Depression: Biologisch oder psychologisch?

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[anmerkung_redaktion]

Fast jeder glaubt, dass Depressionen – die häufigste psychiatrische Diagnose – genauso erklärt werden können wie körperliche Erkrankungen, d. h., dass auch Depressionen genetische/physiologische Ursachen haben.

Viele Menschen glauben auch, dass die zur Behandlung von Depressionen verschriebenen Psychopharmaka wirksam sind, weil sie eine nachgewiesene biologische Ursache für Depressionen, nämlich ein chemisches Ungleichgewicht im Gehirn, beheben.

Diese Überzeugungen wurden vom amerikanischen National Institute for Mental Health (NIMH) des National Institutes of Health (NIH) und von Psychiater:innen geprägt, deren Meinung zur psychischen Gesundheitsversorgung von der Öffentlichkeit als vertrauenswürdig angesehen wird.

Das NIMH und Psychiater:innen haben Depressionen nicht immer als genetisch bedingt (als „familiär bedingt“) erklärt. Während des größten Teils des 20. Jahrhunderts wurde Depression als psychisch bedingt angesehen. Das NIMH betrachtete Depression als eine seltene, nicht wiederkehrende Störung mit einer sehr günstigen Prognose. Sie wurde psychologisch und nicht medizinisch behandelt. Der Leiter der Abteilung für Depressionen des NIMH, Dean Schuyler, erklärte, dass die meisten depressiven Episoden „ihren Lauf nehmen und ohne spezifische Intervention mit einer nahezu vollständigen Genesung enden“. Das NIMH kam zu dem Schluss: „Depressionen gehören insgesamt zu den psychiatrischen Erkrankungen mit der besten Prognose für eine letztendliche Genesung mit oder ohne Behandlung.” Ein psychiatrisches Lehrbuch (Silverman, C., 1968, The Epidemiology of Depression) berichtete, dass nur 6 % der US-Bevölkerung im Laufe ihres Lebens als depressiv diagnostiziert wurden.

Die heutige Überzeugung, dass psychische Störungen genetisch/physiologisch bedingt sind und am besten medizinisch mit Antidepressiva behandelt werden, wurde 1980 vorangetrieben, als die American Psychiatric Association (APA) die dritte Ausgabe ihres diagnostischen Handbuchs für psychische Störungen, DSM-III, veröffentlichte. Die Veröffentlichung des Handbuchs wurde begleitet von der psychiatrischen Theorie der chemischen Ungleichgewichte bei psychischen Störungen und der Befürwortung einer medizinischen Behandlung von Depressionen durch die Verschreibung von Antidepressiva. Die Ablehnung der bisherigen psychologischen Sichtweise auf Depressionen (und andere psychische Störungen) durch die Psychiatrie (einschließlich des NIMH) wird als „medizinische Revolution” der Psychiatrie bezeichnet.

Heute wird fünfmal so vielen Menschen im Laufe ihres Lebens eine Depression diagnostiziert (vor allem Frauen). Millionen Menschen nehmen täglich diese Medikamente ein. Darüber hinaus hat Depression heute eine schlechte Prognose und es kommt häufig zu Rückfällen.

Bei der Beurteilung dieser veränderten Konzeption der Depression und der deutlich schlechteren Behandlungsergebnisse ist es wichtig, den erheblichen Unterschied in der wissenschaftlichen Glaubwürdigkeit der Behauptungen von Psychiater:innen im Vergleich zu denen von Ärzt:innen, die körperliche Krankheiten behandeln, zu verstehen. Während zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen die biologischen Ursachen und die medizinische Behandlung zahlreicher körperlicher Krankheiten belegen, gilt dies nicht für psychiatrische Behauptungen. Abgesehen von einigen wenigen psychischen Störungen – Down-Syndom/Trisomie 21, Demenz und organische Störungen durch Alkohol- und Drogenmissbrauch – wurde bei keiner der häufig diagnostizierten psychischen Störungen, einschließlich Depressionen, eine biologische Ursache gefunden. Und entgegen dem, was Sie vielleicht gelesen oder gehört haben, hat die Forschung zu Behandlungsergebnissen nicht gezeigt, dass die Behandlung von Depressionen mit Antidepressiva sehr wirksam ist.

