen: „Das könnte ein semantisches Problem sein.“

McFillin versucht es erneut: „Es gibt echte methodische Bedenken, ob man überhaupt Schlussfolgerungen ziehen kann, weil es schwierig ist, festzustellen, ob diese Person tatsächlich diese Symptome hat, da man keine andere Referenz als Fallberichte von jemand anderem hat. … Wir sprechen hier von … überwiegend Nachrichtenmedien und Berichten von Strafverfolgungsbehörden. Richtig?“

Girgis: „Es handelt sich ausschließlich um Medien, Strafverfolgungsbehörden und Gerichtsakten. Ausschließlich, natürlich.“

Zu welchen Ergebnissen kamen Girgis und sein Mitforscher:innen anhand von Medien, Strafverfolgungsbehörden und Gerichtsakten?

Girgis: „Wir haben festgestellt, dass etwa 5 % der Massenerschießungen mit psychischen Erkrankungen und insbesondere mit Psychosen zusammenhängen. … Die Schlussfolgerung war, dass 5 % der Massenerschießungen direkt durch Psychosen verursacht werden. … Menschen mit psychotischen Erkrankungen sind also unter den Massenmördern überrepräsentiert. Daran besteht kein Zweifel. Daran besteht kein Zweifel. … Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen haben definitiv ein höheres Risiko, gewalttätig zu werden. Ich meine, daran besteht kein Zweifel.“

Girgis‘ definitive Behauptung, dass Psychosen irgendeinen Zusammenhang, sei er auch noch so gering, mit Massenerschießungen haben, hat erhebliche Auswirkungen auf die öffentliche Politik in Bezug auf Zwangseinweisungen. McFillin, der eine gewisse Dringlichkeit verspürt, versucht daher am Ende des Interviews erneut, Girgis klar zu machen, wie problematisch seine Datenerhebung ist.

McFillin: „Ich halte es tatsächlich für gefährlich zu sagen, dass man eine pauschale medizinische Diagnose stellen kann, ohne jemals eine Person untersucht zu haben, und dann zu versuchen, aus Medienberichten oder sogar Strafverfolgungsmaßnahmen Rückschlüsse auf die Person zu ziehen.“

Auch hier scheint Girgis nicht zu verstehen, warum es wissenschaftlich höchst problematisch ist, Medienberichte, Gerichtsakten und Polizeiberichte zur Feststellung einer Psychose-Diagnose heranzuziehen.

Prominentes Beispiel für die Behauptung einer Psychose durch das Rechtssystem und die Medien

Während jede Psychosediagnose mit den zuvor diskutierten Problemen der Ungültigkeit und Unzuverlässigkeit behaftet ist, gibt es viele Gründe, warum Medienberichte, Gerichtsakten und Polizeiberichte über Psychosen noch unwissenschaftlicher sind.

Eines von vielen Beispielen dafür, warum man den Berichten des Rechtssystems und der Medien über Psychosen in wissenschaftlicher Hinsicht nicht trauen sollte, ist das, was passiert, wenn die Unzurechnungsfähigkeitsverteidigung zur Milderung der Strafe eingesetzt wird. In solchen Fällen bezahlt die Verteidigung regelmäßig „bezahlte“ Psycholog:innen, um eine Psychose-Diagnose zu erstellen, die in einigen Fällen sowohl den Bedürfnissen der Verteidigung als auch der Anklage entspricht, was dazu führt, dass das Rechtssystem jemanden mit wenig oder gar keinen Beweisen für psychotisch erklärt; die Medien berichten dann über die psychotische Einstufung als Tatsache. Genau das geschah im Fall von Ted Kaczynski, der als „Unabomber“ bekannt wurde.

Zwischen 1978 und 1995 töteten Kaczynskis Bomben drei Menschen und verletzten 23 weitere. Kaczynskis Biograf Alston Chase (A Mind for Murder, 2004) berichtete, dass vieles, was die Welt über Kaczynskis geistigen Zustand hörte, nicht der Wahrheit entsprach. Chase dokumentiert, wie Kaczynski aus zwei Gründen psychopathologisiert wurde: zum einen aufgrund der Bedenken seiner Familie, die ihn vor der Todesstrafe bewahren wollte, und zum anderen, um den Bedürfnissen der gesellschaftlichen Autoritäten gerecht zu werden, die seine Gesellschaftskritik abtun wollten.

Entgegen Kaczynskis Wunsch führten seine Verteidiger eine „psychische Erkrankung” als Verteidigungsstrategie ein. Eine psychologische Sachverständige der Verteidigung kam zu dem Schluss, dass Kaczynski eine „Veranlagung zur Schizophrenie” aufweise, und begründete ihre Schlussfolgerung mit seinen technikfeindlichen Ansichten.

