Grob fehlerhafte Studie bestreitet, dass Entzugssymptome von Antidepressiva „klinisch bedeutsam“ sind

Nach einem langen Kampf, der schließlich dazu führte, dass die britischen Gesundheitspolitiker diese Risiken anerkannten, gefährden von der Pharmaindustrie finanzierte Forscher:innen nun die Sicherheit der Patient:innen, indem sie die Häufigkeit und Schwere der Entzugssymptome herunterspielen.

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[anmerkung_redaktion]

Eine Gruppe britischer Forscher:innen hat im Juli 2025 eine Studie veröffentlicht, in der sie in Frage stellen, ob der Entzug von Antidepressiva „klinisch bedeutsam” ist und ob eine langwierige Ausschleichphase zum Absetzen notwendig ist. Ich möchte einige Hintergründe erläutern und erklären, warum diese Behauptungen falsch und gefährlich sind.

Es gibt kein deutlicheres Beispiel für die Dominanz des simplen, pessimistischen und unbewiesenen „medizinischen Modells” der Pharmaunternehmen als die Millionen von Menschen weltweit, die derzeit Antidepressiva einnehmen, um ihre Traurigkeit oder Angst zu bekämpfen. Die Zahlen sind seit zwei Jahrzehnten stetig gestiegen. Frauen, ältere Menschen und arme Menschen nehmen besonders häufig Antidepressiva ein. Wenn Sie also eine Frau über 60 sind und dort leben, wo ich lebe (einer der ärmsten Bezirke Londons), haben Sie eine Chance von eins zu drei, diese Medikamente einzunehmen.

Der weltweite Umsatz der Pharmaindustrie beträgt jährlich etwa 1,6 Billionen Dollar, wovon Antidepressiva schätzungsweise 5 % ausmachen (d. h. etwa 80 Milliarden Dollar). Und das alles, obwohl die Medikamente für die überwiegende Mehrheit der Menschen, die sie einnehmen, nicht besser als Placebos sind und es keine empirische Grundlage für die Behauptung eines Serotoninmangels („chemisches Ungleichgewicht“) gibt, mit der ihre Verwendung von der Pharmaindustrie gerechtfertigt und seit Jahrzehnten von der Psychiatrie wiederholt wird.

Im Jahr 2019 führte Public Health England (PHE) eine umfassende Evidenzüberprüfung mit dem Titel Dependence and Withdrawal Associated with Some Prescribed Medicines (Abhängigkeit und Entzug im Zusammenhang mit einigen verschreibungspflichtigen Medikamenten) durch. Sie ergab, dass 26 % der erwachsenen Bevölkerung (etwa 11,5 Millionen Menschen) im Vorjahr Antidepressiva, Opioide, Benzodiazepine, Z-Medikamente oder Gabapentinoide verschrieben bekommen hatten, und warf Bedenken hinsichtlich unangemessener Verschreibungen, Langzeitanwendung, Abhängigkeit und Entzugssymptome auf.

Um die Untersuchung von PHE zu unterstützen, führten James Davies und ich unsere eigene Untersuchung mit dem Titel A Systematic Review into the Incidence, Severity and Duration of Antidepressant Withdrawal Effects: Are Guidelines Evidence-Based? (Eine systematische Untersuchung der Häufigkeit, Schwere und Dauer von Entzugssymptome bei Antidepressiva: Sind die Leitlinien evidenzbasiert?) durch und veröffentlichten die Ergebnisse. Wir stellten fest, dass durchschnittlich 56 % der Menschen Entzugssymptome erleben, wenn sie versuchen, die Einnahme zu beenden oder zu reduzieren, und dass 46 % dieser Menschen diese Entzugssymptome als „schwerwiegend” beschreiben.

Der PHE-Bericht und unsere eigene Untersuchung waren maßgeblich für langwierige, letztlich aber erfolgreiche Bemühungen, das National Institute for Health and Care Excellence (NICE) und das Royal College of Psychiatrists (RCP) dazu zu bewegen, ihre Leitlinien zu ändern: weg von der stark verharmlosenden, von der Industrie verbreiteten Position, die sie jahrelang nachgeplappert hatten (und die die American Psychiatric Association bis heute vertritt), hin zu einer stärker evidenzbasierten Darstellung des Ausmaßes des Problems sowie zu vernünftigen Empfehlungen für einen langsamen Ausschleichen.

