Mein Name ist Christian Menzel, ich bin 35 Jahre alt. Ich teile meine Geschichte, um anderen diese Erfahrung zu ersparen und um mehr Aufmerksamkeit für dieses Thema zu fordern. Wenn ich meinem 26-jährigen Ich etwas sagen könnte, wäre es: Lass die Finger von Psychopharmaka! Das hätte mir die letzten 6 Jahre viel Leid ersparen können. Leider kann ich das nicht rückgängig machen und muss diesen Horrortrip weiter durchleben.
Jeden Morgen wache ich auf und hoffe, wieder ich selbst oder wenigstens ein Stück näher dran zu sein. Doch stattdessen kämpfe ich mit Fragen: Werde ich den Kaffee halten können oder muss ich erbrechen? Kann ich heute klar denken? Wie viel Angst wird mein Körper produzieren? Meine Wahrnehmung, meine Gedanken, mein Körper, nichts funktioniert mehr wie früher.
Willkommen in meinem Alltag seit über 5 Jahren.
Am Tag sind vielleicht ein paar Sekunden, vielleicht Minuten, wenn ich Glück habe, eine Stunde annähernd normal. Aber was war normal? Eine Wahl? Habe ich nicht wirklich, zumindest nicht, wenn man an seinem Leben hängt. Und das tue ich!
„Klag nicht, kämpf“ steht in Latein auf meinem Arm. Als ich das damals tätowieren ließ, wusste ich noch nicht, was mich die nächsten Jahre erwartete. Aber vielleicht hatte ich eine Ahnung? Von solchen Zuständen hätte ich nicht mal in meinem schlimmsten Alptraum denken können. Eine vernünftige Aufklärung hätte ich mir damals gewünscht. Aber Fehlanzeige!

Wie mit 26 Jahren alles begann…
Mit meinen jungen 26 Jahren war ich dumm und naiv und vertraute den Ärzten, wie die meisten Menschen. Heute weiß ich: Damals ging es mir „nur“ schlecht. Heute weiß ich, was es wirklich heißt, wenn der Körper aus dem Gleichgewicht gerät und Symptome produziert, die ich mir nie hätte vorstellen können.
Aber zu dem Zeitpunkt wusste ich es eben nicht und so suchte ich nach Hilfe, die ich auch ziemlich schnell bekam, natürlich vorerst mit Gesprächen, Untersuchungen, EKG, MRT und allem, was so dazu gehört.
Befund: körperlich gesund! Das war natürlich erstmal gut, aber schlecht ging es mir trotzdem. Das ist psychosomatisch, wurde dann mal in den Raum geworfen! Glauben wollte ich das natürlich nicht. Also ging mein Ärztemarathon weiter.
Mein Hausarzt, der mich seit Kindertagen kannte, sagte: „Das ist psychisch, das geht vorbei. Das Zeug ist nicht ohne, das brauchst du nicht, ich kenne dich. Such dir eine Gesprächstherapie, fertig.“ Ich vertraute ihm. Heute weiß ich: Er war einer der wenigen Ärzte, denen ich noch vertrauen konnte.
Jetzt weiß ich, wie viel diese Aussage von damals der Wahrheit entsprach. Ich könnte diese Aussage heute mehrfach unterschreiben. Darauf hätte ich einfach hören müssen! Dafür bin ich jetzt einfach umso schlauer. Nimmt mir nur dieses Leid und den Höllentrip nicht mehr!
Hilfe bekommt man von niemandem.
Hilf dir selbst ist angesagt!
Ich sage bewusst, dass ich dumm war, weil ich es jetzt besser weiß als 95 Prozent der Ärzte. Meine dumme und naive Art, sowohl meine extreme Ungeduld damals, ließ mich Wochen oder vielleicht auch Monate nach dem Gespräch die Arztpraxis von meinem jetzigen Hausarzt mit einer Überweisung zu einem Psychiater verlassen.
Etwas Wissen hatte ich inzwischen über mich selbst und vielleicht auch akzeptiert, dass es meine Psyche war. Natürlich war sie es! Aber ich hatte eben auch den Drang, schnell wieder normal zu sein und normal zu funktionieren.
Wenn ich heute zurückblicke, habe ich funktioniert. Ich hatte Symptome, die definitiv auf eine Angststörung zurückzuführen waren, die ich aber locker überwunden hätte.
Ein Vergleich heute zu damals? Lache ich heute einfach nur drüber, denn jetzt weiß ich, was es heißt, wenn es einem wirklich mehr als dreckig geht! Dass es mir eigentlich schon wieder ein Stück besser ging, sah ich damals einfach nicht und landete dann bei dem besagten Psychiater.
Er war schnell fertig mit mir. Ich war höchstens 5 Minuten in seinem Zimmer. Raus mit einem Rezept für das Medikament, falls man es so nennen kann, das sich Citalopram 20 mg nannte. Es könne am Anfang etwas dauern und schlimmer werden, bis sich der Körper dran gewöhnt. Alles klar! Wenn es doch hilft probieren wir es einfach. Kommt ja von einem sogenannten Facharzt.
In meinem Umfeld wird es auch genommen und gelobt. Geholfen hat es im Nachhinein überhaupt nicht.
Damit zu Hause angekommen, hielt ich diese Packung meiner Mutter hin, bei der ich zu der Zeit noch gewohnt habe.
„Lass die Chemie aus deinem Körper.“ Auch diese Aussage hat auch heute sehr viel Gewicht. Auch das ist definitiv zu unterschreiben. Dumm und naiv und überzeugt von meinem Umfeld sagte ich selbstbewusst: „Das hilft mir.“ „Gut, dann mach eben, bist alt genug!“
Ich fing dann einen Tag später mit der halben Menge von 10 mg morgens an, brav, wie es mir verschrieben wurde. Nach einer Woche sollte ich die volle Dosis nehmen. Alles klar!
Die erste Woche merkte ich immer mal mehr, mal weniger komische Dinge in meinem Körper, beachtete es aber als besagte Nebenwirkung. Ich war auch nicht so schnell kleinzukriegen.
Ich würde heute alles dafür geben, mich noch mal ohne den Chemie-Dreck in meinem Körper damit auseinandersetzen zu können.
