Ein Gespräch mit Hanna Christiansen über ‚Anatomie einer Epidemie‘ und die Zukunft psychischer Gesundheit

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Der Anlass für dieses Gespräch ist ein besonderes Ereignis: Gemeinsam mit Studierenden und dem Herausgebenden-Team aus Prof. Dr. Silvia Schneider, Prof. Dr. Robert Kumsta und Prof Dr. Jürgen Margraf hat Prof. Dr. Hanna Christiansen das international viel diskutierte Buch Anatomy of an Epidemic von Robert Whitaker – dem Gründer von Mad in America – erstmals ins Deutsche übersetzt. Die Übersetzung erschien Ende Januar 2026 im Kohlhammer Verlag und macht damit dem deutschsprachigen Publikum ein Werk zugänglich, das weltweit Debatten über Psychopharmaka, Versorgungssysteme und gesellschaftliche Entwicklungen im Bereich der psychischen Gesundheit angestoßen hat. So bietet sich jetzt auch hierzulande die Chance, Whitakers Analysen kritisch zu diskutieren und in die aktuellen Fach- und Gesellschaftsdebatten einzubringen.

Prof. Dr. Hanna Christiansen, Foto: Tilman Fischer

Hanna Christiansen ist seit 2013 Professorin für Klinische Kinder- und Jugendpsychologie an der Philipps-Universität Marburg und leitet seit 2014 die Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie-Ambulanz Marburg (KJ-PAM) sowie das angeschlossene Therapieausbildungsinstitut (KJ-IPAM). Als approbierte Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin (KJP), Psychologische Psychotherapeutin (PP) und Supervisorin verbindet sie wissenschaftliche Perspektiven mit praktischer Versorgung. Ihre Forschung konzentriert sich insbesondere auf Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörungen (ADHS), Kinder von Eltern mit psychischen Erkrankungen sowie die Förderung mentaler Gesundheit in den relevanten Lebenswelten junger Menschen – ein Kernanliegen der Youth-Mental-Health-Infrastruktur (YMH-INF) des Deutschen Zentrums für Psychische Gesundheit (DZPG).

Liebe Frau Christiansen, im Januar ist das Buch Anatomie einer Epidemie des Mad in America-Gründers Robert Whitaker erschienen. Warum war es Ihnen ein Anliegen, Anatomy of an Epidemic ins Deutsche zu übersetzen?

Das Buch habe ich gemeinsam mit Studierenden im Wintersemester 2022/23 gelesen und darauf basierend mit ihnen die aktuelle Literatur zur pharmakologischen Behandlung psychischer Störungen analysiert. Die in dem Buch zusammengefassten Befunde stellen das Narrativ der Theorie der chemischen Ungleichgewichte in Frage. Das Buch enthält zudem einige sehr berührende Fallbeispiele, die Frage nach dem „Was wäre wenn?“ aufwerfen. Und diese Frage sollten wir in der Profession und als Gesellschaft diskutieren – was wäre, wenn wir alternative, evidenzbasierte Interventionen hätten, die mit weniger Nebenwirkungen einhergehen? Was wäre dann anders in der Behandlung psychischer Störungen? Wie würde eine solch alternative Versorgung aussehen? Eine solche Diskussion haben die Studierenden des Seminars angestoßen und einen öffentlichen Vortrag mit Diskussion mit Robert Whitaker vorbereitet und moderiert. Dieser Vortrag mit anschließender Diskussion ist auf der Webseite der Universität Marburg abrufbar.

Wieso dauerte es aus Ihrer Sicht 15 Jahre, bis Anatomy of an Epidemic ins Deutsche übersetzt wurde?