Das liegt nicht daran, dass es nicht versucht worden wäre. Im Hinblick auf die Ursachen von Depressionen hat das NIMH im Laufe von mehr als fünfzig Jahren viele Milliarden Dollar für die Forschung ausgegeben, um Beweise für eine genetische, neurologische oder physiologische Grundlage für Depressionen zu finden. Diese Bemühungen sind gescheitert. Wenn biologische Beweise (genetische Beweise) gefunden werden, sind sie recht schwach und reichen nicht aus, um die Störung zu erklären.

Ein Paradebeispiel für die Ursachenforschung ist eine Gruppe von Psychiater:innen, die Anfang der 2000er Jahre behauptete, ein neues Diagnosehandbuch (DSM-5) vorlegen zu können, mit dem psychische Störungen auf der Grundlage von Hirnanomalien diagnostiziert werden sollten. Die American Psychiatric Association beauftragte sie mit der Umsetzung ihrer Forderungen. In der Praxis konnten sie jedoch nicht nachweisen, dass psychische Störungen biologische Erkrankungen sind. Sie konnten die Störungen weder physiologisch, neurologisch noch genetisch voneinander unterscheiden, keine Biomarker für die einzelnen psychischen Störungen benennen und die Kappa-Statistikwerte zur Zuverlässigkeit ihrer Diagnosen waren sogar schlechter als die für DSM-III.

Als schließlich 2013 das DSM-5 veröffentlicht wurde, behielt das Handbuch den beschreibenden Ansatz des DSM-III bei, der sich einer Angabe biologischer Ursachen für die Störungen entzogen hatte. Robert Spitzer, der die Erstellung des DSM-III geleitet hatte, räumte ein, dass ihm außer den wenigen oben genannten Störungen keine solchen Beweise bekannt seien. Dennoch haben Psychiater:innen das DSM-III seitdem verwendet, um die Behauptung zu verbreiten, dass Depressionen eine biologische Störung seien.

Was die Bewertung des Nutzens von medikamentösen Behandlungen bei Depressionen angeht, so haben sich Antidepressiva nicht nur als wenig wirksam erwiesen, sondern die Daten deuten sogar darauf hin, dass eine Langzeitbehandlung, wie sie bei diesen Medikamenten meist verschrieben wird, zu einer Verschlimmerung der Depression führt.

Die Forschungsbemühungen des NIMH, den Wert von Antidepressiva nachzuweisen, begannen mit Studien zum Antidepressivum Imipramin. Ergebnisstudien konnten keine Wirksamkeit des Medikaments nachweisen. Kurzfristig (nach drei Monaten) gemessen, profitierten Patient:innen, die mit dem Medikament behandelt wurden, nicht mehr als diejenigen, die ein Placebo erhielten. Noch schlimmer war, dass bei der Messung der Wirksamkeit des Medikaments nach 18 Monaten (der aussagekräftigeren Messgröße) die mit dem Medikament behandelten Patient:innen keinen größeren Nutzen hatten als diejenigen, die mit einem Placebo behandelt wurden; die mit dem Medikament behandelten Patient:innen hatten weniger symptomfreie Wochen, sie hatten höhere Rückfallquoten und ein höherer Prozentsatz der mit dem Medikament behandelten Patient:innen suchte eine zusätzliche Behandlung auf. Am verheerendsten war jedoch, dass Patient:innen, die mit einem Placebo behandelt wurden, und Patient:innen, die gar nicht behandelt wurden, besser abschnitten als die mit dem Medikament behandelten Patient:innen.

