„Es ist Folter, und die Menschen haben Angst“: Patient:innen beschreiben das Trauma unfreiwilliger psychiatrischer Behandlung

Eine Studie der Clinical Nursing Research kommt zu dem Ergebnis, dass Patient:innen unfreiwillige psychiatrische Behandlungen als klinisch unwirksam ansehen, Pflegekräfte geteilter Meinung sind und beide Seiten von geringer professioneller Unterstützung und geringer Einbeziehung der Familie während der Unterbringung berichten.

Ein neuer Artikel, der in Clinical Nursing Research veröffentlicht wurde, untersucht die unfreiwillige Einweisung und Behandlung aus der Perspektive von Patient:innen und Pflegekräften in Quebec, Kanada.

Die aktuelle Studie kommt zu dem Ergebnis, dass die Meinungen der Pflegekräfte über die klinische Wirksamkeit psychiatrischer Zwangsmaßnahmen geteilt sind, während die Patient:innen diesen Prozess überwiegend als unwirksam ansehen. Pflegekräfte und Patient:innen waren sich im Allgemeinen einig, dass die professionelle Unterstützung und die Einbeziehung der Familie während der psychiatrischen Unterbringung „gering“ waren.

Diese von Pierre Pariseau-Legault von der Université du Québec geleitete Studie identifiziert darüber hinaus vier Hauptthemen in der Wahrnehmung der psychiatrischen Unterbringung durch die Teilnehmenden: Psychiatrie als Wartezimmer, Pflegekräfte als Untergebene, Betonung von Psychopharmaka als „Behandlung” und Ablehnung der psychiatrischen Behandlung als Widerstand gegen eine unwürdige „Behandlung”.

Die Ergebnisse zeichnen ein Bild der psychiatrischen Unterbringung, die den Patient:innen wenig Unterstützung bietet und zusätzliche Belastungen verursacht. Die Autor:innen bezeichnen diese Art der „Versorgung“ als bequem für medizinische und justizielle Einrichtungen, aber nicht hilfreich für Patient:innen. Sie schreiben:

„Die Versorgungspraktiken beschränken sich auf die Anwendung von Zwangsmaßnahmen, die vom Staat delegiert werden, einschließlich der Zwangsverabreichung von Medikamenten. Die Belastungen, die durch die unfreiwillige Einweisung und Behandlung bei Patient:innen entstehen können, werden zugunsten der Einhaltung der mit diesen außergewöhnlichen Maßnahmen verbundenen rechtlichen Verfahren ignoriert. Folglich scheinen die Pflegepraktiken eher den Interessen der medizinischen und justiziellen Einrichtungen zu dienen als den Patient:innen selbst zugute zu kommen.”

Das Ziel der aktuellen Studie war es, zu untersuchen, wie psychiatrische Zwangseinweisungen von Pflegekräften und Menschen, die gegen ihren Willen festgehalten werden, wahrgenommen werden.

Die Autor:innen rekrutierten die Teilnehmenden über soziale Medien und gemeindenahe Programme zur Förderung der psychischen Gesundheit. Zwischen März 2021 und Dezember 2023 wurden 21 Teilnehmende zu ihren Erfahrungen mit psychiatrischen Zwangseinweisungen befragt. Darunter waren 10 Pflegekräfte, die in den letzten 5 Jahren an einer unfreiwilligen Einweisung oder Behandlung beteiligt waren, und 11 Personen, die in den letzten 10 Jahren selbst Erfahrungen mit einer gegen ihren Willen erfolgten Unterbringung in psychiatrischen Einrichtungen gemacht hatten. Jeder Teilnehmende füllte außerdem einen Fragebogen zu seinen soziodemografischen Merkmalen aus.

Die Interviewleitfäden wurden auf der Grundlage der vorhandenen Literatur zum Thema psychiatrische Unterbringung entwickelt und anhand von Beobachtungen von Organisationen zur Förderung der psychischen Gesundheit sowie einer Überprüfung der Rechtsprechung zu unfreiwilligen Einweisungen und Behandlungen verfeinert. Die Interviews dauerten etwa 90 Minuten. Sie wurden aufgezeichnet, manuell transkribiert und auf Themen hin analysiert.

