Antidepressiva stehen laut Studie im Zusammenhang mit anhaltenden sexuellen Funktionsstörungen

Forschungsergebnisse von 2024 verdeutlichen die Herausforderungen bei der Quantifizierung der Prävalenz der post-SSRI-Sexualdysfunktion (PSSD), einer Erkrankung, die Patient:innen noch lange nach Absetzen von Antidepressiva beeinträchtigt.

Mit der zunehmenden Verbreitung von Antidepressiva aus der Gruppe der selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) häufen sich auch Berichte über eine anhaltende und schwerwiegende Nebenwirkun – Post SSRI Sexual Dysfunction (PSSD, auf Deutsch etwa: Sexuelle Fehlfunktion nach SSRI). Im Gegensatz zu den bekannten sexuellen Nebenwirkungen, die während der Behandlung auftreten, hält die PSSD noch lange nach Absetzen des Medikaments an und führt bei vielen Patient:innen zu einem dauerhaften Verlust der Libido, Genitaltaubheit und anderen Formen sexueller Dysfunktion. Trotz dieser schwerwiegenden und anhaltenden Auswirkungen ist die PSSD nach wie vor wenig bekannt und kaum erforscht, wie eine Studie von 2024 in Epidemiology and Psychiatric Sciences zeigt.

Die Studie, verfasst von David Healy von Data Based Medicine und Dee Mangin von der McMaster University, unterstreicht die enormen Hindernisse bei der genauen Quantifizierung der Inzidenz und Prävalenz von PSSD. Dazu gehören die ethischen Herausforderungen bei der Konzeption von Studien, die einen solchen Zustand hervorrufen könnten, das Fehlen spezifischer Messinstrumente und die ablehnende Haltung vieler Angehöriger der Gesundheitsberufe gegenüber den sexuellen Gesundheitsproblemen der Patient:innen.

„Es ist nicht bekannt, wie viele Patient:innen, wenn überhaupt, nach der Einnahme eines Serotonin-Wiederaufnahmehemmer-Antidepressivums ihre ursprüngliche Genitalempfindung, Orgasmusintensität und andere Bereiche der sexuellen Funktion vollständig wiedererlangen“, schreiben Healy und Mangin. „Dies wurde noch nie richtig untersucht und beschrieben, und es besteht ein dringender Bedarf, die Inzidenz, Prävalenz und den natürlichen Verlauf von PSSD zu verstehen, wobei der Schwerpunkt auf der Aufklärung zur Prävention sowie der Erforschung von Behandlungsmöglichkeiten liegen sollte.“

Laut dem aktuellen Bericht gehören zu den Symptomen von PSSD Genitaltaubheit, lustloser/schwacher Orgasmus, Libidoverlust und erektile Dysfunktion, die als Folge der Einnahme von Antidepressiva auftreten und nach Absetzen der Medikamente anhalten.

Aus mehreren Gründen ist es schwierig zu sagen, wie viele Nutzer:innen von dieser Erkrankung betroffen sind: Die Entwicklung einer Methode zur Untersuchung der Prävalenz und Inzidenz von PSSD ist schwierig, Nutzer:innen schämen sich oft, sexuelle Probleme bei ihren Ärztinnen und Ärzten anzusprechen, medizinisches Fachpersonal reagiert häufig abweisend oder ablehnend auf die Bedenken der Nutzer:innen hinsichtlich PSSD, und viele Nutzer:innen stellen keinen Zusammenhang zwischen dem Absetzen von SSRI und ihrer aktuellen sexuellen Dysfunktion her.

Während sexuelle Funktionsstörungen eine bekannte und häufig untersuchte Nebenwirkung von SSRI-Antidepressiva sind, ist ihr Fortbestehen nach Absetzen der SSRI nicht bekannt. Dieser Artikel weist auf eine möglicherweise dauerhafte negative Wirkung dieser häufig verschriebenen Medikamente hin, die medizinisches Fachpersonal nicht versteht und über die es die Patient:innen nicht aufklären kann. Der Artikel hebt auch die abweisende und feindselige Haltung hervor, mit der viele Patient:innen von medizinischem Fachpersonal konfrontiert sind. Diese wenig hilfreiche Haltung kann eine Gruppe von Menschen, die ohnehin schon regelmäßig mit Stigmatisierung und Diskriminierung zu kämpfen hat, weiter marginalisieren und schädigen.