Die heute bevorzugten Antidepressiva sind die SSRIs. Der Psychologe Irving Kirsch, der führende Forscher zum Placebo-Effekt, hat die Daten, die die Pharmaunternehmen der FDA vorgelegt hatten (zu kurzfristigen Messungen) und die zur Zulassung der SSRIs als wirksame Behandlung von Depressionen durch die FDA geführt hatten, erneut analysiert. Er stellte fest, dass die FDA einen Fehler gemacht hatte. Seine statistischen Analysen der Daten zeigen, dass die Medikamente einen Placebo-Effekt und keinen Medikamenteneffekt hatten.

In anderen Ländern durchgeführte Ergebnisstudien zur Wirksamkeit von SSRIs kommen zu ähnlichen Ergebnissen. Das britische Gesundheitsministerium stellte fest, dass Antidepressiva kurzfristig nicht wirksamer sind als Placebos und langfristig deutlich weniger wirksam als Placebos. Eine Schweizer Studie ergab, dass die Langzeitergebnisse für Patient:innen, die psychologisch behandelt wurden, deutlich besser waren als für Patient:innen, die mit Antidepressiva (SSRIs) behandelt wurden, und dass Patient:innen, die mit Antidepressiva behandelt wurden, schlechter abschnitten als Patient:innen, die gar nicht behandelt wurden.

Im Jahr 2006 führte das NIMH die STAR*D-Studie durch, um wissenschaftliche Belege für seine Überzeugung zu erhalten, dass Depressionen eine biologische Störung sind und dass SSRIs wirksame Medikamente zur Behandlung von Depressionen sind. Mit über 4.000 Patient:innen, die in Kliniken im ganzen Land behandelt wurden, und Kosten in Höhe von 35 Millionen Dollar ist die STAR*D-Studie die größte Studie, die jemals durchgeführt wurde, um die Wirksamkeit einer Behandlung mit Antidepressiva kurz- und langfristig zu bestimmen und Beweise für eine biologische Grundlage der Depression zu liefern.

Die Ergebnisse der Studie spiegelten frühere Erkenntnisse wider. Kurzfristig, nach einem Monat Behandlung mit SSRI-Medikamenten, waren die Ergebnisse bescheiden (30–35 % Remission) und entsprachen weitgehend den Ergebnissen früherer Studien zu Medikamenten und Kirschs erneuter Analyse der FDA-Daten, wonach SSRI einen Placebo-Effekt haben. Langfristig, nach zwölfmonatiger Behandlung (dem aussagekräftigeren Maß für die Wirksamkeit), lag die Remissionsrate bei nur 3 %, was mit den negativen Ergebnissen früherer Studien zu Antidepressiva übereinstimmt.

Diese Ergebnisse wurden jedoch nicht von den STAR*D-Forscher:innen in ihrer Studie veröffentlicht. Mit verschiedenen statistischen Tricks behaupteten sie – völlig zu Unrecht –, dass die Medikamente bei fast 70 % der Patient:innen erfolgreich seien. Das NIMH, Psychiater:innen und die Medien berichten seitdem über diese Ergebnisse als Resultate der STAR*D-Studie. Sie haben es geschafft, die Öffentlichkeit (und andere Ärztinnen und Ärzte) davon zu überzeugen, dass diese Medikamente von großem Wert sind, obwohl die Studie genau das Gegenteil festgestellt hat. Vier Veröffentlichungen haben dokumentiert, dass es sich hierbei um Fälschungen und nicht um die Ergebnisse der Studie handelt – ein Paradebeispiel für Forschungsbetrug. Die Beweise wurden auf diesen Seiten ausführlich dargelegt (siehe Whitaker, R., Januar 2025, Mad in America „Summing up the STAR*D Scandal: The Public was Betrayed, Millions were Harmed, and the Mainstream Media Failed Us All”, (Die STAR*D-Affäre zusammengefasst: Die Öffentlichkeit wurde betrogen, Millionen wurden geschädigt, und die Mainstream-Medien haben uns alle im Stich gelassen)).