Die Autor:innen weisen darauf hin, dass im kanadischen Kontext unfreiwillige Einweisung und Behandlung zwei unterschiedliche Verfahren sind. Die unfreiwillige Einweisung wird auf Antrag von befugtem Personal, wie Ärzt:innen und Pflegekräften, eingeleitet. Dabei wird eine Person bis zu 72 Stunden lang festgehalten, wenn sie als Gefahr für sich selbst oder andere eingestuft wird. Während dieser Inhaftierung führen die Mitarbeitenden der psychiatrischen Abteilung keine Behandlungen durch. Die unfreiwillige Behandlung, auch als „Community Treatment Order” (Gemeinschaftsbehandlungsanordnung) bekannt, beinhaltet, dass ein Gericht eine Behandlung gegen den Willen einer Person genehmigt.

Wahrnehmung psychiatrischer Zwangsmaßnahmen

Im Rahmen der Interviews befragten die Autor:innen die Teilnehmenden direkt zu ihrer Meinung über die klinische Wirksamkeit der psychiatrischen Inhaftierung, die während der Inhaftierung verfügbare professionelle Unterstützung, die Einbeziehung der Familie und die Kenntnis der Gesetze im Zusammenhang mit der Inhaftierung.

Die Pflegekräfte waren in der Frage der klinischen Wirksamkeit geteilter Meinung. Vier Pflegekräfte bewerteten sie als „gering“, fünf als „gut“ und eine als „sehr gut“. Die Patient:innen waren sich überwiegend einig, dass die psychiatrische Unterbringung klinisch nicht wirksam sei: Zehn Patient:innen bewerteten sie als „gering“ und einer als „sehr gut“.

Pflegekräfte und Patient:innen waren sich im Allgemeinen einig, dass es an professioneller Unterstützung für Menschen mangelt, die gegen ihren Willen in psychiatrischen Einrichtungen festgehalten werden. Acht von zehn Pflegekräften und zehn von elf Patient:innen bewerteten die professionelle Unterstützung während der psychiatrischen Unterbringung als „gering”. Zwei Pflegekräfte bewerteten die professionelle Unterstützung als „gut”, während keine sie als „sehr gut” bewertete. Der einzige Patient, der die professionelle Unterstützung nicht als „gering” bewertete, bewertete sie als „sehr gut”.

Pflegekräfte und Patient:innen waren sich auch weitgehend einig, dass die Einbeziehung der Familie während der psychiatrischen Unterbringung gering war. Sieben Pflegekräfte bewerteten sie als „gering“, eine als „gut“ und zwei als „sehr gut“. Acht Patient:innen bewerteten sie als „gering“ und drei als „sehr gut“.

Die Pflegekräfte bewerteten ihr Verständnis der Gesetze zur psychiatrischen Unterbringung überwiegend als „gut“ (7) oder „sehr gut“ (2), eine Pflegekraft bewertete es als „gering“. Die Patient:innen waren sich ihrer Kenntnisse der Gesetze weniger sicher: Sieben Patient:innen bewerteten ihr Verständnis als „gering“, zwei als „gut“ und zwei als „sehr gut“.

Im Folgenden werden die vier Hauptthemen, die sich bei der Kodierung der Interviews herausgestellt haben, vorgestellt.

Psychiatrie als Wartezimmer

Die Wahrnehmung der Psychiatrie als Wartezimmer war unter den Teilnehmenden weit verbreitet, wobei viele beobachteten, dass nichts gegen die Krise unternommen wurde, die sie ursprünglich dorthin gebracht hatte. Ein Patient sagte:

„Als Patient habe ich erkannt, dass die Psychiatrie nur ein Wartezimmer ist, in dem man darauf hofft, dass die Krise vorübergeht. Sie beobachten nur und wenn die Krise vorbei ist, entlassen sie einen, ohne irgendeine Hilfe anzubieten.“

Eine Pflegekraft berichtete von einem ähnlichen Gefühl der Zwangspsychiatrie, bei der einfach nur gewartet wird, ohne die psychosozialen Probleme anzugehen, die zu einer psychiatrischen Unterbringung führen können:

„Oft bleiben die Menschen ein oder zwei Monate und wir warten einfach, weil wir mit einer Ablehnung konfrontiert sind. Einige meiner Kollegen sagen einfach: Sie stehen unter [unfreiwilliger Unterbringung]. Das ist ihre Intervention.“

Pflegekräften als Untergebene

Sowohl Pflegekräfte als auch Patient:innen berichteten, dass Pflegekräfte in Bezug auf die psychiatrische Unterbringung eine untergeordnete Rolle gegenüber Ärzt:innen und Richter:innen einnehmen. Eine Pflegekraft sagte:

„Entweder fordert uns der Arzt auf, Medikamente zwangsweise zu verabreichen, oder es ist ein Richter. Oder ein Arzt beschließt, die Person gegen ihren Willen festzuhalten, und wir müssen ihnen (den Patient:innen) erklären, dass es zu ihrem eigenen Besten ist. Wir befinden uns also gewissermaßen zwischen Baum und Borke.“

Eine andere Pflegekraft berichtete, dass sie sich wie ein „böser Polizist“ fühle, weil sie Regeln durchsetzen und Patient:innen Dinge wie das Tragen ihrer eigenen Kleidung und das Verlassen der Einrichtung verbieten müsse.

