Studie zu Antidepressiva: Sym­ptom­verschlimmerung beim Ausschleichen meist Entzug, kein Rückfall

Forscher berichten, dass Symptomverschlimmerungen während der Ausschleichphase vor allem bei niedrigeren Dosierungen auftreten, und dass der überwiegende Teil des erhöhten Risikos eher auf Entzugssymptome als auf ein Wiederauftreten einer zugrunde liegenden „Erkrankung“ zurückzuführen sein könnte.

Anmerkung der Redaktion: Dieser Artikel erschien zuerst auf unserer Partnerseite Mad in America am 01.06.2026.

Frühere Forschungsarbeiten stellten die Zunahme von Symptomen während der Ausschleichphase und des Absetzens von Psychopharmaka als Rückfall einer zugrunde liegenden „Erkrankung“ dar. Ein aktueller Preprint-Artikel stellt diese Sichtweise allerdings in Frage und schätzt, dass ein Großteil der Symptomzunahmen während der Ausschleichphase von Antidepressiva mit Entzugssymptomen zusammenhängt und nicht mit einem Rückfall. Diese Studie unter der Leitung von Andri Rennwald von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW)  in der Schweiz betont, dass eine Dosisreduktion von Antidepressiva auf unter 75 % der minimalen wirksamen Dosis mit einer Zunahme der Symptome verbunden war, während Reduzierungen oberhalb dieser Schwelle dies nicht waren.

Die Autoren schreiben:

„Klinisch relevante Symptomverschlimmerungen während der Ausschleichphase von Antidepressiva treten höchstwahrscheinlich nach einer Dosisreduktion unter 75 % der minimalen wirksamen Dosis auf. Etwa 60 % des Risikos für klinisch relevante intraindividuelle Symptomverschlimmerungen sind auf pharmakologische Entzugserscheinungen zurückzuführen.“

Wirksamkeit und Absetzen von Antidepressiva

Michael Hengartner, einer der Autoren der aktuellen Studie, hat in früheren Untersuchungen festgestellt, dass die Einnahme von Antidepressiva mit einer um 81 % erhöhten Wahrscheinlichkeit verbunden war, dass sich Depressionssymptome verschlimmern. Er ist zudem Autor des Buchs „Evidence-biased Antidepressant Prescription, Over-medicalisation, Flawed Research, and Conflicts of Interest“, einer kritischen Untersuchung des Einsatzes von Antidepressiva, in der er argumentiert, dass die moderne Psychiatrie von einer wirklich evidenzbasierten Medizin in eine „evidenzverzerrte Medizin“ abgeglitten ist: Dabei werden der Nutzen dieser Medikamente systematisch überschätzt und ihre potenziellen Schäden heruntergespielt. In einem Interview mit Mad in America stellte Hengartner die Behauptung in Frage, dass Antidepressiva bei schweren Depressionen am wirksamsten seien und sagte: „Es gibt kaum oder zumindest sehr unzureichende Belege für die Behauptung, dass sie [Antidepressiva] bei schweren Depressionen eindeutig besser wirken.“

Mark Horowitz, ein weiterer Autor der aktuellen Arbeit, beschrieb seine eigenen Erfahrungen beim Absetzen eines Antidepressivums in einem Interview mit Mad in America als „die unangenehmste Erfahrung meines Lebens“. Er war später Mitautor der Maudsley-Leitlinien zur Absetzung von Psychopharmaka, in denen er sich für eine im Vergleich zu früheren klinischen Leitlinien deutlich langsamere Dosisreduktion beim Absetzen von Psychopharmaka einsetzte. Er steht auch den kürzlich veröffentlichten Leitlinien zur Absetzung von Psychopharmaka der American Society of Clinical Psychopharmacology kritisch gegenüber, da diese seiner Meinung nach Entzugssymptomen mit einem Rückfall verwechseln und deren Häufigkeit und Dauer herunterspielen, zu wenige praktische Anleitungen bieten und die medizinische Autorität über die Erfahrungen der Patient:innen stellen.

Studiendetails

Das Ziel dieser Studie war zu untersuchen, wie sich die Symptome während der Ausschleichphase von Antidepressiva veränderten, insbesondere sobald die Dosis unter 75 % der minimalen wirksamen Dosis sank – also der geringsten Dosis, die die Symptome lindern soll. Die Autoren verwendeten ein Längsschnittdesign und bewerteten die Symptome von Patienten und Patientinnen, die mindestens sechs Monate lang Antidepressiva eingenommen und beschlossen hatten, die Einnahme zu beenden. Sie bewerteten die Symptome vor Beginn des Ausschleichens und anschließend erneut zwei, vier, sechs, acht, 16 und 26 Wochen nach Beginn der Reduktion. Insgesamt untersuchten die Autoren Daten von 32 erwachsenen Schweizer Patienten und Patientinnen.