Ein sekundäres Ziel der STAR*D-Studie war es, Beweise dafür zu liefern, dass Depressionen eine biologisch heterogene Störung sind, die erfolgreich behandelt werden kann, wenn Patient:innen das Medikament verschrieben wird, das zu ihrer Form der Depression passt, also „Patient:innen mit den für sie optimalen Behandlungen zusammenzubringen”. Die Forscher:innen von STAR*D behaupten fälschlicherweise, dass ihre Ergebnisse der medikamentösen Behandlung diese Heterogenitätstheorie der Depression bestätigen. Bei korrekter Analyse zeigen die STAR*D-Daten jedoch, dass es keine Rolle spielte, welches Medikament verschrieben wurde. Jedes Medikament hatte die gleiche begrenzte Wirkung wie jedes andere Medikament. Die Daten stützen nicht die biologische Theorie der Psychiatrie, dass die Behandlung von Patient:innen mit Medikamenten mit unterschiedlichen biochemischen Wirkungen das Ergebnis verbessert.

Diese negativen Ergebnisse sollten nicht überraschen. Die Rechtfertigung der Psychiatrie für die Verschreibung von SSRI basiert auf der Theorie des chemischen Ungleichgewichts, wonach Depressionen durch einen Mangel des Neurotransmitters Serotonin im Gehirn verursacht werden und SSRI diesen Mangel beheben. Die von der britischen Psychiaterin Joanna Moncrieff durchgeführten Untersuchungen, bei denen fünf verschiedene Methoden der biologischen Analyse angewendet wurden, widerlegen diese Theorie eindeutig. Sie fand keine Belege für die Theorie des chemischen Ungleichgewichts bei Depressionen.

Die „medizinische Revolution” der Psychiatrie, die Ärztinnen und Ärzte sowie die Öffentlichkeit davon überzeugt hat, dass Depressionen eine biologische Krankheit sind, die am besten mit Antidepressiva behandelt wird, wird durch wissenschaftliche Untersuchungen widerlegt. Follow-up-Daten zeigen, dass die Medikalisierung von Depressionen durch die Psychiatrie diese nicht lindert, sondern vielmehr verstärkt (siehe Robert Whitakers Buch „Anatomy of an Epidemic” und Laura Delanos Buch „Unshrunk”). Ganz offensichtlich steht die Medikalisierung von Depressionen durch die Psychiatrie in starkem Gegensatz zu den wissenschaftlichen Teststandards, die von Forscher:innen bei der Untersuchung von Ursachen und Behandlung körperlicher Erkrankungen eingehalten werden – Standards, die bereits zu erfolgreichen Therapien für viele häufig auftretende körperliche Krankheiten geführt haben.

Patient:innen, die wegen Depressionen behandelt werden, werden durch die Werbung der Pharmaunternehmen (Anm. der Redaktion: dies ist nur in den USA und Neuseeland gesetzlich zulässig), das Vertrauen in den Rat ihres Arztes, die Popularität dieser Medikamente, den Placebo-Effekt und die Fehlinterpretation von Nebenwirkungen als Rückfall in die Depression dazu gebracht, an Antidepressiva zu glauben. Nicht durch Biologie, nicht durch Genetik.

Die Wissenschaft, die die Genetik im Zusammenhang mit dem Verhalten von Tieren bestätigt, geht auf die Beobachtungen von Charles Darwin und Gregor Mendel zurück. Richard Dawkins, der Evolutionsbiologe, erweiterte unser Verständnis darüber, wie genetische Veränderungen entstehen, indem er aufzeigte, dass die Evolution von den Bewegungen (Verhaltensweisen) eines Tieres abhängt, die zufällig Gelegenheiten in der unmittelbaren Umgebung nutzen – ein Prozess, der sich über Jahrmillionen und -milliarden genetisch vollzieht.

Dieses Prinzip ist allgemeingültig. Es erklärt nicht nur biologisch bedingte genetische Veränderungen, darunter auch einige körperliche Erkrankungen, sondern auch den psychologisch bedingten Lernprozess. Verhaltensweisen, die mit den Gegebenheiten der Umgebung synchronisiert sind, können gelernt werden, weil sie verstärkt werden. Wichtig ist, dass dieser Lernprozess nicht über Jahrtausende, sondern über Tage und Wochen stattfindet.