Das ist eine Frage, die wir im Herausgebendenteam mit Prof. Dr. Silvia Schneider, Prof. Dr. Jürgen Margraf und Prof. Dr. Robert Kumsta diskutiert haben. Es gab in der der Vergangenheit Versuche, Verlage zu finden, die eine Übersetzung auf den Weg bringen, das gestaltete sich aber schwierig und kam letztlich nicht zustande. Den Kohlhammer-Verlag habe ich angefragt, weil ich dort zusammen mit meinen Kolleginnen Prof. Dr. Tina In-Albon (Mannheim) und Prof. Dr. Christina Schwenck (Gießen) eine Buchreihe herausgebe und dachte, dass die Anatomie gut in das Verlagsprogramm passen würde. Und der Verlag hat die Idee sehr positiv aufgenommen, auch die Idee des studentischen Übersetzungsprojektes.

Welche Hoffnungen setzen Sie auf die deutsche Übersetzung? Was hoffen Sie, mit dem Buch in Deutschland zu erreichen?

Ich erhoffe mir einen kritischen Diskurs und eine Erweiterung der Perspektive auf psychische Belastungen. In der ZEIT wurde am 24.10.2025 ein großer Artikel zu psychischen Erkrankungen und wie das Reden über die Psyche zum Problem wurde veröffentlicht. Auf der einen Seite wird herausgestellt, dass es eine viel größere Sensibilität für psychische Belastungen gibt, die Kehrseite ist allerdings, dass diese „permanente Aufklärung“ auch ins Gegenteil umschlagen und normale Gefühle pathologisieren kann. Dies wird durch die sozialen Medien verstärkt und z. T. auch als Entlastung eingesetzt, z. B. „Ich kann nichts dafür, dass ich in meinem Studium scheitere, ich habe ja ADHS.“ Gleichzeitig sehen wir, dass viele dieser Personen die nach den internationalen Klassifikationssystemen geltenden Kriterien nicht erfüllen, also eine Selbstpathologisierung erfolgt, bei gleichzeitig geringer Akzeptanz gegenüber negativen Emotionen. Verluste, Konflikte, das Durchfallen durch eine Prüfung gehören aber zum Leben dazu. Und darum sollte es gehen – wie gehen wir als Individuen aber auch als Gesellschaft mit Belastungen um? Was sind die sozialen und strukturellen Faktoren, die zu Belastungen beitragen? Wir wissen, dass insbesondere sozial diskriminierte und marginalisierte Gruppen stärker von psychischen Belastungen betroffen sind. Was wäre denn, wenn die Sorgen um eine bezahlbare Miete, die Finanzierung der Klassenfahrt, der Alltagsrassismus und andere strukturelle Belastungen weg wären, wir dafür aber in einem Sozialstaat lebten, der sich auf die sozial Schwachen konzentriert, Ungleichheit reduziert, Chancengleichheit, Inklusion und Diversität fördert, um allen eine gerechte Teilhabe an der Gesellschaft zu ermöglichen? Hätten wir dann weniger psychische Belastungen? Ich hoffe, dass die Übersetzung dazu beiträgt, solche Fragen in den Fokus zu rücken.

Inwiefern ist Ihnen in Ihrer Tätigkeit als klinische Psychologin die Problematik “Wenn Psychopharmaka krank machen” begegnet?

