Randomisierte Studien lenken die Entwicklung der ketogenen Ernährungstherapie in eine problematische Richtung

Zurzeit wird in randomisierten kontrollierten Studien die Keto-Therapie nur als zusätzliche Begleitbehandlung zu Psychopharmaka getestet.

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Anmerkung der Redaktion: Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Substack-Kanal unserer Partnerseite Mad in America am 16.05.2026.

Die Forschung zur Wirksamkeit der Keto-Ernährung bei psychiatrischen Erkrankungen steckt noch in den Kinderschuhen. Dennoch lässt sich bereits absehen: Selbst wenn schon randomisierte kontrollierte Studien zeigen, dass die Keto-Ernährung kurzfristig psychiatrische Symptome lindert, wird trotzdem die Pharmakotherapie als Behandlung in erster Linie bestehen bleiben. Es bleibt dabei, obwohl die Grundidee der „metabolischen Psychiatrie“ eigentlich in Psychopharmaka Wirkstoffe sieht, die zu einer Symptomverschlechterung führen.

In einem ausführlichen Bericht über die Keto-Ernährung habe ich ein stationäres Programm namens Accord in Arlington, Massachusetts, vorgestellt. Das Besondere an Accord ist: Es kombiniert die Keto-Ernährungstherapie mit einer Unterstützung bei der schrittweisen Reduzierung von Medikamenten, einschließlich Neuroleptika. Innerhalb der psychiatrischen Systeme gibt es kaum Hilfe beim Absetzen von Neuroleptika. Die Tatsache, dass dieses Programm geschaffen wurde, um eine Kombinationstherapie anzubieten, weckte mein Interesse.

Im Zuge der Recherche für den Artikel über die Keto-Ernährung habe ich veröffentlichte Studienergebnisse gelesen und musste zu meiner Überraschung feststellen, dass die Studien, mit nur einer Ausnahme, das Ziel hatten, die Keto-Ernährung als Begleittherapie zur Pharmakotherapie zu bewerten. Obwohl es verständlich ist, dass die ersten Studien zu dem Thema die Ernährung nur als Begleitung sahen, werden die Studienergebnisse letztendlich auch in Zukunft dazu dienen, den Einsatz der ketogenen Ernährung nur als Ergänzung zu untermauern, anstatt sie als Alternative zur medikamentösen Therapie (und im Wesentlichen als Methode zum Ausschleichen von Psychopharmaka) darzustellen.

Das Erwachen des Interesses an der Keto-Ernährung als Behandlung für schwere psychische Erkrankungen entstand aufgrund mehrerer Berichte von Patient:innen mit Diagnosen des Schizophrenie-Spektrums oder einer bipolaren Erkrankung, denen es nach einer gewissen Zeit mit der Keto-Ernährung wieder besser ging, während sie gleichzeitig ihre Psychopharmaka-Dosis reduzierten. Im Jahr 2022 veröffentlichte dann der Psychiater Chris Palmer aus Massachusetts das Bestseller-Buch Brain Energy, in dem er argumentierte, dass eine schlechte Stoffwechselgesundheit, die insbesondere durch eine Beeinträchtigung der Mitochondrien gekennzeichnet ist, eine Hauptursache für psychiatrische Krankheiten darstellt.

Es gibt zahlreiche Hinweise darauf, dass die ketogene Ernährung, die seit 1921 zur Behandlung von Epilepsie eingesetzt wird – insbesondere bei Patient:innen, deren Anfälle medikamentös schwer kontrollierbar sind –, auch die Marker der Stoffwechselgesundheit verbessern kann. Somit kann die Ernährungsform auf Grundlage der metabolischen Psychiatrie als Gegenmittel zu einer wichtigen Ursache schwerer psychischer Störungen angesehen werden.

Allerdings – und hier kommt der medikamentöse Aspekt ins Spiel – ist bekannt, dass Psychopharmaka – insbesondere Neuroleptika – die Stoffwechselgesundheit beeinträchtigen. Daher sollten sie im Rahmen der metabolischen Psychiatrie logischerweise als Wirkstoffe, die die Ursache psychiatrischer Störungen verschlimmern, betrachtet werden.

Im Folgenden fasst die KI die negativen Auswirkungen von Neuroleptika, Antidepressiva und Stimmungsstabilisatoren auf die Stoffwechselgesundheit zusammen, wobei für jeden Punkt die entsprechende Forschungsquelle angegeben ist.

