„Der Stoff, aus dem dämonische Alpträume sind“: Menschen beschreiben den Entzug von Psychopharmaka 

Eine neue qualitative Studie des Trinity College Dublin zeigt die emotionalen und körperlichen Folgen des Entzugs von Psychopharmaka – und den Mangel an professioneller Unterstützung für diejenigen, die versuchen, damit aufzuhören.

Ein Artikel vom 11. August 2025, der in Health Expectations veröffentlicht wurde, kommt zu dem Ergebnis, dass Menschen, die Psychopharmaka absetzen, häufig unter schwierigen Entzugssymptomen, mangelnder Unterstützung, Schwierigkeiten bei der Suche nach Ressourcen zur schrittweisen Reduzierung der Dosis, Wut, Frustration, Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit leiden.

In der aktuellen Studie unter der Leitung von Miriam Boland vom Trinity College Dublin skizzierten die Teilnehmer:innen auch mehrere Bereiche, in denen Verbesserungen hinsichtlich des Reduzierens und des Absetzens von Psychopharmaka möglich sind, darunter: besserer Zugang zu Ressourcen und Unterstützung für das Ausschleichen, verstärkte Aufsicht über die Pharmaindustrie, mehr Verantwortlichkeit und bessere Ausbildung für medizinisches Fachpersonal, besser informierte Einwilligung  im Hinblick auf das Potenzial psychiatrischer Medikamente, körperliche Abhängigkeit zu verursachen und weniger Stigmatisierung im Zusammenhang mit dem Reduzieren und Absetzen von Psychopharmaka. Die Autor:innen schreiben:

„Diese Studie identifizierte zahlreiche Herausforderungen, denen die Befragten beim Absetzen von Psychopharmaka gegenüberstehen, die Unsicherheit hinsichtlich der besten Strategie zur Reduzierung der Dosis und die emotionalen Auswirkungen der Einnahme und/oder des Absetzens von Psychopharmaka. Die Ergebnisse unterstreichen auch die Bedeutung der Unterstützung während des Absetzprozesses, insbesondere der psychosozialen Unterstützung, sowie Bereiche, die zur Verbesserung des Absetzprozesses angegangen werden könnten.“

Das Ziel der aktuellen Arbeit war es, die Erfahrungen und Ansichten der Teilnehmer:innen zum Reduzieren und Absetzen von Psychopharmaka zu dokumentieren.

Die Autor:innen verwendeten Daten aus der Priority Setting Partnership (PSP)-Studie, einer Untersuchung der wichtigsten Forschungsschwerpunkte im Zusammenhang mit dem Reduzieren und Absetzen von Psychopharmaka. Im Rahmen dieser Untersuchung wurde den Teilnehmer:innen eine anonyme Online-Umfrage vorgelegt, in der sie gebeten wurden, ihre Fragen und Unsicherheiten zum Absetzen und Reduzieren der Dosis von Psychopharmaka aufzulisten. Diese Umfrage enthielt auch einen Abschnitt für zusätzliche Freitextkommentare. Die aktuelle Arbeit ist eine Analyse dieser zusätzlichen Kommentare, in der die Autor:innen die Antworten nach wiederkehrenden Themen kodiert haben.

Die Teilnehmer:innen wurden über soziale Medien und E-Mails/Newsletter von Organisationen, die die Studie unterstützten, rekrutiert. Die Autor:innen weisen darauf hin, dass es zwar keine Zielgrößen für die Stichprobe für verschiedene demografische Gruppen gab, aber Anstrengungen unternommen wurden, um unterrepräsentierte Interessengruppen anzusprechen.

Um für die Aufnahme in die aktuelle Arbeit in Frage zu kommen, mussten die Teilnehmer:innen einer von drei Interessengruppen angehören: Menschen mit Erfahrungen mit der Einnahme und/oder dem Absetzen von Psychopharmaka, Familienangehörige/Betreuer/Unterstützer:innen der ersten Gruppe und Angehörige der Gesundheitsberufe. Die Teilnehmer:innen mussten außerdem mindestens 18 Jahre alt sein. Insgesamt füllten 705 Teilnehmer:innen der PSP-Studie den Abschnitt für zusätzliche Kommentare der PSP-Umfrage aus. Nach Entfernung der Antworten, die nicht in den Rahmen der Studie passten, wurden 508 Antworten von Teilnehmer:innen in die aktuelle Studie aufgenommen.