Insbesondere in unserer ADHS-Schwerpunktambulanz sehen wir immer wieder Kinder, die seit Jahren, z. B. fünf oder mehr Jahren, pharmakologisch behandelt werden, ohne dass eine anhaltende Besserung erzielt wurde, denn dann würden sie ja nicht bei uns vorstellig werden. Gerade bei ADHS dominiert das Narrativ des chemischen Ungleichgewichts eines Dopaminmangels, dabei gibt es keine empirischen Belege für diese Hypothese. Bei allen pharmakologischen Behandlungen gibt es einen Placebo-Effekt, d. h. allein die Erwartung, dass sich etwas ändert, weil ich eine Tablette schlucke, führt zu einer Veränderung. Der Placebo-Effekt tritt auf zwei Ebenen auf: 1) den individuellen Faktoren und 2) der Gruppenebene. Auf der individuellen Ebene wirkt z. B. die Klassische Konditionierung. Wir haben gelernt, dass wir bei Erkrankungen eine Tablette einnehmen, und dass diese mit einer Wirkung verbunden ist. Damit verknüpft ist dann der Erwartungseffekt – wenn ich eine Tablette nehme, erwarte ich eine bestimmte Wirkung. Und dann kommt noch der Kontakt mit den Behandelnden hinzu – erhalte ich von einer Person in einem weißen Kittel ein Medikament, habe ich in der Regel ein großes Vertrauen in diese behandelnde Person und verknüpfe mit dieser meine Erwartungen, die dann noch durch die Klassische Konditionierung verstärkt werden. Auf der Gruppenebene ist der natürliche Krankheitsverlauf, die methodische Umsetzung von Studien und die sogenannte Regression zur Mitte zu berücksichtigen. Diese Faktoren beeinflussen den Krankheitsverlauf und die Placebo-Forschung zeigt entsprechende Placebo-Effekte auch bei ADHS. Dieser ist aber gerade bei ADHS noch unzureichend erforscht.Die Multimodal Treatment Study on ADHD des National Institutes of Health aus den USA hat eine große Studie auf den Weg gebracht, die vier Bedingungen untersucht hat: a) Routineversorgung durch den Kinder-/oder Hausarzt (i. d. R. pharmakologisch); b) Medikations-Management, d. h. ein sehr umfangreiches, eng begleitetes Medikationsmanagement; c) Verhaltenstherapie; d) die Kombination aus b und c. Der Arm, der fehlte, war ein Placebo-Arm und auch Placebo + Verhaltenstherapie. Nach 14 Monaten waren das Medikations-Management und die Kombinationstherapie der alleinigen Verhaltenstherapie und der Routineversorgung überlegen. Nach 36 Monaten und in allen späteren Erhebungen war dieser Effekt nicht mehr feststellbar. In der Publikation von 2007 steht dazu: „Interessanterweise war die Medikation im 24- und 36-Monats-Follow-up ein signifikanter Marker, aber nicht für einen positiven Verlauf, sondern für eine Verschlechterung. D. h., die Personen, die im 24- und 36-Monats-Follow-up noch Medikamente einnahmen, zeigten im Vergleich zu denen ohne Medikation ausgeprägtere Symptome“ (JAACAP, 47:8, Aug. 2007, S. 996). Meine Schlussfolgerung: Wir brauchen mehr und gute Studien, die industrieunabhängig sind, Psychotherapie in gleicher Dosis vergleichen wie Medikamente (z. B. tägliche Intervention) und Placebo-Effekte untersuchen.

Wie beziehen Sie die Erkenntnisse aus Anatomy of an Epidemic in Ihre Forschung und Lehre mit ein?

In meiner Vorlesung zu ADHS setze ich mich kritisch mit der pharmakologischen aber auch psychologischen Interventionsforschung auseinander und suche das Gespräch mit den Studierenden dazu. Robert Whitaker gibt bei uns im Ausbildungsinstitut (KJ-IPAM) einen Kurs zu dem Thema, zu dem auch die Studierenden eingeladen sind. Im Rahmen meiner Funktion als Präsidentin des 5. Deutschen Psychotherapie Kongresses haben Prof. Dr. Cornelia Weise, die mit mir zusammen die Präsidentschaft hat, und ich Prof. Dr. Joanna Moncrieff (University College London, UK) und Robert Whitaker (USA) als Keynote Speaker eingeladen. Im Anschluss an ihre Vorträge ist ein gemeinsames Panel geplant, in dem pharmakologische und psychotherapeutische Interventionen gemeinsam mit Betroffenen und Angehörigen sowie Forschenden kritisch diskutiert werden. Zudem möchte ich unbedingt eine Placebo-Studie auf den Weg bringen, die eine psychotherapeutische ADHS-Behandlung mit Psychotherapie + Placebo vergleicht.