Ein Teilnehmer beschrieb das Pflegepersonal als Personen, die Patient:innen ohne Grund foltern:

„Das Pflegepersonal foltert uns und zwingt uns, [Medikamente] einzunehmen, die wir nicht einnehmen wollen. Sie fesseln uns ohne triftigen Grund, ohne Rechtfertigung. Das ist Folter, und die Menschen haben Angst. Es ist nicht angenehm, gefesselt zu sein.“

Ein anderer Teilnehmer beobachtete, dass das Pflegepersonal aufgrund von Überlastung und Überforderung nicht in der Lage war, die Patient:innen zu unterstützen:

„Wie sollen sie uns unterstützen? [Das Pflegepersonal] ist so überfordert. . . Die Pflegekräfte verbringen den halben Tag damit, Seife zu verteilen und die Badezimmertür zu öffnen. Sie tun, was sie können, aber sie können mir nicht helfen oder mich unterstützen. Abgesehen davon, mir meine Tabletten zu geben, meinen Blutdruck zu messen und die Badezimmertür zu öffnen, können sie nicht viel mehr tun.“

Viele Teilnehmende berichteten von ähnlichen Problemen, darunter auch, dass Pflegekräfte gezwungen waren, Aufgaben im Bereich Sicherheit und Risikomanagement zu übernehmen, anstatt sich um die Beziehung zu den Patient:innen zu kümmern.

Nichts außer Medikamenten

Sowohl das Pflegepersonal als auch die Patient:innen berichteten, dass die Psychiatrie im Kontext der Zwangseinweisung den Patient:innen außer Medikamenten wenig zu bieten habe. Eine Pflegekraft sagte:

„Da wir unterbesetzt sind, können wir nichts anderes anbieten als Medikamente.“

Ein Patient äußerte sich ähnlich und merkte an, dass die mangelnde Auseinandersetzung mit den Kernproblemen der Menschen und die Langeweile während der psychiatrischen Einweisung erhebliche Probleme darstellten:

„In der Psychiatrie hört man überhaupt nicht zu. Es gibt nur Tabletten und Spritzen. Das sind die Behandlungen. Sonst gibt es nichts. Wir langweilen uns zu Tode, es gibt nichts zu tun. Alles dreht sich um Medikamente. Es gibt nichts, was einem hilft, sich zu erholen.“

Ein anderer Patient berichtete, dass sich niemand für die Ursache seiner Probleme zu interessieren schien, sondern vielmehr betont wurde, dass sein Verhalten und sogar seine Gefühle falsch seien:

„Als ich ins Krankenhaus kam, sagten mir [die Mitarbeitenden], dass ich mich nicht richtig benehme, dass ich im Leben und in meinem Verhalten nicht die richtigen Entscheidungen treffe. Niemand hat mich jemals gefragt, warum ich weine, was mich zum Weinen bringt oder warum ich traurig bin. [. . .] Sie haben mich nicht unterstützt. . . Ich sollte mich nicht so fühlen, wie ich mich fühlte.“

Widerstand gegen entwürdigende „Versorgung“

Viele Patient:innen empfanden das, was die psychiatrische Einrichtung ihnen antat, nicht als Fürsorge oder Pflege. Daher sahen sie ihren Widerstand dagegen eher als Kampf um Menschenwürde denn als Weigerung, Hilfe und Unterstützung anzunehmen. Ein Patient beschrieb die psychiatrische Unterbringung als schlimmer als das Gefängnis:

„Ich habe alle meine Rechte verloren. . . Ich durfte nicht einmal in der Cafeteria Kaffee trinken, als ich in der [Psychiatrie] war. Ich durfte keine anderen Kleider haben oder mir welche besorgen. Schlimmer als ein Gefangener, denn Gefangene können nach draußen gehen. Ich konnte das nicht.”