Die Wissenschaft vom menschlichen Verhalten lehrt uns, dass unser Verhalten im Gegensatz zu dem niedrigerer Tiere in erster Linie eine Funktion des Lernens und nicht der Genetik ist – also ein psychologischer Prozess. Säugetiere entwickelten größere Gehirne und erweiterten damit ihr Lernpotenzial. Der Mensch genießt dabei den größten Vorteil. Damit soll die Bedeutung der Biologie des menschlichen Gehirns nicht geleugnet werden. Unser Gehirn beherbergt die notwendigen Grundlagen für das Erlernen unserer psychologisch bedingten Verhaltensweisen, wie Gedächtnisfunktionen, das Verstärkungssystem und unsere kognitiven Fähigkeiten.

Verhaltensprinzipien, die in jahrzehntelanger psychologischer Forschung herausgearbeitet wurden, erklären, wie unser Verhalten entsteht, wie es geformt und aufrechterhalten wird und wie es beendet und ersetzt wird. Wissenschaftlich fundierte Verhaltensforschung liefert die Erklärung dafür, wie häufig diagnostizierte psychische Störungen, darunter Depressionen, als erlernte dysfunktionale Verhaltensweisen entstehen – und wie sie unter Anwendung derselben Prinzipien wieder verlernt werden können. Psychische Störungen, die biologisch nicht erklärt werden können, lassen sich psychologisch erklären.

Im 20. Jahrhundert gab es zwei psychologische Erklärungen für die Ursachen von Depressionen: die weithin akzeptierte Psychoanalyse und die weniger bekannte Verhaltenspsychologie, deren Grundzüge noch erforscht wurden. Psychiater:innen erklärten damals Depressionen und andere psychische Störungen anhand der psychoanalytischen Theorie Freuds, wonach Depressionen durch unbewusste Konflikte verursacht werden, die mit ungelösten negativen Kindheitserfahrungen zusammenhängen. Die Theorie ist spekulativ und wissenschaftlich nicht überprüfbar, da sie sich auf Fallbeispiele stützt. Fallbeispiele sind nicht wissenschaftlich, da sie subjektiv sind, was die wissenschaftliche Überprüfung der Theorie und der Elemente dieser psychologischen Behandlung, die zu ihrem Erfolg beitragen könnten, einschränkt.

Patient:innen, bei denen eine Depression diagnostiziert wurde, wurden jedoch nicht mit Psychoanalyse (oder mit Medikamenten, die erst später zum Einsatz kamen) behandelt. Die Psychoanalyse ist eine langwierige Behandlung, die mehrere Jahre dauert – selbst ihre verkürzten Versionen dauern ein Jahr oder länger. Die Hauptbehandlung für Depressionen bestand aus Entspannung und Bewegung. Wie ich bereits erwähnt habe, waren die Ergebnisse im Vergleich zu anderen psychischen Störungen recht günstig und im Vergleich zu den heutigen Ergebnissen bei der Diagnose und Behandlung von Depressionen außergewöhnlich gut. Es liegt nahe, dass neben den relevanten gesellschaftlichen Veränderungen, die seitdem in den Lebenserfahrungen stattgefunden haben, der Hauptgrund für den Erfolg dieser einfachen psychologischen Behandlung darin liegt, dass Patient:innen mit normaler Traurigkeit nicht wie heute fälschlicherweise als depressiv diagnostiziert wurden und dass den depressiven Patient:innen nicht gesagt wurde, sie hätten eine Hirnerkrankung, und dass sie nicht mit schädlichen Medikamenten vergiftet wurden.

Ein psychologisches, wissenschaftlich fundiertes Verständnis von Depressionen (und anderen häufig diagnostizierten psychischen Störungen) entstand in den frühen 1900er Jahren in Psychologielabors, wo verhaltensorientierte Psycholog:innen Studien zum Lernprozess durchführten. Verhaltenspsycholog:innen sind strenge Empiriker:innen und lehnen Theorien ab, die nicht auf Daten basieren. Ihre Haltung steht in Einklang mit den wissenschaftlichen Standards von Darwin, Mendel und Dawkins. Mitte des 20. Jahrhunderts waren ihre Tierversuche so weit fortgeschritten, dass sie Studien zum menschlichen Lernen durchführen konnten, darunter auch zu Verhaltensweisen, die für psychische Störungen charakteristisch sind.