Robert Whitaker zeichnet in Anatomy of an Epidemic nach, dass die Anzahl derer, die wegen psychischer Störungen Erwerbsminderungs- oder Erwerbsunfähigkeitsrente beziehen seit der Einführung des ersten SSRI im Jahr 1987 in den USA massiv angestiegen ist. Wie lässt sich diese Situation auf Deutschland übertragen?

Cover von „Anatomie einer Epidemie“ von Robert Whitaker, 2026 im Kohlhammer Verlag erschienen.

Gemeinsam mit Prof. Dr. Silvia Schneider, Prof. Dr. Robert Kumsta und PD Dr. Christian Brettschneider habe ich ein Fact-Sheet erstellt, in dem wir den Zusammenhang von psychischen Erkrankungen und wirtschaftlichen Kosten herausgearbeitet haben. Dieses Fact-Sheet haben wir auch als Artikel publiziert. Wir zeigen, dass psychische Erkrankungen in Deutschland jährlich zu Kosten von 147 Milliarden Euro führen – das entspricht knapp 5 % des BIP. Davon sind 56,4 Milliarden Euro direkte Gesundheitskosten (Behandlungen, Medikamente etc.), der Rest entfällt auf indirekte Kosten durch Arbeitsausfälle und Produktivitätsverluste. Langfristig gehen psychische Störungen mit einem erhöhten Risiko für niedrigere Bildungsabschlüsse, geringeres Einkommen, höherer Arbeitslosigkeit, Frühverrentung und reduzierter Lebenserwartung einher. D. h. volkswirtschaftlich entsteht durch psychische Störungen eine hohe Belastung, so dass wir eine nationale Strategie brauchen, um diese Kosten zu reduzieren. Dafür sollten wir möglichst früh ansetzen, da 50 % aller psychischen Störungen vor dem 15. Lebensjahr auftreten und 75 % vor dem 25. D. h. psychische Störungen des Kindes- und Jugendalters sind Schrittmacher für Störungen im Erwachsenenalter. Weltweit sehen wir einen starken Anstieg psychischer Belastungen gerade bei den Kindern und Jugendlichen. Wie Silvia Schneider in einem SZ-Interview sagt „Wir müssen unbedingt VOR die Welle kommen“, um langfristig eine gesunde Gesellschaft zu fördern.

Im Kindes- und Jugendalter zeigen sich evidenzbasierte psychotherapeutische Interventionen als wirksam für die Behandlungen der verschiedenen Störungen, auch z. B. bei ADHS, das immer noch vornehmlich mit Psychostimulanzien behandelt wird. Die Studienlage zeigt aber klar, wie oben aufgeführt, dass es keine positiven langfristigen Effekte für eine medikamentöse Behandlung der ADHS gibt und die psychotherapeutische Forschung noch unzureichend ist – das muss sich ändern. Hinsichtlich der Behandlung internalisierender Störungen werden auch im Jugendalter Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer eingesetzt, obschon Joanna Moncrieff in einem Umbrella-Review 2022 eindrücklich zeigen konnte, dass die Serotonin-Hypothese der Depression widerlegt ist. 

GlaxoSmithKline (GSK) zahlte 2012 insgesamt rund drei Milliarden US-Dollar, um strafrechtliche und zivilrechtliche Verfahren in den USA beizulegen. Der Fall gilt als eine der größten Gesundheitsbetrugsfälle der US-Geschichte. Insgesamt setzte sich die Zahlung aus rund einer Milliarde Dollar für strafrechtliche Verstöße und etwa zwei Milliarden für eine zivilrechtliche Einigung zusammen. Die Vorwürfe betrafen unzulässige Medikamentenwerbung, das Zurückhalten sicherheitsrelevanter Daten, unlautere Einflussnahme auf Ärzt:innen zum off-label-use auch bei Jugendlichen trotz mangelnder Wirksamkeit sowie systematische Falschmeldungen gegenüber staatlichen Kostenträgern.