Die Forschung zu PSSD ist spärlich, und Herausforderungen bei der Studienkonzeption erschweren die Quantifizierung der Erkrankung. Es gibt mehrere Hindernisse für die Konzeption einer Studie, die PSSD angemessen untersuchen kann. Da das Risiko, an PSSD zu erkranken, ein Verstoß gegen die Forschungsethik darstellt, ist es nicht möglich, randomisierte kontrollierte Studien zur Untersuchung dieser Erkrankung durchzuführen. Außerdem gibt es keine validierten Messinstrumente für die Symptome von PSSD. Zwar gibt es validierte Instrumente zur Beurteilung sexueller Funktionsstörungen, diese berücksichtigen jedoch nicht die spezifischen Symptome von PSSD, wie z. B. eine verminderte Empfindung im Genitalbereich.

Obwohl die Forschung zu PSSD nicht weit verbreitet ist, gibt es einige Studien, die sich mit dieser Erkrankung befasst haben. Eine Studie untersuchte Patient:innen, die nach der Einnahme eines SSRI sexuelle Funktionsstörungen entwickelten. 55 % der Patient:innen litten auch 6 Monate nach der Umstellung auf ein nicht-SSRI-haltiges Antidepressivum, das keine sexuellen Funktionsstörungen verursacht, noch an sexuellen Funktionsstörungen. Über 50 % der Teilnehmer:innen an unveröffentlichten Phase-1-Studien mit SSRI litten unter sexuellen Funktionsstörungen, die bei einigen auch nach Absetzen der Medikamente anhielten. Die Autor:innen weisen darauf hin, dass die Daten aus diesen Studien nicht öffentlich zugänglich sind. Eine weitere Studie ergab, dass 52,6 % der Teilnehmer:innen nach Absetzen von SSRI anhaltende sexuelle Funktionsstörungen hatten, wobei 26,3 % über anhaltende Genitaltaubheit und Unempfindlichkeit der Brustwarzen berichteten.

Eine Studie, die die Verschreibung von Medikamenten gegen erektile Dysfunktion nach Absetzen von SSRI untersuchte, schätzte das Risiko einer irreversiblen sexuellen Dysfunktion infolge der Einnahme von SSRI auf 0,46 %. Die Autor:innen dieser Studie gaben an, dass das tatsächliche Risiko wahrscheinlich höher sei als in ihrer Studie angegeben, da sie sich auf erektile Dysfunktion und männliche Patient:innen konzentrierten und sich auf Patient:innen stützten, die wegen sexueller Dysfunktion ärztliche Hilfe in Anspruch nahmen.

Medizinisches Fachpersonal verfügt nur über geringe Kenntnisse über PSSD, und obwohl sexuelle Funktionsstörungen als Nebenwirkung von SSRI allgemein bekannt sind, ergab eine Studie, dass nur 12 % der Patient:innen bei der Einnahme dieser Medikamente über diese Möglichkeit aufgeklärt wurden. Auch fragen medizinische Fachkräfte nur selten nach dem Abklingen sexueller Funktionsstörungen. Das bedeutet, dass PSSD in erster Linie von den Patient:innen selbst erkannt wird. Wenn Patient:innen PSSD erkennen und medizinisches Fachpersonal darauf aufmerksam machen, werden sie oft schlecht behandelt.

In der Literatur werden die Reaktionen auf die PSSD-Beschwerden von Patient:innen als wenig hilfreich, abweisend und feindselig beschrieben. Patient:innen berichten, dass sie verspottet wurden, ihnen geraten wurde, sich einen neuen Sexualpartner zu suchen, und dass ihre PSSD fälschlicherweise auf eine psychische Erkrankung zurückgeführt wurde. Medizinisches Fachpersonal ignorierte wissenschaftliche Artikel über PSSD, die ihnen von betroffenen Patient:innen vorgelegt wurden. Ein Patient wurde sogar unfreiwillig in einer psychiatrischen Klinik festgehalten, als er über PSSD-Symptome berichtete.

Diese Reaktionen von medizinischem Fachpersonal führen dazu, dass Fälle von PSSD nicht in Krankenakten erfasst werden. Sie hindern Patient:innen auch daran, in Zukunft medizinische Hilfe für PSSD-Symptome in Anspruch zu nehmen. Menschen mit PSSD-Symptomen, die keine medizinische Hilfe in Anspruch genommen haben, könnten davon absehen, dies zu tun, wenn sie lesen und sehen, wie Menschen im Gesundheitssystem behandelt werden, wenn sie ähnliche Bedenken äußern. All dies bedeutet, dass viele Fälle von PSSD nie in den Krankenakten auftauchen.