Die Mehrheit der Teilnehmer:innen waren Personen mit Erfahrungen mit Psychopharmaka (77 %). 13 % der Teilnehmer:innen waren medizinisches Fachpersonal und 10 % Familienangehörige/Betreuer/Unterstützer:innen. 77 % der Teilnehmer:innen waren weiblich. In der aktuellen Studie waren Menschen aus aller Welt vertreten, darunter aus den Vereinigten Staaten (42 %), dem Vereinigten Königreich (21 %), Irland (10 %), Europa (13 %), Kanada (6 %), Ozeanien (5 %), Afrika (<1 %), Asien (2 %) und Lateinamerika (<1 %).

Erfahrungen und Ansichten der Teilnehmer:innen zu Psychopharmaka

Die Autor:innen fanden sechs Hauptthemen in den Antworten der Teilnehmer:innen: Erfahrungen mit Psychopharmaka, Herausforderungen beim Reduzieren/Absetzen von Psychopharmaka, Strategien zum Reduzieren/Absetzen von Psychopharmaka, Ergebnisse des Reduzierens/Absetzens von Psychopharmaka, emotionaler Kontext und Verbesserungsmöglichkeiten.

Erfahrungen mit Psychopharmaka

Dieses Thema wurde unterteilt in Vorteile/Nachteile und Entscheidungen zum Reduzieren/Absetzen von Psychopharmaka. Während einige Teilnehmer:innen von Vorteilen berichteten, waren Nachteile häufiger. Eine Teilnehmerin mit eigener Erfahrung sagte:

„Ich bin eine gesunde, fitte und sozial aktive Seniorin, die ein Medikament einnimmt, das ihr Leben lebenswert macht.“

Berichte über Nebenwirkungen dieser Medikamente waren häufig, wobei ein Familienmitglied/Betreuer/Unterstützer:innen sagte:

„Sie wirken nicht, das Leben wird wegen der Entzugssymptome jahrelang auf Eis gelegt, und viele leiden unter lebensverändernden Schäden.“

Einige Angehörige der Gesundheitsberufe erwähnten Überverschreibungen und nachteilige Auswirkungen auf die Lebensqualität:

„Ich denke, dass sie oft überverschrieben werden und es häufig zu keiner Verbesserung der Lebensqualität kommt, doch die Medikamente werden nicht abgesetzt und haben dann nachteilige Auswirkungen.“

Nebenwirkungen waren der Hauptgrund, den die Menschen für ihre Entscheidung nannten, diese Medikamente zu reduzieren/abzusetzen, darunter Kopfschmerzen, Übelkeit und Gedanken an Suizid. Ein Teilnehmer sagte:

„Ich habe 6 Monate lang ein SSRI eingenommen, wurde zunehmend depressiv und dachte an Suizid, und habe dann die Dosis schrittweise reduziert.“

Menschen mit eigener Erfahrung berichteten auch von ihrer Angst vor dem Entzugsprozess, wobei einer direkt sagte:

„Ich habe Angst, wieder mit der Reduzierung der Dosis zu beginnen.“

Ein medizinischer Fachmann sagte, das größte Hindernis für Menschen, die diese Medikamente reduzieren/absetzen wollten, sei die öffentliche Wahrnehmung von Tabletten als wirksame Behandlungsmethode:

„Der Öffentlichkeit wird immer wieder vermittelt, dass Antidepressiva die wirksamste (und bequemste) Methode sind, um schlechte Laune zu bekämpfen. Es kann eine große Herausforderung sein, die Grenzen der medikamentösen Behandlung zu erklären … Ich finde, dass die Bewältigung dieser Herausforderung die größte Schwierigkeit beim Absetzen von Medikamenten darstellt (und nicht der Absetzprozess selbst).”