Solche Fälle tragen nicht dazu bei, das Vertrauen in eine medikamentöse Behandlung psychischer Störungen zu erhöhen. Und solange keine Belege für die Theorie der chemischen Ungleichgewichte psychischer Störungen vorliegen, würde ich für Kinder und Jugendliche keine Behandlung psychischer Störungen mit Medikamenten empfehlen und auch bei Erwachsenen wäre ich sehr zurückhaltend, insbesondere da die Evidenz für Psychotherapie für das Erwachsenenalter sehr viel besser ist als für Kinder und Jugendliche.

Welche Rolle spielen Psychotherapie und damit Psychotherapeut:innen bei der vornehmlich psychopharmakologischen/biomedizinischen Behandlung von psychischen Störungen?

Medikamente werden durch Ärztinnen und Ärzte verordnet, nicht durch Psycholog:innen oder Psychotherapeut:innen. Letztere sind aber häufig in z. B. psychiatrischen Einrichtungen oder auch ambulant tätig und versorgen Patient:innen, die Medikamente einnehmen. D. h. sie sind für die Meinungsbildung einer Behandlung wichtig. Auch bei vielen Psychotherapeut:innen ist nach wie vor die Annahme verbreitet, dass eine Person zunächst Psychopharmaka benötigt, um als therapiefähig zu gelten. Der gesellschaftliche Diskurs fokussiert eine pharmakologische Behandlung. D. h. hier müssen wir aufklären, die vorliegenden Studien aufbereiten und das Gespräch suchen. Dazu trägt die deutsche Übersetzung von Anatomy of an Epidemic bei.

Bei der Behandlung geht es darum, die Patient:innen bestmöglich über die verschiedenen Behandlungsoptionen mit ihren jeweiligen Vor- und Nachteilen aufzuklären. Es geht auch darum, ein gemeinsames Störungsmodell aufzustellen, die verschiedenen Faktoren zu beleuchten, die die Störungsentwicklung begünstigt haben und vor allem systematisch die vorhandene Evidenz zu nutzen und in die Anwendung zu bringen. Wir sollten regelhaft vier Quellen der Evidenz berücksichtigen. Das sind zum 1) die fallspezifischen Informationen – was weiß ich über meine Patientin? Was sind die relevanten biographischen und sozial-anamnestischen Informationen? Welche Faktoren haben die Störung begünstigt? Was sind Ressourcen, Schutz- und Resilienzfaktoren? 2) Lokales Wissen: Wie kann ich einer alleinerziehenden Mutter mit mehreren Kindern die Teilnahme an einer Psychotherapie ermöglichen? Was sind Behandlungsbarrieren und wie kann ich diese reduzieren? 3) Wie ist die Studienlage für die jeweilige Störung? Welche Interventionen sind evidenzbasiert und sollten genutzt werden? 4) Welche psychologischen Theorien erklären das Störungsbild? Was sind die Befunde aus der Entwicklungspsychologie? Der Lernpsychologie? Aus klinischer Forschung?

Robert Whitaker hat mit dem Mad in the World-Netzwerk eine Community geschaffen, in der Menschen ihre Erfahrungen mit der Psychiatrie teilen können. Bei der Neugestaltung der psychosozialen Versorgung Erfahrungsexpert:innen einzubeziehen, das fordert auch die WHO. Wo findet das in Deutschland statt? Wie beziehen Sie an der Uni Marburg Expert:innen aus Erfahrung mit ein? 

Das Bundesministerium für ­Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) fordert den Einbezug von Patient:innen und Angehörigen. Im Deutschen Zentrum für Psychische Gesundheit (DZPG) wird dies systematisch mit den Trialogischen Standorträten, dem Trialogischen Zentrumsrat und dem Center for Patient and Public Involvement (PPI) umgesetzt. Es gibt auch einen Kinder- und Jugendrat und an der Uni-Marburg haben wir analoge Strukturen aufgebaut.

