In einer Studie vom Mai 2025 untersuchten Forscher:innen die vorhandene Literatur zum postakuten Entzugssyndrom (post-acute withdrawal syndrome, PAWS), einer Form des anhaltenden Entzugs von Antidepressiva, die Tage, Wochen oder sogar Monate nach Absetzen des Medikaments auftreten kann. Obwohl PAWS eine stark belastende Erfahrung sein kann, gibt es nur sehr wenige Untersuchungen zu seiner Häufigkeit und Behandlung.
Die Forscher:innen konnten nur sieben Artikel finden, die sich mit dem post-akunten Entzugssyndrom befassten, darunter einen Fallbericht, eine Fallserie und drei Online-Umfragen. Es gab nur eine randomisierte kontrollierte Studie (RCT) und eine prospektive Kohortenstudie. Die Studien waren klein und wiesen methodische Probleme auf, sodass Unsicherheit hinsichtlich der tatsächlichen Prävalenz von PAWS, seiner Dauer, seiner bestmöglichen Vermeidung und seiner Behandlung besteht.
„Die aktuellen Erkenntnisse zu PAWS sind spärlich und überwiegend von geringer Sicherheit. Das Auftreten von Entzugssymptomen, die bei einigen Patient:innen mehrere Monate und möglicherweise sogar Jahre andauern, unterstreicht die Notwendigkeit weiterer Forschung mit strenger Methodik“, schreiben die Forscher:innen.
Die Studie wurde von Andri Rennwald an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften in der Schweiz und Michael P. Hengartner an der Kalaidos Fachhochschule in der Schweiz durchgeführt. Sie wurde in „Epidemiology and Psychiatric Sciences“ veröffentlicht.

Frühere Untersuchungen haben ergeben, dass Antidepressiva-Entzugssymptome häufig bei Menschen auftreten, die versuchen, die Medikamente abzusetzen, und bei etwa der Hälfte der Betroffenen schwerwiegend sind. Die britischen NICE-Leitlinien erkennen nun das Potenzial für schwere und lang anhaltende Antidepressiva-Entzugssymptome an.
Darüber hinaus werden Entzugssymptome oft mit einem Rückfall in die Depression verwechselt oder fälschlicherweise als „funktionelle Störungen” diagnostiziert. In einer aktuellen Studie wurden bei mehr als zwei Dritteln der Menschen mit Entzugssymptomen die Symptome fälschlicherweise als andere psychiatrische Störungen diagnostiziert. Dabei zeigen Menschen mit Entzugssymptomen häufig auch somatische Symptome, die diese klar von psychiatrischen Problemen unterscheiden, darunter Schmerzen, Müdigkeit, Herzrhythmusstörungen, Durchfall, verschwommenes Sehen, Taubheitsgefühle, Gehirn-Zaps, Amnesie und schlaganfallähnliche Symptome.
Das post-akute Entzugssyndrom ist jedoch besonders besorgniserregend, da es verzögert auftritt – Tage, Wochen oder sogar Monate nach Absetzen des Medikaments.
Rennwald und Hengartner schreiben: „Das akute Entzugssyndrom zeigt qualitativ neue Symptome, die nicht mit der ursprünglichen Erkrankung in Zusammenhang stehen, schnell nach Absetzen oder Dosisreduktion auftreten und zwischen 1 und 6 Wochen anhalten.”
Dies kann für die betroffene Person verwirrend sein, aber auch für Ärzt:innen, die es häufig fälschlicherweise als Rückfall diagnostizieren.
„Eine spezifische Untergruppe des akuten Entzugssyndroms ist die Rebound-Störung, bei der zuvor bekannte Symptome mit größerer Intensität wieder auftreten“, fügen sie hinzu. „PAWS umfasst sowohl neue Symptome als auch ursprüngliche Symptome, jedoch mit erhöhter Intensität, die Tage oder Wochen, manchmal sogar Monate nach Absetzen der Behandlung auftreten und über einen Monat bis zu Jahren andauern können.“
In dem aktuellen Artikel wollten die Forscher:innen die gesamte Literatur zu PAWS überprüfen, um zu sehen, ob sich Antworten auf einige dieser Fragen finden lassen. Sie fanden jedoch nur sieben Studien zu diesem Thema, deren Qualität insgesamt gering war und die nur wenige Antworten lieferten.
Die beste Studie, die Rennwald und Hengartner gefunden haben, ist eine große RCT mit 478 Patient:innen aus Hausarztpraxen im Vereinigten Königreich, die ergab, dass die Patient:innen 39 Wochen nach dem Ausschleichen von Antidepressiva immer noch Entzugssymptome hatten. Diese Studie schloss sogar bewusst Paroxetin (Paxil) und Venlafaxin (Effexor) aus, da diese beiden Medikamente als zu wahrscheinlich für das Auftreten von Entzugssymptomen angesehen wurden.