Sie fanden, wie von Dawkins vermutet, dass die für psychische Störungen charakteristischen dysfunktionalen Verhaltensweisen nicht nur erlernte Verhaltensweisen sind, sondern auf die gleiche Weise erlernt werden wie normale, funktionale Verhaltensweisen. In Bezug auf Depressionen fanden Verhaltensforscher:innen heraus, dass die Hauptursachen in einem ungünstigen Umfeld, dysfunktionalen Reaktionen auf diese negativen Bedingungen und traumatischen Verlusterfahrungen liegen.

Es wurden mehrere Formen des Lernens entdeckt. Die einfachste Form des Lernens ist die klassische Konditionierung nach Ivan Pavlov. Pavlov zeigte, dass ein Hund darauf konditioniert werden kann, bei einem bestimmten Geräusch zu speicheln, wenn dieser mit Futter gepaart wird – eine physiologische Reaktion, die nicht willentlich gesteuert werden kann. Eine zweite Form des Lernens, die von B. F. Skinner ausführlich untersucht wurde, wird als operante Konditionierung bezeichnet. Diese Form des Lernens findet aufgrund der Auswirkungen einer Reaktion statt. Günstige Auswirkungen erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass ein Verhalten wiederholt wird; ungünstige Auswirkungen verringern diese Wahrscheinlichkeit.

Die Verhaltensforschung hat gezeigt, wie die für psychische Störungen charakteristischen Verhaltensweisen nach diesen Prinzipien erlernt werden. Eine wichtige Erkenntnis ist, dass Lernen durch die kurzfristigen positiven Auswirkungen von Verhaltensweisen bestimmt werden kann, selbst wenn die langfristigen Auswirkungen eindeutig negativ sind. Vermeidungsverhalten wird auf diese Weise gesteuert und ist nachweislich der Ursprung der dysfunktionalen Verhaltensweisen, die mehrere psychische Störungen, darunter auch Depressionen, charakterisieren. Wichtig ist, dass Forschungsergebnisse bestätigen, dass die für psychische Störungen charakteristischen abweichenden Verhaltensweisen beseitigt (geheilt) werden können, indem dieselben Prinzipien angewendet werden, um dieses dysfunktionale Lernen zu verändern. Diese Forschung führte zur Entwicklung der Verhaltenstherapie.

Die erste Verhaltenstherapie, die in den 1960er Jahren von Joseph Wolpe entwickelt wurde, basierte auf Laborstudien zur Angstkonditionierung und -auslöschung, die aufzeigten, wie Ängste erlernt werden und wie sie wieder verlernt werden können. Wolpe war Psychiater, dessen Unzufriedenheit mit dem, was er während seiner Facharztausbildung gelernt hatte, ihn dazu veranlasste, eine Ausbildung in einem psychologischen Labor zu absolvieren, wo Psychologen die Konditionierung und Extinktion von Angst bei Katzen untersuchten. Auf der Grundlage dieser Erfahrungen entwickelte er eine einfache Verhaltenstherapie zur Heilung von Phobien. Er stellte fest, dass Phobien erlernte Ängste sind, die durch ein einfaches Verfahren, das auf seinen Erkenntnissen aus dem Labor basierte, beseitigt werden können. Seine Behandlung alarmierte die Psychoanalytiker:innen, die zu dieser Zeit die dominierenden Psychotherapeut:innen waren. Sie betrachteten Phobien als unbewusste Repräsentationen versteckter Kindheitstraumata und waren aufgrund dieser Theorie davon überzeugt, dass die Beseitigung der Phobie eine Psychose auslösen würde. Die Kontroverse hielt in psychiatrischen und psychologischen Fachzeitschriften mehrere Jahre an, bis Wolpe nachweisen konnte, dass seine Behandlung, die er als systematische Desensibilisierung bezeichnete, ohne solche katastrophalen Auswirkungen gut funktionierte. Diese Behandlung ist nach wie vor die Therapie der Wahl bei Phobien.