Der zweite Tag mit der vollen Dosis vergesse ich bis heute nicht! Ich ging wie immer zur Arbeit. Ich hatte immer gerne und viel gearbeitet, war fleißig und stolz darauf. Morgens nahm ich brav meine Tablette und startete in den Tag. Auf der Arbeit fing ich an zu zittern. Komisch… egal, weitermachen. Im Laufe des Tages fing ich an zu schwitzen, zu frieren, mein Herz klopfte so stark, dass ich selbst Angst um mich bekam. Kollegen sagten mir, ich sähe überhaupt nicht gut aus und wäre kreidebleich. Mein Kampfgeist hat den Tag trotzdem durchgezogen, sogar mit Überstunden. Trotzdem war irgendwie mein Gedächtnis verschwunden, genauso wie meine Orientierung.
Heute weiß ich, dass man das Depersonalisierung und Derealisierung nennt. Tolle Wörter, oder? Ich hatte damals auch noch nie davon gehört. Im Normalfall muss man das auch nicht wissen.
An dem besagten Tag habe ich abends noch mit Freunden zusammengesessen und Pizza bestellt. Wieder war da dieses extreme Herzklopfen und ein Druck auf der Brust. Ich bekam wirklich Angst! Oder mein Kopf? Was es auch war, ich fuhr in die Notaufnahme. Nachdem dort alles ausgeschlossen wurde, ging es mit der nächsten Diagnose nach Hause. In der Psychosomatik solle ich mich vorstellen. Ich ging erschöpft ins Bett, lag trotzdem die halbe Nacht wach, schwitzte und frierte gleichzeitig. Ich hatte Bilder im Kopf, meine Ohren machten komische Geräusche. Eigentlich war alles in und an meinem Körper einfach komisch und anders.
Am nächsten Morgen musste ich mir eingestehen, dass ich nicht arbeiten konnte und meldete mich krank. Brav diese tolle Tablette eingeworfen und zum Arzt eine Krankmeldung holen.
Nächste Diagnose: ”Sie haben Burnout.” Da sind die Ärzte gut drin.
Das ganze zog sich erst einmal 4 Wochen so weiter. Ich lag nur auf dem Sofa meiner Eltern oder in meinem Bett. Ließ es einfach über mich ergehen. Ich hatte auch keine andere Wahl. An irgendetwas zu denken, geschweige denn normal zu denken, war nicht mehr möglich. Es ging nichts mehr.
Wirklich nichts mehr!
Ich stand unter der Dusche und drehte das Wasser immer wärmer und ich frierte immer noch. Innerlich. Mein Körper, mein Kopf, es hat einfach nichts mehr so funktioniert wie es soll! Ein Höllentrip begann! Das war der Anfang von all dem, was ich bis heute durchmache.
Zwischendrin habe ich einmal den Beipackzettel von diesen tollen Tabletten gelesen. Heftig, was da so drin stand, mir wurde echt anders dabei und ich schmiss den Zettel direkt in die Tonne.
„Burnout oder willst du in Rente gehen?“, wurde mir an den Kopf geworfen. Wie soll ich so arbeiten, geschweige denn klar denken?
In der psychosomatischen Klinik hatte ich mich auch brav vorgestellt. Nachdem sie mir erklärt hatten, was ich dort 6 Wochen machen sollte, habe ich dankend abgelehnt. Therapie und Bildchen malen? Wie soll mir das helfen?
Nach dem Einschleichen
Nach insgesamt 7 Wochen in diesem Zustand ging ich am Montagmorgen wieder zur Arbeit. Ich war wieder mehr ich selbst und zog es durch. 7 Wochen krank, das war definitiv nicht ich.
Alles, was ich als komisch empfand, schob ich auf die Tabletten und dachte mir, mein Körper muss sich eben daran gewöhnen. Heute lächerlich, was ich da dachte. Es gingen Wochen, Monate ins Land. Jeden Morgen schluckte ich brav meine 20 mg Citalopram und versuchte, meinen Alltag zu bewältigen. Dass ich immer mehr zu einer wandelnden Hülle wurde, merkte ich überhaupt nicht.
Keine Gefühle mehr. Keine Emotionen, nichts! Ich entfremdete mich immer mehr von mir selbst und merkte das natürlich nicht. Ich stand des Öfteren auf der Arbeit völlig kopflos, orientierungslos da. Zitterte, schwitzte oder Ähnliches. Ich redete mir selbst ein, dass ich einfach krank sei.
Ich sei aggressiv geworden, wurde mir öfter mal gesagt. Ich selbst bemerkte das nicht. Wie auch? Mein Kopf war betäubt mit SSRIs, mit den sogenannten Serotonin-Wiederaufnahmehemmer, wie die tollen Ärzte sie nannten.
Ich fuhr auf Lehrgänge, konnte mich drauf freuen, feierte Karneval in Köln und versuchte zu leben, denn da konnte ich es noch weitestgehend. Auch in meiner Freizeit versuchte ich zu funktionieren und meine Projekte umzusetzen.
Ich saß an einem Abend mit einem Feierabendbier in der Küche meiner Eltern und auf einmal fing mein Körper wieder an. Wie in diesen 7 Wochen… Gleichzeitig schoss mir ein Gedanke in den Kopf: Du musst hier weg! Sofort! Der Gedanke kam wohl nicht von mir, eher von der Hülle, die ich inzwischen war. Also trank ich noch ein Bier und hoffte, es wird besser… Fehlanzeige! Es blieb.
Also setzte ich meinen merkwürdigen Gedanken um. Ich nahm mein Bettzeug, meine Badehose, ein Handtuch und setzte mich nachts um ca. 1 Uhr in mein Auto und fuhr los. Erstmal einfach weg. Egal, dass ich hätte arbeiten müssen oder noch Termine hatte. Mir war einfach alles egal! Aber mein Plan war klar.
Das Nächste, woran ich mich erinnern kann, war, als ich nachmittags um ca. 16 Uhr an der Ostsee aufgewacht bin. Nach einer Nacht im Auto fuhr ich am nächsten Tag wieder 580 km nach Hause.
Am Tag danach ging ich wieder normal arbeiten und funktionierte weiter, als wäre nichts gewesen. Wieder ein prägendes Ereignis, das ohne diese Pillen so nie passiert wäre!
Ich merkte das weitere Jahr über nicht, wie sehr ich immer mehr abstumpfte und mich weiter von mir und meiner Persönlichkeit entfremdete.
Eine Gesprächstherapie habe ich auch brav begonnen. Einmal die Woche lief ich brav zu einem fremden Menschen und erzähle von meinen Problemen, Ängsten, Sorgen und meinem Alltag.
