Antidepressiva-Entzug wird häufig fälschlicherweise als „psychische Erkrankung“ diagnostiziert

Eine Studie von 2024 zeigt, dass mehr als zwei Drittel der Patient:innen, die einen Antidepressiva-Entzug durchlaufen, fälschlicherweise mit psychiatrischen Störungen diagnostiziert wurden.

In einer Studie von 2024 wurde festgestellt, dass bei mehr als zwei Dritteln der Patient:innen, die unter Antidepressiva-Entzug litten, die psychiatrische Diagnose falsch war. Ihre Entzugssymptome wurden fälschlicherweise als psychiatrische Störungen gemäß des amerikanischen Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM)-5 diagnostiziert, wie Panikstörung und schwere depressive Störung.

Die Forscher:innen schreiben: ‚In 58 (78,4 %) der 74 Fälle wurde die DSM-5-Diagnose einer aktuellen psychischen Störung nach Abschluss des DID-W1 [Diagnostic Clinical Interview for Drug Withdrawal 1] nicht bestätigt, da die Symptome der Patient:innen vielmehr einem aktuellen Entzugssyndrom entsprachen.“

Die Studie wurde von Fiammetta Coscia von der Universität Florenz und der Universität Maastricht sowie Virginie-Anne Chouinard vom McLean Hospital und Guy Chouinard von der Universität Montreal und der McGill University geleitet. Sie wurde in Psychotherapy and Psychosomatics veröffentlicht.

Die Tatsache, dass das DSM keine Kriterien für Entzugssymptome enthält, ist ein Hindernis für eine genaue Diagnose und Behandlung, schreiben die Autor:innen. Das DSM fordert Kliniker:innen zwar auf, „psychische Störungen“ von medikamenteninduzierten Symptomen zu unterscheiden, enthält jedoch keine Entzugssymptome – weder von Freizeitdrogen noch von verschreibungspflichtigen Medikamenten. Daher schlagen sie vor, die Diagnose durch ihre Methode zur Identifizierung und Kategorisierung von Entzugssymptomen, den DID-W1, zu ergänzen.

„Wir schlagen vor, dass das durch den Entzug von SSRI und SNRI veränderte klinische Bild mithilfe des DID-W1 und nicht des DSM erkannt wird, da das DSM-5 SSRI/SNRI nicht in die Liste der für medikamenteninduzierte Störungen verantwortlichen Medikamente aufnimmt und der DSM-5-Diagnosealgorithmus keine Entzugssyndrome aufgrund von Dosisreduktion, Absetzen oder Wechseln von SSRI/SNRI enthält”, schreiben die Forscher:innen.

Antidepressiva-Entzug tritt häufig bei Personen auf, die versuchen, die Medikamente abzusetzen, und kann bei bis zu der Hälfte der Betroffenen schwerwiegend sein. Die britischen NICE-Leitlinien erkennen nun das Potenzial für einen schweren und lang anhaltenden Antidepressiva-Entzug an.

Bei Antidepressiva-Entzug werden Menschen häufig falsch diagnostiziert. Einige Symptome des Entzugs von Antidepressiva – wie Panik, Angstzustände, Depressionen und Halluzinationen – überschneiden sich mit psychiatrischen Diagnosen. Viele Symptome, wie z. B. Gehirn-Zaps und Übelkeit, treten jedoch nicht bei psychiatrischen Störungen auf. Eine frühere Übersichtsarbeit von Coscia und Chouinard dokumentierte die vielen Symptome des Entzugs von Psychopharmaka.

Die Studie versucht, Entzugssymptome zu kategorisieren, damit Ärzti:nnen sie nicht fälschlicherweise als „psychische Erkrankung“ diagnostizieren. Zu diesem Zweck verwendeten Coscia, Chouinard und Chouinard ein Messinstrument namens DID-W1 (Diagnostic Clinical Interview for Drug Withdrawal 1 – New Symptoms of Selective Serotonin Reuptake Inhibitors or Serotonin-Norepinephrine Reuptake Inhibitors; auf Deutsch: das diagnostische klinische Interview für Entzug von Arzneimitteln 1 – Neue Symptome von selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern oder Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmern). Anschließend verglichen sie diese Informationen mit den psychiatrischen Diagnosen von Personen, die einen Entzug erlebt hatten und eine DSM-5-Diagnose erhielten.

