EKT scheint Suizid nicht zu verhindern

Eine Studie von 2023 hat ergeben, dass Menschen, die sich einer Elektrokrampftherapie (EKT) unterziehen, weiterhin ein stark erhöhtes Suizidrisiko haben.

Eine Studie von 2023 stellt die Annahme in Frage, dass die Elektrokrampftherapie (EKT) Suizid verhindern kann. Die Forscher:innen fanden heraus, dass Patient:innen nach einer EKT immer noch fast 45-mal häufiger durch Suizid starben als Menschen in der Allgemeinbevölkerung.

„Das zweijährige Suizidrisiko von Patient:innen, die eine EKT-Behandlung erhalten haben, ist im Vergleich zu Personen gleichen Geschlechts und Alters aus der Allgemeinbevölkerung stark erhöht“, schreiben die Forscher:innen.

Sie fügen jedoch hinzu, dass diese extrem hohe Suizidrate nach einer Behandlung, die angeblich sehr wirksam zur Suizidprävention ist, „angesichts der Schwere der mit EKT behandelten psychischen Störungen zu erwarten ist“. Trotz dieser Schlussfolgerung erhielten die Forscher:innen in der aktuellen Studie keine Daten über die Schwere der psychischen Symptome der Patient:innen.

Eine weitere wichtige Erkenntnis war, dass das Risiko, durch Suizid zu sterben, besonders hoch war für Menschen, die bereits suizidgefährdet waren – also genau die Zielgruppe für EKT. Die Forscher:innen stellen fest, dass Menschen mit einer Vorgeschichte von Suizidversuchen oder Selbstverletzungen mehr als viermal häufiger durch Suizid starben als diejenigen, die eine EKT ohne diese Vorgeschichte erhielten. Dies deutet darauf hin, dass die EKT auch für die am stärksten gefährdeten Menschen keine besondere suizidpräventive Wirkung hat.

Die EKT ist ein umstrittenes Verfahren, bei dem das Gehirn mit Stromschlägen behandelt wird, um absichtlich Krampfanfälle auszulösen. Es besteht kein Konsens darüber, wie dies psychische Probleme verringern könnte. Das Verfahren führt zu negativen kognitiven Auswirkungen, die Monate oder sogar Jahre anhalten können, darunter anhaltender Gedächtnisverlust bei über einem Drittel der Patient:innen.

Ist dies ein guter Vergleich?

Eine Einschränkung der Studie besteht darin, dass sie Menschen mit psychischen Problemen, die eine EKT erhielten, mit der Allgemeinbevölkerung verglich und nicht mit Menschen mit ähnlichen psychischen Problemen, die keine EKT erhielten. Andere Studien haben diesen Vergleich jedoch vorgenommen.

Mindestens eine aktuelle Beobachtungsstudie ergab, dass diejenigen, die eine EKT erhielten, seltener durch Suizid starben als diejenigen mit ähnlichen psychischen Problemen, die keine EKT erhielten. Umgekehrt ergab jedoch eine groß angelegte Studie mit über 70.000 Veteran:innen, dass diejenigen, die eine EKT erhielten, nicht besser dastanden als diejenigen mit ähnlichen psychischen Problemen, die keine EKT erhielten.

Forscher:innen wie John Read haben festgestellt, dass bisher nur 11 placebokontrollierte Studien zur Wirksamkeit der EKT durchgeführt wurden, und zwar alle vor 1985. Die meisten waren klein und mit voreingenommenen Forschungsmethoden behaftet (zum Beispiel war keine der Studien doppelblind). Darüber hinaus kamen nur 4 der 11 Studien zu dem Ergebnis, dass die EKT besser als Placebo (Scheinbehandlung) war.

In einer Pressemitteilung erklärte Read: „Diese Forschungsarbeiten sind von der schlechtesten Qualität, die ich in meiner 40-jährigen Karriere gesehen habe.“ Read wurde von Mad in America zu dieser Forschung interviewt.