Gebracht hat mir das im Nachhinein gesehen überhaupt nichts. Ihm hat es sicher seine Kasse aufgefüllt.
Bei dem ach so tollen Arzt, der sich mein Psychiater nannte, musste ich natürlich auch brav einmal im Monat antreten. Was jedes Mal recht schnell abgewickelt war und ziemlich gleich ablief.
„Wie geht es Ihnen?“ Meine Antwort war immer die gleiche: „Nicht so gut oder eher schlecht.“ Nach den ersten Terminen kam dann relativ schnell die Aussage: „Dann müssen wir die Medikamente eben erhöhen.“ „Dann machen wir das.“ Raus mit einem neuen Rezept: Citalopram 30 mg.
Und ich? Setzte sogar Hoffnung darauf, dass es hilft. Ich funktionierte weiter, besser wurde es nicht! In meine eigene Wohnung bin ich dann auch eingezogen, nachdem ich sie nach Feierabend renoviert und eingerichtet hatte. Das Fitnessstudio besuchte ich auch wieder regelmäßig und war glücklich und lebte mein Leben, so gut es eben möglich war.
Dass es noch viel schlimmer kommen würde, ahnte ich zu diesem Zeitpunkt nicht.
Trotzdem war vieles anders, vor allem aus heutiger Sicht. Auch reagierte mein Körper auf Alkohol immer merkwürdiger. Kein Wunder, mein Körper oder besser gesagt mein Nervensystem war am Ende. Mit dem Dreck im Hirn und Alkohol in größeren Mengen auch kein Wunder! Heute weiß ich das alles…
Am Ende des Sommers 2017 fuhr ich für 10 Tage mit meinem Cousin nach Ungarn. Auch das meisterte ich irgendwie. Ich lag am Strand in der Sonne, fröstelte, nur um später wieder klatschnass vor Schweiß zu sein, doch am Ende überlebte ich alles. Damals vertrug ich Alkohol noch ganz normal, doch selbst das war bereits ein leises Warnsignal für das Auf und Ab, das noch kommen sollte.
Nach dem Urlaub saß ich dann wieder bei diesem Psychiater im Behandlungszimmer und verließ es wieder mit einem neuen Rezept: 40 mg. ”Er wird schon wissen, was er tut“, dachte ich damals zumindest noch.
Erste Erkenntnis
Ende Oktober 2017 sollte ich an einen Tag auf Lehrgang fahren und hatte mich schon drauf gefreut. Morgens ging es mir richtig gut, einfach normal und glücklich. Ich nahm wie jeden Morgen mein kleines weißes Pillchen zu mir, denn das war längst Routine geworden. Nach meinem Kaffee ging es dann los, ich merkte schon auf dem Weg, wie es mir zunehmend schlechter ging und ich völlig orientierungslos wurde. Richtig seltsam, aber ich kannte es bereits. Es kam immer mal wieder durch, aber ich nahm es so hin und machte einfach weiter. Auf dem Lehrgang angekommen, merkte ich immer mehr, wie mein Kopf völlig betäubt war und das Denken sehr schwierig wurde.
Den Tag überstand ich trotzdem und auch die Prüfung hatte ich trotz meines schlechten Hirns bestanden. Ich fuhr heim, legte mich völlig erschöpft in mein Bett und fing grundlos an zu weinen. Ich war fertig. Irgendwann raffte ich mich wieder auf, fuhr ins Fitnessstudio und trainierte. Wieder zu Hause angekommen, ging es mir deutlich besser und ich hatte einen klaren Kopf und mir wurde eins bewusst: Die 40 mg sind zu viel!
Christian, das ist vollkommen richtig!
Ich reduzierte die Dosis eigenmächtig auf 30 mg und war überzeugt, dass es die richtige Entscheidung war. Als ich es meinem Psychiater erzählte, sagte er nur: „Wenn Sie sich besser damit fühlen, in Ordnung.“ Als ob ich seine Erlaubnis bräuchte. Dabei sollte er doch eigentlich wissen, was er tut.
Soll ich jetzt lachen?
Im November ließ ich mir noch mein besagtes Tattoo auf den Arm stechen: „Klag nicht, kämpf!!!“
Das Jahr ging langsam zu Ende. Ich hatte meine Wohnung, meine Katzen, mein Sport, mein Hobby, mein Projekt, meine Familie und Freunde, meinen Job und war zufrieden. Ich lebte so gut es ging und funktionierte so gut es eben ging.
Die erste Jahreshälfte von 2018 war annähernd normal, das ich wirklich dachte…die Betonung liegt auf „dachte“, ich hätte es geschafft.
Heute? Hatte ich es damals schon längst geschafft. Ich hatte mein Leben voll im Griff. Trotzdem war auch da wieder einiges nicht normal. Irgendwie gab es aber ein neues Normal. Ein abgestumpftes Normal.
Das zweite Jahr unter Drogen auf Rezept
Beim Karneval 2018 in Köln merkte ich, wie stark mein Körper mittlerweile auf Alkohol reagierte. Ein deutlicher Unterschied zum Vorjahr. Wenn ich mir heute Bilder ansehe, sehe ich, wie aufgedunsen mein Gesicht war. Kein Wunder: Ich hatte mittlerweile 11 kg zugenommen, trotz Sport und gleicher Ernährung.
Diese 11 kg waren nachweislich Wassereinlagerungen. Natürlich von den super Pillen! Die verändern alles im Körper… Wirklich alles. Gemerkt habe ich selber davon fast gar nichts.
Trotzdem hatte ich wirklich das Gefühl, ich habe es geschafft, bis nächstes Jahr ist alles wieder völlig normal. Daran, diese Pillen abzusetzen, habe ich keinen einzigen Gedanken verschwendet.
In der zweiten Jahreshälfte von 2018 fing es wieder deutlich mehr an zu kippen. Auch da war ich wieder 10 Tage mit meinem Cousin im Urlaub. Auch da reagierte mein Körper völlig komisch auf den Alkohol.
Auf 40 mg war ich mittlerweile auch wieder angekommen. Warum? Weiß ich selbst auch nicht mehr.
Ich weiß nur, dass ich immer weniger ich selbst war und kaum noch einen klaren Gedanken fassen konnte. Irgendwie ging es mir immer schlechter. Aber anders schlechter.