Sie fanden nur eine Studie, die Prävalenzdaten lieferte. Diese Studie, eine prospektive Kohortenstudie mit 20 Personen mit Panikstörung oder Agoraphobie, ergab, dass 15 % (drei Personen) nach dem langsamen Absetzen ihrer Antidepressiva ein post-akutes Entzugssyndrom erlitten. Alle drei hatten Paroxetin eingenommen. Allerdings handelt es sich hierbei um eine sehr kleine Stichprobe, und da die Studie in einer italienischen Klinik durchgeführt wurde, die sich auf Panikstörungen und Agoraphobie spezialisiert hat, liefert sie nicht unbedingt Informationen über Menschen aus anderen Teilen der Welt mit anderen Diagnosen, wie beispielsweise Depressionen.
Diese Studie und eine weitere Studie deuten darauf hin, dass Paroxetin Menschen besonders anfällig für PAWS machen könnte. Diese Erkenntnis stammt jedoch nur aus diesen beiden kleinen Studien und kann daher nicht als gesichert angesehen werden. Es ist noch offen, ob andere Antidepressiva die Wahrscheinlichkeit von PAWS erhöhen oder verringern.
Neben der Wahl des Antidepressivums ist unklar, was PAWS vorhersagen könnte. Die Dauer der Behandlung und die Länge der Ausschleichphase schienen laut Rennwald und Hengartner kein konsistenter Prädiktor für das Auftreten von PAWS zu sein.
Die Studien, die Daten zur Dauer von PAWS enthielten, kamen zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen, die von Monaten bis zu Jahren reichten; dies könnte darauf hindeuten, dass Menschen sehr unterschiedliche Entzugsdauern erleben, oder es könnte ein Artefakt der sehr unterschiedlichen Arten von Studien sein, die einbezogen wurden.
Diejenigen, die PAWS erlebten, hatten schwere Symptome und berichteten, dass diese ihre Lebensqualität erheblich beeinträchtigten. Beispielsweise beschrieben Patient:innen in der Fallserie „ein schweres Muster wechselnder Symptome, darunter verschlechterte Stimmung, Müdigkeit, emotionale Instabilität, Schlafstörungen, Reizbarkeit und Hyperaktivität“.
In Bezug auf die Behandlung schlugen einige Studien die Wiedereinnahme von Antidepressiva vor, während andere eine niedrig dosierte Benzodiazepin-Gabe zur Linderung der Symptome empfahlen. Bei einigen Patient:innen schienen diese erfolgreich zu sein, aber das war nicht konsistent; andere Studien fanden, dass die meisten Patient:innen mit diesen Strategien keine Linderung erfahren haben.
Schließlich kritisieren Rennwald und Hengartner die Fehldiagnose von PAWS. Sie stellen fest, dass PAWS zwar Symptome umfasst, die vor der Einnahme des Medikaments nie aufgetreten sind, aber dennoch häufig fälschlicherweise als Rückfall oder als neu auftretende psychiatrische Störung diagnostiziert wird.
„Leider scheint es, dass sowohl in der klinischen Forschung als auch in der Praxis lang anhaltende und persistente Entzugssymptome häufig als Rückfall der primären psychischen Erkrankung (typischerweise Depression) oder als neu auftretende psychische Störungen falsch diagnostiziert werden“, schreiben sie.
Sie fügen hinzu, dass Ärzte lernen müssen, PAWS zu erkennen, um Fehldiagnosen zu vermeiden und eine angemessene Versorgung der Patient:innen sicherzustellen.
Ihre endgültige Schlussfolgerung lautet, dass PAWS zweifellos existiert (insbesondere aufgrund der einen großen, gut durchgeführten RCT, die dies belegt), aber dass es noch viele Fragen hinsichtlich seiner Prävalenz, Behandlung und Prädiktoren gibt. Daher fordern sie weitere Forschung, um diese Fragen zu beantworten.
„Aufgrund dieser Daten können wir nicht genau abschätzen, wie häufig, anhaltend und beeinträchtigend PAWS ist. Wir wissen auch nicht, welche Antidepressiva-Anwender:innen ein erhöhtes Risiko für PAWS haben und wie Patient:innen mit PAWS wirksam behandelt werden können. Die wichtigste Erkenntnis unserer Untersuchung spiegelt daher die geringe Anerkennung und unzureichende Berücksichtigung von PAWS sowohl in der klinischen Forschung als auch in der Praxis wider“, schreiben sie.
****
Rennwald, A., & Hengartner, M. P. (2025). Post-acute withdrawal syndrome (PAWS) after stopping antidepressants: A systematic review with meta-narrative synthesis. Epidemiology and Psychiatric Sciences, 34(e29), 1-8. https://doi.org/10.1017/S204579602500023X (Full text)