Bei Forschungsprojekten wird mittlerweile in der Regel eine PPI-Beteiligung gefordert. Auch auf dem 5. DPK wollen wir diese stärken und haben verschiedene Veranstaltungen mit Einbezug von Betroffenen und Angehörigen geplant, um ihnen eine hörbare Stimme zu geben.

Was muss sich aus Ihrer Sicht in der psychosozialen Versorgung in Deutschland ändern?

Bei der Anzahl psychischer Erkrankungen müssen wir weg vom kurativen Modell hin zu einer präventiven Versorgung. D. h. wir müssen viel stärker die Frage stellen, welche Faktoren und Strukturen krank machen und welche uns gesund machen, Gesundheit fördern und erhalten. In diese Strukturen sollte investiert werden. Und wir müssen da investieren, wo die Sozialrendite am höchsten ist. Das ist das frühe Kindesalter. Besonders belastende Kindheitserfahrungen – etwa Gewalt, Missbrauch, Vernachlässigung oder familiäre Konflikte, die unter dem Begriff Adverse Childhood Experiences (ACE) zusammengefasst werden – erhöhen das Risiko für psychische wie auch körperliche Erkrankungen erheblich. Dabei gilt ein eindeutiges Dosis-Wirkungs-Prinzip: Je mehr solcher belastenden Erfahrungen Kinder in jungen Jahren machen, desto größer ist ihr Risiko, später psychisch oder körperlich zu erkranken (Felitti et al. 1998; Kessler et al. 2010; Hughes et al. 2017; Merrick et al. 2017; Robert Koch Institut 2020). Rund 39 % der Erwachsenen weltweit berichten von mindestens einer belastenden Kindheitserfahrung (Kessler et al. 2010); in Deutschland haben zwei Drittel der jungen Erwachsenen mindestens ein derartiges Ereignis erlebt, wobei Frauen häufiger betroffen sind als Männer (Robert Koch Institut 2020). Zu diesen belastenden Erlebnissen zählen unter anderem der Verlust eines Elternteils, psychische Erkrankungen oder Suchtprobleme in der Familie, familiäre Gewalt, körperliche oder sexuelle Gewalt, Vernachlässigung sowie Armut oder andere schwere familiäre Belastungen. Solche frühen aversiven Erfahrungen sind mit einem deutlich erhöhten Risiko für psychische Erkrankungen wie Depressionen, Angststörungen, Verhaltensstörungen und Substanzmissbrauch verbunden. Diese Zusammenhänge bestehen oft unabhängig vom Alter, in dem die Erkrankungen erstmals auftreten. Auch körperliche Krankheiten wie Adipositas, Allergien – insbesondere Asthma – und langfristige Herz-Kreislauf-Erkrankungen werden in Verbindung mit belastenden Kindheitserlebnissen gebracht (Ziese, Krause, & Vogelsang, 2020). Eine Meta-Analyse zu ACE-Studien zwischen 1990 und 2020 zeigt eindrucksvoll den Zusammenhang zwischen frühen aversiven Erfahrungen mit gesundheitlichen Problemen wie schädlichem Alkoholkonsum, Rauchen, Drogenkonsum, Übergewicht, Depression, Angststörungen, Gewalt, Krebs, Diabetes Typ 2, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schlaganfall und Atemwegserkrankungen, die mit Kosten von 0,1 Milliarden US-Dollar (Montenegro = 2,1 % des Bruttoinlandprodukts) bis zu 129,4 Milliarden US-Dollar (Deutschland = 3,4 % des Brutto-Inlandprodukts) schwanken (Hughes et al. 2021). Internationale Studien belegen eindrücklich den langfristigen Nutzen frühkindlicher Interventionen für Kinder, Familien und die Gesellschaft. Die Forschung zeigt, dass bis zu 30 % aller psychischen Störungen vermeidbar wären, wenn belastende Kindheitserfahrungen ausblieben (Kessler et al. 2010). Bereits die frühen Arbeiten von Heckman und Masterov (2007) zeigen, dass Investitionen in die frühkindliche Förderung – insbesondere bei Kindern im Alter von 0 bis 5 Jahren – mit einer deutlich höheren gesellschaftlichen Rendite einhergehen als spätere Bildungs-, Therapie- oder Arbeitsmarktmaßnahmen. Diese Wirkung basiert auf dem Prinzip der Kumulation: Früh entwickelte kognitive und nicht-kognitive Fähigkeiten wie Selbstregulation, Durchhaltevermögen und soziale Kompetenz bilden die Grundlage für lebenslanges Lernen, schulischen Erfolg, psychische Stabilität und gesellschaftliche Teilhabe. D. h., ohne gezielte Frühförderung verfestigen sich soziale Ungleichheiten früh und wirken negativ auf Bildungschancen, Gesundheit, Erwerbstätigkeit und gesellschaftliche Integration. Modellrechnungen zeigen eine soziale Rendite (Social Return on Investment, SROI) von 4:1 bis über 10:1 – für jeden investierten Euro fließen also bis zu zehn Euro langfristiger gesellschaftlicher Nutzen zurück (Heckman und Masterov 2007; Hanushek, & Woessmann, 2010; Karoly et al. 2005). Diese Zusammenhänge verdeutlichen die Dringlichkeit früher, strukturierter und präventiver Interventionen (Uhlhaas et al. 2023).     