Die Unruhe nahm zu, ich hatte Ängste vor Sachen, die vollkommen normal waren, konzentrieren fiel mir immer schwerer. Ich fing an, sehr schnell zu frieren, war todmüde nach der Arbeit, meine Ohren schwollen zu und schmerzten. Als ich in einer Nacht so starke Schmerzen bekam, fuhr ich in die Notaufnahme.
Plötzlich litt ich unter Sodbrennen, nach dem Essen und sogar nachts im Bett. So etwas hatte ich noch nie erlebt. Heute weiß ich: Es waren die Nebenwirkungen. Damals glaubte ich, mein Körper würde einfach streiken, und ließ mich von den Ärzten einreden, ich sei „einfach krank“. Doch die Verzweiflung wuchs von Woche zu Woche.
Selbst meine Kollegen und vor allem mein Lehrling sprach mich drauf an, was mit mir los sei, ich wäre aggressiv und komisch. Ich bekam kaum noch Luft, wenn ich mich anstrengen musste, die Unruhe und unspezifische Angst nahm immer mehr zu.
Es wird immer schlimmer, aber anders schlimmer
Anfang 2019 saß ich dann bettelnd vor meinem ach so tollen Psychiater und schrie förmlich um Hilfe. Die Antwort kam schnell geschossen und lautete: „Die Medikamente wirken nicht mehr, wir müssen wechseln!“ Klang für mich in dem Moment sogar plausibel. Heute lache ich noch dreimal darüber. Also ging ich mit einem neuen Rezept in der Hand aus der Praxis. Duloxetin, meine ich, hieß die neue Droge auf Rezept.
Das war der Anfang vom Ende! Ich wurde Versuchskaninchen. Und ich? Machte das alles brav mit, so dumm und naiv, wie ich war.
Ich kann mir nicht mal wirklich einen Vorwurf machen, denn mein Kopf war so zugedröhnt und taub von dem Schrott und zumal wusste ich es auch zu der Zeit einfach nicht besser. Man verlässt sich ja auf den Facharzt oder in dem Fall besser “Flacharzt”!
Ich sollte ab morgen nur noch die Hälfte des Citaloprams nehmen und die Hälfte des neuen Medikaments. Nach einer Woche dann ganz wechseln. Soweit sollte es aber nicht kommen.
Ich folgte brav der Anweisung und ging weiter zur Arbeit. Doch am dritten Tag mit diesem Medikamenten-Cocktail erreichte ich meine Grenzen. Erst heute verstehe ich, wie sehr mein Körper und Nervensystem bereits am Limit waren und wie ich sie mit diesem Wechsel noch weiter ins Chaos stürzte.
Ich fuhr wieder nach Marburg zu diesem Arzt und krabbelte gefühlt auf allen vieren in sein Büro. Ich war fertig! Richtig am Ende! Das teilte ich ihm auch genauso mit. Ich hatte keinen blassen Schimmer, was mit mir geschah. Ich bettelte förmlich um mein Citalopram, damit konnte ich doch immer irgendwie arbeiten gehen und leben. Er ging auf meinen Wunsch ein und meinte, man könnte auch über die maximale Dosis gehen, in bestimmten Fällen.
Und ich sollte mir Gedanken über eine stationäre Behandlung machen. Alles wurde schnell abgewickelt. So verließ ich die Praxis und ließ mich gleichzeitig krankschreiben.
So ging es nicht mehr. Noch am selben Tag rief ich in der Klinik an.
Ich? In der Klinik? Zu diesem Zeitpunkt sah ich keinen anderen Ausweg mehr. Die sollen mich endlich auf die richtigen Medikamente einstellen, damit ich wieder leben kann, so mein zugedröhnter Gedanke. Daran sieht man wieder deutlich, was das Zeug aus mir und meinem Hirn gemacht hat.
Ich bekam einen Termin zur Vorbesprechung sogar relativ zeitnah. Der Oberarzt empfing mich wirklich sehr kompetent, hörte sich alles an und riet mir abschließend eine Behandlung auf seiner Station. Natürlich, die wollen ja auch Geld verdienen.
Als ich den Rundgang beendet hatte, schaltete mein normaler Kopf sich wieder kurz ein und sagte: „Quatsch, hierher? Stationär? Bilder malen und Gespräche? Ich? Niemals kann ich mir das vorstellen!“ Ich verließ die Klinik mit den Worten: „Ich überlege es mir.“
Zwei weitere Wochen, es könnten auch drei gewesen sein, vergingen krankgeschrieben zu Hause. Es wurde nicht besser, ich war ein Häufchen Elend, der dann doch in der Klinik anrief und zusagte.
Erster Klinikaufenthalt für nichts
3 Wochen später war dann meine Aufnahme auf Station. Ich machte die Therapien brav mit, malte sogar Bildchen. Es war grundsätzlich eine schöne Zeit, ich lernte viele tolle Menschen kennen, konnte lachen und Spaß haben. Trotzdem war da meine komische Angst, die Unruhe und keine Luft bei Anstrengungen und vieles mehr.
Ein Morgen nach dem Gespräch mit dem Oberarzt meinte er, er wolle mir jetzt noch ein Medikament geben, was das Citalopram etwas verstärken würde. „Okay”, dachte ich, „es passiert etwas”. Abends hatte ich das nächste Gift in der Hand und schluckte es brav.
Am nächsten Morgen war alles anders, noch schlimmer. Ich stand auf und konnte kaum noch laufen, so wackelig war ich auf den Beinen. Ich fühlte mich wie betrunken, völlig müde und erschöpft. Ich konnte mich nicht auf den Beinen halten, fiel ins Bett und blieb liegen. Fast den ganzen Tag. Nachmittags sollte ich beim Oberarzt antreten, der sagte gleich: „Dann lassen wir das besser bleiben.“ Das befürwortete ich natürlich.
Am nächsten Tag war alles wieder deutlich normaler. Nach dem Wochenende, das ich zu Hause verbrachte, berichtete ich von dem Wochenende und dass ich beim Wäschebügeln auf einmal extrem zu zittern anfing. Die Reaktion von dem weiteren Arzt dort auf Station war mit das Lächerlichste, was ich bis dato gehört habe: „Das könnten die Reize vom Bügeleisen sein.“
Bitte was? So etwas Lächerliches. Das muss man sich mal vorstellen und einfach mal durch den Kopf gehen lassen. Reize vom Bügeleisen…
Ich wurde schließlich als „gestärkt“ entlassen. Gestärkt? Soll ich wieder lachen? Irgendetwas müssen sie ja in ihren positiven Entlassungsbericht schreiben.