Vor seiner Festnahme wurde Kaczynskis Manifest, bekannt als das Unabomber-Manifest, 1995 in Zeitungen veröffentlicht. Das Manifest beginnt wie folgt: „Die industrielle Revolution und ihre Folgen waren eine Katastrophe für die Menschheit.” Anschließend erörterte er, wie das zunehmende Wachstum und die Verehrung technologischer und industrieller Systeme die individuelle Freiheit untergraben und unsere natürliche Umwelt zerstört haben. Viele von Kaczynskis Argumenten waren zuvor bereits von angesehenen Technologiekritiker:innen vorgebracht worden, die sich mit der Tyrannei riesiger industriell-technologischer Systeme befassten. Für Leser:innen, die mit angesehenen Technologiekritiker:innen wie Lewis Mumford und Kirkpatrick Sale vertraut sind, ist Kaczynskis Werk unoriginell und unangenehm zu lesen – aber keineswegs verrückt.

Neben Kaczynskis Ansichten zur Technologie gehörten zu den weiteren sogenannten „Beweisen“ für seine Geisteskrankheit seine persönlichen Gewohnheiten und sein ungepflegtes Äußeres, da er allein in einer Hütte in Montana lebte. Aber wie sein Biograf Alston Chase – der wie Kaczynski ein ehemaliger Harvard-Student, ehemaliger Professor und Einwohner von Montana war – betont: „Seine Hütte war nicht unordentlicher als die Büros vieler College-Professoren. Die Wildnis von Montana ist voller Eskapisten wie Kaczynski (und mir). Zölibat und Menschenfeindlichkeit sind keine Krankheiten.“

Kaczynski war unbestreitbar gewalttätig. Er hatte persönliche Gründe – darunter die Misshandlung und Demütigung, die er als Student in Harvard in einem Psychologieexperiment erlitten hatte – für seine Wut und sein Misstrauen gegenüber den Eliten, die die Gesellschaft lenken. Doch selbst nach den Maßstäben des DSM kann er nicht als psychotisch eingestuft werden. Wenn man jedoch die Gerichtsakten und die Medien ernst nimmt, war Ted Kaczynski nicht einfach nur ein wütender und gewalttätiger Mann, sondern ein Psychotiker.

Schadet es dem kritischen Denken, die akademische Psychiatrie ernst zu nehmen?

Viele Leser:innen von Mad in America haben durch psychiatrische Diagnosen und Behandlungen Schaden erlitten, und einige Autoren von Mad in America haben die Schäden diskutiert, die die etablierte Psychiatrie der Gesellschaft zufügt (indem sie beispielsweise normale menschliche Reaktionen, die oft das Ergebnis der Entfremdung des Einzelnen von seiner Umgebung sind, pathologisiert, ermöglicht die Psychiatrie eine entmenschlichende Gesellschaft, die uns von unserer Menschlichkeit und voneinander entfremdet).

Abgesehen von dem Schaden, den die etablierte Psychiatrie ihren Patient:innen und der Gesellschaft zufügt, wie führt die ernsthafte Betrachtung der Psychiatrie zu einer Verarmung kritischer Denker:innen:innen?

Die Behauptungen des Psychiaters Ragy Girgis von der Columbia University – die von nicht durch Daten gestützten Aussagen über Unwahrheiten bis hin zu unsinnigen Forschungsergebnissen reichen – sind gleichermaßen lächerlich und ärgerlich. Besonders ärgerlich ist es, wenn er seinen unsinnigen Behauptungen wiederholt hinzufügt: „Die Beweise sind eindeutig“, „Die Daten sind sehr eindeutig“, „Das ist unumstritten“ und „Daran besteht kein Zweifel“. In all diesen Fällen ist das Gegenteil der Fall.

Dies stellt kritische Denker:innen vor ein Dilemma. Eine echte Reaktion vieler kritischer Denker:innen auf Girgis‘ Behauptungen wäre Wut und spöttisches Lachen, und man sieht, dass der Psychologe und Podcaster Roger McFillin einige dieser echten Reaktionen zeigt. Wenn ich Girgis interviewen würde, wäre meine echte Reaktion, dass seine Überzeugung, er sei ein Wissenschaftler, der sich an die wissenschaftliche Methode hält, eine „bizarre Wahnvorstellung“ ist, die nach der Definition seines Berufs ein hochgradig gewichtetes Symptom für Schizophrenie ist.

McFillin erkennt jedoch, dass spöttische Reaktionen in seinem Podcast-Forum Girgis nur die Sympathie der Zuschauer:innen einbringen würden, und so erkennt er, dass emotionale Zurückhaltung erforderlich ist, damit sein Publikum so klar wie möglich erkennen kann, worum es bei Girgis eigentlich geht. Es bedarf wenig kritischen Denkens, um eine Debatte mit einem akademischen Psychiater wie Girgis zu gewinnen, aber es erfordert ein hohes Maß an emotionaler Zurückhaltung, was keine leichte Aufgabe ist. McFillin gelingt es, während des größten Teils des über zweistündigen Interviews emotional zurückhaltend zu bleiben, aber nicht während des gesamten Interviews.