Bei allen Nachuntersuchungen waren lediglich Dosisreduktionen auf unter 75 % der minimalen wirksamen Dosis signifikant mit einer Zunahme der Symptome verbunden. Reduzierungen oberhalb von 75 % der minimalen wirksamen Dosis sowie keine Reduzierung waren hingegen mit einer Abnahme der Symptome verbunden. Das durchschnittliche Risiko einer Verschlechterung der Symptome bei Reduktionsintervallen, in denen die Dosis auf unter 75 % der minimalen wirksamen Dosis reduziert wurde, betrug 33 %. Dem stehen  8 % bei Reduktionsschritten oberhalb von 75 % der minimalen wirksamen Dosis und 13 % bei Zeitintervallen ohne Dosisreduktion gegenüber.

Die Autoren schätzen, dass 60 % der Symptomverschlimmerungen während des Ausschleichens auf Entzugssymptome zurückzuführen waren. Sie gelangten zu dieser Schätzung, indem sie die Ausgangsrate der Verschlimmerung und des Wiederauftretens von Symptomen ohne Reduktion der Antidepressiva-Dosis mit denen verglichen, die während der Dosisreduktion auftraten. Klinisch relevante Symptomverschlimmerungen traten in 13 % der Zeiträume ohne Dosisreduktion auf, verglichen mit 33 % der Zeiträume mit Dosisreduktionen unter 75 % der minimalen wirksamen Dosis (bei denen Entzugssymptome am wahrscheinlichsten sind).

Dies bedeutet ein zusätzliches Risiko für eine Symptomzunahme von 20 % (33 % minus 13 %) gegenüber dem beobachteten Ausgangswert. Die Autoren argumentieren: Wenn sich bei 13 von 100 Personen die Symptome auch ohne Dosisreduktion verschlechtern, nach einer Reduktion im niedrigen Dosisbereich – wenn Entzugssymptome am wahrscheinlichsten sind – jedoch 33 von 100 Personen eine Verschlechterung zeigen, sind die zusätzlichen 20 Fälle wahrscheinlich auf den Entzug zurückzuführen. Somit hingen 20 dieser 33 Fälle von Symptomzunahme – bzw. rund 60 % aller Reduktionsintervalle mit einer Verschlechterung – wahrscheinlich mit dem Entzug zusammen.

Insgesamt berichteten 53 % der Teilnehmer und Teilnehmerinnen bei mindestens einer Nachuntersuchung, dass sich die Symptome im Zusammenhang mit einer Reduktion auf unter 75 % der minimalen wirksamen Dosis verschlechtert hätten. Davon wiesen 34 % eine mäßige und 19 % eine starke Zunahme auf. Zudem berichteten 22 % der Teilnehmer und Teilnehmerinnen von leichten (subklinischen) Symptomverschlimmerungen während mindestens eines Reduktionsintervalls, in dem ihre Dosis unter 75 % der minimalen wirksamen Dosis abgesenkt wurde. 

Diese Studie wies drei wesentliche Einschränkungen auf. Zum einen war die Stichprobengröße gering, was die Validität der Ergebnisse einschränkt. Zum anderen handelte es sich bei den Teilnehmern und Teilnahmerinnen ausschließlich um Schweizer Erwachsene, was es kaum möglich macht, die Ergebnisse auf andere Bevölkerungsgruppen zu verallgemeinern. Und zu guter Letzt handelt es sich um eine Preprint-Studie, die noch keinem Peer-Review-Verfahren unterzogen wurde.

Die Autoren kommen zu folgendem Schluss:

„Patienten und Patientinnen in der Primärversorgung nehmen oft über viele Jahre hinweg Antidepressiva ein. Hausärzte sollten regelmäßige Medikamentenüberprüfungen durchführen und beurteilen, ob eine solche langfristige Antidepressiva-Therapie indiziert ist und den klinischen Leitlinien entspricht, um unnötige und potenziell schädliche Behandlungen zu vermeiden … Ärzte sollten sich bewusst sein, dass bereits geringe Dosisreduktionen weit unterhalb der minimalen wirksamen Dosis Entzugssymptome auslösen können; in solchen Fällen werden individuelle Ausschleichpläne und eine engmaschige Überwachung der Entzugssymptome empfohlen.“

Beratung und Strategien für die schrittweise Reduzierung und das Absetzen von Antidepressiva

Ein neuer Beitrag, der im African Journal of Primary Health Care & Family Medicine veröffentlicht wurde und ebenfalls von Mark Horowitz verfasst wurde, beschreibt die sichersten Methoden zur schrittweisen Reduzierung und zum Absetzen von Antidepressiva. Die Autoren betonen, dass das Ausschleichen und Absetzen von Antidepressiva individuell auf jeden Patienten und jede Patientin zugeschnitten sein sollte, da die Reaktionen variieren und  Entzugssymptome in manchen Fällen erst verzögert nach vier bis sechs Wochen eintreten. Auch wenn jeder Fall individuell betrachtet werden muss, geben sie dennoch einige allgemeine Empfehlungen für das Ausschleichen.