Trotzdem muss ich sagen: Der Oberarzt war sehr kompetent und mit der einzige Arzt, den ich in dem Gebiet kennengelernt habe, der etwas auf dem Kasten hat. Er selbst sagte immer wieder: „Herr Menzel hat die Psyche verstanden.“ Hatte ich längst. Trotzdem regelte schon seit Jahren diese Chemie meinen Körper.
Das sah niemand! Ich war fest entschlossen: Du gehst bald wieder arbeiten und wenn du jeden Tag dein Bedarfsmedikament nimmst, was ich vor Wochen schon aufgeschrieben bekommen habe. Es war mir egal. Es war mein völlig chemisch verdonnerter Körper. Ich ging trotzdem arbeiten. Mit ständigen Panikattacken, Angstzuständen und allem, was sonst noch in mir tobte.
Es wurde schlimmer. Mein Kopf setzte immer mehr aus, klares Denken war unmöglich. Selbst die banalsten Dinge gingen nicht mehr. Manchmal wusste ich nicht einmal mehr meinen eigenen Namen. So weit war es schon.
Aufgeben? Konnte ich nicht. Wollte ich nicht.
Nächster Versuch…
Also saß ich wieder bettelnd vor meinem Psychiater in seinem Zimmer, ich war fertig. Dieses Mal hatte er einen neuen Plan mit mir: Wir wechseln wieder einmal das Medikament. Escitalopram hieß dieses Mal das Zeug. Das könne ich 1:1 gegen Citalopram austauschen. Auch das tat ich in der Hoffnung, es würde mir endlich Linderung verschaffen. Wenn ich damals bloß verstanden hätte, was da mit mir passiert.
Am Nächsten Tag warf ich brav den neuen Dreck ein, voller Hoffnung. Ich schleppte mich weiterhin auf die Arbeit und merkte Tag für Tag immer mehr eine Verbesserung. Es funktioniert, dachte ich zu dem Zeitpunkt zumindest. Ich fühlte mich deutlich besser und hatte verdammt noch mal wieder Lebensfreude, fast wie früher. Auch mein Umfeld gab mir das zu spüren.
Nach ca. 3 Monaten fing es wieder richtig an zu kippen. Wieder begann mein Körper, Symptome zu produzieren, die ich niemals zuvor kannte. Heute weiß ich es: Ich war halb im Entzug von dem ersten Medikament und hatte die volle Nebenwirkung von dem zweiten. Bis Anfang Dezember hielt ich den ganzen Mist irgendwie durch, zwischendurch hatte ich noch einmal für 3 Tage ein anderes Medikament, was ich aber wieder abbrach, da es noch schlimmer wurde.
Erste positive Erkenntnis
Aber dadurch wusste ich: Das Zeug muss weg. Es schadet mir massiv. Gute Erkenntnis, Christian!
Wieder einmal saß ich im Behandlungszimmer des tollen Psychiaters in Marburg. Ich erzählte ihm von meinem Plan, fest entschlossen, diese Tabletten abzusetzen. Zuvor hatte ich mich online informiert: Überall stand, der Entzug könne bis zu sechs Wochen dauern.
Das schien machbar, dachte ich damals. „Leidest du eben noch einmal 6 Wochen und dann ist der Spuk vorbei!“ Das wäre ein Traum gewesen!
Seine Worte waren: „Wenn Sie der Meinung sind, dann lassen Sie es einfach weg!“ So eine dumme Aussage und ich glaubte sie auch noch!
Mitte Dezember fing ich selbst an zu reduzieren und alles schriftlich festzuhalten. Ich war so entschlossen und wusste, dass ich das tun musste. Grundsätzlich auch vollkommen richtig.
Abgesetzt!
Ich schlich das Medikament innerhalb von 4 Wochen aus und merkte, wie es mir immer besser ging. Also war ich doch auf dem richtigen Weg. Dachte ich zumindest.
Überall erzählte ich es und war entschlossen und stolz. Ich wusste einfach, dass es richtig war, genauso spürte ich es eben auch.
Es war wackelig, aber es wurde besser, ein Normal kannte ich ja eh schon lange nicht mehr… Nachdem ich keine Medikamente mehr nahm, ging es mir richtig gut. Fast wie normal. Ich hatte es geschafft! Richtig glücklich hatte ich mein wahres Ich, mein Leben wieder! Ich war wie ausgewechselt.
Die richtige Hölle begann
Das Ganze hielt genau 3 Monate. Ja, wieder diese 3 Monate. Komisch, oder?
Es wurde zunehmend schlechter, ich fing immer mehr an mir zu verzweifeln. Suchte online nach Hilfe, fand auch einige Foren, insbesondere das ADFD, und las da einiges zu dem Thema. Danach wusste ich erst, was ich überhaupt gemacht habe: Einen Kaltentzug vom Allerfeinsten! Was ich da las, traf alles auf mich zu.
Ich war baff, mir fiel alles aus dem Gesicht! Kaltentzug von Psychopharmaka kann Monate bis Jahre dauern… Was?
Ja, heute weiß ich es! Und spüre es jeden verdammten Tag, sogar noch über 5 Jahre später! Ende Februar 2020 ging ich das letzte Mal auf die Arbeit. Danach ist meine Welt vollkommen zusammengebrochen. Ich ließ mich wieder krankschreiben.
Von mir war nichts mehr übrig. Aber wirklich nicht ein einziger Krümel! Und ich dachte wirklich, es ging mir die letzten Monate schon schlecht.
Jetzt ging es mir mehr als dreckig. Ich kann nicht in Worte fassen, wie schlecht es einem gehen kann! Es erinnerte mich aber immer wieder an diese 7 Wochen von damals…
Nichts mehr an meinem Körper funktionierte so, wie es sollte. Und dieser Zustand könnte Monate oder sogar Jahre anhalten. Das las ich im ADFD. Dort war ich fast stündlich, auf der verzweifelten Suche nach Hilfe.
Ich jammerte, schrieb einen Beitrag nach dem anderen. Verstanden fühlte ich mich dort. Helfen? Konnte mir auch dort niemand.
Ich saß in der Notaufnahme, Angst vor einem Herzinfarkt, Angst vor allem. Ich war ein Haufen Elend.