Seit 2019 gibt es Bemühungen, die äußerst wichtigen Empfehlungen der PHE umzusetzen, wonach es innerhalb unseres National Health Service (NHS) spezielle Unterstützungsdienste geben soll, um Menschen dabei zu helfen, sich auf Wunsch sicher von Psychopharmaka zu entwöhnen. Bislang wurde nur eine Klinik in London unter der Leitung von Mark Horowitz eingerichtet, dem Hauptautor eines weiteren Meilensteins des Fortschritts, The Maudsley Deprescribing Guidelines. Weitere Dienste befinden sich in der Planungsphase, aber die Fortschritte sind quälend langsam, nicht nur wegen der prekären finanziellen Lage des NHS, sondern auch wegen des Widerstands einiger, die den Status quo bevorzugen, dass Millionen von Menschen jahrelang oder sogar lebenslang Psychopharmaka einnehmen.

Ein Beispiel für diesen Widerstand war die Veröffentlichung eines Artikels mit dem Titel Incidence and Nature of Antidepressant Discontinuation Symptoms (Häufigkeit und Art von Entzugssymptomen bei Antidepressiva) am 9. Juli durch eine Gruppe von 19 Personen unter der Leitung von Michail Kalfas, darunter führende Namen der britischen Psychiatrie: David Nutt, David Baldwin, Carmine Pariante, Allan Young und Joseh Hayes. Viele von ihnen stammen aus dem renommierten Institute of Psychiatry am King’s College London.

Die Verharmlosung beginnt bereits im Titel, in dem sie den Begriff „Discontinuation Symptoms” (Absetzsymptome) verwenden, der von der Pharmaindustrie geprägt wurde, um den Eindruck zu erwecken, dass es sich bei dem fraglichen Phänomen um etwas anderes und weniger Schwerwiegendes als Entzugssymptome handelt.

Am Tag vor der Veröffentlichung bewarb das Science Media Centre (SMC) den Artikel in einer streng kontrollierten Medienkonferenz für ausgewählte Journalist:innen. Mehrere Kritiker:innen der Verharmlosungsbemühungen dieser Gruppe von Psychiatern hatten sich für die Pressekonferenz angemeldet, wurden jedoch in letzter Minute vom Eintritt ausgeschlossen. Darunter waren der Autor von „The Maudsley Deprescribing Guidelines“ (Horowitz) und beide Autor:innen der Übersichtsarbeit von 2019 (Davies und ich), die sich, wie sich herausstellte, als ein Schwerpunkt der Pressekonferenz herausstellte (laut Journalist:innen, die später mit uns korrespondierten).

Fünf der größten Geldgeber des SMC sind Pharmaunternehmen (sowie die British Association of the Pharmaceutical Industry).

Viele der Autor:innen des Artikels erhalten Geld von Pharmaunternehmen. Der Artikel listet mehr Zahlungen von Pharmaunternehmen an Autor:innen auf als Verweise auf wissenschaftliche Arbeiten. So wird beispielsweise Allan Young, Mitautor und Referent bei der Pressekonferenz des SMC, von mindestens sechs Pharmaunternehmen bezahlt.

Zu den vielen eklatanten methodischen Mängeln dieser neuen Studie gehört die Berufung auf kurzfristige Studien von Pharmaunternehmen, die nur wenige Wochen dauern, was im Gegensatz zu den Millionen von Menschen weltweit steht, die diese Medikamente seit vielen Jahren einnehmen. Solche Studien unterschätzen zwangsläufig die tatsächliche Häufigkeit und Schwere der Entzugssymptome bei Antidepressiva.

Die Versuche der von Pharmaunternehmen gesponserten Forscher:innen, die Medien über das SMC zu kontrollieren, waren nicht ganz erfolgreich.

Unsere eigene, hastig verfasste Medienmitteilung enthielt folgenden Kommentar von Stevie Lewis, einem ehemaligen Konsumenten von Antidepressiva:

„Ich habe die langwierigen Qualen des Entzugs dieser Medikamente erlebt und weiß, dass Zehntausende derzeit dasselbe durchmachen. Wenn Politiker und Ärztinnen und Ärzte diese fehlerhafte Studie ernst nehmen, könnte dies die ohnehin schon sehr begrenzte Unterstützung, die uns zur Verfügung steht, weiter reduzieren.“

Und den folgenden Kommentar von Horowitz:

„Dieser Artikel von Kalfas über den Entzug von Antidepressiva in JAMA Psychiatry wird die Öffentlichkeit, Kliniker:innen und politische Entscheidungsträger in die Irre führen, da die Studie methodische Mängel aufweist, die dazu geführt haben, dass sie die Risiken von Entzugssymptomen bei Langzeitkonsument:innen unterschätzen. Die Hauptanalyse in dem Artikel stützte sich auf 11 randomisierte kontrollierte Studien, die meist 8 bis 12 Wochen dauerten. Im Vereinigten Königreich nehmen etwa 4 Millionen Menschen seit mehr als 2 Jahren Antidepressiva ein, und 2 Millionen Menschen nehmen sie seit mehr als 5 Jahren ein. In den USA nehmen mindestens 25 Millionen Menschen seit mehr als 5 Jahren Antidepressiva ein. Was mit Menschen in 8- bis 12-wöchigen Studien geschieht, ist weit entfernt von dem, was mit Millionen von Menschen geschieht, wenn sie die Einnahme beenden.“

Ich zitiere ausführlich aus einer weiteren Medienmitteilung der Beyond Pills All Party Parliamentary Group:

„Die Beyond Pills All-Party Parliamentary Group (APPG) äußert ernsthafte Besorgnis über die Veröffentlichung und Förderung einer aktuellen Studie, in der behauptet wird, dass das Absetzen von Antidepressiva weitgehend mild, kurz und überbewertet sei.

Diese Studie, zu deren Autor:innen mehrere Forscher:innen mit finanziellen Verbindungen zur Pharmaindustrie gehören, wurde den Medien durch eine streng kontrollierte Pressekonferenz vorgestellt, die vom Science Media Centre (SMC) organisiert wurde, einer Organisation, die wegen ihrer beträchtlichen Finanzierungen durch die Pharmaindustrie in die Kritik geraten ist.

Die Studie stützt ihre Schlussfolgerungen überwiegend auf kurzfristige klinische Studien (die meisten dauerten nur acht Wochen). Dieser Ansatz spiegelt nicht die Erfahrungen von Millionen von Menschen wider, die seit Jahren Antidepressiva einnehmen (die Hälfte der Antidepressiva-Anwender:innen nimmt sie seit mehr als zwei Jahren). Es gibt eindeutige Belege dafür, dass eine langfristige Einnahme (zwei Jahre und länger) mit einer höheren Häufigkeit von Entzugssymptomen einhergeht, die schwerwiegender und länger anhaltend sein können. Durch den Ausschluss der meisten Daten aus der Praxis zur Einnahme von Antidepressiva vermittelt die Studie ein gefährlich verzerrtes Bild, das durch die begleitende Medienkampagne noch verstärkt wird.

Die APPG befürchtet, dass dies die Öffentlichkeit irreführt, die Erfahrungen vieler Menschen leugnet, die durch schlechte Verschreibungspraktiken geschädigt wurden, und dringend notwendige politische Reformen verzögert, wodurch Patient:innen weiter geschädigt werden könnten.“

Dr. Simon Opher, MP, Allgemeinmediziner und Vorsitzender der Beyond Pills APPG, kommentierte die Nachricht wie folgt:

„Als Allgemeinmediziner habe ich persönlich vielen Patient:innen geholfen, die unter Entzugssymptomen von Antidepressiva litten. Die APPG setzt sich seit vielen Jahren für dieses Thema ein und fordert eine angemessene Anerkennung, Unterstützung und Versorgung für diejenigen, die durch schwere und langwierige Entzugssymptome von Antidepressiva geschädigt wurden. Durch die Verharmlosung des Ausmaßes und der Schwere der Entzugssymptome birgt diese neue Studie die Gefahr, diese Arbeit erheblich zurückzuwerfen. Es ist beunruhigend, dass einige der Autor:innen ebenso wie das Science Media Centre Finanzmittel von der Pharmaindustrie erhalten. Wir betrachten dies als ein ernstes Problem für die öffentliche Gesundheit mit realen Folgen für die Patient:innensicherheit und eine fundierte Versorgung.“

Carrie Clark, der früher Antidepressiva verschrieben wurden:

„Der Entzug von Antidepressiva ist das Schrecklichste und Schmerzhafteste, was mir je passiert ist. Ich war fest davon überzeugt, dass ich sterben würde. Suizid schien mir noch nie so rational. Als mir diese Medikamente als problembelasteter Teenager verschrieben wurden, sagte man mir, sie seien sicher und leicht abzusetzen. Ich habe meine informierte Zustimmung zum Risiko eines Entzugs nicht gegeben und fühle mich von den Psychiater:innen, denen ich vertraut habe, dass sie meine Interessen wahren, völlig betrogen.“

Die New York Times berichtete unter anderem:

„Wenn man Menschen acht Wochen lang beobachtet, die diese Medikamente einnehmen, wird man keine Entzugssymptome feststellen“, sagte James Davies, einer der Autor:innen der Studie aus dem Jahr 2019, in der hohe Raten von Entzugssymptomen festgestellt wurden. „Das ist so, als würde man sagen, Kokain mache nicht abhängig, weil wir eine Studie mit Menschen durchgeführt haben, die es nur acht Wochen lang eingenommen haben.“

Dr. Davies von der University of Roehampton in England sagte, er befürchte, dass die Ergebnisse, „wenn sie unkritisch gelesen werden“, „erheblichen Schaden anrichten würden, indem sie die Auswirkungen des realen Gebrauchs von Antidepressiva erheblich herunterspielen“.