Antidepressiva, die länger als vier Wochen eingenommen wurden, sollten nicht abrupt abgesetzt, sondern vor dem endgültigen Absetzen schrittweise ausgeschlichen werden. Es ist jedoch zu beachten, dass auch bei einer Einnahme von wenigen Wochen bei manchen Menschen Entzugssymptome bei abruptem Absetzen auftreten können. Patienten und Patientinnen mit geringem Risiko, also diejenigen, die seit wenigen Wochen ein Antidepressivum mit geringem Risiko für Entzugssymptome einnehmen, sollten mit einer Dosisreduktion von 25 % beginnen. Die Einnahme der neuen Dosis wird zwei bis vier Wochen beobachtet, bevor weitere Reduktionen erfolgen. Solche Patienten und Patientinnen sollten damit rechnen, dass der Entzug von Antidepressiva sechs bis neun Monate dauert.

Patienten und Patientinnen mit mittlerem Risiko – also diejenigen, die seit mehreren Monaten Antidepressiva mit mittlerem Risiko einnehmen – sollten langsamer beginnen: mit einer Dosisreduktion von 10 %, gefolgt von einer zwei- bis vierwöchigen Beobachtungsphase. Diese Patienten und Patientinnen sollten damit rechnen, dass das Ausschleichen der Antidepressiva neun bis 18 Monate dauert. Und diejenigen mit hohem Risiko, die seit Jahren Antidepressiva einnehmen, sollten mit einer Reduktion von 5 % beginnen, gefolgt von einer Beobachtungsphase; sie sollten damit rechnen, dass der Entzug von Antidepressiva zwei oder mehr Jahre dauert.

Die Autoren raten den behandelnden Fachkräften, ihren Klient:innen den Entzugsprozess zu erklären, einschließlich der Notwendigkeit einer langsamen Reduktion und den Risiken einer zu schnellen. Sie betonen, dass die Geschwindigkeit der Reduktion gegen die Risiken einer langfristigen Einnahme von Antidepressiva abgewogen werden muss. Sie empfehlen, den Prozess an die individuellen Bedürfnisse anzupassen. Von einer Einnahme nur jeden zweiten Tag raten sie generell ab, außer im Fall von Fluoxetin aufgrund seiner längeren Halbwertszeit.

Treten Symptome einer Akathisie auf, kann die Rückkehr zur vorherigen Antidepressiva-Dosis kurz nach Beginn der Symptome zu einer Besserung führen. Zwar können auch andere Medikamente bei Akathisie helfen, allerdings warnen die Autoren, dass sie abgesetzt werden sollten, wenn keine Besserung eintritt. Langwierige Entzugssymptome können schwierig zu bewältigen sein und lassen sich nicht immer durch die Wiedereinnahme des abgesetzten Medikaments behandeln. Die Autoren empfehlen, ohne den Einsatz weiterer Psychopharmaka abzuwarten, bis sich eine Besserung einstellt. In Fällen, in denen über Monate oder sogar Jahre hinweg keine Besserung eintritt, sollte das ursprüngliche Medikament nur in kleinen Dosen wieder eingenommen werden, um das Ansprechen zu beurteilen, da dies manchmal die Symptome verschlimmern kann. Generell raten die Autoren davon ab, zusätzliche Psychopharmaka zur Linderung der Symptome von Akathisie und langanhaltenden Absetzerscheinungen einzusetzen.

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Rennwald, A., Horowitz, M. A., Senn, O., Neuner-Jehle, O., & Hengartner, M. P. (2026). Incidence of Antidepressant Withdrawal Reactions: A Prospective Longitudinal Cohort Study in Primary Care Patients. (Link)

Horowitz M, Perry T.L. Stopping antidepressants safely. African Journal of Primary Health Care & Family Medicine 2026;18(1), a5431. (Link)

Mad in Deutschland veröffentlicht Blogbeiträge einer vielfältigen Gruppe von Autor:innen. Diese Beiträge sollen zur Diskussion über Psychiatrie und ihre Behandlungsmethoden in Deutschland anregen. Die geäußerten Meinungen sind die der Autor:innen.
Richard Sears
Richard Sears
Richard Sears lehrt Psychologie am West Georgia Technical College und promoviert an der University of West Georgia im Fachbereich Bewusstsein und Gesellschaft. Zuvor arbeitete er in Krisenstabilisierungseinheiten als Aufnahme- und Krisenhelfer. Seine aktuellen Forschungsinteressen umfassen die Abgrenzung zwischen Institutionen und den Individuen, aus denen sie bestehen, Entmenschlichung und deren Zusammenhang mit Verherrlichung sowie natürliche Alternativen zu potenziell schädlichen psychopharmakologischen Interventionen.

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