Überall suchte ich nach Hilfe, hatte Termine beim Hausarzt, bei dem tollen Psychiater und jedes Mal bekam ich gesagt: “Es gibt keinen Entzug von Psychopharmaka.“
Nach jedem Gespräch hatte ich ein weiteres Rezept mit neuen Medikamenten in der Hand. Ich holte jedes einzelne in der Apotheke ab – bergeweise Pillen hatte ich mittlerweile zu Hause. Ich saß vor dem Stapel Gift und meine Gedanken kreisten Tag für Tag. Wenn man das überhaupt meine Gedanken nennen kann…
Ich saß Tag für Tag einfach nur da und suchte Hilfe und bekam keine. Anfangs habe ich noch versucht, Escitalopram wieder zu nehmen, was ich aber nach kürzester Zeit wieder erbrach.
Mein Körper war fertig damit und lehnte alles ab. Kein Wunder: Der war so hingerichtet und wollte einfach seine Ruhe haben. Die gab ich ihm dann zwangsläufig auch, trotzdem wollte ich ja definitiv nicht in der ausweglosen Situation bleiben.
So vergingen Tage, Wochen und Monate des Jahres 2020.
Irgendwie hatte ich mich ein Stück weit damit abgefunden, das musste ich wohl auch, denn alles, was ich versuchte, machte meinen Zustand noch schlimmer. Ich war nichts mehr, hatte alles verloren. Meine neue Beziehung, meinen Job, mein Leben, einfach alles.
Irgendwann fand ich einen Hirnforscher. Er hatte sogar ein Buch über diese ach so tollen Tabletten geschrieben. Er bot Telefontermine an, welche ich auch nutzte. Ich klagte ihm mein Leid und er versicherte mir, das würde maximal ein Jahr dauern. Natürlich musste ich jedes Telefonat bezahlen. Ich glaubte ihm.
Irgendwie hatte ich mich damit erstmal abgefunden, dass ich das ganze aussitzen musste. Auf der anderen Seite wollte ich endlich wieder leben, und vor allem auch arbeiten gehen, denn das konnte ich immer.
Ich versuchte jeden Tag irgendwie zu überstehen, ohne mir etwas anzutun. Ich war einfach nicht mehr ich selbst. Ich habe vor Jahren einen Satz gelesen, der den protrahierten Entzug gut beschreibt: „Wo im Körper sitzen Nerven? Richtig, überall!“
Es funktioniert nichts mehr in deinem Körper, einfach nichts mehr. Und so fühlte ich mich, Tag ein, Tag aus. Natürlich war es mal mehr, mal weniger schlimm. Das nennt sich Wellen und Fenster. Ein Auf und Ab. Ich hasse diese Worte!
Aber so heilt der Körper. Aus englischen Foren wusste ich: Es heilt jeder, man weiß nur nicht, wie lange es dauert…
Ich ungeduldiger Mensch konnte mit dieser Aussage einfach überhaupt nichts anfangen. Ich versuchte, an die Worte von dem Hirnforscher zu glauben. Jeden Tag bereute ich, mich auf diese ganzen Menschen, die sich Ärzte schimpfen, überhaupt eingelassen zu haben.
Das hätte ich mir nicht erträumen können und das würde ich meinem schlimmsten Feind nicht antun wollen. Ich hörte immer wieder Sätze wie: „Das kann nicht so lange dauern“ und „Such dir Hilfe.“ Ja, welche denn? Die gibt es nicht!
Ich versuchte irgendwie produktiv zu sein, was sich aber mehr als schwer gestaltete! Das Leben um mich herum drehte sich natürlich wie gewohnt weiter. Nur ich? Ich saß einfach die meiste Zeit da und starrte vor mich hin.
Ich war einfach gefangen in meiner persönlichen Hölle! Ich wünschte mir einfach jeden Tag, die Zeit zurückdrehen zu können und dem kleinen dummen, naiven 26-jährigen Christian sagen zu können: „Lass die Finger von dem Müll!“
Im November 2020 konnte ich nur noch im Bett liegen. Jeder Reiz, jedes Geräusch war meinem Körper zu viel! Ich zog mich vollkommen zurück und verließ meine Wohnung kaum noch.
Ich war richtig am Ende, aber eins wusste ich: So geht das nicht mehr weiter. Wie lange soll das noch so weitergehen?
Nächste Klinik, die mir endgültig den Rest gegeben hat
Also beging ich den nächsten Fehler: Ich meldete mich für eine stationäre Aufnahme in einer Klinik an. Ich weiß heute nicht mehr warum. War es meine Verzweiflung? Oder einfach meine Ungeduld? Oder der Druck von meinem Umfeld? Wahrscheinlich einfach alles! Schon das Ausfüllen der Anmeldung war der reinste Horror. Das Rascheln beim Umblättern? Auch das war zu viel.
Ich rief nachts in der Ambulanz der Klinik an, saß mehrfach in der Notaufnahme, beim Zahnarzt wegen Zahnschmerzen, die es gar nicht gab, sondern mein Körper mir vorspielte. Stunden stand ich unter der Dusche, um meine Körpertemperatur in den Griff zu bekommen und meine Muskeln zu entspannen.
Ich war einfach am Ende und wusste nicht mehr, was mit mir passierte. Diese Symptome, die dieser Entzug mit sich bringt, sind im ADFD aufgelistet und ich hatte zu dem Zeitpunkt gefühlt einfach alles davon.
Das ganze Spiel dauerte 7 Wochen, bis ich dann endlich in der Klinik aufgenommen werden konnte… Leider! Die Klinik hatte einen super Ruf und sehr gute Bewertungen.
Ich wusste zu dem Zeitpunkt überhaupt nicht, wie ich diese Klinik überhaupt überleben sollte. Aber sie sind dafür da, mir zu helfen. Ich hätte glaube ich alles getan, damit der Horror endlich aufhört.
Es ist nicht in Worte zu fassen, was da mit mir passiert ist. Ich setzte wirklich Hoffnung in diese Klinik, anderen Menschen konnte schließlich auch geholfen werden.
Bei der Aufnahme in der Klinik und bei der Führung war ich so abwesend, als würde jedes Wort an mir vorbeifliegen. Ich versuchte zu vertrauen… Irgendeine Hilfe muss es doch geben?
Mein Handy musste ich auch erst mal abgeben. Willkommen im Wahnsinn der Psychiatrie. Nachdem 3 Wochen in dieser tollen Klinik vergangen waren und ich förmlich unter Beobachtung stand, hatten sie wohl einen Plan mit mir.