Diese abwertende Haltung von medizinischem Fachpersonal basiert oft auf der Vorstellung, dass ein Medikament, sobald es nicht mehr im Körper vorhanden ist, nicht mehr die Ursache für die von den Patient:innen gemeldeten Probleme sein kann. Diese Probleme werden dann als psychisch bedingt abgetan. Diese unbegründete Annahme hält sich bei vielen medizinischen Fachkräften hartnäckig, obwohl es überwältigende Beweise dafür gibt, dass Erkrankungen wie tardive Dyskinesie noch lange nach Absetzen der Medikamente, die sie verursacht haben, bestehen bleiben. Die Autor:innen weisen auch darauf hin, dass es derzeit keine psychischen Störungen gibt, die Genitaltaubheit verursachen, dies jedoch eine anerkannte Wirkung von SSRI ist.

Die Schwere und die Auswirkungen von PSSD variieren stark von Person zu Person. Während einem Autor der aktuellen Arbeit mindestens 20 Suizide im Zusammenhang mit PSSD bekannt sind, verlieren manche Menschen mit dieser Erkrankung ihre Libido und sind daher von den anderen Symptomen nicht beeinträchtigt. Einige Betroffene leiden möglicherweise an PSSD, ohne sich dessen bewusst zu sein. Nach Absetzen von SSRI kann es bei den Betroffenen zu einer Verbesserung, jedoch nicht zu einer vollständigen Heilung der sexuellen Funktionsstörungen kommen. Da SSRI in der Regel über einen längeren Zeitraum eingenommen werden, führen die Betroffenen die Unterschiede in ihrer sexuellen Funktion vor und nach der Einnahme möglicherweise auf andere Faktoren zurück, beispielsweise auf das Alter. Details zu Genitaltaubheit und Orgasmusintensität werden von medizinischen Fachkräften selten abgefragt und von den Betroffenen selten von sich aus angesprochen. Den Betroffenen kann es auch peinlich sein, mit medizinischen Fachkräften über sexuelle Funktionsstörungen zu sprechen. All dies trägt dazu bei, die tatsächliche Häufigkeit von PSSD zu verschleiern. Die Autor:innen kommen zu folgendem Schluss:

„Während viele Fälle von PSSD in der klinischen Praxis, in der vollständige Angaben zur Krankengeschichte und zum klinischen Bild vorliegen, relativ einfach zu diagnostizieren sind, gibt es mehrere Faktoren, die die Sichtbarkeit von PSSD in einer breiteren Bevölkerung verschleiern“, erklären die Autor:innen. „Dies stellt Epidemiologen vor eine große Herausforderung und bedeutet eine erhebliche Informationslücke für Patient:innen und Ärztinnen und Ärzte.“

Eine in diesem Artikel zitierte Studie schätzt konservativ, dass Männer, die SSRI einnehmen, dreimal häufiger unter sexuellen Funktionsstörungen leiden, die nach Absetzen der Medikamente anhalten, als Männer, die nie SSRI eingenommen haben. Einige Forscher:innen haben die Neurobiologie von PSSD untersucht und festgestellt, dass es derzeit keine einheitliche Behandlung gibt.

Zwar können einige Medikamente PSSD kurzfristig behandeln, doch aufgrund ihrer Wirkungsweise verlieren sie schließlich ihre Wirksamkeit und führen zu einer Zunahme der sexuellen Funktionsstörungen. Einige Forscher:innen haben gefordert, dass SSRI mit Warnhinweisen zu sexuellen Funktionsstörungen auch nach Absetzen der Medikamente versehen werden sollten.

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Healy D, Mangin D (2024) Post-SSRI sexual dysfunction: barriers to quantifying incidence and prevalence. Epidemiology and Psychiatric Sciences 33, e40, 1–5. https://doi.org/10.1017/ S2045796024000441 [Link]

Mad in Deutschland veröffentlicht Blogbeiträge einer vielfältigen Gruppe von Autor:innen. Diese Beiträge sollen zur Diskussion über Psychiatrie und ihre Behandlungsmethoden in Deutschland anregen. Die geäußerten Meinungen sind die der Autor:innen.
Richard Sears
Richard Sears
Richard Sears lehrt Psychologie am West Georgia Technical College und promoviert an der University of West Georgia im Fachbereich Bewusstsein und Gesellschaft. Zuvor arbeitete er in Krisenstabilisierungseinheiten als Aufnahme- und Krisenhelfer. Seine aktuellen Forschungsinteressen umfassen die Abgrenzung zwischen Institutionen und den Individuen, aus denen sie bestehen, Entmenschlichung und deren Zusammenhang mit Verherrlichung sowie natürliche Alternativen zu potenziell schädlichen psychopharmakologischen Interventionen.

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