Herausforderungen beim Reduzieren/Absetzen von Psychopharmaka

Zu den häufig genannten Herausforderungen gehörten mangelnde Unterstützung und Anerkennung von Entzugssymptomen, fehlende Ressourcen für die Reduzierung der Dosis, mangelnde Autonomie und Entzugssymptome. Ein Teilnehmer mit eigener Erfahrung berichtete von wenig hilfreichen medizinischen Fachkräften, die die Realität der Entzugssymptome nicht anerkennen wollten:

„Ich mache es auf meine eigene Weise, da ich von meinen derzeitigen Ärzt:innen, die mich ansehen, als hätte ich zwei Köpfe, wenn ich über Entzugssymptome spreche, keinerlei Hilfe bekomme.“

Medizinische Fachkräfte gaben an, dass ihre Zurückhaltung bei der Unterstützung zum Reduzieren/Absetzen von Psychopharmaka mit mangelndem Wissen über das Ausschleichen, Unglauben an die Realität oder Schwere der Entzugssymptome und Angst vor Kritik durch Kolleg:innen zusammenhänge. Ein Teilnehmer mit eigener Erfahrung berichtete auch von Schwierigkeiten aufgrund eines Arztes, der auf einer schnellen statt eines schrittweisen Reduzieren bestand. Ein anderer Teilnehmer mit eigener Erfahrung beschrieb den Entzug wie folgt:

„Die Hölle, die man während eines langwierigen Entzugs durchlebt, ist Stoff für dämonische Alpträume.“

Strategien zum Reduzieren/Absetzen von Psychopharmaka

Die Teilnehmer:innen berichteten, dass sie sowohl einen abrupten Entzug als auch eine schrittweise Reduzierung der Dosis dieser Medikamente versucht hätten, wobei Letzteres zu besseren Ergebnissen geführt habe. Die Teilnehmer:innen erwähnten auch die Verwendung anderer Medikamente zur Unterstützung beim Reduzieren/Absetzen von Psychopharmaka, wie Clonazepam und Propranolol. Eine Minderheit der Teilnehmer:innen verwies auf nicht-medikamentöse Unterstützung, wie Ernährung, Therapie und Online-Selbsthilfegruppen.

Ergebnisse des Reduzierens/Absetzens von Psychopharmaka

Während einige Teilnehmer:innen von positiven Ergebnissen beim Reduzieren/Absetzen von Psychopharmaka berichteten, waren negative Ergebnisse häufiger. Eine Person mit eigener Erfahrung sagte:

„Das Absetzen des Antipsychotikums, das ich einnahm, hat mich von der toxischen Psychiatrie befreit, mir mehr Gefühle, authentische Emotionen, mehr Leben und mehr Wertschätzung für das Leben gebracht.“

Auch ein Angehöriger eines Gesundheitsberufs berichtete von einer verbesserten Funktionsfähigkeit bei Menschen, die diese Medikamente abgesetzt hatten:

„Die meisten Patient:innen sind sozial und beruflich funktionsfähiger, nachdem ich ihre Polypharmazie reduziert habe.“

Die Mehrheit der Teilnehmer:innen berichtete jedoch von negativen Ergebnissen, darunter schwächende Entzugssymptome, Funktionsverlust, Suizidgedanken und Rückfälle:

„Ich habe zwei Jahre Arbeit verloren, war mehrmals versucht, mir das Leben zu nehmen, und bin immer noch nicht vollständig geheilt. “

Emotionaler Kontext

Teilnehmer:innen mit eigener Erfahrung berichteten häufig von Gefühlen der Wut und Frustration darüber, dass sie nicht über die Risiken von Psychopharmaka aufgeklärt worden waren, sowie von Bedauern darüber, dass sie überhaupt mit der Einnahme dieser Medikamente begonnen hatten:

„Ich bin wütend, dass man mir dieses Medikament verschrieben hat, ohne mir zu sagen, was mit mir passieren könnte.“

„Ich habe mir so oft gewünscht, ich könnte die Zeit zurückdrehen und hätte nie die Hand nach ihnen ausgestreckt.“

Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit waren ebenfalls häufig unter den Teilnehmer:innen mit eigener Erfahrung anzutreffen. Eine Person berichtete:

„Der Entzug ist die schlimmste, unbeschreibliche Erfahrung, die einen sozial isoliert.“

Eine andere Person sagte:

„Ich musste das alles alleine durchstehen, ich habe alle und alles verloren, was mir wichtig war.“

Verbesserungsmöglichkeiten

Die Teilnehmer:innen identifizierten mehrere Bereiche, in denen Verbesserungen hinsichtlich dem Reduzieren/Absetzen von Psychopharmaka möglich sind, darunter

  • besserer Zugang zu Ressourcen und Unterstützung für das Absetzen
  • verstärkte Aufsicht über die Pharmaindustrie
  • verstärkte Rechenschaftspflicht und bessere Ausbildung für medizinisches Fachpersonal
  • bessere Aufklärung über die Gefahr der körperlichen Abhängigkeit von Psychopharmaka
  • weniger Stigmatisierung im Zusammenhang mit dem Reduzieren und Absetzen von Psychopharmaka.

Die Mehrheit der Befragten hatte Erfahrungen mit Psychopharmaka gemacht. Dies erschwerte Vergleiche zwischen den Gruppen. Es wurden keine Daten darüber erhoben, welche Medikamente die Teilnehmer:innen einnahmen. Möglicherweise lag eine Selbstselektionsverzerrung vor, da Personen mit negativen Erfahrungen mit Psychopharmaka möglicherweise eher dazu neigten, an der Umfrage teilzunehmen. Durch die Online-Durchführung der Umfrage wurden möglicherweise einige Gruppen ausgeschlossen. Beispielsweise verfügen Menschen mit schweren psychischen „Erkrankungen“ möglicherweise über weniger digitale Kompetenzen und sind weniger in der Lage, sich schriftlich auszudrücken.

Frühere Untersuchungen haben gezeigt, dass das Reduzieren/Absetzen von Psychopharmaka, darunter Antidepressiva, Antipsychotika (Neuroleptika) und Benzodiazepine, oft zu lebensverändernden Entzugssymptomen führt. Diese Symptome können manchmal noch Jahre nach dem Absetzen dieser Medikamente anhalten. Entzugssymptome werden häufig fälschlicherweise als „psychische Erkrankung” diagnostiziert, was die Ergebnisse von Studien und Tests mit Psychopharmaka verfälscht.

Obwohl das Ausschleichen der Medikamente der sicherste Weg zum Absetzen und der beste Weg ist, um die schlimmsten Entzugssymptome zu vermeiden, haben Untersuchungen ergeben, dass Fachkräfte im Bereich der psychischen Gesundheit zögern, den Nutzer:innen ihrer Dienste beim Ausschleichen zu helfen.

****

Boland, M., Higgins, A., Kwak, S., & Cadogan, C. (2025). ‘I wish it were more often told to people before they are prescribed these medications how hard it is to get off them’: A qualitative descriptive analysis of free‐text responses to a survey on reducing and stopping psychiatric medication. Health Expectations, 28(4). (Link)

Mad in Deutschland veröffentlicht Blogbeiträge einer vielfältigen Gruppe von Autor:innen. Diese Beiträge sollen zur Diskussion über Psychiatrie und ihre Behandlungsmethoden in Deutschland anregen. Die geäußerten Meinungen sind die der Autor:innen.
Richard Sears
Richard Sears
Richard Sears lehrt Psychologie am West Georgia Technical College und promoviert an der University of West Georgia im Fachbereich Bewusstsein und Gesellschaft. Zuvor arbeitete er in Krisenstabilisierungseinheiten als Aufnahme- und Krisenhelfer. Seine aktuellen Forschungsinteressen umfassen die Abgrenzung zwischen Institutionen und den Individuen, aus denen sie bestehen, Entmenschlichung und deren Zusammenhang mit Verherrlichung sowie natürliche Alternativen zu potenziell schädlichen psychopharmakologischen Interventionen.

Ähnliche Artikel

Teilen