  • Neuroleptika können die Stoffwechselgesundheit beeinträchtigen, indem sie das Risiko für Gewichtszunahme, Insulinresistenz, auffällige Blutfettwerte (Dyslipidämie), Überzuckerung (Hyperglykämie), Typ-2-Diabetes und das metabolische Syndrom (Kombination aus Bauchfett, Bluthochdruck, erhöhten Blutzucker- und Blutfettwerten) erhöhen, wobei Wirkstoffe der zweiten Generation oft das größere Risiko bergen.
  • Antidepressiva wurden in einigen Studien mit Gewichtszunahme, gesteigertem Appetit, Dyslipidämie, Insulinresistenz und einem höheren Risiko für das metabolische Syndrom in Verbindung gebracht. Das Risiko ist nicht für die gesamte Wirkstoffklasse einheitlich, und einige Studien finden nur eine geringe oder gar keine kurzfristige Verschlechterung der Glukose- oder Lipidwerte.
  • Stimmungsstabilisatoren können zu Gewichtszunahme und in einigen Fällen zu Veränderungen des Glukose- oder Fettstoffwechsels beitragen, was das langfristige Risiko für das metabolische Syndrom erhöhen kann. Die Wirkung ist in der Regel weniger dramatisch als bei den stärksten Neuroleptika, kann aber im Laufe der Zeit dennoch klinisch bedeutsam sein.

Daher ist es logisch zu folgern, dass die Keto-Ernährung mit einer schrittweisen Reduzierung der Medikamentendosis kombiniert werden sollte, da dies die Behandlung ist, die die metabolische Gesundheit am besten wiederherstellen könnte. Tatsächlich gibt es bereits einige Hinweise darauf, dass diese Kombination aus Absetzen und Ernährung gegenüber der Keto-Ernährung als bloße Begleittherapie zur Pharmakotherapie wirksamer ist.

Wie wir in unserem Artikel feststellten, gibt es zwei Kohortenstudien zu Patient:innen mit chronischer Schizophrenie und bipolarer Störung, die einen einfachen Vergleich der beiden Ansätze liefern. Während beide Kohorten am Ende einer Behandlungsphase mit der Keto-Ernährung eine bemerkenswerte Verbesserung auf der Clinical Global Impression-Skala [Anm. d. Red.: Bewertungsinstrument um den Schweregrad einer psychischen Erkrankung und den Erfolg der Behandlung einzuschätzen] zeigten, war die Verbesserung in der Gruppe, die ihren Einsatz von Psychopharmaka reduzierte, doppelt so groß wie in der Kohorte, bei der sich der Medikamenteneinsatz nicht änderte. Hier ist die Grafik, die wir veröffentlicht haben und die diesen Unterschied in den Ergebnissen verdeutlicht, wobei die französische Kohorte diejenige war, die ihren Einsatz von Psychopharmaka reduzierte.

Andere Kohortenstudien haben die Keto-Ernährung jedoch nur als Begleittherapie getestet und liefern somit evidenzbasierte Unterstützung für diese begleitende Anwendung. Konkreter ausgedrückt:  Randomisierte kontrollierte Studien untersuchen die Keto-Ernährung als Begleittherapie zur Pharmakotherapie, wobei die ersten Ergebnisse allmählich in der Forschungsliteratur erscheinen. Die bisher veröffentlichten Studien wurden überwiegend an depressiven Patient:innen durchgeführt und zeigen, dass sich die Keto-Ernährung bei der Linderung depressiver Symptome als wirksam erweist.

Nun ist es verständlich, dass randomisierte kontrollierte Studien auf diese Weise konzipiert werden, nämlich als Test für eine Begleittherapie zur medikamentösen Behandlung, da dieses Format den Einfluss der Ernährung isoliert. Es ist jedoch leicht zu erkennen, welche Praxis diese Studien, die als Goldstandard in der evidenzbasierten Medizin gelten, hervorbringen werden: Sie werden eine Evidenzbasis für den Einsatz der Keto-Ernährung als Ergänzung zur medikamentösen Behandlung liefern.

Tatsächlich war dies die Schlussfolgerung, zu der die Befürworter der Ketotherapie in einer kürzlich veröffentlichten Konsenserklärung gelangten. Sie schrieben: „Die ketogene Stoffwechseltherapie sollte als Begleittherapie zu Erstlinienbehandlungen bei schweren depressiven Störungen, bipolaren Störungen und Schizophrenie in Betracht gezogen werden.“

Das ist die einzige Schlussfolgerung, die sie zum jetzigen Zeitpunkt ziehen konnten, da es keine substanziellen Belege gibt, die die Ergebnisse einer Behandlung prüfen, bei der die Keto-Ernährung mit einer schrittweisen Reduzierung der Medikamentendosis kombiniert wird.