Ein anderer Patient berichtete, dass die psychiatrische Unterbringung jemanden, der wahrscheinlich bereits mit einem Trauma zu kämpfen hatte, erneut traumatisiere:

„Es ist, als würde man mit einem gebrochenen Arm zum Arzt gehen und dieser bricht einem den anderen Arm: Ja, aber ich habe diesen Arm geheilt, während ich den anderen gebrochen habe. Ok, aber ich habe immer noch einen gebrochenen Arm. [. . .] Wenn man in die Psychiatrie eingewiesen wird, [. . .] dann sicher, weil man ein Trauma erlebt hat. [In der Psychiatrie] verursachen sie weitere Traumata, was in gewisser Weise kontraproduktiv ist.“

Limitationen

Die Autor:innen räumen mehrere Einschränkungen der aktuellen Arbeit ein. Aufgrund ethischer Beschränkungen wurden die Teilnehmenden nicht aus psychiatrischen Einrichtungen rekrutiert, sondern aus Organisationen, die sich für psychische Gesundheit einsetzen. Das bedeutet, dass ihre Erfahrungen möglicherweise nicht repräsentativ für andere Menschen sind, die gegen ihren Willen in psychiatrischen Einrichtungen festgehalten werden.

Diese Studie umfasste keine Beobachtung von psychiatrischen Einrichtungen, was möglicherweise bessere Daten geliefert hätte. In der aktuellen Arbeit wurde nicht zwischen unfreiwilliger Einweisung und unfreiwilliger Behandlung unterschieden. Möglicherweise gibt es Unterschiede zwischen diesen beiden Erfahrungen, die in dieser Studie nicht erfasst wurden. Der Hauptautor weist außerdem darauf hin, dass er als psychiatrischer Krankenpfleger gearbeitet und an psychiatrischen Zwangseinweisungen teilgenommen hat, was die Ergebnisse möglicherweise verzerrt hat. Darüber hinaus wurde diese Studie in Quebec, Kanada, mit einer geringen Teilnehmendenzahl durchgeführt und lässt sich möglicherweise nicht auf andere Bevölkerungsgruppen übertragen.

Frühere Untersuchungen haben ergeben, dass die psychiatrische Zwangsunterbringungen durch einen Mangel an Beweisen belastet ist. Ethnische Minderheiten werden häufiger gegen ihren Willen in psychiatrischen Einrichtungen eingewiesen. Im Jahr 2020 erklärte ein Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen, dass psychiatrische Zwangsunterbringungen „durchaus einer Folter gleichkommen kann.”

Psychiatrische Zwangseinweisungen werden mit zahlreichen Schäden in Verbindung gebracht, darunter unsichere Verwendung von Psychopharmaka, verminderte Einsicht in die „Krankheit“, verminderte klinische Beziehung, Wiederaufnahme, Verwendung von körperlichen Zwangsmaßnahmen und Isolation, verminderte Zufriedenheit mit der „Versorgung“, längere Aufenthaltsdauer, Trauma, Diskriminierung, Rassismus, erhöhtes Risiko für Suizid und erhöhtes Risiko für Gewaltverbrechen.

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Pariseau-Legault, P., Pelosse, D., Bernheim, E., Goulet, M.-H., Ouellet, G., Labrecque-Lebeau, L., Jacob, J.-D., & Holmes, D. (2025). When Psychiatric Services become a waiting room: Situational analysis of involuntary commitment and treatment as experienced by patients and nurses. Clinical Nursing Research, 34(3–4), 168–178. https://doi.org/10.1177/10547738251321067 (Link)

Mad in Deutschland veröffentlicht Blogbeiträge einer vielfältigen Gruppe von Autor:innen. Diese Beiträge sollen zur Diskussion über Psychiatrie und ihre Behandlungsmethoden in Deutschland anregen. Die geäußerten Meinungen sind die der Autor:innen.
Richard Sears
Richard Sears
Richard Sears lehrt Psychologie am West Georgia Technical College und promoviert an der University of West Georgia im Fachbereich Bewusstsein und Gesellschaft. Zuvor arbeitete er in Krisenstabilisierungseinheiten als Aufnahme- und Krisenhelfer. Seine aktuellen Forschungsinteressen umfassen die Abgrenzung zwischen Institutionen und den Individuen, aus denen sie bestehen, Entmenschlichung und deren Zusammenhang mit Verherrlichung sowie natürliche Alternativen zu potenziell schädlichen psychopharmakologischen Interventionen.

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