Der Oberarzt der Klinik – seinen Namen darf ich hier leider nicht erwähnen – ist in meinen Augen der unfähigste Arzt, den ich kennenlernen durfte. Dieser Mann hat mich definitiv richtig zugrunde gerichtet und ist nicht auf mich eingegangen. Der einzige Titel, den dieser Mensch verdient hat, ist der eines Menschenquälers! Dieser Mensch hat nur das Verschreiben von seinen Tabletten im Kopf.
Zurück zu dem Gespräch mit ihm: Ich vertraute ihm. Nicht aus Überzeugung, sondern weil ich keine andere Möglichkeit sah.
Er sagte, eine medikamentöse Behandlung sei nötig, er verstehe meine Unsicherheit, wolle aber vorsichtig vorgehen. Mir war nur eines klar: Es musste etwas passieren. Und vermutlich hätte ich alles getan, um endlich wieder leben zu können.
Also willigte ich ein. Aus purer Verzweiflung. Er war Oberarzt, er würde es schon wissen. Lächerlich! Er teilte mir seinen Plan mit, was die nächsten Tage mit mir gemacht werden sollte. Am selben Abend bekam ich mein Medikamentendöschen mit einer Pille drin. Mirtazapin hieß das neue Gift dieses Mal.
In mir sträubte sich alles dagegen und ich hatte verständlicherweise auch Angst. Das teilte ich den Pflegern auch mit und ließ die Tablette liegen.
Abends war wieder eine Tablette in meiner Box, die ich halbierte und schluckte. Der Rest wanderte in die Toilette. Es war einfach Verzweiflung! So wie die letzten Monate konnte und wollte ich nicht mehr weitermachen.
Am nächsten Morgen merkte ich sofort, dass sich mein Zustand wieder verschlechterte. Bereits am zweiten Tag stand ich im Pflegerzimmer und schilderte, was los war. Ich wurde abgetan. Man sagte mir, ich müsse die Nebenwirkungen in Kauf nehmen. Sieben Tage hielt ich durch, dann brach ich die Behandlung ab. Ich zitterte wie bei Parkinson, mein Kopf war noch verwirrter als zuvor.
Der Oberarzt war inzwischen krankgeschrieben, also stellte ich mich bei seiner Vertretung vor.
Sie beurteilte sofort, der Plan des Oberarztes sei wohl nicht besonders gut, sie habe einen besseren. Bitte was? Weiß hier überhaupt der eine, was der andere tut? Nein, überhaupt nicht!
Ihr Plan war, mir wieder Escitalopram zu geben. Auch das lehnte ich nicht ab, so verzweifelt wie ich war. Einen klaren Gedanken fassen konnte ich sowieso nicht.
Damit handhabte ich das genauso: Ich halbierte die Tablette, eine Hälfte für mich, die andere für die Toilette.
Ich vergesse die nachfolgenden Tage nie wieder: Mein Zustand verschlechterte sich jeden Tag immer mehr. Ich konnte zwar auch Verbesserungen feststellen, da mein Körper den Stoff bekam, von dem er auf Entzug war, aber die Nebenwirkungen wurden immer mehr.
Das, wovor ich im ADFD wirklich gewarnt worden bin. Es ist kein Drogenentzug, wo man es einfach wieder nimmt und gut ist.
Ich saß beim Mittagessen und hatte einen Nervenzusammenbruch, fing grundlos an zu weinen. Morgens, nachdem ich das Gift schluckte, dauerte es keine Stunde und ich erbrach alles. Ich drückte den Notrufknopf!
Das tat ich mehrfach, gesagt bekam ich nur, das wäre meine Angst vor den Medikamenten. Sowas schimpft sich Pfleger, Ärzte oder Klinik…
Meine Mitpatienten sagten mir immer wieder, warum ich so blass wäre und total komisch drauf. Mhh…Kommt mir bekannt vor. Und das ist eben das, was ein Mensch noch von außen sehen kann.
Ich wäre da wirklich fast gestorben! Und das ist keineswegs übertrieben, das könnt ihr mir glauben! Ich wusste nicht mal mehr, wie ich heiße!
Ganze 4 Wochen ließ ich das über mich ergehen und es besserte sich überhaupt nichts. Im Gegenteil, es war der blanke Horror, ich schlug gegen die Wände und wurde immer aggressiver. Ich drehte regelrecht durch!
Als dieser besagte Oberarzt aus seinem Krankenstand wieder da war, hörte ich das Gespräch mit der Vertretung zufällig mit. Es ging schließlich um mich.
“Das hätte ich ihm definitiv nicht gegeben, aber jetzt ist es eben so”, sagte er. Bitte was? In solche Hände legt man seine Gesundheit, sein eigenes Leben?
Ich hatte ein Gespräch mit ihm und nachdem er die Auswertungen von meinem Blut hatte, unterstellte er mir, ich würde die Medikamente nicht nehmen. Das sollte ich gefälligst tun, ansonsten käme in meine Akte „Behandlungsverweigerung“. Das ist Erpressung! Das ist ganz tiefes Niveau!
Ich war handlungsunfähig.
Aufgrund der letzten Monate wusste ich, was es heißt, wenn es einem schlecht geht, aber diese Wochen in der Klinik setzten da noch mal einen drauf und das deutlich.
Ich konnte wirklich kaum noch laufen, zitterte jeden Tag an den Beinen so stark, dass es jeder sehen konnte. Ich übergab mich täglich. Ich wurde zunehmend aggressiver. Mein Körper hatte so gut wie aufgegeben und das spürte ich jeden Tag. Ich hatte jegliche Kraft verloren, woher sollte ich auch noch welche nehmen?
Ich versuchte mich zu informieren, um irgendwie rechtlich dagegen vorzugehen. Natürlich ohne Erfolg! Diesen Behandlungsfehler nachzuweisen, würde sich mehr als schwierig gestalten, beweisen könnten das nur mein Kopf und mein Körper.
Aufgrund meines mittlerweile grottenschlechten Zustandes wollten sie mich auf die geschlossene Station verlegen. Niemals!
Jetzt war der Punkt erreicht, wo ich die Reißleine zog. An diesem Tag bekam ich einen Tipp von jemandem, den ich online kennengelernt habe und der selbst in einem protrahierten Entzug steckte: Eine Klinik in Bremen, die diesen Entzug behandelte und anerkannte. Dort musste ich dringend hin.