Die Teilnehmer:innen waren Personen, die sich an den klinischen pharmakopsychologischen Dienst der Universität Florenz gewandt hatten, um Hilfe beim SSRI/SNRI-Entzug zu erhalten. Insgesamt wurden 74 Teilnehmer:innen einbezogen. Im Durchschnitt hatten sie vor dem Absetzen der Medikamente etwa fünf Jahre lang Antidepressiva eingenommen.

Die Forscher:innen fanden heraus, dass bei 58 (78,4 %) der Teilnehmer:innen die aktuelle DSM-5-Diagnose falsch war, da ihre Symptome im DID-W1 eindeutig als Teil einer Entzugsreaktion identifiziert wurden und nicht als unabhängige „psychische Erkrankung”.

Bei 13 Teilnehmer:innen wurden auch frühere psychiatrische Diagnosen widerlegt, wenn man die früheren Entzugssymptome berücksichtigte.

Die häufigsten aktuellen Diagnosen waren Panikstörung (51,3 %), schwere depressive Episode (27 %) und generalisierte Angststörung (12,2 %). Die häufigste Lebenszeitdiagnose war eine schwere depressive Episode (17,6 %).

Coscia, Chouinard und Chouinard kommen zu dem Schluss, dass ihre Messung, der DID-W1, Informationen erfasst, die im DSM oder im MINI-klinischen Interview nicht vorhanden sind, und dass seine Verwendung das Risiko einer Fehldiagnose von Entzugssymptomen verringern könnte.

Sie weisen auf die Einschränkungen ihrer Studie hin, darunter die geringe Stichprobengröße und die Tatsache, dass es sich bei den Teilnehmer:innenn um Freiwillige handelte, die bereits Hilfe wegen Entzugssymptomen suchten. Daher ist unklar, inwieweit sich dies auf die allgemeine Praxis übertragen lässt.

Letztendlich schlagen Coscia, Chouinard und Chouinard jedoch vor, dass dies die Behandlung in gewisser Weise verändern könnte:

Sie schreiben: „Wir schlagen vor, Patient:innen, die an schweren SSRI-Entzugssyndromen leiden oder gelitten haben, keine SSRI/SNRI zu verabreichen und sie nicht erneut einem erhöhten Risiko für anhaltende Entzugssymptome auszusetzen.“

Sie schlagen vor, dass für Menschen, die einen SSRI/SNRI-Entzug erlebt haben, die Verwendung eines anderen Medikamententyps in Betracht gezogen werden könnte. Eine weitere Überlegung könnte sein, eine Psychotherapie ohne Antidepressiva zu versuchen. Schließlich ist es für eine informierte Zustimmung wichtig, dass Ärzt:innen die Menschen über das Risiko eines Antidepressiva-Entzugs informieren, einschließlich eines langfristigen anhaltenden Entzugssyndroms, das falsch diagnostiziert werden und zur weiteren Verschreibung ungerechtfertigter Medikamente führen könnte.

Sie schreiben: „Verschreibende Ärztinnen müssen Patient:innen über mögliche Entzugssymptome von SSRI/SNRI und die Risiken anhaltender Entzugssymptome informieren.“

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Cosci, F., Chouinard, V. A., & Chouinard, G. (2024). Selective serotonin reuptake inhibitor and serotonin-noradrenaline reuptake inhibitor withdrawal changes DSM presentation of mental disorders: Results from the diagnostic clinical interview for drug withdrawal. Psychotherapy and Psychosomatics. Published online July 23, 2024. https://doi.org/10.1159/000540031 [Link]

Mad in Deutschland veröffentlicht Blogbeiträge einer vielfältigen Gruppe von Autor:innen. Diese Beiträge sollen zur Diskussion über Psychiatrie und ihre Behandlungsmethoden in Deutschland anregen. Die geäußerten Meinungen sind die der Autor:innen.
Peter Simons
Peter Simons
Peter Simons war akademischer Forscher im Bereich Psychologie. Heute versucht er als Wissenschaftsautor, Laien einen Einblick in die manchmal undurchschaubare Welt der psychiatrischen Forschung zu geben. Als Redakteur für Blogs und persönliche Geschichten bei Mad in America schätzt er die Berichte von Menschen, die Erfahrungen mit dem psychiatrischen System gemacht haben, und stellt Alternativen zum biomedizinischen Modell vor.

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