In einer Studie von 2020 kamen Read und andere Forscher:innen, darunter der renommierte Harvard-Forscher Irving Kirsch, zu dem Schluss, dass „es keine Belege dafür gibt, dass die EKT bei ihrer Zielgruppe – älteren Frauen – oder ihrer Zieldiagnosegruppe – schwer depressiven Menschen – oder bei suizidgefährdeten Menschen, Menschen, die zuvor andere Behandlungen erfolglos ausprobiert haben, unfreiwilligen Patient:innen oder Jugendlichen – wirksam ist.“

Ein genauerer Blick auf die Studie

Die Studie wurde von Anders Spanggård, Christopher Rohde und Søren Dinesen Østergaard an der Universität Aarhus in Dänemark durchgeführt. Sie wurde in Acta Psychiatrica Scandinavica veröffentlicht.

Die Studie umfasste alle Patient:innen, die zwischen 2006 und 2016 in Dänemark mit einer EKT begonnen hatten (11.780 Personen). Zum Vergleich ordneten die Forscher:innen jeder dieser Personen zehn Personen aus der Allgemeinbevölkerung gleichen Geschlechts und gleichen Alters zu (117.800 Personen).

1,4 % der Personen, die eine EKT erhielten, starben innerhalb von zwei Jahren durch Suizid. Im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung betrug das Hazard Ratio Ratio 44,48. Das bedeutet, dass Patient:innen nach einer EKT immer noch fast 45-mal häufiger durch Suizid starben als Menschen gleichen Alters und Geschlechts in der Allgemeinbevölkerung.

In einer Post-hoc-Analyse identifizierten die Forscher:innen weitere Risikofaktoren für diejenigen, die durch Suizid starben:

„Männer, die eine mittlere/lange Hochschulausbildung absolviert haben oder eine Vorgeschichte mit Substanzmissbrauch oder vorsätzlicher Selbstverletzung/Suizidversuchen haben, sind nach einer EKT einem besonders erhöhten Suizidrisiko ausgesetzt“, schreiben sie.

Tatsächlich stellten sie fest, dass ganze 17 % der Männer mittleren Alters, die depressiv und suizidgefährdet waren und über eine mittlere oder hohe Bildung verfügten, nach einer EKT durch Suizid starben.

„Suizidraten dieser Größenordnung sind in der Literatur selten zu finden“, schreiben die Forscher:innen, „und diese Ergebnisse erfordern offensichtlich Maßnahmen.“

Welche Maßnahmen? Die Forscher:innen schreiben, dass mehr Patient:innen Lithium verschrieben werden sollte – eine der gefährlichsten Substanzen zur Behandlung von psychischen Problemen, für die es laut einer aktuellen Metaanalyse keine Belege für die Wirksamkeit gibt. In ihrer Studie fanden die Forscher:innen tatsächlich keinen statistisch signifikanten Zusammenhang zwischen der Einnahme von Lithium (oder anderen Psychopharmaka) und einer Verringerung des Suizidrisikos. Und das, obwohl 11,2 % der Patient:innen in dieser Stichprobe zusätzlich zur EKT Lithium einnahmen.

Zusammenfassend schreiben die Forscher:innen:

„Während alle Patient:innen, die eine EKT erhalten oder erhalten haben, engmaschig auf Suizidgedanken und andere Anzeichen eines Rückfalls überwacht werden sollten, kann eine besonders sorgfältige Risikobewertung und Nachsorge von Patient:innen mit den oben genannten Merkmalen die Zahl der Suizide verringern.“

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Spanggård, A., Rohde, C., & Østergaard, S. (2023). Risk factors for suicide among patients having received treatment with electroconvulsive therapy: A nationwide study of 11,780 patients. Acta Psychiatrica Scandinavica. Published online on February 6, 2023. DOI: 10.1111/acps.13536 (Link)

Mad in Deutschland veröffentlicht Blogbeiträge einer vielfältigen Gruppe von Autor:innen. Diese Beiträge sollen zur Diskussion über Psychiatrie und ihre Behandlungsmethoden in Deutschland anregen. Die geäußerten Meinungen sind die der Autor:innen.
Peter Simons
Peter Simons
Peter Simons war akademischer Forscher im Bereich Psychologie. Heute versucht er als Wissenschaftsautor, Laien einen Einblick in die manchmal undurchschaubare Welt der psychiatrischen Forschung zu geben. Als Redakteur für Blogs und persönliche Geschichten bei Mad in America schätzt er die Berichte von Menschen, die Erfahrungen mit dem psychiatrischen System gemacht haben, und stellt Alternativen zum biomedizinischen Modell vor.

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