Für Deutschland (und auch alle anderen Länder) heißt dies, dass wir das frühe Kindes- und Jugendalter fokussieren sollten, um „vor die Welle zu kommen“. Da die frühen Störungen im Kindes- und Jugendalter ein Schrittmacher für die Störungen im Erwachsenenalter sind, müssen wir nach Möglichkeit Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter reduzieren. Dies sollte durch eine konsequente und evidenzbasierte Prävention in den relevanten Lebenswelten, d. h. Kita, Kindergarten und Schule, erfolgen, da wir dort niedrigschwellig und nicht-stigmatisierend alle Kinder und ihre Bezugspersonen erreichen können. Dafür müssen wir die nachgewiesenen Risikofaktoren, wie z. B. Armut, Gewalt, elterliche psychische Erkrankungen, adressieren, diese auf Basis der Evidenz reduzieren und Faktoren fördern, die Resilienz stärken und Wohlbefinden fördern. Die Gesundheit unserer Kinder und Jugendlichen muss gesellschaftlich erste Priorität haben. 

Welche (unbequemen) Fragen müssen in Deutschland gestellt werden, damit es zu einer nachhaltigen Verbesserung der psychischen Gesundheit kommt? Was sind die größten Hürden? Welche Rolle können Hochschulen durch Forschung und Lehre dabei spielen?

Insbesondere müssen wir die Frage nach der Evidenzbasierung stellen. Wir denken in Deutschland immer noch viel zu sehr in Therapieschulen und nicht in Evidenz. Es geht darum, die besten und nachweislich wirksamen Therapien in die Fläche zu bekommen. Wir haben kein Wissensdefizit, sondern ein Implementations- und Disseminationsdefizit effektiver, evidenzbasierter Interventionen. England macht uns das vor. Durch die systematische Implementierung und Disseminierung solcher Interventionen konnte der nationale Benchmark für die nachhaltige Besserung psychischer Störungen dort signifikant angehoben werden. Diese Erfolge sind so überzeugend, dass die britische Regierung über 680 Millionen Euro in den Ausbau des Programms steckt, da das Einsparpotential aufgrund geringerer Erwerbslosigkeit und Frühberentungen sehr viel höher ausfällt. Zudem müssen wir in Deutschland regelmäßig messen und ein regelhaftes Monitoring unserer Therapien einführen, d. h. jede Sitzung den Verlauf und Erfolg messen und in einem Dokumentationssystem mit den Interventionen in Zusammenhang stellen, um so auf einen Blick sehen zu können, welche Interventionen durchgeführt wurden und in welchem Zusammenhang zum Therapieverlauf und -erfolg diese stehen. Dann kann ich auch mit Routinedaten sehr gut beantworten, was bei wem wie wirkt und schnell reagieren, wenn der Therapiefortschritt nicht ersichtlich ist. Ein solches Vorgehen muss in die klinische Routine gebracht werden und zum klinischen Selbstverständnis von Therapeut:innen werden.