Eine weitere Behandlung einer häufig diagnostizierten psychischen Störung, der Zwangsstörung (OCD), wurde ebenfalls auf der Grundlage von Forschungen in psychologischen Labors zum Lernprozess entwickelt. Die Psychologin Edna Foa entwickelte eine Verhaltenstherapie für OCD, die als Expositions- und Reaktionsprävention bezeichnet wird und ebenfalls auf der Beseitigung von Vermeidungsverhalten basiert. Sie ist nach wie vor die beste Behandlung für diese Störung.

Die beste Behandlung für Borderline-Persönlichkeitsstörungen, eine sehr schwere psychische Störung, die früher als unheilbar galt, ist die dialektische Verhaltenstherapie von Marsha Linehan, die sie aus der psychologischen Forschung abgeleitet hat.

Aaron Becks kognitive Verhaltenstherapie (KVT) bei Depressionen basiert auf der psychologischen Ursache von Depressionen durch falsche Annahmen, Überzeugungen und Verhaltensweisen, die sich negativ auf das Selbstbild, das Bild anderer und die Zukunftsaussichten einer Person auswirken und zu Depressionen führen. Beck, der Psychiater war, erklärte, seine Behandlung sei pädagogisch und nicht medizinisch. Im Gegensatz zu den negativen Ergebnissen von Antidepressiva hat sich die psychologische Behandlung von Depressionen als deutlich wirksamer als Placebos und deutlich wirksamer als medikamentöse Behandlungen erwiesen, wobei ihre Wirksamkeit mit der Zeit zunimmt, wahrscheinlich weil die Patient:innen die nach der Behandlung gewonnenen Erkenntnisse anwenden.

Verhaltenstherapien, die auf der operanten Konditionierung basieren, sind die besten Behandlungen, die wir für Kokain- und Amphetaminabhängigkeit haben.

Beachten Sie die breite Palette von psychischen Störungen, die mit empirisch abgeleiteten psychologischen Behandlungen erfolgreich behandelt werden können. Wenn das NIMH seine Aufgabe erfüllen würde, würde es ein neues DSM entwickeln, das den Standards von Diagnosehandbüchern für körperliche Erkrankungen entspricht, indem es die psychologischen Ursachen jeder psychischen Störung spezifiziert und die psychologische Behandlung empfiehlt, die sich aus diesen Ursachen ergibt – beides wird vom DSM der Psychiatrie nicht geleistet.

Die Veröffentlichung der Erfolge dieser psychologischen Behandlungen erfolgte bereits vor der „medizinischen Revolution” der Psychiatrie. Diese Behandlungen erwiesen sich als überlegen gegenüber der psychoanalytischen Behandlung, als diese noch die Behandlung der Wahl war, und seitdem hat sich gezeigt, dass sie auch gegenüber medikamentösen Behandlungen überlegen sind. Dies war für das NIMH und die Psychiatrie jedoch unerheblich, selbst wenn sie dafür Dinge erfinden mussten. Psychiater:innen sind entschlossen, die psychische Gesundheitsversorgung zu medikalisieren, ungeachtet der Forschungsergebnisse, die zeigen, dass menschliches Verhalten weitgehend eine Funktion des Lernens und nicht der Biologie ist und dass Verhaltenstherapie, die auf verifizierten psychologischen Prinzipien basiert, wirksam ist, während medikamentöse Behandlungen es nicht sind.