Ich habe mich selbst aus dieser irren Klinik entlassen!
Normale junge Menschen kamen auf diese Station, einfach erschöpft vom Alltag oder angeschlagen.
Es hat bei keinem länger als eine Woche gedauert, bis diese auch mit den tollen Medikamenten behandelt wurden. Und dann?
Wundern sie sich, warum diese Menschen im Bett liegen und nichts mehr können. Natürlich gab es auch Menschen, bei denen das besser funktioniert. Aber ausnahmslos jeder wurde damit behandelt und die meisten glaubten alles, was ihnen erzählt wurde.
Nachdem ich dann völlig zerstört eine Woche in meiner Wohnung verbracht hatte, hatte ich bereits den Termin zur Aufnahme in Bremen. Ich war so verzweifelt und setzte alles in diese Klinik.
Letzter Klinikaufenthalt zur Bestätigung
Ich hatte schon begonnen, das Escitalopram auszuschleichen, was ich nun wieder 7 Wochen in meinem völlig zerstörten Körper reinwürgte und wieder erbrach. Es war zwar nur eine geringe Menge, aber das reichte definitiv aus. Meine Mutter brachte mich nach Bremen in die Klinik, denn an Autofahren war nicht zu denken.
Dieses Mal wurde es nicht so abgetan. Sie kannten die Problematik mit diesen Medikamenten und setzten am zweiten Tag das Escitalopram ganz ab, was mir mehr als recht war. Die nächsten Tage merkte ich deutlich, wie es mir wieder besser ging. Ich war überzeugt, das Schlimmste läge hinter mir. Fast hätte ich es geschafft. Dachte ich.
Es war noch sehr wackelig auf den Beinen und nach 3 Wochen in der Klinik, in der mit mir überhaupt nichts passierte, bekam ich von einer Mitpatientin den Tipp, ich sollte mir einen Termin bei dem Professor geben lassen. Das könnte jeder tun und genau das tat ich auch. Nun wurden auch die Pfleger und Ärzte auf Station aufmerksamer. Ich bereitete mich auf den Termin vor, schrieb sogar alles auf, damit ich nichts vergessen würde. Als ich bei ihm im Büro saß, erzählte ich ihm alles von Anfang an und er verstand alles! Er sagte klar und deutlich zu mir: „Herr Menzel, dass Sie nach der ganzen Geschichte noch hier sitzen, zeigt Stärke.“
Er sagte ebenso, er habe mehrfach solche Menschen hier sitzen, die dasselbe erleben. Aber die meisten Menschen, die das erleben, nehmen sich das Leben oder landen wieder mit Medikamenten in der Psychiatrie und bekommen noch mehr Medikamente.
Endlich jemand, der mich versteht! Auch er hielt nichts von diesen Medikamenten. Sie werden von Hausärzten verschrieben wie Bonbons und keiner weiß, wie und ob sie überhaupt wirken, und schon gar nicht, was für ein Entzug sie hervorrufen können. Er sagte mir auch, dass er mir sehr gerne helfen würde, aber mein Körper reagiere sehr stark auf diese Medikamente und man könnte ein weiteres Ausprobieren versuchen, aber wie ich ja bereits mehrfach erfahren habe, kann das auch nach hinten losgehen. Er riet mir einfach, die Sache auszusitzen, in der Regel würde das maximal 24–36 Monate dauern. Diese Worte vergesse ich so schnell auch nicht mehr.
Der Professor ist in dem Gebiet sehr bekannt und es ist auch online einiges über ihn zu finden. Für mich stand nun eins fest: Du packst dich an deinen Eiern und gehst diesen Weg, egal wie lang er dauert! Ich bedankte mich und verließ sein Büro. Der Mann hat seinen Job verstanden und weiß, was er tut.
Am nächsten Tag hatte ich den Vorschlag des Medikamentes in der Hand. Dieses Mal mit Erklärungen und Nebenwirkungen und dass es einen schlimmen Entzug verursachen könnte.
Ich lehnte ab und verließ diese Klinik nach insgesamt 4,5 Wochen auf eigene Faust wieder. Zuhause angekommen, genoss ich meine Normalität: Ich konnte lachen, Musik hören, hatte wieder Pläne. An meine Arbeit, mein Hobby, an all das konnte ich wieder denken. Ich war nie so sicher, dass ich es fast geschafft hätte und spätestens in einem halben Jahr wieder arbeiten könnte.
Leider kam das alles anders…
Wieder diese verdammten 3 Monate
Es wurde schleichend immer schlechter und ziemlich genau 3 Monate nach dem Absetzen brach wieder alles zusammen. Aber ich wusste, was es war, und die Worte des Professors immer im Hinterkopf.
Dreimal erlebte ich nach dem Absetzen eine scheinbare Besserung, nur um nach genau 3 Monaten wieder zusammenzubrechen. Jedes Mal verlor ich ein Stück mehr von mir selbst. Hilfe gab es nicht. Also kämpfte ich weiter.
Ich verbrachte jeden Tag mit meinem Hobby in meiner Halle und versuchte, produktiv zu sein, ich wollte nicht aufgeben! Es gelang mir auch mal mehr, mal weniger.
Jeder Tag war ein Kampf, aber ich hatte immer wieder Lichtblicke und Hoffnung. Ich jammerte viel, ich war wieder weit weg von mir selbst und hatte das Gefühl von Glück und Normalität einfach wieder vergessen…
Ich lebte mit dem Wechsel vor mich hin, ich wusste einfach nicht mehr, was normal ist, und versuchte mich immer zu beschäftigen. Aufgaben hatte ich genug. Ich wusste, dass ich kämpfen musste und das tat ich auch.
Ich wollte leben!
6 Jahre Höllentrip: Noch nicht vorbei
Mittlerweile sind wir im Jahr 2026 angekommen: 6 Jahre Höllentrip liegen hinter mir. 6 Jahre, in denen ich jeden Tag um mein Leben kämpfe. Seit 5 Jahren bin ich frei von Medikamenten, doch der Entzug hält an. Manchmal spüre ich mich selbst wieder, nur um mich kurz darauf erneut zu verlieren. Es tut weh, aber es gibt mir auch Kraft. Ich würde es am liebsten festhalten und sagen: „Bleib doch endlich da!“
Ich weiß: Ich werde es schaffen. Ich weiß nur nicht, wann. Doch der Kampf geht weiter und der Wunsch ist groß, dass es 2026 endlich vorbei ist.