Liebe Frau Christiansen, wir danken Ihnen vielmals für Ihre ausführlichen Antworten.

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Literaturverzeichnis:

Felitti, V. J.; Anda, R. F.; Nordenberg, D.; Williamson, D. F.; Spitz, A. M.; Edwards, V. et al. (1998): Relationship of childhood abuse and household dysfunction to many of the leading causes of death in adults. The Adverse Childhood Experiences (ACE) Study. In: American journal of preventive medicine 14 (4), S. 245–258. DOI: 10.1016/s0749-3797(98)00017-8.

Hanushek, E., A., & Woessmann, L. (2010): The Cost of Low Educational Achievement in the European Union. Hg. v. European Commission Education and Culture. Online verfügbar unter http://www.education-economics.org/dms/EENEE/Analytical_Reports/EENEE_AR7.pdf, zuletzt geprüft am 24.06.2025.

Heckman, James J.; Masterov, Dimitriy V. (2007): The Productivity Argument for Investing in Young Children. In: Rev Agricultural Economics 29 (3), S. 446–493. DOI: 10.1111/j.1467-9353.2007.00359.x.

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Hughes, Karen; Ford, Kat; Bellis, Mark A.; Glendinning, Freya; Harrison, Emma; Passmore, Jonathon (2021): Health and financial costs of adverse childhood experiences in 28 European countries: a systematic review and meta-analysis. In: The Lancet. Public health 6 (11), e848-e857. DOI: 10.1016/S2468-2667(21)00232-2.

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Kessler, Ronald C.; McLaughlin, Katie A.; Green, Jennifer Greif; Gruber, Michael J.; Sampson, Nancy A.; Zaslavsky, Alan M. et al. (2010): Childhood adversities and adult psychopathology in the WHO World Mental Health Surveys. In: The British journal of psychiatry : the journal of mental science 197 (5), S. 378–385. DOI: 10.1192/bjp.bp.110.080499.

Merrick, Melissa T.; Ports, Katie A.; Ford, Derek C.; Afifi, Tracie O.; Gershoff, Elizabeth T.; Grogan-Kaylor, Andrew (2017): Unpacking the impact of adverse childhood experiences on adult mental health. In: Child abuse & neglect 69, S. 10–19. DOI: 10.1016/j.chiabu.2017.03.016.

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Uhlhaas, Peter J.; Davey, Christopher G.; Mehta, Urvakhsh Meherwan; Shah, Jai; Torous, John; Allen, Nicholas B. et al. (2023): Towards a youth mental health paradigm: a perspective and roadmap. In: Molecular psychiatry 28 (8), S. 3171–3181. DOI: 10.1038/s41380-023-02202-z.

Ziese, T., Krause, L., & Vogelsang, F. (2020): Wissenschaftlicher Ergebnisbericht zur Vertiefungsstudie der KiGGS-Kohorte „Familiäre und versorgungsspezifische Einflussfaktoren auf die Entstehung, den Verlauf und die Auswirkungen von psychischen Auffälligkeiten (insbesondere ADHS), Adipositas und allergischen Erkrankungen (insbesondere Asthma) bei Kindern und Jugendlichen“. Hg. v. Robert Koch Institut. Robert Koch Institut. Berlin. Online verfügbar unter https://www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien/5_Publikationen/Praevention/abschlussbericht/kiggs_welle_2_bf.pdf, zuletzt geprüft am 30.06.2025.



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