Es gibt zudem einen Hinweis in den Ergebnissen der bislang größten randomisierten kontrollierten Studie, einer britischen Studie mit 88 depressiven Patient:innen, dass die Keto-Ernährung, wenn sie als Begleittherapie zur medikamentösen Behandlung eingesetzt wird, für die Mehrheit keinen dauerhaften Nutzen bringt. In dieser Studie wurden depressive Patient:innen per Zufall entweder einer Keto-Ernährung oder einer Phyto-Ernährung zugewiesen. Nach einer sechswöchigen Behandlungsphase war die Verringerung der Symptome bei der Keto-Ernährung etwas größer als in der Phyto-Gruppe (obwohl die Verbesserung in beiden Gruppen bemerkenswert war).

Die Patient:innen wurden anschließend weitere sechs Wochen lang beobachtet, um festzustellen, ob die Ernährung über die aktive Behandlungsphase hinaus aufrechterhalten werden konnte. Nur 20 % der Keto-Patient:innen hielten sich selbst in 50 % der Fälle an die Keto-Diät. Darüber hinaus kam während dieser Nachbeobachtungszeit ihre klinische Besserung zum Stillstand; im Gegenteil, ihre Symptome begannen sich leicht zu verschlechtern.

Wie schaut es jetzt mit den Patient:innen aus? Wenn die meisten Patient:innen die Ernährungsform nicht aufrechterhalten können, aber weiterhin dieselbe Kombination von Psychopharmaka einnehmen, so werden sie zum selben Zustand zurückkehren, in dem sie sich vor der Keto-Ernährung befanden. Sie werden Psychopharmaka einnehmen, die die Stoffwechselgesundheit beeinträchtigen können – was die metabolische Psychiatrie als eine der Hauptursachen für psychiatrische Symptome betrachtet.

Somit werden randomisierte kontrollierte Studien – da sie die Keto-Ernährung als Begleittherapie testen – zu einem Mittel, um den Glauben an den Nutzen von Psychopharmaka aufrechtzuerhalten. Die Begleittherapie wird einen kurzfristigen Nutzen zeigen, wodurch die metabolischen Schäden durch Psychopharmaka versteckt werden.

Notwendig ist natürlich eine Testung, wie sich die Keto-Ernährung in Kombination mit einer schrittweisen Reduzierung der Medikamente über einen längeren Zeitraum auf die Ergebnisse auswirken könnte, was mit einem ambitionierten randomisierten kontrollierten Studien-Format durchgeführt werden könnte. Eine Studie könnte Patient:innen, bei denen eine schwere psychische Störung diagnostiziert wurde, in drei Gruppen einteilen: Behandlung wie gewohnt, Behandlung mit einer Keto-Ernährung, Behandlung mit Keto-Ernährung plus schrittweiser Reduzierung der Medikamente, mit klinischer Unterstützung bei der Einhaltung der jeweiligen Behandlungsschemata über zwei Jahre.

Ein solches Design würde überzeugende Belege dafür liefern, ob die letztgenannte Behandlungsform – Keto-Ernährung plus schrittweiser Reduzierung der Medikamente – bei vielen zu einer robusten Genesung führen könnte, und somit Belege für einen „Paradigmenwechsel“ weg von unserem derzeitigen medikamentenbasierten Behandlungsmuster liefern.

Das Accord-Programm verfügt zwar über einen Forschungszuschuss, um zu untersuchen, wie es den Patient:innen nach 18 Monaten geht, und deren Berichte werden einen Einblick in das Potenzial dieser Kombination – Keto-Ernährung plus schrittweiser Reduzierung der Medikamente – als transformative Behandlung geben. Da jedoch randomisierte kontrollierte Studien als „Goldstandard“ in der evidenzbasierten Medizin gelten, ist eine solide Studie mit drei Linien, die die Patient:innen über zwei Jahre hinweg begleitet, erforderlich. Mangels solcher Forschung scheint es, dass die Keto-Ernährung als Begleittherapie in die Psychiatrie Einzug halten und dabei ihr Potenzial verlieren wird, die psychiatrische Versorgung grundlegend zu verändern.

Mad in Deutschland veröffentlicht Blogbeiträge einer vielfältigen Gruppe von Autor:innen. Diese Beiträge sollen zur Diskussion über Psychiatrie und ihre Behandlungsmethoden in Deutschland anregen. Die geäußerten Meinungen sind die der Autor:innen.

Robert Whitaker
Robert Whitaker
Robert Whitaker ist Journalist und Autor von zwei Büchern über die Geschichte der Psychiatrie, Mad in America und Anatomy of an Epidemic, sowie Co-Autor, zusammen mit Lisa Cosgrove, von Psychiatry Under the Influence. Er ist Gründer von madinamerica.com.

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