„Ihren Schlussfolgerungen zufolge befinden sich die Zehntausenden von Menschen im Internet, die mit schweren und langanhaltenden Entzugserscheinungen kämpfen, eigentlich gar nicht im Entzug“, sagte er. „Es gibt da draußen echte Menschen, die sich nicht einfach ausdenken, dass sie große Schmerzen haben, wenn sie diese Medikamente absetzen.“

Unterdessen titelte die beliebte britische Tageszeitung The Daily Telegraph: Scientists Accused of Downplaying Dangers of Antidepressants: Row Breaks out Over Risk of Patients Experiencing Severe Withdrawals. (Wissenschaftler werden beschuldigt, die Gefahren von Antidepressiva herunterzuspielen: Streit um das Risiko schwerer Entzugssymptome bei Patient:innen).

Darin hieß es:

Dr. John Read, Vorsitzender des International Institute for Psychiatric Drug Withdrawal und Mitautor der ursprünglichen Studie aus dem Jahr 2019, sagte: „Die Verharmlosung der Entzugssymptome von Antidepressiva gefährdet die Sicherheit der Patient:innen.“

„Dadurch werden Ärztinnen und Ärzte falsch informiert, sodass sie Entzugssymptome weniger wahrscheinlich erkennen und Millionen von Menschen weltweit, die versuchen, ihre Medikamente sicher abzusetzen, nicht angemessen unterstützen können.“

Dr. Read sagte, die neue Studie stütze sich auf kurzfristige Studien von Pharmaunternehmen, die nur wenige Wochen dauerten und wenig Ähnlichkeit mit Patient:innen hätten, die seit vielen Jahren Antidepressiva einnehmen.

„Was mit Menschen in acht- bis zwölfwöchigen Studien passiert, ist weit entfernt von dem, was mit Millionen von Menschen passiert, wenn sie die Medikamente absetzen“, sagte Dr. Mark Horowitz, der Leitlinien für Ärztinnen und Ärzte verfasste, nachdem er selbst unter schweren Entzugssymptomen litt, als er Antidepressiva absetzte.

Der New Scientist betonte ausdrücklich, dass die Studie nur die „kurzfristige Einnahme“ abdeckte, und schloss seinen Artikel mit folgenden Worten:

John Read von der University of East London weist darauf hin: „Es besteht ein enger Zusammenhang zwischen der Dauer der Einnahme dieser Medikamente und dem Auftreten von Entzugssymptomen, sodass kurzfristige Studien wenig über die tatsächlichen Auswirkungen aussagen.“

Daher seien weitere Studien zur Langzeitanwendung erforderlich, um eine echte Antwort zu erhalten, sagt Mark Horowitz vom University College London. „Das ist so, als würde man mit 5 km/h mit dem Auto gegen eine Wand fahren und sagen, dass es sicher ist, aber dabei die Tatsache ignorieren, dass die Menschen mit 60 km/h auf den Straßen unterwegs sind.”

Dieser grob fehlerhafte und gefährlich irreführende Artikel wurde von den Spitzenvertretern der britischen akademischen Psychiatrie gemeinsam verfasst. Man muss sich fragen, ob die Fehler absichtlich oder unbeabsichtigt sind. Die letztere Interpretation impliziert extreme Nachlässigkeit. Die erstere impliziert etwas noch Beunruhigenderes.

Mad in Deutschland veröffentlicht Blogbeiträge einer vielfältigen Gruppe von Autor:innen. Diese Beiträge sollen zur Diskussion über Psychiatrie und ihre Behandlungsmethoden in Deutschland anregen. Die geäußerten Meinungen sind die der Autor:innen.

John Read
John Read
Dr. John Read ist Professor für klinische Psychologie an der University of East London. Er hat mehrere Übersichtsarbeiten zur EKT-Forschungsliteratur veröffentlicht. John ist Vorsitzender des International Institute for Psychiatric Drug Withdrawal.

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