Obwohl die Verhaltenstherapie im Vergleich zur Finanzierung der Arzneimittelforschung nur minimal vom NIMH gefördert wird, ist sie die beste Behandlung, die wir für Depressionen und andere häufig diagnostizierte psychische Störungen haben. Das soll nicht heißen, dass die Verhaltenstherapie bereits ausgereift ist. Es sind weitere Forschungen erforderlich, um ihre Wirksamkeit und Effizienz zu verbessern. Es gibt gute Gründe zu der Annahme, dass die Behandlung noch besser werden könnte, wenn das NIMH seine Mittel für die Verhaltensforschung aufstocken würde.

Der Wert und die Allgemeingültigkeit der Forschungsergebnisse der Verhaltenspsychologie wurden durch die allgegenwärtige Anwendung dieser Forschung für andere Zwecke im Zusammenhang mit der Steuerung menschlichen Verhaltens hinreichend belegt. Google hat diese Prinzipien bei der Entwicklung seiner Apps und Apple bei der Entwicklung seiner iPhones angewendet. Politische Berater:innen nutzen sie, um ihre Kandidat:innen wählen zu lassen. Die Pharmaunternehmen, die Milliarden von Dollar ausgeben, um die Öffentlichkeit davon abzuhalten, die Überlegenheit von Verhaltenstherapien gegenüber ihren Medikamenten zu erkennen, sind ein Paradebeispiel dafür, wie Industrien von diesen Prinzipien abhängig sind, um ihre Gewinne zu steigern.

Sportpsycholog:innen und Verhaltenstherapeut:innen nutzen diese Prinzipien, um Einzelpersonen zu helfen, nicht um finanzstarken kommerziellen und politischen Interessen zu dienen. Psychologische Prinzipien sind frei verfügbar. Sie existieren genauso wie die Schwerkraft. Die Methodik kann ebenso zum Nutzen des Einzelnen eingesetzt werden wie zum Vorteil kommerzieller und politischer Interessen.

Die wissenschaftlichen Erkenntnisse sind eindeutig. Die schreckliche Wahrheit ist, dass den Behauptungen der psychiatrischen Autoritäten kein Vertrauen geschenkt werden kann. Wissenschaftliche Untersuchungen stützen nicht die Behauptungen des NIMH und der Psychiatrie, dass Depressionen biologisch bedingt sind und am besten medizinisch behandelt werden sollten. Psychologische Prinzipien, die aus Untersuchungen in psychologischen Labors abgeleitet wurden, erklären die Ursachen von Depressionen als psychologisch und bestätigen die Wirksamkeit von Verhaltenstherapien bei Depressionen.

Nicht die Wissenschaft, sondern Rhetorik hat die falschen Vorstellungen der Öffentlichkeit über eine biologische Ursache von Depressionen und den angeblichen Wert von Antidepressiva geprägt. Wir zahlen einen hohen Preis für diese Fehlleitung.

Wissenschaftliche Daten zeigen uns, dass körperliche Erkrankungen körperliche Ursachen haben und medizinisch behandelt werden sollten, Depressionen (und andere häufig auftretende psychische Störungen) jedoch anders sind. Eine Fülle wissenschaftlicher Belege zeigt, dass Depressionen psychischen Ursprungs sind und psychologisch durch Verhaltenstherapie behandelt werden sollten, nicht medizinisch durch Antidepressiva.

Mad in Deutschland veröffentlicht Blogbeiträge einer vielfältigen Gruppe von Autor:innen. Diese Beiträge sollen zur Diskussion über Psychiatrie und ihre Behandlungsmethoden in Deutschland anregen. Die geäußerten Meinungen sind die der Autor:innen.

Allan Leventhal
Allan Leventhal
Dr. Allan M. Leventhal ist Autor des Buches „Grifting Depression: Psychiatry’s Failure as a Medical Science“ (Betrug und Depression: Das Versagen der Psychiatrie als medizinische Wissenschaft). Er ist emeritierter Professor an der American University, Diplom-Psychologe, emeritierter Berater am Walter Reed Army Medical Center und erhielt von der Maryland Psychological Association einen Preis für herausragende Leistungen für seinen Einsatz bei der Verabschiedung eines Gesetzes zum Schutz der Vertraulichkeit von Gesprächen zwischen Psychotherapeuten und ihren Patienten.

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