Die akademische Psychiatrie, wie sie von Girgis und der Psychiatrieabteilung der Columbia University vertreten wird, stellt kritische Denker:innen vor ein größeres Dilemma. Während sich die akademische Psychiatrie von schlechter Wissenschaft zu gar keiner Wissenschaft verschlechtert hat, nimmt die Gesellschaft die Behauptungen akademischer Psychiater:innen ernster denn je, und so ist es verständlich, warum kritische Denker:innen sich sozial verpflichtet fühlen, diese Behauptungen zu widerlegen. Kritische Denker:innen, die sich von diesen unsinnigen Behauptungen und der sozialen Verpflichtung, sie zu widerlegen, vereinnahmen lassen, können jedoch intellektuell verarmen.

Indem sie ihre Energie darauf verwenden, unsinnige Behauptungen zu widerlegen und sich in Debatten mit lächerlichen akademischen Psychiater:innen emotional zurückzuhalten, können kritische Denker:innen ihre ganze Energie nicht auf Fragen richten, die sie tatsächlich intellektuell anregend und denkenswert finden. Es gibt viele solcher Fragen, aber lassen Sie mich nur einige davon aufzählen:

Unter Wissenschaftler:innen und Philosoph:innen gibt es ein Sprichwort (das oft fälschlicherweise Albert Einstein zugeschrieben wird): „Nicht alles, was zählt, kann gezählt werden, und nicht alles, was gezählt werden kann, zählt.“ Wie lässt sich dies auf die Beschreibung menschlicher Unterschiede und die Hilfe für emotional krisengeschüttelte Menschen anwenden?

Gibt es im Gegensatz zur schädlichen Objektivierung menschlicher Unterschiede durch die Psychiatrie auch nicht-pathologische Wege, unsere unterschiedlichen Temperamente und Persönlichkeiten zu betrachten und zu kommunizieren? Wenn wir akzeptieren, dass es menschliche Unterschiede gibt, bedeutet dies dann, dass unterschiedliche Arten von Helfer:innen für unterschiedliche Arten von Menschen hilfreicher sind?

Es wurde wiederholt dokumentiert (z. B. in Bruce Wampolds „The Great Psychotherapy Debate“, 2015, zweite Auflage), dass die bedeutende Art und Weise, wie Menschen emotional leidenden Menschen helfen, wenig mit medizinischen Techniken zu tun hat, sondern vielmehr mit der Qualität der Beziehungsallianz, einschließlich der wahrgenommenen Wärme, Aufrichtigkeit, Empathie und Fähigkeit des Helfers, zuzuhören und zu kommunizieren. Sind diese Fähigkeiten eine:r Helfer:in angeboren oder können sie erlernt werden?

Welchen Mehrwert kann die Unterstützung durch Gleichaltrige bieten, den eine professionelle Beziehung nicht bieten kann, und was kann eine professionelle Beziehung bieten, was die Unterstützung durch Gleichaltrige nicht bieten kann?

Es gibt ein Zitat eines Aktivisten (das oft fälschlicherweise Mahatma Gandhi zugeschrieben wird): „Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich, dann gewinnst du.“ Ist es für Menschen, die versuchen, sich aus dem Schaden zu befreien, den die etablierte Psychiatrie angerichtet hat, sinnvoll, dieses Sprichwort umzukehren und wie folgt zu lesen: „Zuerst bekämpfst du es, dann lachst du darüber, dann ignorierst du es, und dann gewinnst du“?

Es gibt viele andere Fragen, die zumindest für mich spannender sind als die Entlarvung der neuesten Unsinnigkeiten der Psychiatrie, aber wenn Sie anfangen möchten, über die akademische Psychiatrie zu lachen, sollten Sie sich vielleicht Roger McFillins Podcast-Interview mit dem Psychiater Ragy Girgis von der Columbia University ansehen.

Mad in Deutschland veröffentlicht Blogbeiträge einer vielfältigen Gruppe von Autor:innen. Diese Beiträge sollen zur Diskussion über Psychiatrie und ihre Behandlungsmethoden in Deutschland anregen. Die geäußerten Meinungen sind die der Autor:innen.

Bruce Levine
Bruce Levine
Commonsense Rebellion: Bruce E. Levine, praktizierender klinischer Psychologe, der oft im Widerspruch zum Mainstream seiner Profession steht, schreibt und spricht darüber, wie Gesellschaft, Kultur, Politik und Psychologie miteinander verflochten sind. Sein neuestes Buch ist A PROFESSION WITHOUT REASON: The Crisis of Contemporary Psychiatry―Untangled and Solved by Spinoza, Freethinking, and Radical Enlightenment (2022). Seine Website ist www.brucelevine.net.

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